Pochoir

Pochoir ist eine Handschablonentechnik, bei der für jede Farbe eine eigene Metallschablone geschnitten wird. Ein Spezialist (découpeur) schneidet die Schablonen, ein zweiter (coloriste) trägt die Farbe mit einem kurzen Pinsel auf. Ein einziges Blatt konnte bis zu 120 Schablonen erfordern.

Paris, 1912. In einer Druckerei liegt ein Bogen Papier auf dem Arbeitstisch. Eine Handwerkerin hebt eine hauchdünne Aluminiumschablone. Dreißig, siebzig, manchmal hundert davon werden folgen, jede einzeln ausgerichtet, jede einzeln mit Farbe bestupft. Das fertige Blatt landet als Farbtafel in der Gazette du Bon Ton, dem teuersten Modejournal Europas. Jahresabonnement: hundert Francs.

Wer das heute liest, denkt zuerst an Ineffizienz. Damit hat man das Wesen des Pochoir schon fast verstanden. Es war nie auf Effizienz ausgelegt. Es war auf Farbtreue ausgelegt, auf eine Qualität, die kein mechanisches Druckverfahren der Epoche erreichte. Diesen Anspruch bezahlte die Branche mit einer Handwerksinfrastruktur aus dreißig Pariser Ateliers.

Als steigende Produktionskosten und günstigere Druckverfahren das Auftragsvolumen für aufwendige Journale unter Druck setzten, war Pochoir als erstes nicht mehr finanzierbar. Trotzdem ist es die Technik, ohne die wir Matisses Jazz heute nicht kennen würden.

Was ist Pochoir genau?

Der Begriff kommt aus dem Französischen: Pochoir heißt Schablone. Das Verfahren selbst ist älter als sein Pariser Glanzmoment, aber seine Blütezeit war klar umgrenzt. Ungefähr 1910 bis 1930.

Das Handwerk teilte sich auf zwei Spezialisten auf. Der découpeur analysierte die Farben der Vorlage und schnitt für jeden Ton eine eigene Schablone aus Metall. Das Material: Aluminium, Kupfer, Zink, später auch Celluloid und Kunststoff. Die Metallplatten waren rund 0,1 mm stark. Das Ausschneiden dauerte Stunden; bei komplexen Motiven mit vielen Feinheiten auch Tage.

Dann übernahm der coloriste. Er mischte Gouache, legte die Schablone passergenau auf das Papier und strich die Farbe mit einem kurzen Rundpinsel durch die Öffnung. Diesen Pinsel nannte man im Atelier pompon. Er bestand aus Schweineborsten und musste vor dem Auftrag auf einem Putzlappen abgestupft werden, damit die Farbe nicht unter die Schablonenkante lief. Das Färben eines einzigen Exemplars dauerte, je nach Komplexität des Blatts, zwei bis neunzig Minuten.

Für ein einziges Bild brauchte man fünfzehn bis vierzig Schablonen; in Extremfällen waren es über hundert.

Früh dominierte Aquarell als Farbmedium. Die Ateliers wechselten aber schnell zu Gouache, weil Gouache opaker trocknet, den Papierton vollständiger überdeckt und in den fertigen Tafeln satter wirkt.

Die Pochoir-Technik basiert auf dem Durchdruckprinzip: Innerhalb der Druckgrafik gehört sie zu den Durchdruckverfahren. Die Farbe passiert eine Öffnung, anstatt durch Druck oder chemische Reaktion auf den Träger übertragen zu werden. Als japanische Farbholzschnitte Mitte des 19. Jahrhunderts Europa erreichten, trieb ihre Popularität die Verfeinerung der Schablonentechnik voran. Die Pariser Ateliers entwickelten daraus ein eigenes System mit Metallschablonen statt Papier.

An fertigen Pochoir-Blättern erkennst du die Handarbeit an zwei Stellen. An den Farbkanten gibt es eine leichte Erhöhung, wo die Gouache minimal unter die Schablonengrenze gelaufen ist. Die Farbflächen selbst zeigen feine Pinselspuren, keine gleichmäßige mechanische Rasterung. Aus konservatorischer Sicht gilt: Diese Erhöhung "can be both seen and felt". Für Sammler sind das keine Fehler, sondern Echtheitsmerkmale.

Georges Lepape, Les jardins de Versailles, Pochoir-Farbtafel aus der Gazette du Bon Ton, ca. 1920. Satte Gouache-Farben, scharfe Schablonenkanten.
Georges Lepape, Les jardins de Versailles, Pochoir-Farbtafel aus der Gazette du Bon Ton. Public Domain.

Wer hat Pochoir gemacht, und wofür?

Die Hauptauftraggeber waren Modezeitschriften.

Georges Lepape, Lassitude, Pochoir-Farbtafel aus der Gazette du Bon Ton. Elegante Damenmode in satten Gouache-Farben, typisch für die Pariser Pochoir-Ateliers der 1920er Jahre.
Georges Lepape, Lassitude, Pochoir-Farbtafel aus der Gazette du Bon Ton. Public Domain.

Die wichtigste davon war die Gazette du Bon Ton. Lucien Vogel gründete das Journal 1912, mit einem Jahresabonnement von hundert Francs. Jede Ausgabe enthielt zehn ganzseitige Pochoir-Farbtafeln. Die Gazette hatte exklusive Verträge mit sieben Haute-Couture-Häusern in Paris, darunter Poiret, Worth und Paquin. Die Illustratoren Georges Lepape, Charles Martin und Georges Barbier lieferten Zeichnungen. Die Farbe kam in einem zweiten Schritt, in den Ateliers, durch die Hände der coloristes. Lepapes Tafeln wie Les jardins de Versailles und Lassitude zeigen das Verfahren in Reinform: satte Gouache, scharfe Schablonenkanten, jede Fläche von Hand gelegt.

1921 übernahm Condé Nast den Vertrieb der Gazette. 1925 stellte sie den Betrieb ein. Das Ende war arithmetisch: Pochoir ließ sich nicht skalieren. Die Lithografie erlaubte es, einmal eingerichtete Druckplatten tausendfach zu verwenden. Mechanisierte Alternativen verdrängten das Verfahren, das den Art Déco geprägt hatte. Was die handgeschnittene Pochoir-Schablone vom selbst gezeichneten Jugendstil-Lithostein trennt, vergleicht Jugendstil vs. Art Deco.

Neben den Modejournalen gab es Buchkunst-Projekte, die Pochoir als eigenständiges Medium nutzten. Blaise Cendrars und Sonia Delaunay planten 1913 für "La Prose du Transsibérien et de la Petite Jehanne de France" genau 150 Exemplare: Aneinandergereiht hätten die entfalteten Leporellos die Höhe des Eiffelturms erreicht. Fertiggestellt wurden rund 60 Exemplare, deutlich weniger sind erhalten.

Was hat Jean Saudé mit dem Pochoir zu tun?

1925 erschien in Paris Jean Saudés "Traité d'enluminure d'art au pochoir" in einer Auflage von 500 Exemplaren. Es ist das einzige systematische Handbuch der Technik. Exemplar Nummer 1 liegt heute in der Charles Rahn Fry Pochoir Collection der Princeton University. Dort wurde außerdem eine Original-Metallschablone aus dessen Drucksatz wiederentdeckt. Die Forscherin Kitty Maryatt vom Scripps College machte auf den Fund aufmerksam.

Pochoir-Schablone aus Jean Saudés Traité d'enluminure d'art au pochoir, 1925. Metallschablone zeigt den schrittweisen Farbauftrag auf eine Collotypie-Vorlage.
Pochoir-Schablone aus Jean Saudés Traité (1925). Princeton University, Graphic Arts Collection. Public Domain.

Saudé dokumentierte den gesamten Herstellungsprozess: die Metallsorten für Schablonen, die Pinselqualitäten, die Farbmischungen, die Ausrichtungstechniken. Ein Kapitel widmet sich den Problemen, die entstehen, wenn Schablonen sich bei Feuchtigkeit minimal verziehen. Wer heute historische Gazette-Tafeln restauriert, muss diese Techniken kennen, um Schäden einzuschätzen. Gouache ist hochlöslich; Nassbehandlung scheidet aus.

Die Infrastruktur, die Saudés Buch beschreibt, existiert nicht mehr.

Warum ist Matisses Jazz das bekannteste Pochoir-Werk?

Das bekannteste Pochoir-Werk der Kunstgeschichte ist kein Modejournal. Es ist ein Künstlerbuch: Jazz von Henri Matisse, erschienen 1947 bei Tériade in Paris.

Tériade hatte zunächst versucht, Matisses Gouache-Scherenschnitte als Lithografien zu reproduzieren. Das scheiterte. Die Technik konnte die Sattheit und Leuchtkraft der Originalfarben nicht annähernd erreichen. Die Entscheidung für Pochoir war damit weniger eine künstlerische Wahl als eine technische Notwendigkeit: Nur Gouache durch Schablone ergab Farben, die den Originalmaquetten nahekamen.

Der Drucker Edmond Vairel verwendete Linel-Gouachen. Eine Pigmentanalyse aus dem Jahr 2021 identifizierte 39 verschiedene Pigmente in den gedruckten Tafeln. Sie stimmten mit den Pigmenten der Originalmaquetten überein. Das war der wissenschaftliche Nachweis dafür, dass Vairel tatsächlich farbgetreu gedruckt hatte.

Jazz enthält 20 Pochoir-Tafeln: fünfzehn Doppelseiten und fünf Volltafeln, im In-folio-Format 422 × 326 mm. Die Gesamtauflage betrug 270 Exemplare.

Matisse prüfte die Druckfahnen persönlich. Er klebte Stücke Gouache-bemalten Papiers über Farbpartien, die nicht stimmten, machte Bleistiftannotationen und initialisierte jede freigegebene Tafel mit "Bon à tirer" oder schlicht "B." Darin liegt ein Teil der Faszination an Jazz: Technisch ist es eine Reproduktion, aber Matisses Korrekturspuren machen jeden Bogen zu einem Dokument seiner Aufmerksamkeit.

Eine vollständige Jazz-Ausgabe erzielte bei Christie's 2013 rund 620.000 US-Dollar.

Pochoir hat noch ein weiteres bekanntes Kunstbuch hervorgebracht: Joan Mirós Constellations (1959), gedruckt vom Pariser Atelier Daniel Jacomet auf Vélin-Papier, mit 22 Pochoir-Tafeln nach Mirós Originalgouachen, in einer Auflage von 384 Exemplaren. Das Jacomet-Atelier war seit 1910 tätig.

Ein Detail, das bis heute für Verwirrung sorgt: Einige Quellen, darunter zeitweise das Centre Pompidou, bezeichneten die Jazz-Tafeln als Lithografien. Das ist falsch. Pochoir und Lithografie entstehen auf völlig andere Weise, haben unterschiedliche Oberflächencharaktere und reagieren unterschiedlich auf Restaurierungsmaßnahmen. Der Unterschied ist nicht akademisch, er ist konservatorisch relevant.

Wie hängen Pochoir und Siebdruck zusammen?

Pochoir und Siebdruck teilen das Durchdruckprinzip. In beiden Fällen wird Farbe durch eine Öffnung auf den Träger aufgetragen, nicht durch Druck von oben oder chemische Ätzung. Die Verwandtschaft endet dort.

Beim Siebdruck ist die Schablone in ein gespanntes Gewebe eingearbeitet. Ein Rakel zieht die Farbe durch das Gewebe. Das Verfahren ist reproduzierbar, schnell und für hohe Auflagen geeignet. Beim Pochoir liegt eine Metallschablone lose auf dem Papier, die Farbe wird manuell aufgetragen, und das fünfhundertste Exemplar kostet dieselbe Arbeit wie das erste.

Der Siebdruck hat das industrielle Erbe des Pochoir angetreten. Einen direkten Vergleich beider Schablonentechniken bietet Pochoir vs. Siebdruck. Satte Farbflächen, klare Kanten, mehrschichtige Farbauftragung ohne mechanische Unterbrechung. Die Handarbeit ist verschwunden, das Schablonenprinzip geblieben.

Wie erkenne ich ein echtes Pochoir-Blatt?

Die Oberfläche ist das erste Merkmal: An den Farbkanten gibt es eine leichte Erhöhung, und in großen Farbflächen sind Pinselspuren sichtbar, keine mechanische Rasterung.

Das Papier ist ein zweites Merkmal: Seriöse Pochoir-Drucke entstanden auf schwerem, holzschlifffreiem Papier. Bei Gazette-Tafeln ist das am Gewicht und der Haptik erkennbar.

Dann die Provenienz: Pochoir-Blätter aus bekannten Projekten wie der Gazette du Bon Ton oder Jazz haben Nachweisspuren, Ausgabennummern, Bibliotheksdigitalisate, dokumentierte Exemplarverzeichnisse. Ohne Nachweis über die Quelle ist bei teuren Angeboten Vorsicht angebracht.

Was nicht als Erkennungsmerkmal taugt: die scheinbare Handgefertigkeit allein. Hochwertige Reproduktionen können täuschend echte Handarbeitsspuren imitieren, weshalb die Grenze zwischen Original und Kunstdruck hier besonders dünn wird.

FAQ

Was bedeutet Pochoir auf Deutsch?

Pochoir ist das französische Wort für Schablone. Im Deutschen wird der Begriff meist ohne Übersetzung verwendet, weil er spezifisch auf das Pariser Handschablonendruck-Verfahren der 1910er bis 1930er Jahre verweist. Auf Deutsch sagt man Schablonendruck oder Handschablonenverfahren und meint damit dieselbe Technik.

Sind Matisse Jazz Pochoir-Tafeln Originaldrucke?

Jazz-Tafeln sind keine Originaldrucke im klassischen Sinne, weil Matisse sie nicht selbst gedruckt hat. Sie sind autorisierte Reproduktionen seiner Gouache-Scherenschnitte, hergestellt durch Fachleute unter seiner persönlichen Aufsicht. Matisse prüfte die Druckfahnen und gab sie mit "Bon à tirer" frei. Den Unterschied zwischen Original und Reproduktion erklärt Original vs. Kunstdruck ausführlicher. Der Wert liegt in der außerordentlichen Farbqualität, der belegten Farbgleichheit mit den Originalmaquetten und der historischen Bedeutung des Projekts.

Warum wurde Pochoir nicht mehr praktiziert?

Pochoir brauchte für jedes einzelne Exemplar denselben manuellen Aufwand wie für das erste. Bei wachsenden Auflagen stiegen die Kosten linear mit, während maschinelle Verfahren die Stückkosten senkten. Mechanisierte Alternativen wie Lithografie und Siebdruck konnten nach einmaliger Vorbereitung schnell produzieren. Steigende Produktionskosten und günstigere Druckverfahren machten den dreißig Pariser Ateliers den Markt streitig, bis keine wirtschaftliche Grundlage mehr blieb.

Welche Materialien wurden für Pochoir-Schablonen verwendet?

Aluminium, Kupfer und Zink, später Celluloid und Kunststoff. Metallschablonen waren bevorzugt, weil sie formstabil blieben und sich beim Auftragen der feuchten Gouache nicht verzogen. Celluloid hatte den Vorteil der Transparenz, was genaues Ausrichten erleichterte, war aber weniger haltbar.

Wo kann man historische Pochoir-Drucke sehen?

Die Smithsonian Institution Libraries in Washington halten eine bedeutende Sammlung von Gazette du Bon Ton-Tafeln, teilweise mit Digitalisaten online zugänglich. Das Victoria & Albert Museum in London besitzt Blätter aus verschiedenen Pochoir-Projekten der Epoche. Die Princeton University bewahrt in ihrer Graphic Arts Collection das erste Exemplar von Jean Saudés Standardwerk sowie eine originale Metallschablone aus dessen Drucksatz. Bei Auktionshäusern wie Sotheby's, Christie's und Drouot tauchen Pochoir-Blätter regelmäßig auf, vom Einzelblatt bis zu vollständigen Buchexemplaren.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Smithsonian Institution Libraries, Vibrant Visions: Pochoir Illustration in the Early 20th Century
  • Cornell University Library, Vintage Vision: The Pochoir Process
  • South Florida Art Conservation Lab, Pochoir Technique and Conservation
  • Jean Saudé, Traité d'enluminure d'art au pochoir (Paris, Éditions de l'ibis, 1925)
  • MDPI Heritage, Pigment Identification of Jazz by Henri Matisse (2021)

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

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