Henri Matisse

Henri Matisse ist einer der großen Farbmaler des 20. Jahrhunderts. Anführer des Fauvismus. Schöpfer von La Danse, von Jazz, von Bildern, die in den wichtigsten Museen hängen. Am Ende seines Lebens arbeitete er nicht mit dem Pinsel. Er arbeitete mit der Schere.

Im Herbst 1905 hängte Henri Matisse im Salon d'Automne in Paris sein Bild Femme au chapeau (80,8 x 59,7 cm, heute SFMOMA, San Francisco) neben Werke von André Derain und Maurice de Vlaminck. Der Kritiker Louis Vauxcelles nannte die Maler "fauves", wilde Tiere. Das Bild zeigte Matisses Frau Amélie: ein Gesicht mit grünen Streifen statt Hauttönen, ein Hut wie ein Farbsturm. Vauxcelles meinte es als Beleidigung. Matisse behielt das Wort.

Fünf Jahre später, 1910, hatte der russische Sammler Sergei Shchukin einen Auftrag erteilt: zwei monumentale Leinwände für sein Moskauer Stadthaus. La Danse (II) (260 x 391 cm, heute Eremitage, St. Petersburg) zeigt fünf rote Figuren in einem Kreis auf Grün und Blau. Reine Farbe trägt ein ganzes Monumentalwerk. Keine Perspektive, keine Schatten, kein Volumen.

Dann, 1941, eine Krebsoperation. Matisse war danach auf den Rollstuhl angewiesen und oft bettlägerig. Matisse griff zur Schere.

Assistenten strichen Papierbögen mit Gouachefarbe, Matisse schnitt direkt hinein. Kein Umweg über eine Zeichnung, kein Übertragen. Matisse selbst nannte die Technik "Zeichnen mit der Schere". Direkt in die Farbe schneiden, ohne Umweg.

Jazz (1947), das berühmteste dieser Scherenschnitt-Bücher, ist kein Gemälde und keine Originalzeichnung. Es ist ein Druckwerk. Der Kunstverleger Teriade versuchte zuerst Lithografie und Holzschnitt. Beides scheiterte. Erst der Pochoir-Schablonendruck traf die Töne.

Womit fing alles an, lange vor den Scherenschnitten?

Matisse hatte um 1900 mit dem Drucken begonnen, lange vor dem Fauvismus-Skandal von 1905. Die erste Technik war die Radierung; um 1900 fing er probeweise an zu radieren.

Was ihn hielt, war die Präzision. Eine Radierung lässt sich nicht übermalen. Wer eine Linie falsch setzt, setzt sie neu. Matisse, der in der Malerei als jemand galt, der bereitwillig überschrieb und korrigierte, lernte durch die Radiernadel eine andere Form der Konzentration. Die Nadel kratzt, ritzt, zieht. Sie ist eine Verlängerung des Fingers, wie die Schere vier Jahrzehnte später. Was sich änderte, war nur das Material.

Ab 1906 arbeitete Matisse mit Lithografie, danach immer wieder, mal über Monate, mal mit jahrelangen Pausen. Die Druckerei war kein zweites Atelier, sondern ein paralleles, mit eigenen Techniken, eigenen Zeitrhythmen, eigenen Anforderungen.

Warum behandelte Matisse ein Buch wie ein Gemälde?

1932 erschien Poésies de Mallarmé (Éditions Albert Skira): 30 Radierungen, gedruckt von Roger Lacourière in der Rue Foyatier 11 in Montmartre, Auflage 125 Exemplare. Lacourière hatte sein Atelier 1929 mit Skiras Hilfe eröffnet und wurde zur zentralen Adresse für Pariser Künstler-Buchprojekte. Matisse hatte für jede Seite eine Zeichnung gemacht, die zur Satzgröße passte, zur Tinte, zur Blattstruktur. Er dachte nicht in Illustrationen. Er dachte im Buch.

1935, Ulysses (Limited Editions Club, New York): Soft-Ground-Radierungen zu James Joyces Roman. Die Hand folgt einer Energie, nicht einer Vorlage.

1937 entstand bei Fernand Mourlot in Paris ein Plakat für eine Ausstellung im Petit Palais. Das Plakat führte zur Begegnung von Mourlot und Matisse; ab Oktober 1945 druckte dort auch Pablo Picasso, später Joan Miró. Wie Matisses und Picassos Methoden in derselben Werkstatt auseinandergingen, was Mourlot für jeden bedeutete und was den einen vom anderen unterschied, zeigt die Gegenüberstellung als Druckgrafiker. Dann, 1941, änderten sich seine Arbeitsbedingungen grundlegend.

Was änderte sich nach 1941 in der Werkstatt?

Die Darmoperation 1941 in Lyon, nach der Matisse zwei Lungenembolien überstand, veränderte seine Wahl der Techniken.

Das große Buchprojekt dieser Phase: Pasiphae (Fabiani, Paris, 1944), Linolschnitte zu einem Text von Henry de Montherlant. Wie der Linolschnitt als Weißlinienschnitt funktioniert, erklären die Technikseiten.

Die Technik des Linolschnitts erlaubte das Arbeiten im Sitzen und Halbliegenden: Die Platte liegt flach, die Kraftanforderung ist geringer als an der Staffelei. 1981 veröffentlichten Matisses Erben eine separate Nachlass-Edition weiterer Linolschnitte zum Pasiphae-Text.

Parallel zum Pasiphae-Linolschnitt entstand ein weiteres Buchprojekt: das Florilège des Amours de Ronsard zu Ronsards Gedichten, erschienen 1948 bei Albert Skira, parallel zur Erfindung der Scherenschnitte.

Warum scheiterte die Reproduktion von Jazz?

1943 begann Matisse in Vence mit einem Projekt, das er zunächst für ein illustriertes Buch hielt. Der Kunstverleger Teriade hatte den Auftrag erteilt. Matisse lieferte die Bilder als Gouaches découpées: farbige Formen aus geschnittenem Papier, leuchtend, direkt, rein.

Teriade wollte sie gedruckt haben. Die Lithografie war der naheliegende Weg. Sie scheiterte. Die geschnittenen Gouachen ließen sich so nicht reproduzieren. Was schließlich funktionierte, war Pochoir: ein manuelles Schablonendruckverfahren, bei dem Farbpigment durch handgeschnittene Schablonen gestrichen wird, eine Farbe nach der anderen, mit steifem Pinsel, flächig und satt, ohne Rasterpunkt. Gedruckt wurde bei Edmond Vairel und Draeger Frères in Paris, mit denselben Linel-Gouachen, die Matisse für die Maquetten verwendet hatte.

Eine Pigmentanalyse von 2021 identifizierte 39 verschiedene Gouachen in den gedruckten Tafeln, dieselbe Linel-Palette wie in den Originalmaquetten. Jazz (1947, Teriade): 20 Pochoir-Tafeln, insgesamt 370 Exemplare. Handarbeit: für jede Tafel Schablone für Schablone, Pigment für Pigment aufgetragen.

Matisse war dabei kein passiver Auftraggeber. Er billigte Verfahren und Andrucke, und das Vorwort zu Jazz schrieb er 1946 von Hand.

Wozu brauchst du den Duthuit-Katalog?

Nach Matisses Tod am 3. November 1954 erstellten seine Tochter Marguerite Duthuit und sein Enkel Claude Duthuit das Werkverzeichnis der Druckgrafik. Der Catalogue raisonné de l'oeuvre gravé erschien 1983 in zwei Bänden. Er verzeichnet die Drucke und gibt ihnen ihre Nummern.

Die Gesamtzahl: etwa 800 Arbeiten, darunter rund 300 Radierungen und 300 Lithografien, dazu Aquatinta, Monotypie und Linolschnitt. Wenn du heute nach Matisse-Drucken recherchierst, ist das die Primärquelle. Die Nummer hinter dem "D." auf einem Auktions-Zettel oder in einem Katalog: das ist diese Zählung.

1950 folgten die Poèmes von Charles d'Orléans, eines der letzten seiner illustrierten Bücher.

Was bleibt von Matisse?

2014 wanderte eine große Retrospektive zu den Scherenschnitten durch Europa und Nordamerika: Tate Modern in London ab April 2014, dann MoMA New York ab Oktober 2014 bis in den Februar 2015, nacheinander, als Wanderausstellung.

Die Retrospektive zeigte den Maler, der am Ende zur Schere griff. Was sie nicht zeigte: Dass dasselbe Jazz nicht durch Lithografie, sondern durch Pochoir-Schablonen in die Welt kam. Dass Matisse neben den Scherenschnitten etwa 800 Drucke hinterließ. Das ist der Teil der Geschichte, der noch auf seine Leser wartet.

Femme au chapeau, 1905, Salon d'Automne: ein Maler, den Vauxcelles einen Wilden nannte. Jazz, 1947: eine Schere und ein Schablonendruck, der diese Legende komplizierter macht, als sie klingt.

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Häufige Fragen zu Henri Matisse

Wofür ist Henri Matisse bekannt?

Matisse führte 1905 den Fauvismus an und wurde mit großen Gemälden wie La Danse und den späten Gouaches découpées zu einem der prägendsten Maler des 20. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist sein umfangreiches grafisches Werk: etwa 800 Originaldrucke, dokumentiert im Duthuit-Werkverzeichnis von 1983. Der Katalog verzeichnet frühe Radierungen ebenso wie die späten Jazz-Pochoirs. Matisses Druckgrafik umfasst fünf Jahrzehnte Arbeit.

Was hat es mit Pasiphae auf sich?

Pasiphae (Fabiani, Paris, 1944) ist Matisses großes Linolschnitt-Buch zu einem Text von Henry de Montherlant. 1981 erschien eine separate Nachlass-Edition weiterer Linolschnitte zum selben Text.

Ist Jazz von Matisse ein Originaldruck?

Jazz (1947) ist im Pochoir-Verfahren hergestellt: handgeschnittene Schablonen, Farbpigment von Hand aufgetragen, eine Schablone pro Farbe, von Drucker Edmond Vairel ausgeführt, mit denselben Linel-Gouachen die Matisse als Maler verwendete. Jedes Exemplar ist das Ergebnis desselben manuellen Druckprozesses, kein Offsetdruck. Die Tafeln reproduzieren Matisses geschnittene Gouachen mit denselben Farben. Lithografie und Holzschnitt wurden versucht und verworfen. Ob ein Schablonendruck wie Jazz überhaupt ein Original ist, ist eine eigene Frage; der Unterschied zwischen Original und Kunstdruck entscheidet darüber. Insgesamt wurden 370 Exemplare gedruckt.

Was verband Matisse mit der Werkstatt von Fernand Mourlot?

Die Zusammenarbeit begann 1937 mit einem Ausstellungsplakat für den Petit Palais. Aus der Begegnung wurde eine lange Verbindung; Mourlot druckte in den folgenden Jahrzehnten auch für Picasso und Miró. Während der Besatzungsjahre entstanden bei Mourlot über hundert Originallithografien von Matisse.

Was ist Henri Matisse Druckgrafik wert?

Der Wert einzelner Blätter hängt von Technik, Auflagenhöhe und Bekanntheit des Motivs ab und reicht von erschwinglich für verbreitete Drucke bis zu hohen Summen für bekannte Serien und seltene Farbblätter. Grundlage jeder Bewertung ist die Duthuit-Katalognummer, der Zustand, eine dokumentierte Provenienz sowie Bleistiftsignatur und Nummerierung des Blatts. Keine dieser Bedingungen kann die andere ersetzen.

Quellen und weiterführende Literatur

Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.

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