Was bedeuten E.A., BAT, H.C.? Kürzel auf Druckgrafiken erklärt
Was unter einem Druck steht, ist mehr als eine Signatur und eine Bruchzahl. Die Kürzel links der Nummer, manchmal an deren Stelle, markieren unterschiedliche Rollen im Druckprozess: wer dieses Exemplar bekommt, zu welchem Zweck es entstanden ist und an welcher Stelle der Workflow stand. Wer sie kennt, liest den Blattrand wie einen Lieferschein.
Was passiert vor dem ersten guten Abzug?
Der Drucker legt ein Blatt vor den Künstler. Beide warten. Das Papier ist noch feucht. Was auf dem Tisch liegt, ist weder reguläre Auflage noch Ausschuss. Es ist das Blatt, das entscheidet, ob gedruckt werden darf. Was auf diesem Blatt am Ende stehen wird, ein Kürzel, das jede Auflage trägt, aber in keinem Katalog erklärt wird, kommt erst später.
Wenn ein Drucker während des Gestaltungsprozesses einen Zwischenstand kontrollieren will, zieht er einen Probedruck: die épreuve d'état, auf Deutsch der Zustandsdruck. Das ist kein Fehler, der entsorgt wird. Es ist ein Werkzeug, das zeigt, wo die Platte gerade steht.
Die Grafikerin Inga Eicaite legt solche Proofbögen auf den Tisch, vier Varianten eines Motivs auf einem einzigen Bogen, mit roten Bleistiftannotationen, die Unterschiede zwischen den Stadien festhalten. Das ist die lebendige Version des épreuve d'état. Die Annotationen sind keine Notizen für die Schublade, sie sind die Entscheidungsgrundlage für alles, was folgt.
Manche Künstler belassen es nicht bei einem Arbeitsstadium.
Alle Werke bei Studio Sonsu erscheinen in limitierten, handsignierten Auflagen. Jedes Blatt trägt eine Nummer, eine Signatur und manchmal eines der Kürzel, die diese Seite erklärt. Warum eine limitierte Auflage den Käufer anders schützt als eine offene Edition, hängt davon ab, was hinter der Zahl steht.
Was verändert sich zwischen zwei Abzügen derselben Platte?
Rembrandt zog nicht Probedrucke, um technische Fehler zu beheben. Er zog sie, um zu sehen, wohin der Strich führt.
Seine Kaltnadel "Ecce Homo" (auch bekannt als Christ Presented to the People, Kaltnadel, um 1655, Bartsch 76) existiert in acht Zuständen. Im sechsten Zustand radierte er die gesamte Menschenmenge vor dem Podest weg. Heute sind weltweit nur diese zwei Exemplare des sechsten Zustands bekannt. Ob Rembrandt mehr druckte, wissen wir nicht. Was wir wissen: Er überarbeitete die Platte direkt danach weiter.
Sein Blatt "Die drei Kreuze" (ebenfalls Kaltnadel) zeigt vier Zustände: Der dritte Zustand entstand um 1653, datiert und signiert. Etwa acht Jahre später überarbeitete Rembrandt die Platte so grundlegend, dass der vierte Zustand mit dem dritten kaum mehr etwas gemein hat.
Jeder Abzug des dritten Zustands ist damit ein Zustandsdruck im strengen Sinne: ein Dokument, das festhält, wie die Platte zu einem bestimmten Moment aussah, bevor sie sich veränderte. Nicht versehentlich, sondern als Arbeitsentscheidung festgehalten.
Eine Radierung wie die Kaltnadel macht Zustandsdrucke besonders sichtbar, weil der Grat der Nadel sich mit jedem Abzug minimal verändert. Frühe Zustände klingen anders im Druck als späte. Wer beide hält, hält zwei verschiedene Blätter, obwohl die Platte dieselbe ist.
Irgendwann legt der Künstler die Nadel hin, nimmt den Abzug in die Hand und erklärt ihn zur Vorlage.
Was entscheidet sich, wenn der Künstler ein Blatt freigibt?
Dieses Blatt heißt Bon à tirer, abgekürzt B.A.T. Das Französische lässt sich wortwörtlich übersetzen: "gut zum Drucken."
Nach einer Serie von Probedrucken, mit möglichen Farbkorrekturen und Änderungen an der Druckform, markiert der Künstler oder Drucker ein einziges Blatt als B.A.T. Pro Auflage gibt es genau dieses eine. Alle weiteren Abzüge müssen diesem Referenzexemplar entsprechen.
Das Blatt auf dem feuchten Tisch, das am Anfang dieser Seite wartete, ist das B.A.T. in seiner Entstehung.
Das B.A.T. verlässt die Werkstatt meistens nicht. Es ist weniger Sammelstück als Zeuge: das einzige Blatt, das mit expliziter Freigabe markiert wurde und danach als Vergleichsmaßstab für jeden folgenden Abzug diente. Wer ein B.A.T. kauft, kauft die Entscheidungsinstanz der gesamten Auflage.
Was jetzt folgt, ist Wiederholung mit System.
Woher kommt die Nummer unter dem Druck?
Die Nummerierung in Bleistift ist jung. Um 1880 begannen Künstler, Abzüge direkt auf dem Blatt zu nummerieren und zu signieren, um die Auflagenhöhe verbindlich festzuhalten. Davor gab es Auflagen, aber keine standardisierte Kontrolle über ihre Größe.
7/25 heißt: dieses Blatt ist das siebte von fünfundzwanzig gedruckten Exemplaren. Links unter dem Motiv. Die Signatur steht rechts.
1961 formulierte die Print Council of America drei Kriterien für einen Originaldruck. Das dritte lautet: "The finished print is approved by the artist." Damit wurde festgeschrieben, was Werkstatttradition schon länger war: Ohne Künstler-Freigabe kein Originaldruck. In der Werkstatt wird diese Freigabe durch das B.A.T. operationalisiert.
Neben der regulären Nummerierung verlässt noch eine Handvoll Blätter die Werkstatt, die keine Nummer tragen.
Wem gehören die Blätter ohne Nummer?
Diese Blätter heißen E.A. oder A.P., und sie bezeichnen dasselbe: Exemplare, die der Künstler für sich oder seinen engsten Kreis zurückbehält, die er nicht für den Markt druckt.
E.A. ist Französisch: Épreuve d'artiste, Künstlerabzug. A.P. ist Englisch: Artist's Proof. Ob auf einem Blatt E.A. oder A.P. steht, sagt mehr über die Werkstatt des Druckers aus als über das Blatt selbst. Beide Status sind identisch.
Die College Art Association definiert als Berufsstandard, dass solche Exemplare nicht mehr als 10% der Auflage ausmachen sollen. Das ist eine Empfehlung, kein Gesetz.
Picasso hielt sich nicht daran. Seine Lithografie-Serie Le Taureau (elf Zustände, Mourlot Paris, Dezember 1945 bis Januar 1946) erschien in einer Edition von 50 Exemplaren, plus 18 Épreuves d'artiste. Das sind 36% der Gesamtmenge. Seine 347 Series (347 Radierungen, Crommelynck, Mougins, 1968) erschien ebenfalls in einer Edition von 50 Nummern, plus 17 handsignierten A.P., was wiederum 34 % ausmacht. Mourlots Assistent Jean Célestin bemerkte zur Le Taureau-Serie trocken, Picasso sei dort angelangt, wo er normalerweise hätte beginnen müssen ("Picasso ended up where normally he should have started"), gemeint ist, dass Picasso sich von der naturalistischen zur schematischen Darstellung vorarbeitete, also entwicklungslogisch rückwärts.
Goya produzierte für seine Los Caprichos (80 Blätter, 1799) Proofdrucke ohne Beschriftung und Nummerierung. Mindestens in einem Fall sind nur zwei Exemplare des Stadiums vor der Aquatinta bekannt. Bei Goya gab es noch keinen Standard, der E.A. von Probedruck trennte. Diese Konventionen entwickelten sich schrittweise.
Die Praxis, kleine Auflagen an Sammler auszugeben, begann bei englischen Mezzotinteuren im späten 18. Jahrhundert, oft bevor die Beschriftung unter dem Bild ergänzt wurde. Aus diesem Werkstattbrauch entstand die heutige Konvention.
Wer sich fragt, ob nummerierte Exemplare oder Künstlerabzüge "besser" sind: Erfahrene Sammler bevorzugen manchmal nummerierte Exemplare, weil die Auflagengröße dort dokumentiert und transparent ist. Bei E.A. wird die Gesamtzahl selten publiziert, was bei nicht dokumentierten Auflagen die Limitierung faktisch aufheben kann. Wer die Kürzel eines Blatts im Kaufkontext einordnen will, findet in Drucke sammeln und erkennen eine praktische Markt-Orientierung.
Zwei weitere Kürzel tauchen auf Blättern auf, die für noch engere Kreise bestimmt waren.
Wer bekommt die Blätter, die nicht im Handel landen?
H.C. ist die paradoxeste Abkürzung der Druckwelt: Hors Commerce, außerhalb des Handels. Diese Blätter gehen an Museen, Kuratoren, enge Vertraute des Künstlers oder Galerien, die das Werk ausstellen, nicht verkaufen.
Was nicht verkauft werden sollte, wurde gut aufbewahrt. H.C.-Exemplare erscheinen auf dem Sekundärmarkt gelegentlich in besserem Zustand als reguläre Nummern. Institutionen lagern Papier in kontrollierten Temperaturen, ohne Licht, ohne Berührung. Blätter, die nie hätten gehandelt werden sollen, gehören manchmal zu den am besten erhaltenen ihrer Auflage.
P.P. steht für Printer's Proof, das Druckerexemplar. Nach CAA-Standard geht mindestens ein P.P. per Vertrag an den Leitdrucker der Auflage als Anerkennung für seine Arbeit. P.P.-Blätter existieren typischerweise in noch kleinerer Stückzahl als Künstlerabzüge. Das macht das P.P. zur seltensten der regulären Kategorien.
Was die Wertigkeit betrifft: Wer eine pauschale Rangfolge behauptet, vereinfacht. Die Variablen lassen sich aber benennen. Das B.A.T. ist ein Unikat, eines pro Auflage, das Einzige seiner Art. Künstlerabzüge erzielen bei Künstlern mit Marktgeschichte Aufpreise, weil Sammler die persönliche Bindung des Künstlers an genau dieses Blatt honorieren. H.C.-Blätter sind paradoxerweise oft in bestem Zustand. P.P.-Blätter sind selten und gehen an jemanden, der den Druck als handwerkliche Aufgabe kennt wie niemand sonst: den Drucker selbst. Was Signatur und Nummerierung im Einzelnen für die Beurteilung eines Blatts bedeuten, erklärt Signiert vs. unsigniert im Detail. Was darüber hinaus zu prüfen ist, wenn man ein Blatt auf Echtheit beurteilen will, steht unter Originalgrafik erkennen und prüfen mit einer konkreten Checkliste.
Was auf dem Blattrand steht, sagt nicht nur wie viele es gibt, sondern wer das Blatt bekam: Drucker, Galerist, Künstler, Markt.
Das nasse Blatt ist jetzt trocken
Am Anfang dieser Seite lag ein Blatt auf dem Tisch. Das Papier noch feucht, zwei Menschen die warten. Jetzt ist dieses Blatt trocken. Es trägt ein Kürzel, eine Signatur, vielleicht eine Nummer.
Was der Blattrand erzählt, ist der Weg, den dieses spezifische Exemplar genommen hat. Von der nassen Platte bis in die Hände des Käufers, der jetzt weiß, was er hält.
FAQ
Was bedeutet E.A. auf einem Druck?
Épreuve d'artiste ist Französisch für Künstlerabzug; das englische Äquivalent lautet A.P. (Artist's Proof). Beide Kürzel bezeichnen Exemplare, die der Künstler für sich behält, nicht für den Markt. Nach dem Berufsstandard der College Art Association sollten diese Blätter nicht mehr als 10% der Auflage ausmachen. Das ist eine Empfehlung, kein Gesetz.
Was ist ein B.A.T.?
Bon à tirer heißt auf Deutsch: "gut zum Drucken." Das B.A.T. ist das einzige Referenzexemplar einer Auflage: der Abzug, den der Künstler freigibt und nach dem alle weiteren Exemplare gedruckt werden müssen. Pro Auflage gibt es genau ein B.A.T. Es verlässt die Werkstatt in der Regel nicht.
Was unterscheidet H.C. von E.A.?
H.C. (Hors Commerce, außerhalb des Handels) geht an Museen, Galerien oder Kuratoren, die das Werk ausstellen, nicht kaufen. E.A. gehört dem Künstler. Beide tragen keine reguläre Nummer. H.C.-Exemplare erscheinen gelegentlich auf dem Sekundärmarkt in sehr gutem Zustand, weil sie in institutioneller Obhut aufbewahrt wurden.
Was ist ein Zustandsdruck?
Ein Zustandsdruck (épreuve d'état) entstand bevor die Platte ihren finalen Zustand erreichte. Er dokumentiert einen Arbeitsschritt, nicht das Endwerk. Rembrandts Kaltnadel Ecce Homo existiert in acht Zuständen; vom sechsten sind weltweit nur zwei Exemplare bekannt. Zustandsdrucke sind keine Fehler, sondern Zeugen des Entstehungsprozesses.
Was bedeutet P.P.?
Printer's Proof, das Druckerexemplar: Es geht nach Berufsstandard an den Leitdrucker der Auflage. P.P.-Blätter existieren in der Regel in kleinerer Stückzahl als Künstlerabzüge und sind entsprechend selten.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wallraf-Richartz-Museum, Rembrandt: Die drei Kreuze, Meisterwerke der Graphischen Sammlung.
- College Art Association, Standards and Guidelines for Printmakers.
- Print Council of America, What Is an Original Print? (1961).
- Museo Picasso Málaga, Crommelynck Printing Press: Picasso and the 347 Series.
- Harris Schrank Fine Prints, Introduction to Goya's Aquatint Sets.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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