Was bedeuten E.A., BAT, H.C.? Kürzel auf Druckgrafiken erklärt

Was unter einem Druck steht, ist mehr als eine Signatur und eine Bruchzahl. Die Kürzel links der Nummer, manchmal an deren Stelle, markieren unterschiedliche Rollen im Druckprozess: wer dieses Exemplar bekommt, zu welchem Zweck es entstanden ist und an welcher Stelle der Workflow stand. Wer sie kennt, liest den Blattrand wie einen Lieferschein.

Alle Kürzel, die auf einem Blattrand stehen können, und was sie bedeuten:

Kürzel Bedeutung Zweck
z. B. 12/50 Laufende Nummer geteilt durch Gesamtauflage Zeigt, welches von wie vielen Exemplaren dieses Blatt ist
E.A. / A.P. Épreuve d'artiste (frz.) / Artist's Proof (engl.) Exemplare, die der Künstler für sich behält, nicht für den Markt
B.A.T. Bon à tirer, "gut zum Drucken" Das einzige Referenzexemplar einer Auflage; alle weiteren Abzüge müssen ihm entsprechen
H.C. Hors Commerce, "außerhalb des Handels" In der Regel nicht für den Verkauf bestimmt; der Vertrag regelt, ob Verlag oder Künstler das Blatt behält
P.P. Printer's Proof, Druckerexemplar Soll nach CAA-Richtlinie per Vertrag in das Eigentum des Leitdruckers der Auflage übergehen

Was passiert vor dem ersten guten Abzug?

Der Drucker legt ein Blatt vor den Künstler. Beide warten. Das Papier ist noch feucht. Was auf dem Tisch liegt, ist weder reguläre Auflage noch Ausschuss. Es ist das Blatt, das entscheidet, ob gedruckt werden darf. Was auf diesem Blatt am Ende stehen wird, ein Kürzel aus drei Buchstaben, kommt erst später.

Wenn ein Drucker während des Gestaltungsprozesses einen Zwischenstand kontrollieren will, zieht er einen Probedruck: die épreuve d'état, auf Deutsch der Zustandsdruck. Das ist kein Fehler, der entsorgt wird. Es ist ein Werkzeug, das zeigt, wo die Platte gerade steht.

Die Grafikerin Inga Eicaite legt solche Proofbögen auf den Tisch, vier Varianten eines Motivs auf einem einzigen Bogen, mit roten Bleistiftannotationen, die Unterschiede zwischen den Stadien festhalten. Das ist die lebendige Version des épreuve d'état. Die Annotationen sind keine Notizen für die Schublade, sie sind die Entscheidungsgrundlage für alles, was folgt.

Manche Künstler belassen es nicht bei einem Arbeitsstadium.

Alle Werke bei Studio Sonsu erscheinen in limitierten, handsignierten Auflagen. Jedes Blatt trägt eine Nummer, eine Signatur und manchmal eines der Kürzel, die diese Seite erklärt. Warum eine limitierte Auflage den Käufer anders schützt als eine offene Edition, hängt davon ab, was hinter der Zahl steht. Bei einem Giclée-Druck gegenüber echter Originalgrafik steht hinter derselben Nummerierung dagegen oft nur eine nachträglich limitierte Reproduktion.

Was verändert sich zwischen zwei Abzügen derselben Platte?

Rembrandt nutzte Zustände nicht nur zur Korrektur. Von Zustand zu Zustand veränderte er die Komposition.

Seine Kaltnadel "Ecce Homo" (auch bekannt als Christ Presented to the People, Kaltnadel, um 1655) existiert in acht Zuständen. Im sechsten Zustand entfernte er die gesamte Menschenmenge vor dem Podest von der Platte. Vom sechsten Zustand sind zwei Exemplare bekannt. Danach überarbeitete er die Platte weiter.

Sein Blatt "Die drei Kreuze" (ebenfalls Kaltnadel) zeigt nach Zählung des Wallraf-Richartz-Museums vier Zustände, andere Zählungen kommen auf fünf. Den dritten Zustand signierte und datierte Rembrandt 1653. Um 1661 überarbeitete Rembrandt die Platte so grundlegend, dass der vierte Zustand mit dem dritten kaum mehr etwas gemein hat.

Jeder Abzug des dritten Zustands ist damit ein Zustandsdruck im strengen Sinne: ein Dokument, das festhält, wie die Platte zu einem bestimmten Moment aussah, bevor sie sich veränderte. Nicht versehentlich, sondern als Arbeitsentscheidung festgehalten.

Eine Radierung wie die Kaltnadel macht Zustandsdrucke besonders sichtbar, weil der Grat der Nadel sich mit jedem Abzug minimal verändert. Frühe Zustände klingen anders im Druck als späte. Wer beide hält, hält zwei verschiedene Blätter, obwohl die Platte dieselbe ist.

Irgendwann legt der Künstler die Nadel hin, nimmt den Abzug in die Hand und erklärt ihn zur Vorlage.

Was entscheidet sich, wenn der Künstler ein Blatt freigibt?

Dieses Blatt heißt Bon à tirer, abgekürzt B.A.T. Das Französische lässt sich wortwörtlich übersetzen: "gut zum Drucken."

Inga Eicaite, Proofbogen mit vier Varianten einer Intaglio-Radierung, rote Bleistiftannotationen markieren Unterschiede zwischen Zustandsdrucken
Inga Eicaite, Proofbogen mit vier Varianten. Rote Annotationen markieren Unterschiede zwischen den Zuständen.

Nach einer Serie von Probedrucken, mit möglichen Farbkorrekturen und Änderungen an der Druckform, markiert der Künstler oder Drucker ein einziges Blatt als B.A.T. Pro Auflage gibt es genau dieses eine. Alle weiteren Abzüge müssen diesem Referenzexemplar entsprechen.

Das Blatt auf dem feuchten Tisch, das am Anfang dieser Seite wartete, ist das B.A.T. in seiner Entstehung.

Das B.A.T. verlässt die Werkstatt meistens nicht. Es ist weniger Sammelstück als Zeuge: das einzige Blatt, das mit expliziter Freigabe markiert wurde und danach als Vergleichsmaßstab für jeden folgenden Abzug diente. Wer ein B.A.T. kauft, kauft die Entscheidungsinstanz der gesamten Auflage.

Was jetzt folgt, ist Wiederholung mit System.

Woher kommt die Nummer unter dem Druck?

Die Nummerierung in Bleistift ist jung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen Künstler, Abzüge eigenhändig in Bleistift zu signieren, um eigenhändige Drucke von Reproduktionen zu unterscheiden.

Inga Eicaite, circa 15 Drucke einer Edition im Raster auf dunklem Holztisch, trocknend nach dem Druckvorgang
Inga Eicaite, Edition auf dem Tisch. Jedes Blatt bekommt eine Nummer.

7/25 heißt: dieses Blatt ist das siebte von fünfundzwanzig gedruckten Exemplaren. Links unter dem Motiv. Die Signatur steht rechts. Manche Auflagen zählen in zwei Reihen: Bei Barbara Hepworths Aegean Suite liefen 60 Exemplare für den britischen Markt und 30 für Übersee getrennt.

1961 formulierte die Print Council of America drei Kriterien für einen Originaldruck. Das dritte lautet: "The finished print is approved by the artist." Damit wurde festgeschrieben, was Werkstatttradition schon länger war: Ohne Künstler-Freigabe kein Originaldruck. In der Werkstatt wird diese Freigabe durch das B.A.T. operationalisiert.

Neben der regulären Nummerierung verlässt noch eine Handvoll Blätter die Werkstatt, die keine Nummer tragen.

Wem gehören die Blätter ohne Nummer?

Diese Blätter heißen E.A. oder A.P., und sie bezeichnen dasselbe: Exemplare, die der Künstler für sich oder seinen engsten Kreis zurückbehält, die er nicht für den Markt druckt.

E.A. ist Französisch: Épreuve d'artiste, Künstlerabzug. A.P. ist Englisch: Artist's Proof. Ob auf einem Blatt E.A. oder A.P. steht, sagt mehr über die Werkstatt des Druckers aus als über das Blatt selbst. Beide Status sind identisch.

Die College Art Association definiert als Berufsstandard, dass solche Exemplare nicht mehr als 10% der Auflage ausmachen sollen. Das ist eine Empfehlung, kein Gesetz.

Picassos Editionen liegen weit über dieser Quote. Seine Lithografie-Serie Le Taureau (elf Zustände, Mourlot Paris, Dezember 1945 bis Januar 1946) erschien in einer Edition von 50 Exemplaren, plus 18 Épreuves d'artiste. Das sind 36 Prozent der regulären Auflage. Seine 347 Series (347 Radierungen, Crommelynck, Mougins, 1968) erschien ebenfalls in einer Edition von 50 Nummern, plus 17 handsignierten A.P., wiederum 34 Prozent der regulären Auflage. Mourlots Assistent Jean Célestin bemerkte zur Le Taureau-Serie trocken, Picasso sei dort angelangt, wo er normalerweise hätte beginnen müssen ("Picasso ended up where normally he should have started"), gemeint ist, dass Picasso sich von der naturalistischen zur schematischen Darstellung vorarbeitete, also entwicklungslogisch rückwärts.

Goya zog für seine Los Caprichos (80 Blätter, 1799) Zustandsproben vor und während der Arbeit an der Aquatinta; nur wenige davon sind erhalten. Bei Goya gab es noch keinen Standard, der E.A. von Probedruck trennte. Diese Konventionen entwickelten sich schrittweise.

Die Praxis, kleine Auflagen an Sammler auszugeben, begann bei englischen Mezzotinteuren im späten 18. Jahrhundert, oft bevor die Beschriftung unter dem Bild ergänzt wurde. Aus diesem Werkstattbrauch entstand die heutige Konvention.

Wer sich fragt, ob nummerierte Exemplare oder Künstlerabzüge "besser" sind: Erfahrene Sammler bevorzugen manchmal nummerierte Exemplare, weil die Auflagengröße dort dokumentiert und transparent ist. Wer die Kürzel eines Blatts im Kaufkontext einordnen will, findet in Drucke sammeln und erkennen eine praktische Markt-Orientierung.

Zwei weitere Kürzel tauchen auf Blättern auf, die für noch engere Kreise bestimmt waren.

Wer bekommt die Blätter, die nicht im Handel landen?

H.C. ist die paradoxeste Abkürzung der Druckwelt: Hors Commerce, außerhalb des Handels. Diese Blätter sind in der Regel nicht für den Verkauf bestimmt.

Nach der CAA-Richtlinie soll der Vertrag festlegen, ob Verlag oder Künstler das Blatt behält und ob es signiert wird.

P.P. steht für Printer's Proof, das Druckerexemplar. Nach der CAA-Richtlinie soll der Vertrag, dem Brauch entsprechend, vorsehen, dass ein Druckerexemplar in das Eigentum des Leitdruckers der Auflage übergeht.

Was die Wertigkeit betrifft: Wer eine pauschale Rangfolge behauptet, vereinfacht. Die Variablen lassen sich aber benennen. Das B.A.T. ist ein Unikat, eines pro Auflage, das Einzige seiner Art. Künstlerabzüge erzielen bei Künstlern mit Marktgeschichte Aufpreise, weil Sammler die persönliche Bindung des Künstlers an genau dieses Blatt honorieren. H.C.-Blätter sind in der Regel nicht für den Verkauf bestimmt. P.P.-Blätter gehen an den Drucker selbst. Was Signatur und Nummerierung im Einzelnen für die Beurteilung eines Blatts bedeuten, erklärt Signiert vs. unsigniert im Detail. Was darüber hinaus zu prüfen ist, wenn man ein Blatt auf Echtheit beurteilen will, steht unter Originalgrafik erkennen und prüfen mit einer konkreten Checkliste.

Was auf dem Blattrand steht, sagt nicht nur wie viele es gibt, sondern wer das Blatt bekam: Drucker, Galerist, Künstler, Markt.

Das nasse Blatt ist jetzt trocken

Am Anfang dieser Seite lag ein Blatt auf dem Tisch. Das Papier noch feucht, zwei Menschen die warten. Jetzt ist dieses Blatt trocken. Es trägt ein Kürzel, eine Signatur, vielleicht eine Nummer.

Was der Blattrand erzählt, ist der Weg, den dieses spezifische Exemplar genommen hat. Von der nassen Platte bis in die Hände des Käufers, der jetzt weiß, was er hält.

Inga Eicaite, anderer Winkel des Proofbogens mit roten Annotationen, die Unterschiede zwischen vier Zustandsdruck-Varianten festhalten
Inga Eicaite, Proofbogen kurz vor der Freigabe. Die roten Markierungen zeigen, wo die Entscheidung fiel.

FAQ

Was bedeutet E.A. auf einem Druck?

Épreuve d'artiste ist Französisch für Künstlerabzug; das englische Äquivalent lautet A.P. (Artist's Proof). Beide Kürzel bezeichnen Exemplare, die der Künstler für sich behält, nicht für den Markt. Nach dem Berufsstandard der College Art Association sollten diese Blätter nicht mehr als 10% der Auflage ausmachen. Das ist eine Empfehlung, kein Gesetz.

Was ist ein B.A.T.?

Bon à tirer heißt auf Deutsch: "gut zum Drucken." Das B.A.T. ist das einzige Referenzexemplar einer Auflage: der Abzug, den der Künstler freigibt und nach dem alle weiteren Exemplare gedruckt werden müssen. Pro Auflage gibt es genau ein B.A.T. Es verlässt die Werkstatt in der Regel nicht.

Was unterscheidet H.C. von E.A.?

H.C. (Hors Commerce, außerhalb des Handels) ist in der Regel nicht für den Verkauf bestimmt. E.A. gehört dem Künstler. Beide tragen keine reguläre Nummer. Ob ein H.C.-Exemplar signiert wird und wem es gehört, legt nach der CAA-Richtlinie der Vertrag fest.

Was ist ein Zustandsdruck?

Ein Zustandsdruck (épreuve d'état) entstand bevor die Platte ihren finalen Zustand erreichte. Er dokumentiert einen Arbeitsschritt, nicht das Endwerk. Rembrandts Kaltnadel Ecce Homo existiert in acht Zuständen; vom sechsten sind zwei Exemplare bekannt. Zustandsdrucke sind keine Fehler, sondern Zeugen des Entstehungsprozesses.

Was bedeutet P.P.?

Printer's Proof, das Druckerexemplar: Nach der CAA-Richtlinie soll es per Vertrag in das Eigentum des Leitdruckers der Auflage übergehen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Wallraf-Richartz-Museum, Rembrandt: Die drei Kreuze, Meisterwerke der Graphischen Sammlung (vier Zustände, 1653, um 1661). https://www.wallraf.museum/sammlungen/graphische-sammlung/meisterwerke/rembrandt-die-drei-kreuze/das-meisterwerk/
  • Wikipedia: Die drei Kreuze (fünf Zustände). https://de.wikipedia.org/wiki/Die_drei_Kreuze
  • Wikipedia (englisch): Christ Presented to the People (acht Zustände, sechster Zustand zwei Exemplare). https://en.wikipedia.org/wiki/Christ_Presented_to_the_People
  • Victoria and Albert Museum, Whistler, The Doorway (Bleistiftsignatur ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts). https://collections.vam.ac.uk/item/O124326
  • Wikipedia (englisch): Artist's proof (Mezzotinteure, Bon à tirer, Printer's Proof). https://en.wikipedia.org/wiki/Artist%27s_proof
  • College Art Association, Fine Art Print Publication Guidelines for Artists (2015). https://www.collegeart.org/standards-and-guidelines/guidelines/print-maker
  • Print Council of America, What Is an Original Print? (1961). https://printcouncil.org/original-print.html
  • Wikipedia (englisch): Le Taureau (elf Zustände, Mourlot, 50 plus 18, Célestin-Zitat). https://en.wikipedia.org/wiki/Le_Taureau
  • Museo Picasso Málaga, Crommelynck Printing Press (347 Series, 50 plus 17). https://www.museopicassomalaga.org/en/actividades/crommelynck-printing-press
  • Wikipedia (englisch): Los caprichos (80 Blätter, Zustandsproben, wenige erhalten). https://en.wikipedia.org/wiki/Los_caprichos

Zuletzt aktualisiert am 11.09.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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