Giclée vs. Originalgrafik: Was der Name verschleiert
Graham Nash, Mitglied von Crosby, Stills & Nash, eröffnete am 1. Juli 1991 in Manhattan Beach ein Studio und saß vor einem IRIS Graphics 3047. Den Drucker hatte er Ende 1989 oder Anfang 1990 für 126.000 US-Dollar gekauft: ein industrieller Druckvorstufen-Proof-Drucker, dessen Trommel sich mit 150 Inch pro Sekunde dreht, mit vier Mikrometer-feinen Glasdüsen, die Tintentropfen mit einer Rate von einer Million pro Sekunde auf Papier schießen. Also wurde der IRIS-3047-Ausdruck ein "Giclée".
Der Druckgrafiker Jack Duganne, der im Studio arbeitete, brauchte einen Namen für das, was dieser Drucker produzierte. Er suchte im Französischen. Das Verb "gicler" bedeutet spritzen, das Hauptwort "gicleur" ist die Düse. Nash wollte keinen Bezug zum Begriff "Tintenstrahldruck".
Was genau beim Vergleich giclee vs originalgrafik auf dem Spiel steht, ist nicht Qualität gegen Qualität, sondern Prozess gegen Prozess. Was aus dieser Trommel kommt, und was aus einer Kupferpresse kommt, ist der Gegenstand dieser Seite.
Wie entsteht das Bild auf dem Papier?
Der IRIS 3047 hängt das Papier auf eine rotierende Trommel. Dann schießen vier Düsen Tintentropfen mit einer Million Hertz auf die Oberfläche, während die Trommel sich dreht. Kein Raster, kein mechanischer Kontakt. Millionen statistisch verteilter Mikrotröpfchen bilden ein Bild. Das Papier empfängt Farbe; es wird nicht gedrückt, nicht geprägt, nicht berührt.
Auf der anderen Seite steht eine Kupferplatte. Jemma Gunnings "Basement" beginnt damit, dass sie mit einer Radiernadel Linien in das Metall zieht. Die Platte kommt in Säure, die nur in die bloßgelegten Stellen ätzt. Dann trägt Gunning Farbe in die Vertiefungen, wischt die Oberfläche ab und legt ein feuchtes Blatt Papier auf. Die Druckpresse übt Druck aus. Das weiche Papier gibt nach, dringt in die Tintentaschen ein, nimmt Farbe auf, und wird an den Außenkanten der Platte verformt. Nicht aufgesprüht. Gedrückt.
Das ist der kategoriale Unterschied. Beim Giclée-Druck trifft Tinte auf Papier. Bei der Radierung formt Druck das Papier.
Doch was die Trommel auf dem Papier hinterlässt und was die Presse hinterlässt, siehst du erst, wenn du das Blatt umdrehst.
Was bleibt auf dem Papier?
Der Plattenrand. Bei Tiefdruckverfahren wie der Radierung (Tiefdruckfamilie Intaglio, zu der auch Kaltnadel und Aquatinta gehören) hinterlässt die Kante der Druckplatte eine scharfe Prägung im Papier. Diese Kante ist keine Dekoration und kein Qualitätsmerkmal. Sie ist physikalisches Resultat des Pressdrucks: Kupfer gegen nasses Papier.
Beim Giclée-Druck fehlt diese Spur. Die Oberfläche ist glatt und gleichmäßig, weil kein mechanischer Kontakt zwischen Druckform und Papier stattgefunden hat.
Wer Antonia Rebers "Echo Surfaces 8" in der Hand hält, spürt etwas anderes: erhabene Farbschichten, die sich buchstäblich über die Papierfläche erheben. Das ist Siebdruck: Farbe wird durch eine Schablone auf das Papier gepresst, Schicht für Schicht, und jede Schicht baut sich auf. Eine glatte Giclée-Oberfläche geht in die entgegengesetzte Richtung. Giclée und Originalgrafik teilen Papier, Tinte und manchmal sogar denselben Rahmungsstandard. Was sie trennt, ist der Prozess dahinter.
Ein Giclée kann auf demselben Künstlerpapier mit 300 g/m² gedruckt werden wie ein handgedruckter Druck. Die physische Spur bleibt trotzdem eine andere. Du kannst den Rücken eines Blatts abtasten. Wenn du die Kante der Platte spürst, hast du einen Originaldruck in den Händen.
Wenn du das nicht spürst, brauchst du eine Lupe.
Was zeigt die Lupe?
Du brauchst keine Spezialausrüstung. Eine 5- bis 10-fach vergrößernde Lupe, wie sie Philatelisten für fünf Euro kaufen, reicht.
Unter dieser Vergrößerung zeigt ein Giclée-Druck Millionen fast unsichtbarer Tintentröpfchen, beinahe wie Aquarell. Keine Rasterstriche, keine mechanischen Linien. Die Farbübergänge sind absolut glatt, weil der Farbauftrag durch mikroskopisch kleine Tropfen passiert. Das Bild löst sich unter Vergrößerung in eine statistische Wolke aus Tröpfchen auf. Diese Struktur kommt daher, dass der IRIS-3047 und seine Nachfolger physisch keine Druckform berühren: Die Tintentröpfchen werden berührungslos auf die Oberfläche geschossen. Was entsteht, ist kein gedrucktes Bild im mechanischen Sinn, sondern ein Tröpfchenmuster.
Unter derselben Vergrößerung zeigt Inga Eicaites "B_o1" etwas anderes: durchgehende Linien, die sich ohne Unterbrechung durch das Bild ziehen. Die individuelle Linienspur der Radiernadel. Kein Tröpfchenraster, kein statistisches Muster. Eine kontinuierliche Farbspur, die mechanisch ins Papier gedrückt wurde. Das kann kein Tintenstrahldrucker replizieren, gleich mit wie vielen Düsen er arbeitet.
Der Test lässt sich auf alle Druckgrafik-Verfahren anwenden: Holzschnitt zeigt breite Hiebspuren des Werkzeugs, Lithografie zeigt die kristalline Körnung des Kalksteins, Linolschnitt zeigt die charakteristischen Schnittkanten. Giclée zeigt nichts davon.
Ein kurzer Hinweis zu den Konsequenzen: Zwischen 2002 und 2006 wurden laut einem Branchenbericht für rund 20 Millionen US-Dollar gefälschte Kunstwerke über eine TV-Auktionsshow verkauft. Separat warnt derselbe Bericht vor einer verbreiteten Fälschungstechnik: Giclée auf Leinwand drucken und anschließend handgefertigte Textur hinzufügen, um Pinselstriche zu simulieren. Der Lupen-Test ist simpel. Dass er oft nicht gemacht wird, hat weniger mit Schwierigkeit zu tun als mit fehlender Routine.
Das Testergebnis ist eindeutig. Die Frage, wie lange das Ergebnis hält, ist es nicht.
Wie lange hält das Bild?
Hier liegt die größte Überraschung des Giclée-Narrativs.
Nash Editions war das Studio, das "Giclée" erfand. Zwölf Jahre später, 2003, begannen sie den Wechsel von den IRIS-Druckern auf Epson-Geräte. Der Grund: Die originalen IRIS-Tinten waren dye-based und verblassten schnell. Das Studio, das mit Dauerhaftigkeit warb, hatte Drucker mit kurzlebigen Tinten.
Epson bewirbt seine UltraChrome-HDX-Pigmenttinten heute mit bis zu 200 Jahren Lichtbeständigkeit unter Glasscheibe. Ein Blue-Wool-UV-Test bescheinigt etwa 85 Jahre. Das klingt nach Ewigkeit.
Laut dem FLAAR-Institut, einem auf Großformat-Drucker spezialisierten US-Forschungsinstitut, garantiert Epson die Haltbarkeit seiner Ausdrucke nicht einmal für ein Jahr; der "200-Jahre"-Claim werde von der Branche nicht ernst genommen. Das ist eine einzelne Quelle, kein Konsens. Aber die Frage ist berechtigt: Ein Hersteller, der 200 Jahre bewirbt und kein Jahr garantiert, sagt etwas über die Verlässlichkeit der Zahl.
Die ehrlichere Aussage: Haltbarkeit ist kein automatisches Merkmal des Verfahrens. Sie hängt von Materialentscheidungen ab: Papierqualität, Tintenchemie, Lagerung. Ein guter Giclée auf säurefreiem Künstlerpapier mit 250 g/m² und zertifizierten Pigmenttinten kann deutlich länger halten als ein schlechter Original-Abzug auf minderwertigem Papier. Der Unterschied ist nicht das Verfahren an sich, sondern die Erfahrungsbasis: Für Originalgrafik existieren Jahrhunderte dokumentierter Alterung. Für Giclée existieren dreißig Jahre.
Was steckt in den Kosten?
Ein A2-Giclée-Druck kostet als Produktionsdienstleistung beim spezialisierten Anbieter ab etwa 26 britischen Pfund netto. Das schließt Papier, Tinte und Maschinenbetrieb ein.
Die handgedruckte Originalgrafik beginnt nicht mit Papier und Tinte, sondern mit der Platte. Trevor Price, der seit mehr als dreißig Jahren Tiefdruck und großformatige Holzschnitte herstellt, beschreibt es so: Bei größeren Arbeiten können zwei oder mehr Monate Plattenbearbeitung vergehen, bevor der erste Probedruck abgezogen wird. Und dieser erste Abzug bringt den entscheidenden Moment: Für Price ist das ein ängstlicher Augenblick, weil der Spielraum für Fehler klein ist ("It can easily take two or more months of platemaking with the larger works before the first print is taken, and with little room for error this first proof can be an anxious moment.").
Maxine Gregson, die Siebdrucke handdruckt, sagt es direkt: "The printing of my pieces are a big part of my creative process, I don't see it as a separate thing. I make adjustments to colours and artwork along the way."
Was bezahlst du also, wenn du Originalgrafik kaufen möchtest? Arbeitszeit, handwerkliche Kontrolle, die Tatsache, dass diese spezifische Platte in diesen spezifischen Händen zu diesem Papier geführt hat. Für Giclée gibt es eine belastbare Produktionskostenzahl. Für Originalgrafik fehlt die Vergleichszahl nicht, weil Transparenz fehlt, sondern weil die Variable "Arbeitszeit" von Werk zu Werk zu verschieden ist, um sie sinnvoll zu beziffern.
Was bedeutet der Unterschied beim Kauf?
Die Grenze zwischen Giclée-Druck und Originalgrafik ist nicht durch Papierqualität oder Tintenchemie überbrückbar.
Giclée hat keine physische Druckform, die das Papier berührt. Originaldruck hat eine. Das ist die binäre Grenze. Ein Giclée auf 350 g/m² Baumwollpapier mit Pigmenttinten ist ein hochwertiger Giclée. Er ist kein Originaldruck.
Beim Kauf prüfst du drei Dinge, die sich nicht fälschen lassen: den Plattenrand (oder eine vergleichbare verfahrensbedingte Spur), die Linienstruktur unter Vergrößerung, und die handschriftliche Signatur mit Auflagennummer. Bei Jemma Gunnings "Basement", einer Kupferradierung, sind alle drei vorhanden: der Plattenrand als scharfe Prägekante, die individuellen Linienspuren der Radiernadel unter der Lupe, und die bleistiftgeschriebene Nummer unter dem Bild. Das sind nicht drei Qualitätsmerkmale. Das sind drei Verfahrensspuren, die belegen, dass dieses Bild so entstanden ist, wie die Künstlerin es beschreibt.
Wer mehr über physische Tests beim Kauf wissen möchte, findet auf Originalgrafik erkennen eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitung. Wie sich das beim Sammeln über die Zeit anfühlt, beschreibt Druckgrafik sammeln und erkennen. Wer eine Arbeit langfristig erhalten will, findet unter Druckgrafik pflegen praktische Hinweise zu Lagerung und Lichtverhältnissen.
Wer diese Spuren sucht und findet, hat den Unterschied nicht nur verstanden. Er hat ihn gesehen. In drei Minuten, ohne Spezialwissen, mit einer Lupe für fünf Euro.
Häufige Fragen zu Giclée vs. Originalgrafik
Was ist der Unterschied zwischen Giclée und Original-Druckgrafik?
Giclée ist digitaler Tintenstrahldruck auf Künstlerpapier, ohne physische Druckform, die das Papier berührt. Originaldruck entsteht aus einer handgefertigten Matrix (Kupferplatte, Holzblock, Kalkstein), die unter Druck direkt auf Papier gedrückt wird. Diese physische Berührung hinterlässt verfahrenstypische Spuren: Plattenrand, Linienstruktur, Relieftextur. Bei Giclée fehlen diese Spuren, weil kein mechanischer Kontakt stattfindet.
Kann man Giclée von Originalgrafik mit bloßem Auge erkennen?
Oft nicht auf Anhieb, bei optimalen Bedingungen schon: Originaldruck zeigt häufig einen Plattenrand und tastbare Textur. Zuverlässiger ist die Lupe. Unter 5- bis 10-facher Vergrößerung zeigt Giclée eine statistische Tröpfchenstruktur ohne Rasterstriche, Originaldruck zeigt durchgehende Linienspuren oder verfahrenstypische Strukturen. Der Test dauert wenige Minuten und erfordert keine Vorkenntnisse.
Wie lange hält ein Giclée-Druck?
Das hängt stark von Papier und Tinte ab. Mit säurefreiem Künstlerpapier (mindestens 250 g/m²) und zertifizierten Pigmenttinten können gute Giclée-Drucke nach Herstellerangaben Jahrzehnte halten. Einige Hersteller sprechen von bis zu 200 Jahren. Die tatsächlich garantierte Haltbarkeit bleibt deutlich kürzer.
Warum heißt Tintenstrahldruck plötzlich "Giclée"?
Der Begriff wurde 1991 vom Druckgrafiker Jack Duganne bei Nash Editions in Manhattan Beach geprägt. Nash wollte seinen IRIS-3047-Druck nicht "Tintenstrahldruck" nennen, weil die Assoziation mit damaliger Bürodrucker-Technologie unerwünscht war. "Giclée" kommt vom Französischen "gicler" (spritzen) und "gicleur" (Düse). Der neue Name veränderte das Verfahren nicht. Er änderte die Wahrnehmung.
Ist ein Giclée-Druck ein Original?
Das hängt von der Definition ab, die man anlegt. Als Reproduktion eines vorhandenen Werks ist er kein Original. Als selbstständiges, nummeriertes und signiertes digitales Druckwerk kann er in manchen Kontexten als Edition betrachtet werden. Er ist aber keine Originalgrafik im druckgrafischen Sinn, weil keine handgefertigte Druckform existiert. Wer die Unterscheidung für Sammlungszwecke oder beim Kauf treffen möchte, prüft signiert und nummeriert plus physische Verfahrensspuren.
Dreißig Jahre nach Duganne steht der IRIS 3047 im National Museum of American History der Smithsonian Institution in Washington. Er ist ein Museumsobjekt geworden, der Drucker, der ein Druckverfahren umbenannt hat. Die Lupe, die den Unterschied zeigt, den der Name verbergen sollte, ist eine für fünf Euro. Warum so wenige Käufer den Test machen, obwohl er so einfach ist, bleibt offen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Nash Editions, About Us. Gründungsgeschichte des Studios, IRIS 3047 als Ausgangspunkt.
- Encyclopaedia Britannica, Printmaking. Technische Definitionen der Druckverfahren (Intaglio, Relief, Planografie).
- FLAAR Reports, Wide Format Printer Reviews. Unabhängige Haltbarkeitstests für Tintenstrahl-Pigmenttinten.
- PermaJet, Was ist ein Giclée-Druck. Papier- und Tintenanforderungen, Blue-Wool-UV-Teststandards.
- Jealous Gallery, Interview with Maxine Gregson. Druckprozess als kreativer Kern der Siebdruck-Arbeit.
Zuletzt aktualisiert am 27.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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