Was ist eine Radierung?
Eine Kupferplatte, eine Nadel, Säure und eine Presse mit mehreren Tonnen Druck: so entsteht eine Radierung. Der Künstler ritzt sein Motiv in eine beschichtete Metallplatte, die freigelegten Stellen werden geätzt, mit Farbe gefüllt und unter enormem Druck auf feuchtes Papier übertragen. Das Ergebnis hängt danach an der Wand, auf schwerem Papier, mit Linien, die man mit der Fingerkuppe spüren kann. Der Begriff kommt vom lateinischen radere: kratzen, schaben.
Wie entsteht eine Radierung?
Der Prozess hat sich in 400 Jahren kaum verändert. Fünf Schritte, jeder davon von Hand.
1. Die Platte vorbereiten
Der Künstler beginnt mit einer polierten Metallplatte, meistens Kupfer oder Zink. Kupfer liefert die feinsten Linien, Zink ist weicher und ergibt gröbere Strukturen. Die Platte wird mit einem säurefesten Ätzgrund überzogen: eine dünne Schicht aus Wachs, Harz oder Asphaltlack. Manche Radierer schwärzen den Grund zusätzlich mit Ruß, damit die geritzten Linien beim Zeichnen besser sichtbar werden.
2. Zeichnen
Mit einer Radiernadel zeichnet der Künstler sein Motiv in den Ätzgrund. Die Nadel ritzt durch die Schutzschicht und legt das blanke Metall frei. Der Widerstand ist gering: anders als beim Kupferstich oder beim Stahlstich, wo direkt ins Metall geschnitten wird, gleitet die Nadel fast wie ein Bleistift über die Platte.
Die Technik eignet sich besonders für detailreiche Motive: Naturstudien, Stadtansichten, figurative Arbeiten. Je feiner die Linie, desto näher muss man herantreten, und desto mehr belohnt das Blatt den zweiten Blick.
3. Ätzen
Die Platte kommt in ein Säurebad, heute meist Eisen(III)-chlorid. Die Säure greift nur dort an, wo die Nadel den Ätzgrund durchbrochen hat. Je länger die Platte im Bad liegt, desto tiefer werden die Linien und desto mehr Farbe nehmen sie später auf.
Hier zählt Erfahrung. Feine, helle Linien werden früh herausgenommen und mit Lack abgedeckt. Kräftige, dunkle Linien bleiben länger drin. Dieses schrittweise Ätzen (Stufenätzung) erzeugt eine Tonalität von hauchzarten Grautönen bis zu samtigem Schwarz.
4. Einfärben und Wischen
Die fertig geätzte Platte wird mit zähflüssiger, ölbasierter Druckfarbe eingewalzt und die Farbe in die Vertiefungen gedrückt. Dann wischt der Drucker die Oberfläche mit Tarlatanstoff sauber, sodass Farbe nur in den Linien bleibt. Ein leichter Farbfilm auf der Oberfläche (der Plattenton) kann gewünscht sein und gibt dem Druck Wärme. Jeder Abzug wird einzeln von Hand gewischt, deshalb unterscheiden sich die Drucke innerhalb einer Auflage minimal.
5. Drucken
Feuchtes Künstlerpapier wird auf die eingefärbte Platte gelegt und beides durch eine Tiefdruckpresse gefahren. Der Druck ist enorm: mehrere Tonnen. Er presst das weiche Papier in die Vertiefungen und zieht die Farbe heraus. Die Linien liegen danach leicht erhaben auf dem Papier.
Jede Radierung trägt noch ein weiteres Erkennungszeichen: den Plattenrand. Der Druck der Presse hinterlässt eine scharfe Kante im Papier, dort, wo die Metallplatte endet. Dieser Abdruck ist das sicherste Zeichen für einen echten Tiefdruck.
Welche Varianten der Radierung gibt es?
Nicht jede entsteht auf die gleiche Weise. Vier Techniken haben sich über die Jahrhunderte etabliert, jede mit eigenem Charakter.
Strichätzung (klassische Radierung)
Das oben beschriebene Verfahren. Klare, definierte Linien. Rembrandt und Goya haben damit gearbeitet, Dürer experimentierte kurz mit der Technik. Eine geätzte Platte verträgt einige hundert gute Abzüge.
Stephen Lawlor, den wir bei Studio Sonsu vertreten, arbeitet mit klassischer Strichätzung und druckt seit 1983 im Graphic Studio Dublin. Bronwen Sleigh nutzt die Strichätzung für architektonische Präzision: ihre Radierungen ostafrikanischer Fassaden zeigen eine Liniendichte, die in keiner anderen Drucktechnik so erreichbar wäre. International arbeitet William Kentridge die Radierung in seine politisch-literarische Bildsprache ein und verbindet Ätzung mit Kohle, Collage und Video.
Kaltnadelradierung
Hier ritzt der Künstler direkt ins blanke Metall, ohne Ätzgrund und ohne Säure. Das erzeugt einen feinen Grat an den Rändern der Linie, der beim Druck eine charakteristisch samtige, leicht unscharfe Qualität ergibt. Bei einer Kaltnadelradierung sieht man die Hand des Künstlers direkter als bei jeder anderen Technik. Der Nachteil: der Grat nutzt sich schnell ab. Ohne Verstahlung der Platte sind nur etwa 15 gute Abzüge möglich, was die Auflagen klein hält.
Jemma Gunning kombiniert Kaltnadel mit Sugar-Lift-Aquatinta für industrielle Verfallslandschaften. Michelle Hinshelwood verbindet in Bristol Kupferätzung, Kaltnadel und Chine Collé in einem einzigen Abzug. Rachel Duckhouse, Radiererin aus Glasgow und eine unserer Künstlerinnen, beschreibt es so: Eine Linie, die völlig gleichmäßig gezogen wird, bleibt langweilig. Sobald ein kleiner Moment von unerwarteter Unregelmäßigkeit darin steckt, wird sie lebendig. Genau das passiert bei der Kaltnadel.
Aquatinta
Eine Aquatinta-Radierung arbeitet nicht mit Linien, sondern mit Flächen und Tonwerten. Feinster Harzstaub wird auf die Platte gestreut und erhitzt, sodass er schmilzt und festhaftet. Die Säure ätzt zwischen den Harzkörnern und erzeugt eine raue Oberfläche, die Farbe aufnimmt. Je länger die Ätzung, desto dunkler die Fläche.
Aquatinta wird fast immer mit Strichätzung kombiniert. Goyas Desastres de la Guerra nutzen die Technik meisterhaft. Eine besondere Variante ist das Zuckeraussprengverfahren (Sugar Lift), bei dem der Künstler direkt mit einer Zuckerlösung auf die Platte malt und der Pinselgestus im fertigen Druck sichtbar bleibt. Dasselbe Aquatintakorn bildet später die technische Grundlage der Photogravüre, die fotografische Vorlagen statt Nadelzeichnungen auf die Kupferplatte überträgt.
Vernis mou (Weichgrundätzung)
Statt eines harten Ätzgrunds wird eine weiche, klebrige Schicht aufgetragen. Der Künstler legt ein Blatt Papier darüber und zeichnet darauf mit Bleistift. Wo der Stift aufdrückt, hebt das Papier den weichen Grund ab und legt das Metall frei. Die Linien wirken weich und körnig, mit der Textur des verwendeten Papiers.
Mezzotinto (Schabkunst)
Ein Sonderfall: Das Wiegeisen rauht die gesamte Platte auf, bis sie tiefschwarz druckt. Helle Stellen werden herausgeschabt, ohne Säure. Mezzotinto arbeitet vom Dunkel ins Licht, eine Umkehr aller anderen Tiefdruckverfahren.
Eine historisch bedeutende, heute selten geübte Variante ist die Crayon-Manier: Roulette und Mattoir ersetzen dort die Radiernadel und erzeugen den Eindruck von Kreidelinien. Ohne Säure arbeitet auch der Carborundum-Druck, der statt Nadellinien samtartige Farbflächen aus Siliziumkarbidpulver erzeugt.
Wie unterscheidet sich eine Radierung von anderen Drucktechniken?
Vier Verfahren, vier verschiedene Ergebnisse. Wo die Unterschiede liegen, zeigt die folgende Tabelle. Einen vollständigen Überblick gibt die Druckgrafik-Seite.
| Radierung | Linolschnitt | Lithografie | Siebdruck | |
|---|---|---|---|---|
| Verfahren | Tiefdruck (Farbe in Vertiefungen) | Hochdruck (Farbe auf erhabenen Flächen) | Flachdruck (chemisches Prinzip) | Durchdruck (Farbe durch Sieb) |
| Material | Kupfer- oder Zinkplatte | Linoleum | Kalkstein oder Aluplatte | Siebgewebe |
| Charakter | Feine Linien, hohe Detailtiefe | Kräftige Kontraste, grafisch | Weiche Tonwerte, malerisch | Flächig, leuchtende Farben |
| Typische Auflage | 25 bis 100 (Kaltnadel: ca. 15) | 50 bis 100+ | 20 bis 75 | 20 bis 150+ |
| Erkennungsmerkmal | Plattenrand, tastbare Linien | Scharfe Kanten, Schnittspuren | Kein Plattenrand, sehr glatt | Satte Farbflächen, Siebstruktur |
Wer den Unterschied zwischen Original und Reproduktion verstehen will: Was ist ein Original, was ein Kunstdruck?
Der entscheidende Unterschied zum Kunstdruck: Bei einer Originalradierung hat der Künstler die Platte selbst bearbeitet und jeden Abzug einzeln gedruckt, signiert und nummeriert. Die Auflage wird nicht nachgedruckt. Wer sehen will, was obsessives Radieren über fast vier Jahrzehnte bedeutet, findet das eindrücklichste Beispiel bei Horst Janssen: 896 Radierungen in 47 thematischen Zyklen. Max Beckmann nutzte die Kaltnadel in den 1910er- und 1920er-Jahren für dichte, überfüllte Szenen, in denen der samtige Grat zur Bildaussage gehört. Einen ungewöhnlichen Sonderfall liefert Damien Hirst, der 2002 Kupferplatten auf einer rotierenden Maschine bearbeitete und damit die Frage stellte, wo die Grenze zwischen Radierung und Maschinendruck verläuft.
Was sollte man beim Kauf einer Radierung beachten?
Drei Dinge zählen, bevor man sich entscheidet: Zustand, Echtheit und der eigene Geschmack.
Zustand prüfen. Die Linien sollten klar und definiert sein, nicht verwaschen oder ausgefranst. Ein sauberer Plattenrand, keine Stockflecken und keine Vergilbung sind gute Zeichen. Bei gerahmten Werken: säurefreies Passepartout ist Pflicht, UV-Schutzverglasung empfehlenswert.
Echtheit erkennen. Originalradierungen sind vom Künstler handsigniert und nummeriert. 3/25 bedeutet: dritter Abzug einer Auflage von 25 Stück. Die Signatur steht rechts unter dem Druck, die Editionsnummer links. Beides in Bleistift, niemals gedruckt. Bei seriösen Galerien gehört ein Echtheitszertifikat dazu.
Formate und Preise. Zeitgenössische Radierungen kosten je nach Künstler, Format und Auflagenhöhe ab 30 €. Kleinere Formate (A5, ca. 15 x 21 cm) beginnen im unteren Preisbereich. Große Blätter (A2, ca. 42 x 59 cm) kosten deutlich mehr.
Bei einer Kaltnadelradierung ist die Auflage naturbedingt kleiner als bei einer Strichätzung, was sich im Preis widerspiegeln kann.
Woher kommt die Radierung?
Im frühen 16. Jahrhundert ätzen Waffenschmiede Dekorationen in Rüstungen. Daniel Hopfer aus Augsburg gilt als einer der Ersten, der das Verfahren auf Papier überträgt.
Die Technik entfaltet sich erst richtig, als Rembrandt sie in der Hand hat. Seine rund 300 Radierungen zeigen, was das Verfahren kann. Sein Hundertguldenblatt (um 1649) gilt bis heute als einer der bedeutendsten Drucke der Kunstgeschichte.
Im frühen 19. Jahrhundert bringt Francisco Goya die Radierung ins Politische. Seine Serie Los Desastres de la Guerra (entstanden ab ca. 1810) nutzt Strichätzung und Aquatinta, um die Schrecken des Krieges festzuhalten. Im 19. und 20. Jahrhundert wird die Radierung zum Medium der Moderne: Picasso, Chagall, Matisse, Hockney und Lucian Freud arbeiten alle mit der Technik.
Seit 2018 steht die künstlerische Druckgrafik auf der deutschen Liste des immateriellen Kulturerbes. Am Grundprinzip hat sich nichts geändert. Kupferplatte, Säure, Presse.
Häufige Fragen zur Radierung
Was unterscheidet eine Radierung von einem Kunstdruck? Eine Radierung ist ein Original: Der Künstler hat die Druckplatte selbst bearbeitet, jeder Abzug wird einzeln von Hand gedruckt, signiert und nummeriert. Ein Kunstdruck ist eine mechanische Reproduktion in unbegrenzter Stückzahl. Mehr dazu: Original vs. Kunstdruck
Ist jede Radierung ein Unikat? Jein. Eine Radierung erscheint in einer limitierten Auflage, jeder Abzug wird vom selben Druckstock gedruckt. Aber weil jeder Abzug einzeln eingefärbt und von Hand gewischt wird, unterscheiden sich die Drucke minimal. Kein Blatt ist exakt identisch. Nach dem Druck der Auflage wird nicht nachgedruckt. Eine Drucktechnik, die bewusst auf Auflagen verzichtet und nur einen einzigen Abdruck erzeugt, ist die Monotypie.
Was bedeutet die Nummer unter einer Radierung? Die Editionsnummer, z.B. 7/25, bedeutet: siebter Abzug einer Auflage von insgesamt 25. Die Nummer sagt nichts über die Qualität aus. Alle Blätter einer Auflage haben den gleichen Wert.
Was ist eine Radierung in einem Satz? Ein Tiefdruckverfahren, bei dem ein Motiv in eine Metallplatte geritzt, mit Säure geätzt und unter hohem Druck auf Papier übertragen wird. Jeder Abzug ist ein handsigniertes Original.
Wie teuer sind Radierungen? Zeitgenössische Originalradierungen kosten ab 30 €. Bei Studio Sonsu liegen die meisten Radierungen zwischen 200 und 500 €. Der Preis hängt von Künstler, Format (A5 bis A2) und Auflagenhöhe ab.
Wie pflege ich eine Radierung? Nicht in direktes Sonnenlicht hängen. UV-Licht bleicht Druckfarbe und Papier über Zeit aus. Bei Rahmung: säurefreies Passepartout und UV-Schutzverglasung verwenden. Bei sachgemäßer Aufbewahrung halten Radierungen Jahrhunderte. Rembrandts Drucke sind fast 400 Jahre alt und sehen aus wie gestern gedruckt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Siehe: The Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: Etching.
- Siehe: Tate, Art Terms: Etching.
- Siehe: Victoria and Albert Museum, Introduction to Etching.
- Siehe: Rijksmuseum, Collection: Rembrandt, The Hundred Guilder Print.
- Griffiths, Antony: Prints and Printmaking. An Introduction to the History and Techniques. British Museum Press, 1996.
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Alle Radierungen bei Studio Sonsu sind Originaldrucke: vom Künstler selbst gedruckt, in Bleistift signiert, nummeriert und mit Echtheitszertifikat versehen. Versicherter Versand mit DHL. 14 Tage Widerrufsrecht.