Egon Schiele
Egon Schiele ist ein österreichischer Maler und Zeichner des Wiener Expressionismus. Er wurde 1890 in Tulln geboren und starb 1918 mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe. Was ihn von seinen Zeitgenossen unterschied, war keine Technik. Es war eine Haltung: zeigen, was ist, ohne das Material zwischen sich und den Betrachter zu schieben.
Ein Schiele-Akt ist sofort erkennbar: die Gliedmaßen zu lang, die Gelenke hart, die Haut ein gelbliches Grau. Die Konturen zittern nicht, sie sind geladen. Wer Schiele zum ersten Mal sieht, fragt sich, ob das Schönheit sein soll. Die Frage interessierte Schiele wenig. Er hatte eine andere: ob ein Strich ehrlich sein kann.
Diese Frage beantwortete er 1914 in einem Teil seines Werks, der neben seinen Zeichnungen und Gemälden fast untergeht: sechs Kaltnadeln, auf Metallplatten geritzt, kein Säurebad, kein Zwischenverfahren zwischen Hand und Ergebnis. Bei der Kaltnadel zieht der Stichel die Linie direkt ins Metall, dort, wo die Hand sie führt. Schiele hielt sie für die einzig ehrliche und künstlerische Radiertechnik.
Wie kam Schiele von Tulln zu Gustav Klimt?
Am 12. Juni 1890 wird Egon Schiele in Tulln an der Donau geboren, als drittes Kind eines Bahnhofsvorstehers. Den Vater verliert er früh; die Mutter gilt als distanziert. Früh und obsessiv beginnt er zu zeichnen. 1906 wird er an der Wiener Akademie der bildenden Künste aufgenommen.
1909 verlässt Schiele die Akademie. Nicht Bequemlichkeit treibt ihn hinaus, sondern Enge. Der Unterricht erscheint ihm konservativ, der Fächerrahmen zu schmal. Er gründet mit Kommilitonen die Neukunstgruppe und bezieht ein Atelier in Wien. An der Akademie lernte er vieles, die Beschönigung nicht. Und das war absehbar.
Ab 1907 ist Gustav Klimt in seinem Leben. Einer der einflussreichsten Wiener Maler nimmt den sechzehn-, siebzehnjährigen Schüler unter seine Fittiche, tauscht Zeichnungen mit ihm, stellt Kontakte zu Sammlern und Kunsthändlern her. Was Schiele aus dieser Begegnung zieht, ist nicht Klimts ornamentale Schwere, nicht die goldenen Flächen und die dekorative Auflösung des Körpers. Er geht den anderen Weg: eine Linie, die nicht ziert, sondern aufdeckt. Die Körper, die Schiele zeichnet, haben keine Hülle. Sie sind freigelegt.
Woher die Konzentration auf den Körper kommt, die ihn drei Jahre später vor Gericht bringen wird, ist schwer in einem einzelnen Einfluss aufzulösen. Klimt hat sie nicht gelehrt. Er hat ihr Raum gegeben.
Was warf man Schiele 1912 in Neulengbach vor?
Im April 1912 wird Egon Schiele in Neulengbach, einem kleinen Ort westlich von Wien, verhaftet. Die Anklage zielt auf seine Zeichnungen: Sie seien unzüchtig, und Minderjährige hätten Zugang zu ihnen gehabt. Schiele verbringt 24 Tage in Haft, zunächst in Neulengbach, dann in St. Pölten.
Was in diesem Gerichtssaal passiert, ist dokumentiert und bleibt bemerkenswert: Ein Richter hält eine von Schieles Zeichnungen über eine Kerzenflamme. Sie verbrennt. Der schwere Vorwurf wird fallen gelassen. Die Verurteilung lautet am Ende nur noch: Zugänglichmachen unzüchtiger Zeichnungen für Kinder.
Zwei Jahre nach dem Gerichtssaal sucht Schiele ein Werkzeug, das diese Direktheit nicht mehr nur behauptet, sondern in das Material selbst legt. Er findet es 1914.
Was geschah 1914 zwischen Schiele und Robert Philippi?
Im Frühjahr 1914 beginnt Egon Schiele, sich mit Druckgrafik zu beschäftigen. Den Anstoß gibt Robert Philippi (1877–1959), ein Wiener Künstler, kein Berufsdrucker. Philippi bietet Schiele Unterricht an. Bis 1925 gehört er dem Hagenbund an und behandelt in seinem eigenen Werk Akt- und erotische Sujets. Damit teilt er genau jene Körperdarstellung, für die Schiele zwei Jahre zuvor vor Gericht gestanden hatte.
Schiele entscheidet sich für die Kaltnadel und gegen den Ätzprozess. Das hat einen Grund. Bei der konventionellen Radierung trägt der Künstler Ätzgrund auf die Platte auf, ritzt die Zeichnung durch den Grund und legt die Platte dann ins Säurebad. Das Säurebad erweitert die Linien, verändert sie, schiebt sich zwischen Absicht und Ergebnis. Die Kaltnadel kennt diesen Umweg nicht: Was Schiele ritzt, steht sofort und endgültig im Metall.
Arthur Roessler, Kunstkritiker und Förderer, finanziert das notwendige Equipment und übernimmt die Druckplatten. Im März oder April 1914 entstehen die ersten Abzüge. Schiele beginnt mit einem Männerporträt (Portrait of a Man, Kallir G.3), der ersten seiner sechs Kaltnadeln.
Bis zum Sommer sind alle sechs Kaltnadeln fertig: Portrait of a Man, Selbstportrait, Bildnis Franz Hauer, Kauernde, Kummernis (Sorrow) und Bildnis Arthur Roessler. Vier Porträts und zwei weibliche Akte. Keines davon ist die explizite Erotik, für die Schiele berüchtigt ist, aber alle teilen dieselbe Haltung: direkt, körperlich, ohne Ornament.
Warum hat Schiele nur siebzehn Blätter hinterlassen?
17 Drucke. Zum Vergleich: über 2.000 Zeichnungen, rund 400 Ölgemälde. Schiele hat die Druckgrafik nicht als Hauptweg gewählt. Er hat sie in einem Zeitraum von wenigen Monaten besucht, intensiv, dann abgebrochen.
Die sechs Kaltnadeln sind sein eigentlicher Beitrag zu dieser Gattung. Hinzu kommen mehrere Kautschuk-Reliefdrucke als Übungsarbeiten, die nie separat publiziert wurden, dazu Lithografien und zwei Holzschnitte.
1916 widmet das linke Berliner Wochenblatt Die Aktion, herausgegeben von Franz Pfemfert, Schiele eine Sondernummer. Zwei Holzschnitte entstehen, erschienen in den Heften 35/36 und 39/40 vom September 1916. Pfemfert wollte Holzschnitte, weil sie im Blatt billiger zu reproduzieren waren als Zeichnungsreproduktionen. Das ist der Kontrast zu 1914: Die Kaltnadeln waren eine Überzeugungsentscheidung. Die Holzschnitte waren ein Auftrag.
Was die Kaltnadel-Abzüge visuell auszeichnet, ist noch weniger bekannt als die Zahl. Das Bildnis Arthur Roessler etwa ist nicht in Schwarz gedruckt, sondern in dunkelgrüner Tinte auf rauem, gelblichem Ätzpapier. Wer Schieles grafisches Werk nur aus Reproduktionen kennt, kennt es möglicherweise mit falscher Farbe.
Wer diese grünen Blätter heute hält, hält etwas, das Schiele selbst nie publiziert gesehen hat.
Wer machte aus Schieles Platten ein Portfolio?
Egon Schiele stirbt am 31. Oktober 1918 an der Spanischen Grippe. Er ist 28 Jahre alt. Drei Tage zuvor hatte seine im sechsten Monat schwangere Frau Edith dieselbe Infektion nicht überlebt.
Vier Jahre nach seinem Tod gibt Otto Nirenstein das Portfolio Das Graphische Werk von Egon Schiele heraus. Rikola-Verlag Wien, Auflage 80. Otto Nirenstein, der sich später Otto Kallir nannte und zur zentralen Figur der Schiele-Forschung wurde, hatte die Drucke für die Veröffentlichung erworben.
Das Portfolio liegt lose in einem grünen Papiereinband, mit einer einführenden Textseite von Arthur Roessler auf Deutsch. Es enthält acht Blätter: die sechs Kaltnadeln von 1914 und zwei Lithografien aus dem Todesjahr 1918. Roessler hat nicht nur das Equipment finanziert. Er hat die Publikation auch erklärt.
Die Druckgeschichte des Bildnisses von Arthur Roessler hat eine eigene Kuriosität. Noch zu Schieles Lebzeiten, auf Roesslers Wunsch, zieht Schiele mindestens neun und womöglich bis zu 32 Abzüge des eigenen Porträts, bevor das Portfolio überhaupt geplant ist. Roessler wollte sein eigenes Konterfei in Händen halten. Das Blatt trägt die Kallir-Nummer G.8.
Die Kaltnadel erzeugt beim Ritzen einen Grat: aufgeworfenes Metall neben dem Stich, das die Druckfarbe hält und der Linie ihre spezifische Qualität gibt. Mit jedem Abzug nutzt sich dieser Grat ab. Ein früher Abzug aus dem Rikola-Portfolio von 1922 zeigt die Linie voller als ein späterer Zustand desselben Blatts. Direktheit, in der Kaltnadel, ist messbar. Sie verbraucht sich.
Ob ein Strich ehrlich sein kann, war Schieles Frage. Die Antwort, die er 1914 fand, steckt nicht in der Formulierung, sondern in der Wahl: direkter Stichel auf blankes Metall, kein Umweg durch Säure. Sechs Blätter, in wenigen Monaten, und dann nie wieder. Was er aus dem Verfahren gemacht hätte, wenn er nach 1914 weitergedruckt hätte, bleibt offen. Er hat nicht weitergedruckt.
Häufige Fragen zu Egon Schiele
Wofür ist Egon Schiele bekannt?
Schiele ist vor allem für seine Zeichnungen und Ölgemälde bekannt: langgliedrige Körper, intensive Konturlinien, Porträts ohne Glättung. Er gilt als einer der radikalsten Vertreter des österreichischen Expressionismus und steht in der Tradition seines Mentors Gustav Klimt, aber mit dem entgegengesetzten Impuls: Wo Klimt ornamentiert, legt Schiele frei. Sein grafisches Werk ist deutlich weniger bekannt.
Was bedeutet "Egon Schiele Akt"?
Egon Schieles Zeichnungen, besonders seine Akte, gehören zu den erkennbarsten des 20. Jahrhunderts. Die Figuren haben verzerrte Proportionen, harte Gelenke, eine Haut, die oft gelblich-grau wirkt. Die Körper sind nicht idealisiert, nicht ausbalanciert. Eine Egon Schiele Zeichnung erkennt man an der Kontur, bevor man das Motiv erfasst: Die Linie ist das Bild, nicht seine Umrahmung. Dieser Umgang mit dem menschlichen Körper brachte Schiele 1912 eine Verhaftung in Neulengbach und eine Verurteilung wegen Zugänglichmachens unzüchtiger Zeichnungen für Kinder ein. Was in seinen Zeichnungen als moralisches Problem verhandelt wurde, war formell dieselbe Direktheit, die er später in seinen Kaltnadeln von 1914 technisch suchte.
Was ist eine Egon Schiele Radierung, und wo entstanden diese Werke?
Streng genommen: keine. Schiele radierte nicht im klassischen Sinne, also nicht mit Säurebad und Ätzprozess. Er arbeitete ausschließlich mit der Kaltnadel, dem Tiefdruckverfahren ohne Ätzung. Alle sechs Kaltnadeln entstanden 1914 in Wien, nach Unterricht bei Robert Philippi. Wer nach Schiele-Radierungen sucht, meint meist diese sechs Blätter, die im Portfolio von 1922 erstmals publiziert wurden.
Was versteht man unter Schiele Druckgrafik?
Schieles druckgrafisches Werk ist schmal: sechs Kaltnadeln von 1914, einige Reliefdrucke als Übungsarbeiten, zwei Holzschnitte für Die Aktion von 1916 und Lithografien kurz vor seinem Tod. Das steht gegen über 2.000 Zeichnungen und rund 400 Ölgemälde. Was die Kaltnadeln unterscheidet: Sie entstanden nicht als Auftrag, sondern als Entscheidung. Kaltnadel, Radierung und Aquatinta sind verschiedene Tiefdruckverfahren. Von diesen dreien wählte Schiele das einzige, das ohne Säure auskommt.
Warum sind Schieles Kaltnadeln grün gedruckt?
Mindestens ein Blatt des 1922er Portfolios, das Bildnis Arthur Roessler, wurde in dunkelgrüner Tinte auf rauem, gelblichem Ätzpapier gedruckt. Warum Nirenstein oder Roessler sich für Grün entschieden, ist in den zugänglichen Quellen nicht überliefert. Wer dieses Blatt nur aus Büchern oder digitalen Archiven kennt, kennt es möglicherweise in der falschen Farbe.
Sind Schieles Kaltnadeln Originale oder Reproduktionen?
Ein Originaldruck entsteht direkt aus dem druckgrafischen Verfahren: Kaltnadel, Radierung, Lithografie oder Siebdruck. Er ist nicht fotografisch reproduziert, sondern von der Platte gezogen. Bei Schieles Kaltnadeln entscheiden Auflage, Zustand und Provenienz, ob ein Blatt ein früher Abzug aus dem 1922er Portfolio ist oder eine spätere Reproduktion. Woran sich Original und Kunstdruck generell unterscheiden, lässt sich am Blatt selbst ablesen: Plattenkante, Grat, Papier.
Quellen und weiterführende Literatur
- Kallir Research Institute / Galerie St. Etienne, New York. Otto Kallir, Werkverzeichnis der Druckgrafik Egon Schieles.
- National Gallery of Art, Washington. Egon Schiele, Kaltnadel-Arbeiten (Open Access Collection).
- Metropolitan Museum of Art, New York. Egon Schiele, Druckgrafik (Open Access Collection).
- Das Graphische Werk von Egon Schiele. Rikola-Verlag, Wien 1922 (herausgegeben von Otto Nirenstein).
Studio Sonsu
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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