Oskar Kokoschka
Oskar Kokoschka (1886–1980) malte die Windsbraut: ein Selbstporträt mit Alma Mahler, zwei Liebende in einem Sturm aus Farbe und Bewegung. Dahinter steht eine Wiener Karriere, die mit einem Skandal begann.
Im April 1913 geraten Oskar Kokoschka und Alma Mahler auf einer Schiffsreise im Golf von Neapel in einen schweren Sturm. Aus diesem Moment entsteht das Gemälde, das später den Titel Die Windsbraut trägt: zwei Liebende in einem Wellenbett aus Farbe, während draußen alles kippt. Den Namen liefert ein Gedicht. Der Dichter Georg Trakl sitzt in denselben Wochen im Atelier, sieht dem Bild beim Entstehen zu und schreibt dort "Die Nacht", das Gedicht, das dem Werk seinen Titel gibt. Kennengelernt haben sich die beiden 1912 in Wien, wo Kokoschka die frisch verwitwete Alma Mahler zeichnete, während sie am Klavier saß.
Dass Kokoschka mit Mitte zwanzig überhaupt in den Wiener Salons verkehrte, in denen er die Witwe Gustav Mahlers zeichnete, verdankte er seinem Ruf. Der hatte ihm die Porträtaufträge des Wiener Bürgertums eingebracht. Kokoschka studierte ab 1904/05 an der Kunstgewerbeschule in Wien bei Anton Ritter von Kenner und Carl Otto Czeschka und fand Anerkennung im Kreis um Gustav Klimt. 1907 beauftragt Fritz Wärndorfer, Direktor der Wiener Werkstätte, den Studenten mit einem Kinderbilderbuch. Was daraus wird, hat mit einem Bilderbuch für Kinder nichts mehr zu tun: Die träumenden Knaben, 1907/08 als Lithografie-Folge gedruckt und Gustav Klimt gewidmet. Der Ruf, der Kokoschka überhaupt erst zu diesen Porträtaufträgen brachte, gründete nicht auf einem Gemälde, sondern auf diesem gedruckten Buch, mit dem der Student bei der Kunstschau überhaupt erst hervortrat.
Wer war der Oberwildling?
Der Skandal, der Kokoschka den Spitznamen einbrachte, beginnt bei einem Drucker, der ablehnt. Am 4. Februar 1908 liefert Kokoschka die Zeichnungen für Die träumenden Knaben ab, und der zunächst vorgesehene Drucker Reissler weigert sich, das Buch überhaupt zu drucken. Erst Berger & Chwala übernehmen den Auftrag und drucken die zehn Bilder, zwei kleine Schwarzweiß-Lithografien zur Einleitung, acht ganzseitige Farblithografien im Buchkörper.
Auf der Kunstschau 1908 hängt das Bilderbuch unter den Katalognummern 16, 17, 26 und 27. Der Wiener Kunstkritiker Ludwig Hevesi tauft den einundzwanzigjährigen Kokoschka nach dieser Ausstellung "Oberwildling". Verkauft haben sich die 500 gedruckten Exemplare damit nicht. Der Großteil bleibt liegen, bis der Leipziger Verleger Kurt Wolff 1917 die verbliebenen 275 Exemplare übernimmt und in neuem Einband herausbringt.
Der Skandal verschaffte ihm einen Namen, der bis zum Architekten Adolf Loos vordrang. Loos fördert Kokoschka nach der Kunstschau und vermittelt die ersten Porträtaufträge aus dem Wiener Bürgertum. Als österreichischer Expressionismus wird das, was Kokoschka hier zeigt, erst rückblickend eingeordnet, verwandt mit der rohen Druckgrafik des deutschen Expressionismus, wie sie Ernst Ludwig Kirchner im Holzschnitt vorantrieb, etwa in den Englischen Steptänzern von 1911. Die Wucht der Blätter ist schon 1908 unübersehbar.
Was verband Kokoschka mit Klimt auf dem Kunstschau-Plakat?
Noch im selben Jahr holen ihn Klimt und der Architekt Josef Hoffmann direkt ins Zentrum der Kunstschau: Sie laden den Skandalkünstler ein, das offizielle Plakat der Ausstellung zu gestalten, gedruckt als Lithografie bei A. Berger, Wien.
Das offizielle Plakat einer solchen Ausstellung war kein Nebenauftrag. Es war das Erste, was jeder Besucher sah, das Bild, mit dem sich die Schau nach außen zeigte. Dem jungen Kokoschka, den halb Wien gerade als "Oberwildling" abtat, ausgerechnet dieses Aushängeschild anzuvertrauen, war eine Ansage der Klimt-Generation. Das nebenstehende Secession-Plakat von Klimt steht in derselben Tradition: ein Ausstellungsplakat als offizielles Gesicht einer Kunstbewegung. Aus derselben Klimt-Generation geht in diesen Jahren auch Egon Schiele einen eigenen, ebenso kompromisslosen Weg.
Aus den Porträtaufträgen, die Loos für ihn vermittelt, geht auch die Begegnung mit Alma Mahler hervor, die Kokoschka wenig später zeichnet.
Wie kam Kokoschka zu Alma Mahler?
Aus der Beziehung mit Alma Mahler, die 1912 begann und bis 1914/1915 dauerte, entstanden sechs Fächer als Geschenke sowie zahlreiche Gemälde und Zeichnungen. Das bekannteste Ölbild dieser Jahre ist die Kokoschka-Windsbraut: rund 181 mal 220 Zentimeter, gemalt 1913/1914 nach dem Sturm im Golf von Neapel, seit 1939 im Kunstmuseum Basel. Die Nationalsozialisten hatten es 1937 als "entartet" aus der Hamburger Kunsthalle beschlagnahmt; 1939 kaufte es der Basler Museumsdirektor Georg Schmidt an. Die Windsbraut ist nur eines von mehreren Werken aus diesen Jahren.
Was zeigt der gefesselte Kolumbus?
Kokoschka beginnt 1913 den Zyklus Der gefesselte Kolumbus: zwölf Lithografien, die seine Besessenheit von Alma Mahler in Bildsprache übersetzen. Der Titel spielt auf einen Film über die Ankunft des Kolumbus an, den die beiden in einem Sommer gemeinsam gesehen hatten; eine historische Erzählung ist damit nicht gemeint.
Fertiggestellt sind die Blätter Anfang 1914. Der Berliner Verleger Fritz Gurlitt bringt die Mappe 1916 heraus, in einer Auflage von 200 Exemplaren, 50 davon auf Japanpapier, 150 auf Bütten. Die illustrierte Buchausgabe von 1921, mit einem Text von Kokoschka selbst, erscheint in 120 Exemplaren auf Zanders-Bütten.
In der zweiten Folge, die im selben Jahr entsteht, gibt Kokoschka den beiden Rollen zum ersten Mal Namen.
Wer ist die Furcht in der Bach-Kantate?
In der Bildfolge O Ewigkeit, du Donnerwort nach der gleichnamigen Bach-Kantate besetzt Kokoschka sich selbst als Hoffnung, Alma Mahler als Furcht. Auf dem vorletzten Blatt steht er selbst im offenen Grab. Aus heutiger Sicht wirkt diese Rollenverteilung befremdlich: Der Mann, der die Beziehung ebenso aktiv führte wie sie, zeichnet sich als Opfer, die Frau als Bedrohung. Für diese Rollenbilder wählte Kokoschka die Lithografie: Sie bot die Unmittelbarkeit und die Tonwerte, die sich mit der Lithokreide direkt auf dem Stein erzeugen lassen. Mit diesem Griff zum Stein stand er nicht allein. Edvard Munch hatte zwei Jahrzehnte zuvor, 1895, sein eigenes Trauma in ein Selbstbildnis mit Skelettarm übersetzt, ebenfalls als Lithografie.
Elf Lithografien entstehen 1914, verlegt von Fritz Gurlitt in Berlin. Insgesamt entstehen rund 125 Exemplare, 25 als Luxusausgabe und 100 in regulärer Ausführung. 1918 folgt eine zweite Mappenausgabe.
Ein Jahr später liegt Kokoschka nicht mehr nur auf dem Papier im Grab.
Was blieb von der Verwundung bei Sikiryczy?
1915 meldet sich Kokoschka freiwillig zur Kavallerie. Am 29. August 1915 wird er bei Sikiryczy in der Ukraine, an der Ostfront, durch einen Kopfschuss und einen Bajonettstich in die Lunge lebensgefährlich verwundet. Die Kopfverletzung beeinträchtigt seinen Gleichgewichtssinn dauerhaft. Schwindelanfälle begleiten ihn den Rest seines Lebens. Eine Schaffenspause legt er trotzdem nicht ein.
Ein Jahr darauf erscheinen vierzehn neue Blätter, wieder bei einem Berliner Verleger, wieder auf Stein.
Was zeigt Hiob?
Hiob, vierzehn Lithografien nach dem biblischen Stoff, entsteht 1916/17 und erscheint 1917 beim Berliner Verleger Paul Cassirer in einer Auflage von 100 Exemplaren. Ein frommer Bibel-Zyklus ist das nicht. Kokoschka greift auf Figuren seines frühen Dramas Sphinx und Strohmann von 1907 zurück und macht aus dem geprüften Dulder eine Farce über den Geschlechterkampf: Geprüft wird der Mann hier von der Frau, nicht von Gott. Kokoschka selbst tritt als gehörnter, um den Verstand gebrachter Hiob auf, der seinen Kopf an die Frauenfigur Anima verliert. Alma Mahler, die ihn kurz zuvor verlassen und Walter Gropius geheiratet hatte, ist überall in die Blätter eingelassen. Gedruckt wird die Folge in der Kupferdruckerei Otto Felsing, derselben Werkstatt, die auch für Edvard Munch und Käthe Kollwitz arbeitete.
Über den Stein beugt sich Kokoschka auch fünf Jahrzehnte später noch, dann für Shakespeare.
Wie viele Blätter blieben am Ende?
1963 entstehen bei Ganymed Original Editions in London siebzehn Original-Lithografien zu Shakespeares König Lear, gedruckt im Atelier J. E. Wolfensberger in Zürich, in einer Auflage von 275 Exemplaren. Zwischen dem Kinderbilderbuch von 1908 und diesen Lear-Blättern liegen fünfundfünfzig Jahre, in denen der Steindruck sein wichtigstes druckgrafisches Medium blieb.
Katalogisiert ist das gesamte druckgrafische Werk im Werkverzeichnis von Hans Wingler und Friedrich Welz, Das druckgraphische Werk, zwei Bände, erschienen 1975 und 1981 bei der Galerie Welz in Salzburg. Am Ende zählt es über 560 Drucke, rund ein Drittel davon aus den 1910er und 1920er Jahren. Kokoschka stirbt am 22. Februar 1980 in Montreux, eine Woche vor seinem vierundneunzigsten Geburtstag.
Die Zahl allein erklärt nicht, warum die Windsbraut die einzige Kokoschka-Arbeit blieb, die die meisten je gesehen haben.
Wer heute vor dem Ölbild in Basel steht, sieht die Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte hängt nicht an einer Museumswand, sie liegt gedruckt in Mappen: Der gefesselte Kolumbus, die Bach-Kantate, zwei vollständige Lithografie-Zyklen zur selben Beziehung, mit derselben Wucht wie der Sturm vor Neapel, nur in einem anderen Medium. Windsbraut-Reproduktionen hängen inzwischen in unzähligen Wohnungen als Poster. Das Original bleibt in Basel, die Lithografien liegen in Museumsdepots und Auktionskatalogen. Ob ein Museumsbesuch vor der Windsbraut künftig anders aussieht, wenn man weiß, dass Kokoschka dieselbe Wunde noch zweimal woanders verarbeitet hat, muss jeder für sich entscheiden.
Häufige Fragen zu Oskar Kokoschka
Was zeigt Die Windsbraut?
Zwei Liebende, Kokoschka und Alma Mahler, liegen umschlungen in einem Wellenbett aus Farbe, während um sie herum Himmel und Meer ineinander kippen. Das Ölbild (rund 181 x 220 cm) entstand 1913/1914 nach einem Sturmerlebnis im Golf von Neapel und hängt seit 1939 im Kunstmuseum Basel.
Wer war Alma Mahler für Kokoschka?
Alma Mahler, die Witwe Gustav Mahlers, lernte Kokoschka 1912 in Wien kennen, als er sie am Klavier zeichnete. Aus der bis 1914/1915 dauernden Beziehung entstanden sechs Fächer als Geschenke sowie zahlreiche Gemälde und Zeichnungen.
Wo hängt Die Windsbraut heute?
Im Kunstmuseum Basel, wo das Bild seit 1939 hängt. Die Nationalsozialisten hatten es 1937 als "entartet" aus der Hamburger Kunsthalle beschlagnahmt; 1939 kaufte es das Kunstmuseum Basel an.
Warum wurde Kokoschka "Oberwildling" genannt?
Der Kritiker Ludwig Hevesi prägte den Begriff 1908 nach dem Auftritt bei der Wiener Kunstschau, wo Kokoschkas Bilderbuch Die träumenden Knaben einen Skandal auslöste. Der Ruf verschaffte ihm kurz darauf die Förderung durch Adolf Loos.
Wie viel Werk ist von Kokoschka überliefert?
Über 560 Drucke, katalogisiert im zweibändigen Werkverzeichnis von Wingler und Welz, dazu Gemälde, Wandbilder und Bühnenbilder. Rund ein Drittel der Drucke entstand allein in den 1910er und 1920er Jahren.
Quellen und weiterführende Literatur
- Museum of Modern Art, New York: Sammlung der Lithografie-Zyklen (Der gefesselte Kolumbus, O Ewigkeit du Donnerwort, Hiob)
- Metropolitan Museum of Art, New York: Die träumenden Knaben, Erstausgabe der Wiener Werkstätte (1908)
- Kunstmuseum Basel: Die Windsbraut, Sammlung seit 1939
- Hamburger Kunsthalle: Provenienz Die Windsbraut (Beschlagnahmung 1937)
- Hans M. Wingler, Friedrich Welz: Oskar Kokoschka. Das druckgraphische Werk (Galerie Welz, Salzburg, 1975 und 1981)
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de