Was ist ein Linolschnitt?

Ein Linolschnitt ist ein Hochdruckverfahren: Die Künstlerin schneidet Bereiche aus einer Linoleumplatte heraus, nur die stehengebliebenen Flächen nehmen Farbe an und drucken. Das gibt klare Konturen, geschlossene Farbflächen, kein Grau. Als Original-Druckgrafik wird jedes Exemplar von Hand gedruckt, nummeriert und in Bleistift signiert.

Vallauris, 1958. Picasso beginnt, fast jede Nacht an einer neuen Linolplatte zu arbeiten. Morgens bringt sein Chauffeur die Entwürfe zur Imprimerie Arnera, nachmittags liegen die ersten Farbabzüge auf seinem Arbeitstisch. Eine Zusammenarbeit über Jahre, fünf Tage die Woche. Am Ende dieser Jahre existiert eine Serie von fast zweihundert Linolschnitten, die verändert, wie die Kunstwelt diese Technik einordnet.

Denn vorher galt der Linolschnitt als Kinderkram. Leichter zu schneiden als Holz, weicher, ohne Maserung, in Kunsthochschulen für den ersten Schnitt-Unterricht genutzt. Dass ein Bodenbelag-Material aus den 1860ern zum bevorzugten Werkzeug eines der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts werden würde, war kein geplanter Weg. Er entstand, weil Picasso 1958 anfing zu experimentieren, und weil er einen Drucker fand, der bereit war, jeden Tag mit ihm zu arbeiten.

Wie entsteht ein Linolschnitt?

Henri Matisse, Nu à la rivière, Linolschnitt aus der Pasiphaé-Serie, 1944, weiße Linien auf schwarzem Grund
Henri Matisse, Nu à la rivière, 1944. Linolschnitt ([Weißlinienschnitt](/pages/weisslinienschnitt)) aus dem Künstlerbuch Pasiphaé: Chant de Minos. Public Domain.

Der Ausgangspunkt ist eine Platte aus Linoleum, typischerweise graubraun oder graublau, zwischen drei und sechs Millimeter stark. Das Material besteht aus Leinöl, Korkmehl, Holzmehl, Kalksteinpulver und Naturharzen, auf Jutegewebe gepresst. Industriell hergestellt, richtungslos, ohne Maserung.

Genau das ist der entscheidende Unterschied zum Holzschnitt. Beim Holz kämpft man mit der Faser: sie zieht den Schnitt in eine Richtung, gibt Widerstand, hinterlässt Spuren. Beim Linoleum gibt das Material gleichmäßig in jede Richtung nach. Geschwungene Linien, Spiralen, enge Kurven, das alles geht ohne Kraftaufwand. Das Linoleum gibt nach, das Holz kämpft zurück. Deshalb arbeitete Picasso in seinen späten Jahren fast nur noch auf Linoleum, nicht auf Holz (ausführlicher im Vergleich Holzschnitt vs. Linolschnitt).

Schneiden

Für den Schnitt kommen V-Eisen und U-Eisen zum Einsatz, seltener der Messerwinkel. Das V-Eisen erzeugt feine Linien, das U-Eisen räumt größere Flächen aus. Beide Werkzeuge arbeiten nach demselben Prinzip: Was weggeschnitten wird, bleibt später weiß. Was stehen bleibt, druckt. (Die Schritt-für-Schritt-Praxis dokumentieren wir gesondert in der Linoldruck-Anleitung für alle, die selbst schneiden wollen.)

Dabei ist jeder Schnitt endgültig. Kein Zurück, keine Korrektur. Wer zu viel wegnimmt, arbeitet von vorne. Diese Unwiderruflichkeit ist kein Nachteil der Technik, sie ist ihr Charakter.

Einfarben und Drucken

Nach dem Schneiden wird die Platte mit einer Gummirolle und druckgrafischer Farbe eingefärbt. Nur die erhabenen Bereiche nehmen die Farbe auf. Das Papier wird aufgelegt, mit einer Presse oder per Hand abgerollt, und der Abzug ist fertig.

Für mehrfarbige Arbeiten gibt es zwei Methoden: Mehrere Platten, eine pro Farbe, oder der Reduktionsdruck. Der Linolschnitt gehört zur Familie der Hochdruckverfahren, zusammen mit dem Holzschnitt, im Gegensatz zu Tiefdruckverfahren wie der Radierung oder Flachdruckverfahren wie der Lithografie und Durchdruck wie dem Siebdruck. Einen Überblick über alle Verfahren gibt die Seite Druckgrafik.

Wer hat den Linolschnitt eigentlich groß gemacht?

Linoleum entwickelte Frederick Walton Anfang der 1860er Jahre in England als Bodenbelag, das Patent für das Fußbodenmaterial folgte 1863. Niemand dachte dabei an Kunst.

Der erste, der Linoleum als Druckträger erkannte, war Franz Cizek, ein österreichischer Kunstpädagoge, nach 1890 in Wien. Er nutzte das weiche Material in seinem Unterricht, weil es Kindern und Anfängern leichter in der Hand liegt als Holz. Aus dem pädagogischen Behelfs-Material wurde ein ernsthaftes Medium.

Die Expressionisten der Brücke entdeckten es kurz danach: Erich Heckel arbeitete um 1903 mit Linolplatten, noch bevor die Brücke formal gegründet wurde (die Formulierung "wohl als erster" signalisiert auch in der Quelle selbst Vorbehalte, andere deutsche Künstler mögen etwa zur gleichen Zeit gearbeitet haben). Ernst Ludwig Kirchner folgte 1904/05. Was sie schätzten: Das weichere Material erlaubte schnellere, großflächigere Arbeiten als Holz, passend zu ihrer expressiven Bildsprache. Auch August Macke nutzte den Linolschnitt: Sein 1912 entstandenes Blatt "Begrüßung" ist ein Einplattendruck in Schwarz auf braunem Papier, ein früher Beleg dafür, dass die Technik in die deutsche Moderne eingezogen war.

Was bis heute in fast keinem deutschen Text über Linolschnitt steht: die Grosvenor School in London. Claude Flight lehrte dort von 1926 bis 1930 Linolschnitt und entwickelte mit seinen Studierenden einen vollständig eigenen Stil. Kubismus, Futurismus und englischer Vortizismus flossen zusammen zu Drucken mit starker Bewegungsdynamik und gesättigten Mehrfarb-Flächen. 1929 zeigte die Redfern Gallery in London die erste Ausstellung unter dem Titel "British Lino-Cuts".

Unter den Studierenden war Cyril Power. Sein Linolschnitt "The Eight" von 1930, aus vier separaten Platten in Chrome Orange, Permanent Blue, Pale Chrome und Chinese Blue auf Japanpapier gedruckt, befindet sich seit 2019 in der Sammlung des Metropolitan Museum of Art New York. Flights eigene Drucke wurden in Auflagen von 50 Exemplaren mit Bleistift nummeriert. "Brooklands" erzielte im Dezember 2020 bei Bonhams 44.000 Pfund.

Dann kam Picasso.

Hat Picasso den Reduktionsschnitt erfunden?

Die Geschichte, die überall steht: Picasso erfand den Reduktionsschnitt in Vallauris. Die präzisere Geschichte ist interessanter.

Das Prinzip einer einzigen, schrittweise reduzierten Druckplatte war nicht neu. Paul Gauguin arbeitete bereits 1899 beim Holzschnitt mit einer vergleichbaren Reduktionsmethode, britische und amerikanische Kunstschulen experimentierten in den 1940er Jahren damit, und der US-Amerikaner Alfred Sessler druckte 1957 mit exakt diesem Verfahren auf Linoleum. Picasso hat die Methode also nicht erfunden, er hat sie so gründlich sichtbar gemacht, dass sie für viele mit ihm gleichgesetzt wird. Kunsthistorikerin Alisa Bunbury korrigierte diese Zuschreibung 2001, aber in den meisten Artikeln steht bis heute: Picasso hat es erfunden.

Beim Reduktionsschnitt wird eine einzelne Platte für alle Farbschichten verwendet. Erste Farbe drucken, dann Material wegnehmen, zweite Farbe drucken, wieder wegschneiden, weiter. Am Ende ist dieselbe Platte für alle Farbdurchgänge verbraucht. Ein Nachdruck ist nicht möglich.

Picassos erster bedeutender Farblinolschnitt "Toros Vallauris" entstand am 24. Juni 1958, gedruckt von Imprimerie Arnera auf Arches Vellum, in einer nummerierten Auflage von 195 Exemplaren. Baer-Katalognummer 1049.

Hidalgo Arnera (1922–2007) war der technische Partner hinter dieser Arbeit. Die Zusammenarbeit lief täglich, ausgenommen Samstag und Sonntag, in ihrer intensivsten Phase (1958–1965). Picasso arbeitete nachts. Sein Chauffeur Marcel brachte morgens die kommentierten Probedrucke, mit Notizen von Jacqueline Roque, zur Druckerei. Gegen 13:30 Uhr lieferte Arnera die neuen Abzüge zurück zur Villa La Californie. Insgesamt entstanden in Vallauris rund 197 Linolschnitt-Sujets zwischen 1954 und 1968, darunter 24 Plakate für das lokale Töpferfest.

Der Linolschnitt war damit aus dem Kunstschul-Kontext in die Museumssammlungen gezogen. Auf Picassos Arbeiten antwortete David Hockney mit eigenen Linolschnitt-Studien — ein Echo, das die Technik in die britische Nachkriegsmoderne trug.

Woran erkennst du einen Original-Linolschnitt?

Richenda Court, Peregrine, 2022, Linolschnitt: scharfe Silhouette eines Wanderfalken, schwarze Fläche gegen hellen Grund
Richenda Court, Peregrine, 2022, Linolschnitt. Ein zeitgenössisches Beispiel für die Bildsprache des Linolschnitts: geschlossene Flächen, klare Kanten, kein Grau.

Wenn du ein Werk in der Hand hast und dich fragst, ob es ein Original ist, schau an vier Stellen nach. Keine davon braucht Spezialwerkzeug, eine Lupe reicht.

Signatur und Nummerierung. Jeder Original-Linolschnitt aus einer Auflage trägt eine Bleistift-Signatur rechts unter dem Druckbild und eine Editionsnummer links, z.B. 4/30. Die Zahl links gibt dein Exemplar an, die Zahl rechts die Gesamtauflage. Druckfarbe, Kugelschreiber oder Stempel: kein Original. Bleistift ist Pflicht, weil es handschriftlich und nicht reproduzierbar ist.

Das Druckbild selbst. Ein Original-Linolschnitt zeigt keine Rasterpunkte unter der Lupe. Offsetdruck und digitale Reproduktionen werden immer gerastert. Beim Original siehst du die tatsächliche Druckfarbe, manchmal mit minimalen Unregelmäßigkeiten, die genau dort entstehen, wo das Werkzeug des Künstlers auf die Platte traf.

Papier und Format. Original-Druckgrafik wird auf schwerem Künstlerpapier gedruckt, nicht auf Fotopapier. Das Papier hat Gewicht. Der Rand um das Druckbild ist breiter als bei Reproduktionen, weil er für Signatur und Nummer gebraucht wird. Das Druckbild endet scharf, ohne Auslaufen.

Beim Linolschnitt kein Plattenrand. Im Unterschied zur Radierung hinterlässt ein Linolschnitt keine Prägespur im Papier. Radierungen erkennt man an der tastbaren Einpressung der Platte, dem sogenannten Plattenrand. Beim Linolschnitt fehlt dieser. (Mehr dazu im Ratgeber Original vs. Kunstdruck.)

Wie lebendig ist der Linolschnitt heute noch?

Richenda Court, Behind the Human Ocean, Linolschnitt, Stuart Southall Printmaking Prize 2020: figurative Komposition mit Naturmotiven
Richenda Court, Behind the Human Ocean, Linolschnitt. Gewann 2020 den Stuart Southall Printmaking Prize der Bankside Gallery in London.

Alle drei Jahre landen in einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg rund 500 Linolschnitte aus aller Welt: Bewerbungen für die einzige Triennale, die sich ausschließlich dieser Technik widmet. Sie heißt "Linolschnitt heute", und dass sie ausgerechnet in Bietigheim-Bissingen stattfindet, ist kein Zufall. 1899 wurde dort die erste Linoleumfabrik der Stadt gegründet. Die Städtische Galerie vergibt seit 1989 drei Preise (5.000, 3.000, 2.000 Euro) und kauft die stärksten Arbeiten für die eigene Sammlung an. Wer verstehen will, was zeitgenössisch im Linolschnitt möglich ist, findet in den Triennale-Katalogen das dichteste Bildmaterial weltweit.

Richenda Court zählt zu den Künstlerinnen, die den Linolschnitt heute als eigenständiges Medium betreiben. Ihre Arbeiten finden sich in der RE Diploma Collection, im Victoria and Albert Museum und in der British Library. 2021 wurde sie ARE-Mitglied der Royal Society of Painter-Printmakers. Ihr Linolschnitt "Behind the Human Ocean" gewann 2020 den Stuart Southall Printmaking Prize der Bankside Gallery.

Beim Drucken geht jeder Schnitt in eine Richtung: vorwärts. Laura Boswell, Mitglied der Royal Society of Painter-Printmakers, nennt es einen "one-way process, because once you start cutting that block, you can't go back". Für den Reduktionsschnitt gilt das besonders. Als Matisse 1943/44 sein Künstlerbuch Pasiphaé mit 147 Linolschnitt-Illustrationen abschloss, ließ er alle Druckplatten nach der Buchauflage von 250 Exemplaren vernichten. Kein Nachdruck möglich.

FAQ

Was kostet ein Original-Linolschnitt?

Original-Linolschnitte im Studio Sonsu Sortiment beginnen ab 30 Euro. Der größte Teil des Angebots liegt zwischen 200 und 500 Euro. Auflagen sind typischerweise auf 15 bis 30 Exemplare begrenzt, jedes Werk wird in Bleistift signiert und nummeriert.

Was ist der Unterschied zwischen Linolschnitt und Holzschnitt?

Beide sind Hochdruckverfahren. Der Hauptunterschied liegt im Material: Holz hat eine Maserung, die den Schnitt beeinflusst und dem fertigen Druck eine körnige Textur gibt. Linoleum ist richtungslos, der Schnitt geht gleichmäßig in jede Richtung. Linolschnitte wirken dadurch oft grafischer, Holzschnitte organischer. Den direkten Materialvergleich zwischen Holzschnitt und Linolschnitt haben wir in einer eigenen Gegenüberstellung dokumentiert.

Was ist ein Reduktionsschnitt?

Beim Reduktionsschnitt wird dieselbe Platte für alle Farbdurchgänge verwendet. Erste Farbe drucken, dann weiterschneiden, zweite Farbe drucken, weiter schneiden, bis alle Schichten gedruckt sind. Am Ende ist die Platte irreversibel verändert. Ein Nachdruck ist ausgeschlossen. Die Technik zwingt zur Entscheidung und macht jeden Abzug unwiderruflich. Die vollständige Geschichte der Methode steht auf der Seite zur verlorenen Platte.

Woran erkenne ich einen echten Linolschnitt?

Bleistift-Signatur rechts unten, Editionsnummer links unten, z.B. 4/30. Kein Raster unter der Lupe. Schweres Künstlerpapier. Kein Plattenrand (den gibt es nur bei Radierungen). Unregelmäßigkeiten in der Druckfarbe sind kein Fehler, sondern das Zeichen einer handgefertigten Arbeit. Mehr zur Unterscheidung: Original vs. Kunstdruck.

Ist ein Linolschnitt eine limitierte Auflage?

Ja. Jede Auflage wird in einer festgelegten Anzahl gedruckt, danach nicht wiederholt. Bei Studio Sonsu liegt die typische Auflage bei 15 bis 30 Exemplaren. Nach der Auflage wird nicht nachgedruckt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Wikipedia DE: Linolschnitt (technische Klassifikation, Entstehungsgeschichte, Materialzusammensetzung)
  • Alisa Bunbury (2001): Picasso Linocuts. National Gallery of Australia, Canberra. Zur Zuschreibung des Reduktionsschnitts.
  • Galerie Bietigheim-Bissingen: Linolschnitt heute, Triennale-Dokumentation (galerie.bietigheim-bissingen.de)
  • IFPDA Foundation: Grosvenor School / Redfern Gallery 1929 (ifpdafoundation.org)
  • Oklahoma City Museum of Art: Picasso's Linocut Process, Audio-Guide zu Arnera und Vallauris (okcmoa.com)

Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Kuratiertes Sortiment von Radierungen, Linolschnitten, Lithografien, Holzschnitten und Siebdrucken, alle handsigniert, alle limitiert.

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