Helen Frankenthaler

Helen Frankenthaler (1928–2011) malte direkt auf dem Boden. Sie schüttete Farbe auf rohe, ungrundierte Leinwand, ließ sie einziehen, ließ das Terpentin die Ölfarbe tragen. Mountains and Sea (1952), 219 x 297 Zentimeter, hängt heute auf Dauerleihgabe in der National Gallery of Art in Washington.

Herbst 1952, New York, Atelierboden. Frankenthaler gießt mit Terpentin verdünntes Öl direkt auf den Stoff, kein Gesso hält die Farbe auf. Die Farbe gehört dem Stoff, nicht dem Pinsel. Clement Greenberg brachte Morris Louis und Kenneth Noland 1953 in Frankenthalers Atelier. Beide übernahmen das Soak-Stain-Verfahren für ihre eigene Arbeit. Was später als Ausgangspunkt der Color-Field-Malerei gelten sollte, begann auf diesem Boden, mit diesem Eingießen.

Was neun Jahre später in West Islip, Long Island, passierte, war das physikalische Gegenteil davon.

1960 lud Tatyana Grosman, Gründerin von Universal Limited Art Editions (ULAE), Frankenthaler in ihre Werkstatt ein. Die Einladung kam, wie Grosman das machte: nicht frontal, sondern über Grace Hartigan und Larry Rivers. Frankenthaler war skeptisch. Ihr Verfahren basierte darauf, dass Farbe einzieht. Die Lithografie verlangt das Gegenteil: Tusche liegt auf einem nassen Kalkstein, Wasser und Fett stoßen sich ab, das Bild existiert als Trennungsphänomen, nicht als Absorption. First Stone (1961) ist das Dokument dieser Kollision. Frankenthalers Lithografien beginnen dort, wo die Physik nicht mitspielt.

Was passiert mit einem Bild, wenn Farbe nicht einziehen kann?

Frankenthaler beschrieb ihre erste Begegnung mit dem Druckmedium später so: Sie sei sehr skeptisch gewesen, voller Fragen, habe nicht gespürt, dass Druckgrafik für sie als Teil ihrer Avantgarde-Arbeit infrage komme ("I was very suspicious and full of questions, and felt that printmaking did not hold for me as something that was part of my involvement in the avant-garde"). Frankenthaler selbst nannte First Stone ihr "suppose print", ein Tastbild.

First Stone entstand 1961 in der ULAE-Werkstatt in West Islip. Drucker war Robert Blackburn. Auf fünf Steinen arbeitete Frankenthaler mit Tusche-Wash und Kreide. Als Werkzeuge benutzte sie Papiertaschentücher, einen Stock und den bloßen Finger. Das ist körperliche Improvisation auf einer Oberfläche, die Improvisation eigentlich nicht erlaubt. Das fertige Blatt: Arches Satine, 76,2 x 55,9 cm, Auflage 12.

Ein Satz, den Frankenthaler ebenfalls im Krens-Katalog festhielt, beschreibt das Problem präziser als jede Technikerklärung: Sie sei es gewohnt gewesen, alles auf einmal zu tun, und habe gelernt, dass Druckgrafik nicht ungeduldig angegangen werden kann, wenn sie gut sein soll ("I was used to doing things all at once, and I had to learn that printmaking cannot be done impatiently if it's to be done well"). Soak-Stain war ein Einmalvorgang. Lithografie ist Mehrfachentscheidung: Stein wählen, Tusche ansetzen, Feuchtigkeit regulieren, vor dem Druck abnehmen.

Im Werkverzeichnis Harrison/Pegram (S. 53) ist First Stone als Eröffnungsnummer verzeichnet: Vier unabhängige Kataloge geben ihr dieselbe laufende Nummer eins, Berggruen 1, Clark 1, ULAE 1, NGA 1. Ein Anfang, rückwirkend kanonisiert.

Was sie nicht wusste: Acht Jahre später würde sie auf dem Boden derselben Werkstatt arbeiten, nur diesmal mit drei Steinen nebeneinander.

Was sieht Frankenthaler, wenn sie das Papier gegen das Licht hält?

1969 entstand bei ULAE A Slice of the Stone Itself, eine Lithografie in zwei Farben auf handgemachtem französischem Papier, 48,3 x 38,1 cm, Auflage 24.

Frankenthaler war zunächst unzufrieden mit der Papierwahl. Tatyana Grosman überredete sie. Dann hielt sie das Blatt gegen das Licht und kommentierte die Papierfarbe so: Es sei, als hätte man die Oberfläche des Steins selbst abgenommen, mit all seinen Splittern und Brocken, genau diese Farbe, mit all den fehlenden Stellen, dem Bröckeln und den Rissen ("It's as if you skimmed the top of the stone with all of its chips and chunks, just that color, with all the missing parts and the crumbling and cracks"). Ein Satz, der den Lithografiestein als Material beschreibt, nicht als Werkzeug.

Die Papier-Überredung zeigt, wie Grosman in den Prozess eingriff: mit eigenen ästhetischen Überzeugungen, nicht als Auftragsgeberin.

Aber 48 Zentimeter Höhe reichten nicht. Was Frankenthaler brauchte, war der Maßstab, den sie von der Leinwand kannte.

Was entsteht, wenn der Boden die Staffelei ersetzt?

Für eine Retrospektive in der Corcoran Gallery in Washington D.C., deren Räume auf übergroße Werke ausgelegt waren, brauchte ULAE ein Werk, das die Raummaße ernstnimmt. Lot's Wife (1971) ist das Ergebnis.

Drei große Lithografiesteine lagen nebeneinander auf dem Boden der ULAE-Werkstatt. Frankenthaler arbeitete über ihnen, von oben, genau wie 1952 über der Leinwand: zeichnen, malen, Wasser darüberwerfen. Drucker waren Fred Akers und David Umholtz. Sechs Farben, japanisches Handpapier, Auflage 17.

Die Sektionsmaße: Oberteil 106 x 91,4 cm, Mittelteil 127 x 91,4 cm, Unterteil 104,8 x 91,4 cm. Gesamthöhe 330,2 cm laut ULAE-Angabe. Das Whitney Museum New York hält das Triptychon unter Accession-Nummer 78.52a-c. Im Raisonné: Berggruen 27, Clark 34, ULAE 20, NGA 19.

130 Zoll. Das sind fast 3,30 Meter. Man druckt das nicht aus einem Wunsch nach Aufmerksamkeit. Man druckt das, weil man keine andere Wahl sieht. Die Floor-Drawing-Methode der Soak-Stain-Malerei ist hier vollständig in den Druckprozess übersetzt: der Gestus blieb, die Physik änderte sich. Der Stein stieß die Tusche immer noch ab. Sie stand trotzdem drüber.

1976 holte Frankenthaler die Proofs dieses Werks noch einmal hervor und überarbeitete zwei Impressionen mit Kreide und Farbe per Hand. Ein solches handkoloriertes Exemplar wurde 2019 bei Sotheby's mit einer Schätzung von 50.000 bis 70.000 USD angeboten. Fünf Jahre nach dem Erstdruck, und das Bildproblem war noch nicht abgelegt.

Was entsteht nach achtzehn Monaten und 23 Entwürfen?

Ab 1976 arbeitete Frankenthaler bei Tyler Graphics in Bedford Village, New York, später in Mount Kisco (ab 1987). Die Zusammenarbeit dauerte 25 Jahre. Bei Tyler entstanden unter anderem Holzschnitte, darunter Essence Mulberry (1977), ein Holzschnitt in acht Farben.

Divertimento (1983) ist das dichteste Dokument, das wir von Frankenthalers Druckgrafik-Zusammenarbeit dieser Jahre haben. Das Werk entstand jedoch nicht bei Tyler, sondern beim Hartford Workshop unter Drucker John Hutcheson. Arbeitsbeginn September 1981. Etwa achtzehn Monate. 23 Trial- und Working-Proofs. Am Ende schrieb Frankenthaler auf den finalen Druckabzug: "Ok to print! Enfin!" Eine Ausstellung des Block Museum der Northwestern University zeigte 2025 Divertimento zusammen mit einer vollständigen Suite dieser Proofs.

Frankenthalers Haltung zu Zusammenarbeit war klar formuliert. In einem Essay für den Print Collector's Newsletter schrieb sie im Juli 1977: Sie wolle ihre eigenen Bilder zeichnen, ihre eigenen Farben mischen, Passermarken abnehmen, Papier auswählen, alle Überlegungen und Wiedererwägungen selbst treffen ("I want to draw my own images, mix my own colors, approve of registration marks, select paper -- all the considerations and reconsiderations"). Gleichzeitig hatte Kontrolle eine Grenze: Sie wolle nicht, dass jemand an ihren Farben herumhändle, genauso wenig wie sie so täte, als wisse sie, wie man dieses herrliche Proof-Bett bedient ("I don't want someone to monkey with my colors, in the same way that I wouldn't pretend to know how to work that magnificent proofing bed"). Kontrolle und Arbeitsteilung als zwei Seiten derselben Sache.

Frankenthaler gilt als Künstlerin der Intuition. Das Bild davon stimmt mit den Proofs nicht überein. 23 Überarbeitungen über 18 Monate sind kein Zufall. Das ist Kontrolle, die wie Zufall aussieht. Die Spontaneität verlangsamt sich, verwandelt sich in Arbeit.

Was bleibt von 33 Jahren in einem Werkverzeichnis?

In dem 1980 von Thomas Krens edierten Katalog ihrer Drucke beschrieb Frankenthaler die Skepsis, mit der alles begann. Ein bemerkenswerter Rückblick für jemanden, der zu diesem Zeitpunkt bereits fast zwanzig Jahre lang eine der umfangreichsten druckgrafischen Karrieren ihrer Generation aufgebaut hatte.

Das Werkverzeichnis Harrison/Pegram, erschienen 1996 bei Harry N. Abrams in New York, 510 Seiten, dokumentiert 235 Editions-Drucke über 33 Jahre, von 1961 bis 1994. Mehr als 70 Proofs ebenfalls in Farbe reproduziert. Rund 70 Schwarz-Weiß-Abbildungen, darunter Fotos aus verschiedenen Werkstätten. 235 Editionen in 33 Jahren, dokumentiert auf 510 Seiten: das ist keine Seitenaktivität neben der Malerei, das ist ein zweites Lebenswerk. Das Verzeichnis beschreibt für jede Edition alle überlieferten Proofs mit Maßen, Farben, Inschriften und der Beziehung zwischen Proof und Endauflage.

Das Werkverzeichnis reiht Frankenthaler ein unter die berühmten Druckgrafikerinnen und -grafiker des 20. Jahrhunderts.

Die 1981er Monoprint-Serie bei Tyler Graphics, eine andere Werkgruppe mit eigener Systematik, fehlt im Raisonné.

Was bleibt, als Bild: 1952 lag Leinwand auf dem Boden eines New Yorker Ateliers und die Farbe zog ein. 1971 lagen drei Lithografiesteine auf dem Boden der ULAE-Werkstatt in West Islip und die Farbe wurde abgestoßen und kontrolliert aufgetragen. Derselbe Gestus. Entgegengesetzte Physik. Zwischen diesen beiden Böden: 235 Editionen, achtzehn Monate auf Divertimento, Papiertaschentücher und der bloße Finger auf dem Lithografiestein, und Tatyana Grosmans Überredung bei der Papierwahl für A Slice of the Stone Itself.

Ohne Grosmans Einladung 1960 hätte Frankenthaler womöglich nie einen Lithografiestein berührt. Das Werkverzeichnis Harrison/Pegram wäre dünner, oder es gäbe keins.

FAQ

Wo hängt Mountains and Sea heute?

Mountains and Sea (1952) befindet sich auf Dauerleihgabe in der National Gallery of Art in Washington D.C. Frankenthaler behielt das Bild ihr Leben lang. Die Maße betragen 219,4 x 297,8 cm.

Was ist ULAE und welche Rolle spielt die Werkstatt in Frankenthalers Werk?

Universal Limited Art Editions wurde von Tatyana Grosman 1957 in West Islip, Long Island gegründet. ULAE lud Maler ein, die keine Druckerfahrung hatten, und arbeitete mit ihnen, bis etwas entstand. Frankenthaler begann dort 1961 mit First Stone und arbeitete bis in die 1970er Jahre regelmäßig in der Werkstatt. Ab 1976 kam Tyler Graphics hinzu. Beide Orte sind im Druckwerkstätten-Atlas dokumentiert.

Was zeichnet Helen Frankenthalers Lithografien aus?

Helen Frankenthalers Lithografien übertragen den körperlichen Gestus der Soak-Stain-Malerei in ein Medium, das physikalisch das Gegenteil verlangt. Statt Absorption arbeitet sie mit Fett-Wasser-Trennung auf Kalkstein. Das Ergebnis sind keine gelernten Druckgrafiken, sondern Druckgrafiken, die von einem Malerei-Problem herkommend neu gedacht wurden. 235 Editionen zwischen 1961 und 1994 dokumentieren diesen Prozess.

Wie verhält sich Frankenthalers spätere Arbeit zu Mountains and Sea?

Mountains and Sea gilt als Ausgangspunkt der Color-Field-Bewegung. Was danach folgte, war kein Bruch damit, sondern eine Auseinandersetzung mit denselben physikalischen Fragen unter anderen Bedingungen. Auf dem Atelierboden arbeitete Frankenthaler mit Absorption. In der Druckwerkstatt stand sie vor dem Gegenteil. Lot's Wife (1971), drei Steine nebeneinander auf dem Werkstattboden, ist die direkteste Antwort auf diese Spannung: gleicher Gestus, andere Physik.

Wie groß ist Frankenthalers Werkverzeichnis bei Harrison/Pegram?

Das 1996 bei Harry N. Abrams erschienene Werkverzeichnis von Elissa Harrison und Peggy Pegram dokumentiert 235 Editions-Drucke aus dem Zeitraum 1961 bis 1994, alle in Farbe reproduziert. Hinzu kommen mehr als 70 Proofs in Farbe und rund 70 Schwarz-Weiß-Abbildungen. Das Buch umfasst 510 Seiten. First Stone trägt die laufende Nummer eins in vier unabhängigen Katalogen. Frankenthalers Signatur auf den Editionen entspricht dem Standard einer Originaldruckgrafik; was das genauer bedeutet, erklärt die Seite zu Original vs. Kunstdruck.

Woran erkennt man, dass Frankenthaler zum Color Field gehört?

Die abstrakte Kunst des Color Field entstand aus der Beobachtung, dass Farbe eine eigene Logik entwickelt, wenn sie nicht durch Pinselführung gesteuert wird, sondern sich in einen Untergrund zieht. Morris Louis und Kenneth Noland sahen Mountains and Sea 1953 und bauten darauf auf. Frankenthalers Soak-Stain-Verfahren war kein Resultat einer ästhetischen Theorie, sondern einer praktischen Entscheidung: keine Grundierung, verdünntes Öl, roher Stoff.

Quellen und weiterführende Literatur

Harrison, Elissa; Pegram, Peggy. Frankenthaler: A Catalogue Raisonné, Prints 1961-1994. Harry N. Abrams, New York, 1996.

Krens, Thomas (Hg.). Helen Frankenthaler Prints: 1961-1979. Williams College Museum of Art, 1980.

Universal Limited Art Editions (ULAE). Online-Katalog der Werkstatt in West Islip, New York.

National Gallery of Art, Washington D.C. Dauerleihgabe Mountains and Sea.

Whitney Museum of American Art. Collection Accession 78.52a-c (Lot's Wife, 1971).

Zuletzt aktualisiert am 02.06.2026.

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