Abstrakte Kunst

Abstrakte Kunst verzichtet auf die Darstellung erkennbarer Gegenstände. Farbe, Form, Linie und Komposition werden selbst zum Inhalt des Werks.

Nach gängiger Datierung begann die Bewegung um 1910. In der Druckgrafik gewinnt Abstraktion eine besondere Qualität, weil das drucktechnische Verfahren den Gestaltungsspielraum begrenzt und so eigene visuelle Ergebnisse erzeugt.

1922, Bauhaus Weimar. Kandinsky druckt zwölf Blätter für eine Mappe namens Kleine Welten. Drei Techniken: vier Lithografien, vier Holzschnitte, vier Kaltnadelradierungen. Dieselbe Formensprache, dieselben Kreise und Winkel und diagonalen Spannungen. Aber jede Technik zwingt Kandinsky zu anderen Entscheidungen.

Die Lithografien haben weiche Farbflächen, fließende Übergänge. Die Holzschnitte: harte Konturen, Schwarz gegen Weiß, keine Zwischentöne. Die Kaltnadelblätter zeigen feine, fast vibrierende Linien. Drei Versionen desselben Gedankens. Jede sieht fundamental anders aus. Nicht weil Kandinsky anders gedacht hat, sondern weil das Material anders denkt.

Wassily Kandinsky, Kleine Welten I, Farblithografie, 1922. Abstrakte Komposition mit weichen Farbflächen und fließenden Farbübergängen in Blau, Rot und Gelb. Quelle: National Gallery of Denmark, Public Domain.
Wassily Kandinsky, Kleine Welten I, Farblithografie, 1922 — weiche Farbflächen, fließende Übergänge. Quelle: National Gallery of Denmark, Public Domain.
Wassily Kandinsky, Kleine Welten VI, Holzschnitt, 1922. Abstrakte Komposition mit harten [Schwarz-Weiß](/pages/schwarz-weiss)-Kontrasten und geometrischen Formen. Quelle: Metropolitan Museum of Art, Public Domain.
Wassily Kandinsky, Kleine Welten VI, Holzschnitt, 1922 — harte Kontraste, keine Zwischentöne. Quelle: Metropolitan Museum of Art, Public Domain.

Die Geschichte der Abstraktion wird fast immer als Malerei-Geschichte erzählt: von Kandinskys erstem gegenstandslosen Aquarell über Mondrians Raster bis zu Pollocks Drippings. Dass Kandinsky allein rund 200 Druckgrafiken geschaffen hat, kommt selten vor. Dass Josef Albers seine Homage to the Square neben den Gemälden auch als hunderte Siebdrucke realisierte, noch seltener. Dabei erklärt gerade die Druckgrafik, warum Abstraktion so aussieht, wie sie aussieht.

Was ist abstrakte Kunst?

Die Grenze zur gegenstandslosen Kunst ist fließend. Streng genommen ist jede gegenstandslose Kunst abstrakt, aber nicht jede abstrakte Arbeit vollständig gegenstandslos. Wo gegenständliche Kunst etwas Erkennbares zeigt, arbeitet abstrakte Kunst mit dem, was übrig bleibt, wenn man das Motiv weglässt: Kontraste, Rhythmen, Spannungen zwischen Flächen.

Dass die Grenze fließt, sieht man an den Künstlern selbst. Joan Miró, aus dem Surrealismus kommend, nannte seine Arbeiten nie abstrakt. Er sagte, alles in seinen Bildern sei real, nur eben keine Abbildung. Eine Landschaft, die sich in Farbfelder auflöst, ist kein Abstraktionsversagen. Sie ist der Beweis, dass der Übergang von gegenständlich zu abstrakt kein Schalter ist, sondern ein Regler. Im urbanen Raum schlug diese Abstraktion später eine zweite Wurzel: Street Art übernahm die formalen Mittel und setzte sie auf Hauswände statt auf Leinwand. Wie sich diese und andere Kunstrichtungen zur Druckgrafik verhalten, zeigt der Überblick.

Der Unterschied zur abstrakten Malerei zeigt sich vor allem im Material. Malerei kann alles sein: ein Pinselstrich auf Leinwand, ein geschütteter Farbbeutel, ein monochromes Feld. Druckgrafik muss sich an die Physik halten. Wer in Metall ritzt, in Holz schneidet oder spiegelverkehrt auf Stein zeichnet, arbeitet zwangsläufig reduzierter als mit dem Pinsel. Die Technik nimmt dem Künstler Optionen weg. Sie gibt ihm dafür Klarheit.

Welche Merkmale hat abstrakte Kunst?

Reduktion. Weg vom Detail, hin zum Wesentlichen. Schon der Kubismus hatte gezeigt, dass sich Gegenstände in geometrische Grundformen zerlegen lassen. Kandinsky begann in München als Expressionist mit farbstarken Landschaften, die noch in der Tradition der romantischen Naturdarstellung standen. Zwischen 1908 und 1913 verschwanden die erkennbaren Motive schrittweise aus seinen Bildern, bis Form und Farbe allein standen.

Farbautonomie. Farbe bildet nicht ab, sie wirkt selbst. Rot ist nicht das Rot eines Apfels, sondern Rot als Energie, als Spannung, als Gewicht. Josef Albers trieb das auf die Spitze: In seinen Homage to the Square-Serien (1950–1976) besteht jedes Bild aus drei oder vier ineinandergesetzten Quadraten in verschiedenen Farben. Albers notierte auf der Rückseite jedes Werks die verwendeten Farben und deren Hersteller und verwarf oft Dutzende von Varianten, bevor er sich entschied.

Geometrie oder Geste. Die zwei großen Pole. Auf der einen Seite die strenge Geometrie: Malewitschs Schwarzes Quadrat (1915), Mondrians Raster, Albers' Quadrate -- eine Linie, die in der minimalistischen Kunst konsequent weitergeführt wurde. Auf der anderen die freie Geste: Pollocks Drippings, de Koonings Pinselwürfe, Hartungs Kratzer. Beide Pole existieren in der Druckgrafik, aber die Technik verschiebt den Schwerpunkt. Der Siebdruck begünstigt klare Flächen und Kanten. Die Radierung begünstigt die Linie. Der Holzschnitt erzwingt Kontrast.

Komposition statt Motiv. Mondrians späte Bilder bestehen nur noch aus schwarzen Linien und farbigen Rechtecken. Was den Blick hält, ist die Spannung zwischen den Flächen. Die Komposition ist nicht Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst.

Warum nutzen so viele abstrakte Künstler Druckgrafik?

Jede Drucktechnik filtert. Wer eine Kupferplatte ätzt, sieht das Ergebnis erst nach dem Druck, und seitenverkehrt. Wer in Holz schneidet, kann keine feinen Grauverläufe erzeugen. Wer auf Kalkstein zeichnet, arbeitet mit dem Widerstand des Materials. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden formulieren es so: Die reduktive Drucktechnik ermögliche stark vereinfachte Flächenformen, die zugleich suggestive Farbresonanzen erzeugen.

Kandinsky und der Holzschnitt. Schon vor dem Bauhaus, ab 1902, schuf Kandinsky Farbholzschnitte in München. Die frühen Blätter sind noch figurativ: Ritter, Landschaften, Jugendstil-Motive. Aber das Holz hat eine Eigenschaft, die den Weg zur Abstraktion begünstigt. Im Holzschnitt gibt es kein Grau. Was nicht geschnitten ist, druckt. Was geschnitten ist, bleibt Papier. Schwarz oder Weiß.

Albers und der Siebdruck. Josef Albers produzierte hunderte Siebdrucke seiner Homage to the Square-Serie. Der Siebdruck war für ihn das präziseste Werkzeug für seine Farbuntersuchungen. Siebdruckfarbe liegt deckend auf dem Papier, es gibt keine Pinselstruktur, und die Farben mischen sich nicht auf der Oberfläche. Jede Farbe ist exakt die Farbe, die Albers gewählt hat. Für einen Künstler, der systematisch untersuchte, wie Farben sich gegenseitig beeinflussen, war das entscheidend.

Gerhard Richter entwickelte mit der Rakel-Technik eine eigene Bildsprache für seine abstrakten Gemälde und übertrug diese Haltung auch auf seine Editionen in Offset und Siebdruck.

Miró und die Radierung. Joan Mirós Radierungen zeigen eine andere Seite der Abstraktion: die spielerische Linie. In der Radierung folgt die Nadel der Hand fast widerstandslos über den Ätzgrund. Die Linie ist freier als im Holzschnitt, spontaner als in der Lithografie. Mirós Figuren, halb Zeichen, halb Wesen, wanderten zwischen Radierung und Gemälde. Er selbst nannte seine reifsten Drucke „Bilder, die es mit jedem Gemälde aufnehmen".

Rod Nelson, britischer Holzschnitt-Künstler, beschreibt die Spannung zwischen Material und Absicht so:

"I was aware, from the very beginning of my work, that a dichotomy existed between rigid control and chaotic freedom." — Rod Nelson, Holzschnitt-Künstler

Wer in Holz schneidet, kontrolliert jede Linie. Und gleichzeitig macht das Holz, was es will: Die Maserung lenkt das Messer, ein Span bricht anders als geplant. Wer diese Spuren in einem Druck sieht, sieht nicht nur das Bild, sondern auch den Moment, in dem das Holz mitentschieden hat. In der Abstraktion wird diese Spannung zum Gestaltungsprinzip.

Wie unterscheiden sich abstrakte Originale von Reproduktionen?

Bei einem Original-Druck hat der Künstler jede Farbe, jede Linie, jede Fläche selbst auf die Druckplatte gebracht und den Druckvorgang kontrolliert. Ein Kunstdruck ist eine fotografische Reproduktion, egal wie hoch die Auflösung ist.

Der Unterschied ist bei der Abstraktion besonders sichtbar. Ein Siebdruck von Albers hat eine Farbdichte, die kein Offset-Druck erreicht. Die Farbe liegt auf dem Papier, nicht im Papier. Bei einer Radierung spürt man mit dem Finger den Plattenrand und die leicht erhabenen Linien. Bei einem Holzschnitt sieht man die Maserung im Druck, manchmal sogar einzelne Schnittspuren.

Diese Materialität ist es, die ein Original von einer Reproduktion trennt. Die Technik hinterlässt Spuren im Papier, die kein Druckverfahren simulieren kann. Genau diese Spuren geben dem Bild eine physische Präsenz, die ein Reproduktionsdruck nicht hat.

FAQ

Wann hat abstrakte Kunst begonnen?

Die Anfänge liegen zwischen 1910 und 1915. Kandinsky malte um 1910 seine ersten gegenstandslosen Aquarelle, Malewitsch stellte 1915 sein Schwarzes Quadrat aus, Mondrian begann ab 1913 den Weg zur Abstraktion. Eine exakte Jahreszahl gibt es nicht, weil der Übergang fließend war.

Was ist der Unterschied zwischen abstrakter und gegenstandsloser Kunst?

Die Begriffe werden oft synonym verwendet. Streng genommen beschreibt gegenstandslose Kunst Werke ohne jeden Bezug zur sichtbaren Welt: reine Farbe und Form. Abstrakte Kunst ist der weitere Begriff und umfasst auch Werke, die einen Gegenstand vereinfachen oder verfremden, ohne ihn ganz aufzugeben. In der Praxis ist die Grenze unscharf.

Warum ist abstrakte Druckgrafik etwas anderes als abstrakte Malerei?

Drucktechniken setzen physische Grenzen: Holz kann keine Grauverläufe, Radierung arbeitet mit Linien, Siebdruck mit deckenden Farbflächen. Diese Grenzen zwingen zur Reduktion und geben jedem Druck eine Materialqualität, die in der Malerei so nicht entsteht. Bei signierten Auflagen ist jeder Abzug ein Original, das der Künstler einzeln geprüft und freigegeben hat.

Welche Drucktechniken eignen sich für abstrakte Kunst?

Alle gängigen Techniken. Der Holzschnitt liefert starke Kontraste und klare Formen. Die Lithografie ermöglicht weiche Farbverläufe und malerische Übergänge. Der Siebdruck erzeugt leuchtende, deckende Farbflächen. Die Radierung bietet feine Linien und filigrane Strukturen. Welche Technik passt, hängt davon ab, ob ein Künstler mit Linie, Fläche oder Farbe arbeitet.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Tate – Abstract Art: Glossareintrag zu Geschichte, Merkmalen und Künstlern der abstrakten Kunst. https://www.tate.org.uk/art/art-terms/a/abstract-art
  • The Metropolitan Museum of Art – Kandinsky, Kleine Welten (1922), Holzschnitte und Lithografien in der Public-Domain-Sammlung. https://www.metmuseum.org
  • Josef und Anni Albers Foundation – Werkverzeichnis und Forschung zu Albers' Druckgrafik, insbesondere der Homage to the Square-Serien. https://www.albersfoundation.org
  • Wikipedia (weiterführend): Abstrakte Kunst – Überblick zu Geschichte und Spielarten der gegenstandslosen Kunst. https://de.wikipedia.org/wiki/Abstrakte_Kunst

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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