Roy Lichtenstein

Roy Lichtenstein ist vor allem als Maler der großformatigen Comic-Panels bekannt. Was die meisten nicht wissen: Er hat über 300 Drucke geschaffen, in Siebdruck, Lithografie und Holzschnitt, über fünf Jahrzehnte. Das ist keine Nebenbeschäftigung. Es ist eine vollständige zweite Karriere, die in der deutschen Kunstöffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.

New York, 1962. Lichtenstein hält einen Pinsel und eine selbstgemachte Metallschablone. Er tippt Punkt für Punkt auf eine Leinwand: jeder Punkt ein kleiner Kreis, gleichmäßig, mechanisch, wie von einer Maschine gesetzt. Die Maschine gibt es nicht. Was aussieht wie ein Druckraster aus einem billigen Comicheft, ist Handarbeit. Stunden davon.

Roy Lichtenstein wurde am 27. Oktober 1923 in Manhattan geboren und starb am 29. September 1997 an einer Lungenentzündung (Wikipedia; Tate). In diesen 73 Jahren hat er ein Bildvokabular entwickelt, das heute zu den bekanntesten der Kunstgeschichte gehört. Und eine Druckgrafik-Karriere aufgebaut, die erst langsam ins Bewusstsein rückt.

Nicht der Maler der Comic-Panels, sondern der Druckgrafiker, der mit Kupfer, Holz, Siebgewebe und Stein arbeitete. Und dabei dasselbe Thema verfolgte wie mit dem Pinsel: Was passiert, wenn man die Hand versteckt?

Wie kamen die Ben-Day-Punkte in die Kunst?

Benjamin Henry Day Jr. hatte das Verfahren 1879 entwickelt: ein Rasterdruckverfahren mit gleichmäßig angeordneten kleinen Punkten, das die Farbdichte durch die Punktdichte steuerte. Zeitungen nutzten es jahrzehntelang für günstige Bildreproduktionen. Comics sowieso. Lichtenstein kannte das Ergebnis von Kindesbeinen an.

Was er in den frühen 1960ern tat, war auf den ersten Blick absurd. Er nahm dieses industrielle Druckmuster und begann es mit dem Pinsel nachzubauen. Zunächst mit einem Hundebörstenpinsel, dann mit einer selbstgemachten Metallschablone, schließlich mit gekauften Lochschablonen. Immer mehr Kontrolle, immer gleichmäßigere Punkte.

Das Ziel beschrieb er selbst direkt:

"I want my painting to look as if it has been programmed. I want to hide the record of my hand." — Roy Lichtenstein, im Interview mit G.R. Swenson, "What is Pop Art? Answers from 8 Painters, Part I", ARTnews, November 1963

Er wollte, dass seine Gemälde so aussehen, als kämen sie von einer Maschine. Der Witz: Das war mehr Aufwand als freies Malen. Drucktechnik nachzuahmen ist handwerklich anspruchsvoller als einfach zu malen. Die Encyclopaedia Britannica beschreibt diese Methode als "detached, mass-produced effect by outlining areas of primary colour with thick black lines and by using a technique that simulated benday screening" (Britannica).

Die Pop Art hatte damit ihren schärfsten Widerspruch formuliert: Ein Künstler, der enormen Aufwand betreibt, um den Eindruck von Mühelosigkeit zu erzeugen. Der Schein der Fabrik, der aus stundenlanger Handarbeit entstand. Das ist die Logik, die Lichtensteins gesamte Praxis zusammenhält.

Wann begann Lichtenstein wirklich zu drucken?

Die Antwort überrascht. Lichtenstein hatte schon 1948, als Student an der Ohio State University, erste Lithografien und Holzschnitte gemacht. Sein Holzschnitt "To Battle" (1950) wurde 1951 beim Brooklyn Museum mit einem Ankaufspreis in der Fifth National Print Annual Exhibition ausgezeichnet.

Dann trat die Druckgrafik für rund zehn Jahre in den Hintergrund. Nicht weil Lichtenstein aufgehört hätte zu experimentieren, sondern weil er suchte. Zehn Jahre Suche nach dem mechanischen Bild: durch Fauvismus, Abstraktion, verschiedene Malweisen. Als er 1960 die ersten Comicpanel-Gemälde malte, war die Ben-Day-Logik das Ergebnis dieser langen Entwicklung, keine plötzliche Eingebung.

1956 taucht in der Werkchronik ein ungewöhnliches Blatt auf: "Ten Dollar Bill", eine Lithografie in einer Auflage von 25 Exemplaren. Lichtenstein selbst nannte es "a kind of Cubist dollar bill, not a Pop one". Heute hängen Exemplare im Whitney Museum und in der National Gallery of Art. Die erste Lichtenstein-Lithografie, die wir kennen, ist also kein Pop-Art-Werk.

1964 fragte das Magazin Life, ob er der schlechteste Künstler der USA sei. Die Frage blieb hängen. Drei Jahrzehnte später gehören Roy Lichtenstein Bilder zu den meistgezeigten Werken in amerikanischen Museen.

Die entscheidende Zusammenarbeit begann Ende der 1960er Jahre bei Gemini G.E.L. in Los Angeles. Hier entstanden technisch komplexe Arbeiten, an denen Teams von Spezialisten beteiligt waren. Ein typischer Lichtenstein Siebdruck aus dieser Zeit verlangte Wochen der Vorbereitung: Schablonenbau, Farbanmischung, Registerprüfung, bevor ein einziger Druckgang möglich war.

Die Lichtenstein Lithografie "Cathedral #1" (1969) kombinierte Lithografie- und Siebdrucktechnik auf Special-Arjomari-Papier (vgl. Catalogue Raisonné, Roy Lichtenstein Foundation). An der Produktion waren Robert de la Rocha und Tim Isham für den Lithografiedruck sowie Adolph Rischner für den Siebdruck beteiligt, unter der Projektleitung von Kenneth Tyler. Die Auflage: 75 plus 10 Künstlerexemplare. Roy Lichtenstein Drucke sind, wenn man die Gemini-Zusammenarbeit versteht, keine Nebenbeschäftigung. Sie sind ein eigenes Produktionssystem.

Wer verstehen will, wie Lithografie und Siebdruck als Verfahren funktionieren, versteht auch, warum Lichtenstein für verschiedene Serien verschiedene Techniken wählte. Bei Lichtenstein wird der westliche Originaldruck-Begriff produktiv getestet: Er gab die Druckform vor, gedruckt wurde unter seiner Aufsicht in Los Angeles. Wo das Original im Mehrphasen-Atelier endet und wo die Reproduktion beginnt, ist auf Original vs. Kunstdruck entwickelt.

Warum hat Lichtenstein Holzschnitte gemacht?

1978 besuchte Lichtenstein in Los Angeles die Sammlung von Robert Gore Rifkind, einem der bedeutendsten privaten Sammler des deutschen Expressionismus. Zwei Jahre später entstand die Serie "Expressionist Woodcuts": sieben Holzschnitte, die sich direkt mit der Bildsprache von Heckel, Kirchner, Pechstein und Schmidt-Rottluff auseinandersetzen.

"The Couple" aus dieser Serie illustriert den technischen Aufwand: Auflage 50 plus 13 Künstlerexemplare, 6 Farben in 7 Druckgängen, gedruckt von 5 neunlagigen Blöcken aus baltischer Birke, bei Gemini G.E.L. von Tony Zepeda gedruckt.

Was hat Lichtenstein zum Holzschnitt hingezogen, nachdem er jahrelang auf den präzisen, kontrollierten Look seiner Gemälde und Siebdrucke gesetzt hatte? Er hat es selbst beantwortet:

"I want a mechanical image in my prints. But after a while, I was able to achieve that technical quality too easily. Woodcuts resist that." — Roy Lichtenstein, Interview mit ARTnews, 1982

Das Holz antwortete auf den Druck anders als Aluminium oder Siebgewebe: Es riss, splitterte, ließ Maserung durch. Der Holzschnitt zwang ihn zu Entscheidungen, die das andere Verfahren nicht forderte. Nebenbei zitierte Lichtensteins Pop Art den deutschen Expressionismus mit dem gleichen Werkzeug, mit dem der Expressionismus einst gemacht worden war. Dieselbe Technik, völlig andere Absicht.

Was die Expressionisten damit über Emotion und Verzerrung ausdrückten, verwendete Lichtenstein als Zitat. Die Druckgrafik wurde zum Kommentar auf sich selbst.

Was sind die technisch komplexesten Lichtenstein-Drucke?

"Reflections on Girl" (1990) kombinierte elf Farben in dreizehn Druckgängen, gedruckt über fünf Aluminiumplatten, vier Siebe, einen Holzblock mit eingelassenen Magnesiumplatten und eine Magnesiumplatte. Acht spezialisierte Mitarbeiter waren beteiligt, die Auflage betrug 68 plus 16 Künstlerexemplare, gedruckt bei Tyler Graphics Ltd. in Mount Kisco, New York.

Warum ist das ungewöhnlich? Weil die Techniken, die Lichtenstein hier kombiniert, normalerweise in getrennten Werkstätten stattfinden. Siebdruck, Lithografie, Tiefdruck über Magnesiumplatten, Hochdruck über den Holzblock: jedes dieser Verfahren hat eigene Infrastruktur, eigene Chemie, eigene Trocknungszeiten. Für ein einziges Blatt eine Infrastruktur aus acht Fachleuten und zehn separaten Druckelementen aufzubauen, ist industrielle Logistik, kein Atelierhandwerk.

Lichtenstein erklärte das nicht als Extravaganz. Die "Reflections"-Serie ist thematisch um Spiegelungen und Bildüberlagerungen aufgebaut: Bilder von Bildern, Oberflächen, die andere Oberflächen zeigen. Dass dafür mehrere Druckverfahren übereinandergedruckt werden, ist konsequente Werkzeugwahl. Die Komplexität des Verfahrens spiegelt die Komplexität des Themas.

Die Entablature-Serie (1976) war in dieser Hinsicht ein Vorläufer. Kenneth Tyler, der Lichtenstein schon bei Gemini G.E.L. begleitet hatte und 1974 sein eigenes Atelier Tyler Graphics gegründet hatte, produzierte die Serie in einer technischen Kombination, die für die damalige Zeit ungewöhnlich war: Siebdruck, Lithografie, Prägung und Collage in einem einzigen Blatt. Die Collage-Elemente ließen das Blatt zwischen zwei- und dreidimensional schwanken. Die Prägung aber tat etwas, das die anderen Verfahren nicht konnten: Sie gab der Oberfläche eine physische Wölbung, die der Finger spürte. Man berührt ein geprägtes Blatt und die Hand registriert Tiefe, die das Auge verneint. Das ist Lichtenstein-Logik konsequent ins Material eingeschrieben: eine Oberfläche, die gleichzeitig täuscht und die Täuschung offenlegt.

Im September 2025 versteigerte Sotheby's über 90 Werke aus dem Nachlass von Dorothy und Roy Lichtenstein, darunter Gemälde, Skulpturen und Drucke, für insgesamt rund 27 Millionen US-Dollar. Die Drucke waren dabei die Überraschung: "The Gun in America" (1989), ein Siebdruck, kam auf 342.000 Dollar gegen eine Schätzung von 30.000 Dollar. "Bobby Kennedy" (1989) erzielte 356.000 Dollar. Drucke, die das Elffache ihrer Schätzung erzielen, zeigen, wie der Markt Lichtensteins Druckgrafik-Karriere bewertet.

Wie verhält sich Lichtenstein zu Andy Warhol?

Man stellt sie oft nebeneinander. Beides Pop Art, beide New York, beide ausgiebige Nutzer des Siebdrucks. Aber ihre Beziehung zur Drucktechnik war grundverschieden, und die Verwechslung kostet Verständnis für beide.

Andy Warhol wollte Maschine werden. Die industrielle Reproduzierbarkeit des Siebdrucks war für ihn nicht Mittel, sondern Ziel. Seine Factory war absichtlich fabrikhaft organisiert: Assistenten druckten, Warhol autorisierte, und die serielle Wiederholung des Motivs war kein Nebeneffekt, sondern die eigentliche Aussage. Warhol verschwand im Verfahren, und genau das war der Witz.

Lichtenstein hatte das umgekehrte Verhältnis. Er begann damit, Malerei herzustellen, die aussah wie Drucktechnik. Was also wirkte wie einfache Reproduzierbarkeit, war von Anfang an Handarbeit. Als er dann tatsächlich zu drucken begann, tat er das mit einer handwerklichen Sorgfalt und technischen Komplexität, die alles andere als industriell war. Dreizehn Druckgänge für ein einziges Blatt, acht Spezialisten in einer koordinierten Infrastruktur. Die Annäherung ans Maschinelle erfolgte durch maximale handwerkliche Anstrengung.

Warhol machte die Fabrik zur Methode. Lichtenstein machte die Fabrik zum Thema.

Über 300 Drucke in fünf Jahrzehnten sind der Beleg: Lichtenstein hat dieses Verhältnis zur industriellen Ästhetik nicht als Haltung formuliert, sondern als Arbeitsprogramm durchgezogen. Den Produktionsvergleich in der Tiefe, mit konkreten Werkstattnummern und Druckernamen, dokumentiert die Seite Warhol und Lichtenstein im Siebdruck.

FAQ

Hat Roy Lichtenstein wirklich Druckgrafik gemacht oder sind das Reproduktionen?

Lichtenstein hat originale Druckgrafiken produziert, keine Reproduktionen seiner Gemälde, sondern eigenständige Werke. Sie entstanden in spezialisierten Ateliers wie Gemini G.E.L. und Tyler Graphics, wurden vom Künstler begleitet, in limitierten Auflagen gedruckt und signiert. Wer einen Lichtenstein-Druck kauft, kauft ein Werk, das im Druckverfahren entstand, nicht eine Kopie von etwas anderem.

Was sind Ben-Day-Punkte?

Benjamin Henry Day Jr. hatte das Verfahren 1879 entwickelt. Gleichmäßige kleine Punkte, die durch ihre Dichte und Anordnung Farbe und Ton simulieren. Zeitungen und Comics nutzten es für günstige Bildreproduktionen. Lichtenstein übernahm dieses industrielle Druckmuster in seine Malerei, zunächst mit einer Schablone, und baute damit eine gesamte Bildsprache auf.

Was sind die bekanntesten Drucke von Lichtenstein?

Die Serien mit größter Bekanntheit sind die Haystack- und Cathedral-Serien (Ende der 1960er bei Gemini G.E.L.), die Entablature-Serie (1976), die Expressionist Woodcuts (1980) und die Reflections-Serie (1989/90). "The Couple" aus den Expressionist Woodcuts und "Reflections on Girl" gelten als handwerklich besonders aufwendige Arbeiten.

Wie unterscheidet sich Lichtensteins Lithografie von seinem Siebdruck?

Die Lithografien nutzen oft die weichere, malerische Qualität des Verfahrens: Farbflächen mit Übergängen, eine andere Textur als der präzise Siebdruck. Für die Cathedral-Serie kombinierte Lichtenstein beide Verfahren in einem Blatt, Lithografie und Siebdruck übereinandergedruckt. Die Holzschnitte aus der Expressionist-Serie haben dagegen eine völlig andere Qualität: grobe Konturlinien, sichtbare Holzmaserung im Hintergrund, Farben die sich nicht mischen sondern überlagern.

Wann wurde Roy Lichtenstein international anerkannt?

Als Leo Castelli ihn 1962 in seiner New Yorker Galerie für eine Einzelausstellung buchte, war Lichtenstein kaum bekannt. Nur zwei Jahre später fragte das Magazin Life, ob er der schlechteste Künstler der USA sei. Das zeigt, wie schnell die Kunst damals die Fronten sortierte: Was eine Generation als schlechten Geschmack abtat, gilt der nächsten als Kanon. 1995 erhielt Lichtenstein den Kyoto-Preis, eine der bedeutendsten internationalen Auszeichnungen für Wissenschaft und Kunst. Roy Lichtenstein Drucke gelten heute international als Referenzpunkte für die Druckgrafik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Quellen und weiterführende Literatur

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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