Warhol vs. Lichtenstein: Zwei Werkstätten, ein Siebdruck

Andy Warhol und Roy Lichtenstein arbeiteten beide mit Siebdruck. Aber "Siebdruck" beschrieb bei beiden etwas grundlegend Verschiedenes: Warhol vergab Aufträge an kommerzielle Druckbetriebe, die ohne ihn arbeiteten. Lichtenstein baute zweckgebaute Atelierverbünde auf, in denen er selbst mit am Tisch saß. Wie das konkret aussah, zeigen zwei parallele Werkstatt-Momente aus den 1970ern.

Manhattan, 1975. Alexander Heinrici sitzt in seinem Druckatelier im Financial District, Aetna Silkscreen Products Inc., und hat gerade eine Anweisung erhalten. Per Telefon. Die Anweisung: absichtlich Fehler einbauen, damit die Drucke authentischer wirken. Warhol ist woanders. Was Heinrici druckt, ist das Mick-Jagger-Portfolio, zehn Siebdrucke auf Arches Aquarelle (rough), Auflage 250 plus 50 AP, verlegt von Seabird Editions aus London.

Bedford Village, New York, 1976. Kenneth Tyler legt in einem Kutschenhaus aus dem Jahr 1850, umgebaut zu einem der fortschrittlichsten Druckateliers der Epoche, eine Aluminium-Offsetplatte für Roy Lichtensteins "Entablature V" zurecht. Dazu drei Siebe. Dazu einen Präge-Matrizensatz. Fünf Farben, sechs Durchgänge. Auflage: dreißig Blätter. Für ein einziges Blatt mobilisierte Tyler zwei externe Industriebetriebe: Swan Engraving für die Magnesiumplatten, Drake Engineering für die Aluminium-Bearbeitung.

Beide nennen das Ergebnis Siebdruck, international als Serigrafie bekannt.

Wo standen die Pressen?

Die Frage führt mitten ins Problem.

Warhols Siebdrucke entstanden in kommerziellen Betrieben, die auch für Werbezwecke arbeiteten. Aetna Silkscreen Products Inc. in Manhattan druckte das Marilyn-Portfolio (1967) und das Flowers-Portfolio (1970). Ab 1974 arbeitete Rupert Jasen Smith für Warhol, ab 1977 als offizieller Meisterdrucker. Smith mietete zwei ehemalige Käsefabriken an der Duane Street in Manhattans Financial District und richtete dort sein Atelier ein. Er arbeitete nachweislich 126-Stunden-Wochen dort. Warhol betrat diese Räume kaum. Das Electric Chair Portfolio (1971) ließ Warhol sogar in Zürich drucken, bei Silkprint Kettner, verlegt von Bruno Bischofberger. Für Warhol war es die erste große Druckauftragsvergabe an einen europäischen Verleger. Der Drucker saß auf einem anderen Kontinent.

Das Netzwerk hinter Warhols Editionen war international und verstreut: Factory Additions als Verlagsarm, gegründet 1967 von Warhol in New York als Verlegungs- und Druckgrafik-Unternehmung, dazu externe Drucker in Manhattan sowie Verleger in London und Zürich. Die Andy-Warhol-Seite dokumentiert, welcher Drucker welches Portfolio verantwortete und warum das für die Provenienz einen Unterschied macht.

Lichtensteins Infrastruktur folgte einem anderen Entwurf. Gemini G.E.L. wurde 1966 in Los Angeles gegründet, von Sidney Felsen und Stanley Grinstein. Kenneth Tyler, ein frisch ausgebildeter Meisterdrucker, brachte seine bestehende Werkstatt ein. Die Gründungsmission war klar formuliert: Das Atelier würde Originalmultiples veröffentlichen, Werke die Kunst in anderen Medien weder replizieren noch reproduzieren (Originalwortlaut: "the shop would publish multiple originals, never works that replicate or reproduce art in other media"). Das trennte Gemini von Beginn an von einem kommerziellen Siebdruckbetrieb. 1974 trennte sich Tyler von Gemini und gründete Tyler Graphics Ltd. in Bedford Village, New York, in eben jenem Kutschenhaus aus dem Jahr 1850. 1987 zog Tyler nach Mount Kisco um, in ein eigens für diese Arbeit errichtetes Gebäude.

Beide Werkstätten hatten Pressen, Siebe, Farbe. Was sich unterschied, war die Anweisung, die den Drucker erreichte.

Was war der Auftrag an den Drucker?

Warhols Anweisung an Heinrici beim Mick-Jagger-Portfolio war präzise: absichtlich Fehler einbauen ("intentionally make mistakes"), damit die Drucke echter wirkten. Heinrici sollte nicht perfekt drucken. Er sollte Warhol-typisch drucken. Das setzt ein bestimmtes Autoritätsverhältnis voraus: Der Drucker ist Ausführender einer Ästhetik, die er selbst nicht definiert. Er bekommt eine Eigenschaft zugewiesen und setzt sie um.

Rupert Jasen Smith, der von 1977 bis zu Warhols Tod 1987 als Meisterdrucker arbeitete, beschrieb seine eigene Rolle so: Er habe vor allem das physische Aussehen der Farbe und des Drucks kontrolliert ("My main input with Andy is that I controlled the physical look of the paint and printing"). Smith kontrollierte das Ergebnis, nicht das Konzept. Ob er damit zum Mitautor wurde, war eine Frage, die Warhol offenließ.

Tylers Ansatz war das Gegenteil dieser Hierarchie. Seine Formulierung: Ein Atelier, keine Regeln, keine Einschränkungen, der Künstler solle machen was er wolle ("Here's a workshop, there are no rules, no restrictions, do what you want to do"). Das klingt nach Freiheit für den Drucker. In der Praxis bedeutete es: maximaler Aufwand für maximale künstlerische Komplexität.

Bei Lichtensteins "Reflections on Girl" (1990), produziert bei Tyler Graphics in Mount Kisco, wurden für ein einziges Blatt elf Farben in dreizehn Druckgängen aufgetragen: fünf Aluminium-Offsetplatten, vier Siebe, ein Holzblock, eine Magnesiumplatte. Acht Spezialistinnen und Spezialisten arbeiteten daran. Zwischen "Entablature V" (1976, sechs Druckgänge, Bedford Village) und "Reflections on Girl" (1990, dreizehn Druckgänge, Mount Kisco) liegen vierzehn Jahre und eine Verdoppelung der technischen Mittel pro Blatt.

Von sechs Druckgängen in einem Kutschenhaus zu dreizehn in einem Zweckbau: die Infrastruktur wuchs mit dem Anspruch.

Wie groß war eine Auflage?

Warhols Marilyn-Portfolio (1967) erschien in zehn Siebdrucken, je 91,4 mal 91,4 Zentimeter, in einer Auflage von 250 Exemplaren plus 26 Künstlerdrucken. Erstpreis: 250 Dollar pro Blatt. Das Mick-Jagger-Portfolio (1975): ebenfalls 250 Exemplare, plus 50 Künstlerdrucke. Warhol druckte 250 Exemplare pro Portfolio, weil 250 Exemplare 250 Käufer bedeuteten. Mehr Blätter bedeuteten mehr Einnahmen pro Motiv, mehr Blätter bedeuteten breitere Distribution.

Lichtensteins "Entablature V" (1976, Werkverzeichnis-Eintrag RLCR 2455, Corlett 142): Auflage dreißig, plus neun Künstlerdrucke, auf BFK-Rives-Papier. Dreißig gegen zweihundertfünfzig: ein Verhältnis, das den Unterschied zwischen Herstellungsaufwand und Distribuierbarkeit auf eine einzige Zahl bringt. Lichtensteins "The Couple" (1980), ein Holzschnitt bei Gemini G.E.L., erschien in einer Auflage von fünfzig Exemplaren plus dreizehn Künstlerdrucken, sechs Farben in sieben Gängen, gedruckt auf fünf neunlagigen baltischen Birken-Blöcken. Gemini G.E.L. war der Drucker, Tony Zepeda war an der Proofing-Phase beteiligt. Wie Roy Lichtensteins Druckgrafik-Karriere von diesen frühen Holzschnitten bis zur Tyler-Graphics-Kollaboration verlief, dokumentiert die Künstlerseite.

Was die Frage der Autorschaft bei solchen Produktionsketten bedeutet, hat der Markt bis heute nicht einheitlich beantwortet. Die Auflagenkennzeichnung folgte verlegerischen Eigenlogiken: Bischofbergers römische Ziffern bei den Electric-Chairs-AP-Exemplaren waren 1971 kein Standard, sondern Verlegernorm. Wo die Grenze zwischen nummeriertem Original und Kunstdruck verläuft, hängt bei Warhol ungewöhnlich stark am jeweiligen Drucker.

Wer stand neben der Presse?

Warhol signierte Blätter, die auf einem anderen Kontinent gedruckt worden waren. Das Electric Chair Portfolio (1971), Auflage 250 plus 50 Künstlerdrucke, produziert bei Silkprint Kettner in Zürich, verlegt von Bruno Bischofberger in Zürich. Die Künstlerdrucke dieses Portfolios waren mit römischen Ziffern nummeriert, abweichend von den arabischen Ziffern der regulären Auflage. Warhol war in New York. Die Presse war in Zürich. Die Anweisung reiste per Post oder Telefon.

Rupert Jasen Smith hatte vor seiner Warhol-Zeit bei J. Walter Thompson und später im Atelier von Robert Rauschenberg gearbeitet, bevor er 1974 seine eigene Druckwerkstatt eröffnete. Warhol kam kaum vorbei. Die physische Abwesenheit war Teil der Methode. Ab einem gewissen Punkt trugen Warhols Drucke eine "S"-Prägung neben Warhols Signatur, Smiths Kennzeichen als Meisterdrucker.

Dazu hatte Smith die Diamond-Dust-Technik eingeführt, ab 1979/80: kein echter Diamantstaub, sondern pulverisiertes industrielles Glas. Als er Warhol zuerst mit feinem Pulver konfrontierte, lehnte Warhol es ab, zu pudrig ("too chalky"). Smith wechselte auf gröbere Glaskristalle. Das war eine der wenigen ästhetischen Entscheidungen, bei denen Warhol direkt im Prozess eingriff.

Lichtenstein hatte ein anderes Verhältnis zur physischen Ausführung. Für die Nudes-Serie (1993-94) bei Tyler Graphics in Mount Kisco schnitt er die Rubylith-Schablonen selbst von Hand, millimetergenau, bevor Tylers Team sie auf Magnesiumplatten übertrug. Gedruckt wurde auf BFK-Rives-Papier. Die Ben-Day-Dots wurden computergestützt auf Positiv-Film übertragen. Acht Fachleute arbeiteten in Tyler Graphics Mount Kisco, und Roy Lichtenstein war einer von ihnen.

Im Jahr 1967 hatte er beschrieben, er wolle, dass seine Malerei aussieht, als ob sie programmiert wurde, und er wolle die Spur seiner Hand verbergen ("I want my painting to look as if it has been programmed. I want to hide the record of my hand."). 1982 formulierte er noch konkreter, dass er nach einer Weile mechanische Bildqualität bei Siebdrucken zu leicht erreichte: Holzschnitte widerstehen dem ("I want a mechanical image in my prints. But after a while, I was able to achieve that technical quality too easily. Woodcuts resist that"). Siebenundzwanzig Jahre nach dem ersten Zitat schnitt er für die Nudes Rubylith-Schablonen von Hand, um exakt den Anschein zu erzeugen, den er als Ideal formuliert hatte. Der handwerkliche Aufwand war die Voraussetzung für das maschinelle Erscheinungsbild.

Was heißt Siebdruck, wenn es beides meint?

In Heinricis Atelier in Manhattan liegt der Telefonhörer wieder auf. Die Anweisung ist eingetroffen. In Tyler Graphics in Bedford Village wiegt Kenneth Tyler BFK-Rives-Papier ab, überprüft die Registrierung der Siebe. Derselbe technische Vorgang, in beiden Fällen: Farbe durch ein Gewebe auf Papier gedrückt. Zwei Werkstätten, zwei Produktionsmodelle, zwei verschiedene Antworten auf die Frage, was ein Drucker ist.

Warhols Infrastruktur war ein Netzwerk aus kommerziellen Betrieben, internationalen Verlegern und abwesenden Entscheidungen. Lichtensteins Infrastruktur war ein Atelier-Verbund, in dem Künstler, Drucker und Spezialisten gemeinsam am selben Blatt saßen. Beide Modelle produzierten Siebdrucke. Keines war das "echte" Siebdruck-Modell.

Das Wort "Siebdruck" blieb dasselbe, während das, was es beschrieb, sich in zwei entgegengesetzte Richtungen entwickelte. Dasselbe Wort beschreibt einen Telefonauftrag an eine Käsefabrik und dreizehn Druckgänge in einem Kutschenhaus. Der Markt handelt beides unter "Siebdruck-Editionen". Ob das die richtige Kategorie ist, bleibt dem Betrachter überlassen.

Weitere Profile historischer Druckgrafiker, die Siebdruck und andere Verfahren auf ebenso unterschiedliche Weise nutzten, stehen auf der Seite berühmte Druckgrafiker. Die Pop Art als Bewegung hinter beiden Werkstätten hat ihre eigene Geschichte.

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Häufige Fragen zu Warhol und Lichtenstein im Siebdruck

Wann begann Andy Warhol mit dem Siebdruck?

Warhol begann im August 1962 mit Siebdruck, nachdem er die Technik aus der Werbegrafik kannte. Er beschrieb sie als schnell und unvorhersehbar ("quick and chancy"). Die ersten großen Portfolios, darunter das Marilyn-Portfolio mit zehn Blättern in einer Auflage von 250 Exemplaren, folgten ab 1967. Warhol nutzte Siebdruck nicht nur als Drucktechnik, sondern als Produktionssystem: er vergab an externe Betriebe und kontrollierte das Ergebnis aus der Distanz.

Wann begann Roy Lichtenstein mit Druckgrafik?

Lichtenstein fertigte seine ersten Druckgrafiken 1948 an der Ohio State University, Lithografien und Holzschnitte. Der Holzschnitt "To Battle" (1950) wurde 1951 vom Brooklyn Museum angekauft. In den Pop-Art-Jahren ab 1961 entwickelte er das Siebdruckverfahren weiter, in Zusammenarbeit mit Gemini G.E.L. und später mit Tyler Graphics. Wie sich diese Karriere vom frühen Holzschnitt bis zu den Nudes der 1990er durchzieht, lässt sich im Werkverzeichnis der Roy Lichtenstein Foundation (lichtensteincatalogue.org) nachvollziehen, das jeden Produktionsschritt dokumentiert.

Was sind Ben-Day-Dots und wer hat sie erfunden?

Ben-Day-Dots wurden von Benjamin Henry Day Jr. 1879 entwickelt, als gleichmäßiges Punktraster für die Zeitungsbildreproduktion. Lichtenstein übernahm das Raster als ironisches Stilmittel: Er simulierte zunächst mit Hundebörstenpinsel und selbstgemachten Metallschablonen das Punktraster von Hand, später mit gekauften Lochschablonen. Das Paradoxon: Je systematischer er das mechanische Raster imitierte, desto aufwendiger wurde die manuelle Ausführung.

Was ist der teuerste Warhol-Druck?

Das teuerste Warhol-Werk insgesamt ist die gemalte Leinwand "Shot Sage Blue Marilyn", die im Mai 2022 bei Christie's New York für 195 Millionen Dollar versteigert wurde. Es ist keine Druckgrafik, sondern eine Leinwand. Bei Druckgrafik-Portfolios liegen die Auktionspreise erheblich darunter, abhängig von Zustand, Drucker-Provenienz und Auflagennummer.

Was bedeuten "AP" und "PP" bei Warhol-Editionen?

AP steht für "Artist's Proof", Künstlerdruck. PP für "Printer's Proof", Druckerdruck. Beim Electric Chair Portfolio (1971) waren die AP-Exemplare mit römischen Ziffern nummeriert, abweichend von den arabischen Ziffern der regulären Auflage. Beim Mick-Jagger-Portfolio (1975) gab es 250 reguläre Exemplare plus 50 AP plus 3 PP. Jede dieser Kategorien wirkt sich anders auf Authentizität, Provenienz und Sammlerwert aus.

Was kosteten Warhol-Siebdrucke beim Erscheinen?

Das Marilyn-Portfolio erschien 1967 für 250 Dollar pro Blatt. Bei Auktionen erzielen Warhol-Siebdruck-Portfolios heute ein Vielfaches davon, abhängig von der Zuordnung zum Drucker (Aetna, Heinrici, Smith oder Kettner), dem Zustand des Blatts und der Nummerierung. Die Drucker-Provenienz ist bei Warhol ein signifikanter Faktor in der Preisfindung.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Roy Lichtenstein Foundation, Catalogue Raisonné der Druckgrafik (sämtliche Werkverzeichnis-Einträge mit Produktionsdaten)
  • Revolver Warhol Gallery, Affiliate-Dokumentation (Heinrici, Smith, Factory Additions)
  • Gemini G.E.L., Gründungsgeschichte und Atelierdokumentation
  • Phillips, The Master Printer: Kenneth Tyler and the Art of Collaboration (Interview-Dokumentation)
  • David Zwirner, Exceptional Prints: Andy Warhol Electric Chair 1971 (Ausstellungsdokumentation 2025)

Zuletzt aktualisiert am 27.05.2026.