Andy Warhol
Am 9. Mai 2022 wurde im Christie's-Auktionssaal in New York ein Bild für 195 Millionen Dollar versteigert. Shot Sage Blue Marilyn. Das Motiv kennt jeder: Marilyn Monroe, das Gesicht in Eisblau gehalten, der Mund rosa, ein Hauch Augenbraue. Das Ausgangsmaterial war ein Werbefoto, das der Fotograf Gene Korman für 20th Century Fox aufgenommen hatte, für den Film Niagara (1953). Kein seltenes Bild. Zeitungsredakteure und Filmkritiker hatten es jahrelang benutzt. Andy Warhol (1928–1987) nahm es und schuf daraus eines der bekanntesten Kunstwerke der Pop Art, das 2022 den höchsten Auktionspreis erzielte, den ein Werk des 20. Jahrhunderts je erreicht hat.
Das Bild, für das jemand 195 Millionen Dollar bezahlt hat, ist kein Gemälde. Es ist ein Siebdruck, auch Serigrafie genannt. Warhol hat es nicht gemalt. Er hat ein Sieb bestellt. Farbe wurde durch ein Gewebe auf Leinwand gedrückt, von jemandem, der nicht Warhol hieß, in einem Atelier, das Warhol kaum betrat. Das Pressefoto als Ausgangsmaterial war selbst schon eine Reproduktion. Was genau ist dann dieses Ding?
Was passiert im August 1962?
Marilyn Monroe starb am 5. August 1962. Innerhalb weniger Wochen danach schuf Warhol sein erstes Marilyn-Siebdruckbild. Er nahm das Korman-Pressefoto und ließ das erste Sieb über einen kommerziellen Drucker anfertigen. Floriano Vecchi von der Tiber Press hatte ihm kurz zuvor die Grundlagen des Siebdrucks gezeigt.
Kurz davor hatte die Ferus Gallery in Los Angeles die Campbell's Soup Cans gezeigt: 32 Leinwände, ausgestellt wie Supermarktregale, jede Suppe eine andere Sorte. Diese Bilder waren handgemalt. Die serielle Logik, das mechanische Wiederholungsprinzip, existierte also bereits vor dem Siebdruck. Die Technik fehlte noch. Warhol malte Wiederholung, er druckte sie noch nicht.
Was er suchte, beschrieb er später in seinen Erinnerungen: Er wollte etwas Einfaches und Schnelles (POPism, Warhol/Hackett 1980, S. 22, paraphrasiert). Nicht er selbst sollte die Fließband-Arbeit erledigen. Das setzte voraus, dass jemand anderes sie übernahm.
An der East 47th Street in Midtown Manhattan entstand ab 1963 ein Ort, der beides gleichzeitig war: Treffpunkt und Produktion. Der Elektriker Billy Name kleidete das Loft mit Alufolie und Silberfarbe aus; Warhols Freundeskreis verschmolz mit dem Arbeitsbetrieb, Siebdrucke und Filme entstanden nebeneinander. Warhol empfing dort, steuerte und beobachtete. Die Druckarbeit selbst passierte woanders, in Pressen und Studios, die Warhol selten betrat.
Der Wechsel zum Siebdruck war kein ästhetischer Eigensinn. Er war eine Organisationsentscheidung.
Die Flowers-Serie (1964) basierte auf einem Hibiskus-Foto aus dem Magazin Modern Photography, das Warhol ohne Genehmigung der Fotografin Patricia Caulfield verwendete. 1966 klagte sie. Der Vergleich wurde außergerichtlich geschlossen. Laut Malanga begann Warhol danach, eigene Fotos als Ausgangsmaterial zu nutzen. Das änderte nichts an der Grundstruktur: Das Sieb bereitete jemand anderes vor.
Wer arbeitet, wenn Warhol signiert?
Über 25 Jahre, drei verschiedene Drucker, tausende Blätter. Arbeitsteilung zwischen Künstler und Drucker hat in der Druckgrafik Tradition: Dürer ließ Formschneider schneiden, Picasso arbeitete mit den Crommelyncks. Warhol trieb das Prinzip weiter als jeder von ihnen. Er war bei der Ausführung nicht anwesend und machte die Abwesenheit zum erklärten Konzept. Sein Zeitgenosse Horst Janssen wählte in Hamburg den entgegengesetzten Weg: ein Drucker, eine Werkstatt, über zwei Jahrzehnte. Joseph Beuys wählte in Düsseldorf und Göttingen eine dritte Variante: nicht Reproduktion des Ikonischen, sondern Zirkulation der Idee, verteilt über drei Verleger und 556 nummerierte Multiples. Unter den berühmten Druckgrafikern der Geschichte sticht diese Konsequenz heraus. Wie sich Warhols Produktionsmodell konkret von dem seines Zeitgenossen Roy Lichtenstein unterschied, zeigt der direkte Werkstatt-Vergleich: Warhol und Lichtenstein im Siebdruck.
Der erste war Gerard Malanga, ab 1962, in den frühen Jahren der Factory. Er übernahm die praktische Siebdruck-Arbeit. Warhol bestimmte Motiv und Farbpalette. Dann signierte er.
1972 übernahm Alexander Heinrici die Aetna Silkscreen Products Inc.. Dieselbe Druckerei, die bereits das Marilyn-Portfolio und die Flowers-Drucke produziert hatte. Für das Mick-Jagger-Portfolio (1975) wies Warhol ihn an, bewusst Fehler einzubauen. Die Drucke sollten authentischer wirken, wie von Hand gemacht. 10 Siebdrucke auf Arches Aquarelle, Auflage 250 plus 50 Künstlerexemplare. Hergestellt von einem kommerziellen Drucker, auf Anweisung des Künstlers, mit absichtlichen Fehlern.
Die Jagger-Blätter tragen zwei Signaturen: Warhol in Bleistift, Jagger in Filzstift. Wer ist der Autor?
Ab 1977 arbeitete Rupert Jasen Smith mit Warhol. Sein Studio befand sich in zwei ehemaligen Käsefabriken an der Duane Street in Manhattans Financial District. Smith mischte alle Farben selbst. Er arbeitete in 126-Stunden-Wochen. Warhol betrat das Studio kaum. Smith durfte einen eigenen Druckerstempel neben Warhols Signatur setzen, ein eingeprägtes "S".
Smith führte 1979 die Diamond-Dust-Technik ein. Die glitzernden Partikel, die seither auf unzähligen Warhol-Drucken zu sehen sind, sind kein echter Diamantstaub. Sie bestehen aus industriell gemahlenem Glas. Warhol fand den ersten Effekt zu kreidig. Smith wechselte auf größere Glaskristalle. Billiges Industriematerial, das Luxus simuliert.
Beim Electric-Chair-Portfolio (1971, Auflage 250) druckte Silkprint Kettner in Zürich und wurde vom Galeristen Bruno Bischofberger verlegt. Warhol war in New York. Die Presse war in der Schweiz.
Die Frage, was Warhols Signatur bedeutet, hat die Druckgrafik-Geschichte gestellt und noch nicht vollständig beantwortet. Smith durfte seinen Stempel neben die Signatur setzen. Mehr Antwort gab Warhol nicht.
Was kostet ein Bild, durch das jemand geschossen hat?
1964 betrat Dorothy Podber die Factory. Sie fragte Warhol, ob sie "shoot" dürfe. Er verstand es als Fotografieren. Podber zog eine Waffe und feuerte einen Schuss in den Stapel. Vier der fünf Marilyn-Leinwände lagen dort übereinander: Rot, Orange, Hellblau, Salbeiblau. Die türkisfarbene Leinwand war nicht dabei, sie blieb unversehrt. Der Schuss traf alle vier gestapelten Leinwände. Podber wurde dauerhaft von der Factory verbannt.
Warhol ließ die Schusslöcher restaurieren. Die reparierten Leinwände wurden unter dem Namen "Shot Marilyns" bekannt. Das Attentat auf die Bilder wurde Teil ihrer Provenienz.
1967 wechselte die Blue Shot Marilyn für 5.000 Dollar den Besitzer. Im Mai 2022 erzielte die Shot Sage Blue Marilyn 195 Millionen Dollar.
Im selben Jahr 1967 erschien das Marilyn-Portfolio: 10 Siebdrucke, je 91 mal 91 Zentimeter, gedruckt von Aetna Silkscreen Products Inc., verlegt von Factory Additions. Auflage: 250 Exemplare. Anfangspreis: 250 Dollar pro Blatt.
Die 250 Blätter stammen alle vom selben Sieb, alle wurden mit denselben Farben gedruckt, alle tragen Warhols Signatur. Alle 250 gelten als Originale. Was Blatt 1 von 250 von Blatt 250 unterscheidet, ist eine Grundfrage der Druckgrafik. Was den Originaldruck vom Kunstdruck unterscheidet, hat Warhol nicht beantwortet, sondern als offene Frage in den Markt entlassen.
Was ist eine restaurierte Leinwand, durch die jemand geschossen hat, gegenüber einer intakten? Der Kunstmarkt hat diese Frage mit Millionenbeträgen beantwortet. Eine inhaltliche Antwort hat er nicht gegeben.
Die Frage, die Warhol 1962 mit einem bestellten Sieb aufgeworfen hat, stellt sich in der zeitgenössischen Kunst bis heute. Eine Antwort steht aus.
Häufige Fragen zu Andy Warhol
Was hat Andy Warhol mit Siebdruck zu tun?
Warhols bekannteste Werke, die Marilyn-Serien, die Campbell's-Motive, der Electric Chair, sind technisch Siebdrucke, auch Serigrafie genannt. Im August 1962 bestellte er sein erstes Sieb, wenige Wochen nach Marilyn Monroes Tod. Bis zu seinem Tod 1987 ließ er tausende Drucke produzieren, von Assistenten und externen Druckereien. Den Siebdruck wählte er nicht wegen des handwerklichen Reizes, sondern wegen der Möglichkeit zur Arbeitsteilung.
Was ist die Shot Sage Blue Marilyn?
Shot Sage Blue Marilyn ist eine Leinwand aus einer Serie von fünf Marilyn-Porträts, die Dorothy Podber 1964 in der Factory mit einem Schuss durchbohrte. Warhol ließ das Schussloch restaurieren. Am 9. Mai 2022 wurde sie bei Christie's in New York für 195 Millionen Dollar versteigert.
Hat Warhol seine Bilder selbst gemalt?
Einen erheblichen Teil nicht. Wer Andy-Warhol-Kunst sagt, meint oft die Siebdrucke, und die hat er selten selbst gedruckt. Gerard Malanga übernahm die praktische Siebdruck-Arbeit in den frühen 1960er Jahren. Alexander Heinrici und Rupert Jasen Smith druckten die Editionen der 1970er und 1980er. Smith arbeitete in ehemaligen Käsefabriken auf der Duane Street, 126 Stunden pro Woche. Warhol betrat das Atelier kaum. Er steuerte Motivauswahl und Farbgebung, die Ausführung überließ er anderen.
Sind Warhol-Siebdrucke Originale oder Reproduktionen?
Das ist die Frage, die Warhols Werk aufwirft, ohne sie zu beantworten. Das Marilyn-Portfolio (1967) erschien in einer Auflage von 250 Exemplaren, alle vom selben Sieb, alle signiert. Alle 250 gelten als Originale. Was das Einzelblatt vom Poster unterscheidet, ist eine der Grundfragen der Druckgrafik.
Wann hat Warhol angefangen, Siebdruck zu nutzen?
Im August 1962. Marilyn Monroe starb am 5. August 1962. Warhol begann innerhalb weniger Wochen die ersten Marilyn-Siebdrucke. Floriano Vecchi von der Tiber Press zeigte ihm die Grundlagen der Technik. Die Campbell's Soup Cans kurz davor waren noch handgemalt. Der Siebdruck kam mit Marilyn.
Was kostet ein Warhol-Druck heute?
Blätter aus dem Marilyn-Portfolio (1967, Auflage 250) wurden bei der Erstveröffentlichung für 250 Dollar verkauft. Heute erzielen einzelne Blätter dieser Edition ein Vielfaches des ursprünglichen Preises. Die Shot Sage Blue Marilyn als Leinwand ist mit 195 Millionen Dollar (2022) ein Extremfall. Aktuelle Auktionspreise lassen sich bei Christie's und Sotheby's direkt verfolgen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Christie's New York, Auktionskatalog 20th Century Evening Sale, 9. Mai 2022
- Andy Warhol und Pat Hackett, POPism: The Warhol Sixties (1980)
- Revolver Warhol Gallery, The Invisible Genius of Rupert Jasen Smith
- Bonhams, Auktionskatalog Prints and Multiples, Lot 170 (Mick Jagger Portfolio)
- Museum of Modern Art New York, Sammlungsinformation Campbell's Soup Cans (1962)
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
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