Andy Warhol

Andy Warhol gehört zu den einflussreichsten Siebdruck-Künstlern des 20. Jahrhunderts. Ab August 1962 übertrug er Pressefotos auf Leinwand und Papier: Marilyn Monroe, Mao, elektrische Stühle, Suppendosen. Was ihn von anderen unterschied: Er ließ drucken. Assistenten zogen die Rakel, kommerzielle Drucker bereiteten die Siebe vor. Diese Arbeitsteilung war kein Geheimnis. Warhol stellte sie aus.

August 1962. Das erste Sieb, das Warhol durch ein kommerzielles Druckhaus bestellen ließ, trug ein gefundenes Pressefoto. Das Ergebnis kam leicht verschoben zurück, ungleichmäßig, billiger als handgemalt. Er ließ es so.

Diese Entscheidung, nicht die Technik selbst, ist der Schlüssel zu allem, was danach kam.

Warhol ist die zentrale Figur der Pop Art, aber die interessante Frage ist nicht, welche Technik er benutzte. Die Frage ist, was er damit tat und was das über Autorschaft bedeutet. Die Antwort beginnt im Sommer 1962 und endet bei einem Auktionshammer in New York im Mai 2022.

Zeitgenössische Druckgrafik von Künstlern, die ihre Siebe, Platten und Blöcke selbst bearbeiten:

Wie hat Andy Warhol den Photo-Siebdruck eingesetzt?

Warhol arbeitete nicht mit dem einfachen Schablonen-Siebdruck, bei dem man ein Motiv direkt als Ausschnitt ins Sieb schneidet. Er verwendete den Photo-Emulsions-Siebdruck (in der Galeriesprache auch Serigrafie genannt), ein Verfahren, das die fotografische Übertragung eines Bildes auf ein lichtempfindlich beschichtetes Gewebe ermöglicht.

Zuerst braucht man ein Ausgangsbild als Hochkontrast-Filmpositiv: eine transparente Folie mit dem Druckbild in Schwarz. Das Sieb wird in einem Dunkelraum mit lichtempfindlicher Emulsion beschichtet und getrocknet, die scharf nach Ammoniak riecht. Dann legt man das Filmpositiv auf das beschichtete Sieb und belichtet es rund fünf Minuten lang mit UV-Licht. Die Emulsion härtet überall aus, wo das Licht hindurchkommt. Wo der Film das Licht blockiert hat, bleibt die Emulsion weich und lässt sich auswaschen. Zurück bleibt die Schablone: Das Sieb ist genau dort offen, wo das Motiv gedruckt werden soll.

UV-Belichtung eines Siebdruck-Siebs: Filmpositiv auf lichtempfindlicher Emulsion im Dunkelraum. Foto: Antonia Reber
UV-Belichtung: Das Filmpositiv liegt auf dem beschichteten Sieb. Wo das Licht durchkommt, härtet die Emulsion aus. Foto: Antonia Reber

Jedes Sieb entspricht einer Farbe. Wer fünf Farben drucken will, braucht fünf separate Siebe und fünf separate Durchgänge. Das Marilyn-Portfolio von 1967, zehn Blätter im Format 91,4 × 91,4 cm, bestand pro Blatt aus fünf Sieben.

Der Unterschied zum einfachen Schablonen-Siebdruck liegt im Ausgangsmaterial. Warhol begann fast immer mit einem Foto, das er sich nicht selbst gemacht hatte. Das Marilyn-Motiv, das er von 1962 an in endlosen Variationen druckte, geht auf ein Werbefoto des Fox-Studiofotografen Gene Korman zurück, aufgenommen 1953 für den Film Niagara. Warhol hatte keine Rechte an dem Bild. Er hat es genommen, auf ein Sieb übertragen und in leuchtenden Farben auf Leinwände und Papier gedruckt.

Nicht Realität, sondern das Pressefoto einer Person, das bereits für Werbezwecke optimiert worden war. Das macht seine Marilyn-Drucke zu dem, was sich als bildnerische Tautologie beschreiben lässt: ein Medienbild, das ein Medienbild zeigt, das eine Medienperson zeigt.

Später, nach einem außergerichtlichen Vergleich mit der Fotografin Patricia Caulfield, die die Verwendung eines ihrer Fotos in der Flowers-Serie (1964) ohne Genehmigung beklagte, begann Warhol, verstärkt eigene Fotos als Ausgangsmaterial zu verwenden.

Wer hat Warhols Siebdrucke tatsächlich gedruckt?

In den frühen Jahren, ab 1962, übernahm Gerard Malanga, Warhols zentraler Assistent in der Factory, einen großen Teil der praktischen Druckarbeit. Warhol überwachte Farbe und Komposition, aber die Rakel zog Malanga.

Farbaufbau im Siebdruck: Drei Drucke in verschiedenen Farbschicht-Stadien zeigen den Mehrfarben-Prozess. Foto: Georgia Green
Farbaufbau im Siebdruck: Jede Schicht ein eigenes Sieb, jede Farbe ein eigener Durchgang. Foto: Georgia Green

Die Siebe selbst wurden nicht immer in der Factory hergestellt. Externe kommerzielle Druckereien, darunter Styria Studios, Alexander Heinrici und Rupert Jasen Smith, bereiteten die Siebe vor. Warhol bestellte das technische Fundament bei Profis und übernahm, was ihn interessierte: die künstlerischen Entscheidungen über Farbe, Kontrast, Sättigung.

Das änderte sich ab 1977 grundlegend. Rupert Jasen Smith wurde Warhols Meisterdrucker und Art Director. Smith arbeitete nicht in der Factory, sondern in zwei umgebauten ehemaligen Käsewerken an der Duane Street in Manhattans Financial District. Das Team dort arbeitete in 126-Stunden-Wochen, Warhol selbst betrat das Atelier kaum und steuerte per Telefon. Smith traf Farb- und Druckentscheidungen eigenständig.

Warhol erlaubte Smith, seinen Druckerstempel neben die Warhol-Signatur zu setzen. Das passierte nicht aus Großzügigkeit. Es war ein Akt der demonstrativen Offenlegung: Hier steht, wer das Werk gemacht hat. Der Künstler und der Drucker. Gemeinsam, ohne Scham.

Das Electric-Chair-Portfolio von 1971 (10 Siebdrucke, je 90,2 × 121,9 cm, Auflage 250 plus 50 Artist's Proofs) wurde nicht in New York produziert. Es wurde von Silkprint Kettner in Zürich gedruckt und vom Schweizer Galeristen Bruno Bischofberger verlegt. Warhols Factory war keine geografisch fixe Produktionsstätte. Sie war ein Konzept.

Die Druckgrafik-Geschichte kennt viele Fälle, in denen die Autorschaft zwischen Künstler und Handwerk aufgeteilt war. Warhol hat dieses Modell nicht erfunden. Aber er hat es als zentrales Thema seines Werks ausgestellt, statt es zu verbergen.

Was bedeutet das für die Frage Original vs. Reproduktion?

Die Shot Marilyns sind fünf Leinwände, auf denen Marilyn Monroe in fünf Farbvarianten zu sehen ist: Rot, Orange, Hellblau, Salbeiblau und Türkis. 1964 betrat Dorothy Podber die Factory und schoss durch vier davon, die gerade gestapelt waren. Warhol ließ die Schusslöcher als Schaden einordnen und restaurieren. Die beschossenen Leinwände wurden danach als "Shot Marilyns" gehandelt.

Auf der Blue Shot Marilyn lag 1967 ein Verkaufspreis von rund 5.000 Dollar. Im Mai 2022 wurde Shot Sage Blue Marilyn bei Christie's in New York für 195 Millionen Dollar versteigert. Das ist die teuerste Auktion eines amerikanischen Kunstwerks bis dahin.

Genau an dieser Stelle stellt sich die Frage, die auf der Original vs. Kunstdruck-Seite ausführlich verhandelt wird: Was ist ein Original, was ist eine Reproduktion? Bei Warhol mit besonderer Schärfe. Die 250 Exemplare des Marilyn-Portfolios sind Original-Siebdrucke. Es war die erste Publikation von Factory Additions, Warhols eigenem Verlagsarm. Alle 250 Exemplare zeigen dasselbe Motiv. Alle 250 stammen von denselben Sieben.

Wenn man 250 identische Objekte "Originale" nennt, verschiebt sich etwas in der Logik. Warhol wusste das. Das war keine Nebenwirkung seiner Produktion. Es war ihr Kern.

Was bedeutet Warhol heute?

Marilyn Monroe war für ihn kein Mensch, den er porträtiert hat. Sie war ein Pressefoto, das bereits durch den Apparat einer Film-Publicity-Maschine gegangen war, bevor Warhol es auf ein Sieb brachte.

Seit Instagram lässt sich das mit bloßem Auge sehen. Öffentliche Figuren existieren nicht mehr als Personen, sondern als kuratierte Bildfolgen. Das "Ich" ist die Bildserie, nicht der Mensch dahinter. Warhol hat das 1962 mit einem gefundenen Pressefoto vorweggenommen, bevor es ein Wort dafür gab.

Warhol hat nicht nur die Diagnose gestellt, er hat daraus ein Geschäftsmodell gebaut. Zwischen 1971 und seinem Tod 1987 produzierte er rund 1.000 Auftrags-Porträts. Ein Einzel-Porträt kostete rund 25.000 Dollar, für jede weitere Leinwand kamen 15.000 Dollar hinzu. Anfang der 1980er Jahre entstanden etwa 50 dieser Aufträge pro Jahr. Der Polaroid Big Shot, den er für diese Auftragsarbeit verwendete, war eine Kamera für 20 Dollar. Das Modell: Ausgangsmaterial beschaffen, Sieb vorbereiten lassen, Druck überwachen, signieren.

1969 gründete Warhol das Interview Magazine. Auch das war Teil derselben Logik: Er produzierte nicht nur Kunstwerke, er produzierte Bilder von Menschen, die Bilder von sich produzierten. Das Interview Magazine und Instagram haben mehr gemeinsam als die Zeitdifferenz vermuten lässt.

Was bleibt, ist eine Frage, die der Kunstmarkt bis heute mit Auktionspreisen statt mit Argumenten beantwortet. Ein Drucker in zwei Käsewerken an der Duane Street arbeitet 126 Stunden pro Woche. Das Motiv ist ein Pressefoto, das einer anderen Person gehörte. Das Sieb hat ein kommerzieller Drucker hergestellt. Der Künstler war kaum im Raum. Was genau signiert Warhol dann mit seinem Namen?

Der Kunstmarkt hat Millionenbeträge auf diese Frage gesetzt. Eine Antwort hat er nicht gegeben.

Das Andy Warhol Museum in Pittsburgh dokumentiert diesen Prozess mit den Originalquellen.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Warhols Siebdruck und einem normalen Siebdruck?

Warhol nutzte den Photo-Emulsions-Siebdruck, nicht den einfachen Schablonen-Siebdruck. Das Verfahren und seine Besonderheiten sind im Haupttext oben ausführlich beschrieben. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik allein, sondern darin, was Warhol als Ausgangsmaterial wählte und wer die praktische Ausführung übernahm: kommerzielle Drucker und Assistenten, während Warhol Farbe und Komposition kontrollierte.

Sind Warhols Marilyn-Drucke Originale oder Reproduktionen?

Das ist die zentrale Frage seines Werks, und sie hat keine einfache Antwort. Das Marilyn-Portfolio von 1967 besteht aus Original-Siebdrucken in einer Auflage von 250 Exemplaren. Sie wurden von denselben Sieben gedruckt, handsigniert und in einer limitierten Edition verlegt. Sie sind keine Reproduktionen im technischen Sinne. Gleichzeitig basieren sie auf einem Pressefoto, das Warhol nicht selbst gemacht hat, und wurden von Assistenten gedruckt. Warhol hat diese Ambivalenz bewusst ausgestellt, nicht aufgelöst.

Warum sind Warhol-Werke so teuer?

Warhol-Werke der frühen Schaffensphase (1962–1964) und die Shot Marilyns haben Auktionspreise erreicht, die kunsthistorische Bedeutung, Marktspekulationen und die Seltenheit früher handsignierter Exemplare widerspiegeln. Shot Sage Blue Marilyn erzielte im Mai 2022 bei Christie's 195 Millionen Dollar.

Was sind Campbell's Soup Cans, und sind das Siebdrucke?

Nein. Die Campbell's Soup Cans von 1962, die 32 Leinwände, die Warhol in der Ferus Gallery in Los Angeles ausstellte, sind Handmalerei mit Acrylfarbe und Metallicemaille, keine Siebdrucke. Jede Leinwand ist 50,8 × 40,6 cm groß. Irving Blum kaufte alle 32 Leinwände für 1.000 Dollar in zehn Monatsraten. Heute gehören sie dem MoMA, das Blum die Leinwände 1996 für schätzungsweise 15 Millionen Dollar abkaufte. Der Siebdruck kam erst danach, im August 1962.

Welche Druckverfahren nutzte Warhol außer dem Siebdruck?

Warhol hat fast ausschließlich mit dem Photo-Emulsions-Siebdruck gearbeitet. Frühe Werke entstanden mit Stempel-Techniken und Handmalerei, bevor er im August 1962 auf den Siebdruck wechselte. Der Siebdruck blieb bis zu seinem Tod 1987 sein zentrales Medium. Für die Auftragsporträts ab 1971 fotografierte er seine Auftraggeber mit einem Polaroid Big Shot und übertrug die Aufnahmen anschließend auf Siebe.

Quellen und weiterführende Literatur

  • The Andy Warhol Museum, Silkscreen Printing Lessons (Prozessdokumentation)
  • Fiona Donovan, Warhol Foundation for the Visual Arts (Werkverzeichnis-Kontext)
  • Michael Lüthy, Andy Warhol: Reproduktion, Medialisierung, Siebdruck (Kunsthistorische Analyse)
  • Feldman/Schellmann, Andy Warhol Prints: A Catalogue Raisonné 1962–1987 (Werkverzeichnis)
  • National Gallery of Art, Washington, Marilyn Monroe Portfolio (Sammlungsdokumentation)

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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