Bauhaus vs. Art Deco: Unterschied und Vergleich
Im Bauhaus vs. Art Deco Vergleich fällt auf: Beide teilten Jahrzehnt, Geometrie und die Absage an den Historismus. Beim Drucken hörten die Gemeinsamkeiten auf. Das Bauhaus nutzte vier Verfahren gleichzeitig bei 110 Exemplaren Auflage. Art Deco setzte auf Spezialist-Drucker und Plakate an Bahnhofswänden.
Weimar, 1924. In der Druckerei des Bauhauses, die Lyonel Feininger als Formmeister leitet, entstehen die Mappen der "Neuen Europäischen Graphik". 110 Exemplare, Handpressen aus dem Bestand der alten Weimarer Kunstschule, Holzschnitte, Radierungen und Lithografien aus einem Haus. In Paris entwirft in denselben Jahren Adolphe Mouron, bekannt als Cassandre, Bahnhofsplakate, die seine Drucker bei Hachard & Cie. in Farblithografie übersetzen und die an Bahnhofswänden hängen sollen. Beide Projekte hinterlassen Drucke auf Papier. Sonst ist alles anders.
Die meisten Überblickswerke behandeln Bauhaus und Art Deco als Antipoden: hier Funktion, dort Luxus; hier Werkzeug, dort Ornament. Die Encyclopaedia Britannica sieht das anders. Sie führt das Bauhaus neben dem Jugendstil, dem Kubismus und Diaghilews Ballets Russes unter den formenden Einflüssen auf Art Deco. Wer das ernst nimmt, muss den Vergleich neu aufsetzen.
Wie wurde gedruckt?
Die Graphische Druckerei war eine der ersten Werkstätten des Staatlichen Bauhauses in Weimar, eingerichtet 1919. Sie übernahm den Maschinenbestand der alten Weimarer Kunstschule, Handpressen für verschiedene Druckverfahren. Lyonel Feininger übernahm die Leitung als Formmeister 1921 und leitete die Werkstatt bis 1925.
Was die Werkstatt unter Feininger produzierte, folgte keiner einheitlichen Drucklogik, und genau darin lag der Punkt: Jedes Medium sollte sprechen dürfen. Die Erste Mappe der Neuen Europäischen Graphik (Weimar 1921) enthält 14 Drucke in vier Verfahren: 4 Holzschnitte, 2 Radierungen, 6 Lithografien und 2 farbige Lithografien auf Blättern bis zu 24 x 38,5 cm in einer Kassette von 39 x 54,8 cm. Sieben Bauhaus-Meister brachten je zwei Blätter bei: Feininger, Itten, Klee, Marcks, Muche, Schlemmer, Schreyer. Die Kassette selbst war ein Gesamtkunstwerk aus drei Werkstätten: Bindearbeiten von Otto Dorfner in Weimar, Einbandpapier in der von Ludwig Hirschfeld-Mack am Bauhaus entwickelten Kleisterdrucktechnik.
Bei Cassandre in Paris sah das anders aus. Cassandre arbeitete mit einem Verfahren und einem Spezialisten: Hachard & Cie. in Paris übersetzte den Gouache-Entwurf Farbe für Farbe auf separate Drucksteine. Die Art-Deco-Produktionslogik trennte Entwurf und Ausführung: Der Künstler malte an der Staffelei, die Spezialisten übernahmen den Rest. Das Bauhaus-Modell sah vor, dass Formmeister und Studierende gemeinsam an den Pressen arbeiteten.
Die Mappen waren fertig. Jetzt musste sie jemand kaufen.
Wer hat die größere Wand erreicht?
Das Bauhaus proklamierte Kunst für alle. Die Auflagen der Neuen Europäischen Graphik betrugen 110 Exemplare. Vertrieben wurden sie über Müller & Co. Verlag, Potsdam, keinen Direktvertrieb mit eigenem Publikum. Der Verkauf blieb unter den finanziellen Erwartungen.
Cassandre entwarf ab 1925 Plakate für Eisenbahngesellschaften, gedruckt als Farblithografien, die an Bahnhöfen hingen. Das Plakat "Nord Express" (1927, Hachard & Cie. Paris, 105,4 x 75 cm) zeigt den Blick von der Schiene in filmischer Perspektive. Henri Mouron, Sohn und Biograf Cassandres, nennt Abel Gances Film "La Roue" (1922) als Vorbild für diesen Ansatz. Das Victoria & Albert Museum London erwarb ein Exemplar des "Nord Express" 1935, nur acht Jahre nach Entstehung, unter der Sammlungsnummer E.223-1935.
Auf der einen Seite: 110 nummerierte Kassetten, die unter den Erwartungen blieben. Auf der anderen: ein Werbeplakat, das acht Jahre nach dem Druck Museumsbesitz wurde. Die Bewegung, die explizit Kunst für die breite Bevölkerung wollte, endete in der Druckgrafik bei kontrollierten Kleinstauflagen für Sammler. Der "Luxus-Stil", der auf das wohlhabende Publikum zielte, erreichte mit seinen Plakaten die Straße.
In den Jahren, in denen Cassandres Plakate an Pariser Bahnhöfen hingen, packte das Bauhaus seine Pressen ein.
Was passierte 1925?
Am 28. April 1925 eröffnete in Paris die Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes. In gut sechs Monaten kamen rund 16 Millionen Besucher. Rund zwanzig Länder nahmen teil. Die Vereinigten Staaten hatten ihre Einladung formal abgelehnt. Deutschland war nicht eingeladen, eine Folge der Nachkriegsjahre.
Während Paris feierte, zog das Bauhaus um. Die Schule verließ Weimar und siedelte nach Dessau über. Der Schwenk war nicht nur geografisch. László Moholy-Nagy war 1923 als Nachfolger Johannes Ittens berufen worden, für den Vorkurs und die Metallwerkstatt. Seither kamen in der Druckerei neben den Kunstdrucken auch Werbegrafik und neue Typografie ins Programm. Mit dem Umzug nach Dessau 1925 wurde Feininger von der Lehrverpflichtung befreit, und der Schwerpunkt der Werkstatt verschob sich endgültig: von Druckgrafik als Kunstform zu Typografie, Broschüren und Plakaten als Kommunikationsmittel.
In den Jahren, in denen Cassandres Plakate an Pariser Bahnhofswänden hingen, gab das Bauhaus seine Druckgrafik-Ambition faktisch auf. Mit dem Umzug 1925 endete die alleinige Fertigung von Kunstdrucken; das Schwergewicht lag nun auf Werbegrafik, Geschäftsdrucksachen, Broschüren und Plakaten.
Art Deco transformierte sich 1925 ebenfalls. Die Ausstellung gab dem Stil später seinen Namen, seine internationale Sichtbarkeit und den Beweis, dass Massenproduktion und dekorative Qualität sich nicht ausschlossen. Gerade das, was das Bauhaus ablehnte, war der Motor des Art-Deco-Erfolgs.
Gut vierzig Jahre später machte ein britischer Kunsthistoriker den Begriff im englischen Sprachraum verbindlich. Die Encyclopaedia Britannica stellt beide Bewegungen heute in eine Reihe.
Was verbindet zwei Gegensätze?
Bevis Hillier publizierte 1968 "Art Deco of the 20s and 30s" beim Studio Vista Verlag in London. Der Name selbst stand schon 1966 in einem Artikel der Times; Hilliers Buch etablierte ihn im englischen Sprachraum und machte Art Deco zu einem historischen Konzept. Die Encyclopaedia Britannica führt heute eine Liste formender Einflüsse: Jugendstil, Kubismus, Diaghilews Ballets Russes. Und das Bauhaus.
Wer Bauhaus vs. Art Deco nur an Manifesten und Gebäuden misst, verpasst diesen Punkt. Die Bewegung des Luxus soll von der Bewegung der Funktion beeinflusst worden sein? Der Widerspruch löst sich über den gemeinsamen Ausgangspunkt. Beide Bewegungen antworteten auf denselben Historismus, der die europäischen Kunstschulen bis in die 1910er Jahre dominiert hatte. Beide wählten Geometrie als Ausweg. Der Jugendstil vs. Art Deco Kontrast ist hier instruktiv: Wo der Jugendstil die organische Kurve bevorzugte, suchten beide Nachfolge-Bewegungen das Konstruktive. Der Unterschied lag nicht in der Formsprache, sondern im Ziel: Das Bauhaus wollte das industrielle Objekt demokratisieren, Art Deco wollte es verführerisch machen.
Feiningers Holzschnitt "Kathedrale" (April 1919), das Titelbild des Bauhaus-Manifests, ist expressionistisch mit kubistisch gebrochenen Formen und dramatischen Kontrasten. Cassandres Farblithografien verwenden ebenfalls geometrische Reduktion, aber im Dienst einer anderen Absicht: das Auge soll auf Distanz funktionieren, von einem vorbeifahrenden Zug aus lesbar sein. Beide Bilder sind geometrisch. Ihre Herkünfte laufen in verschiedene Richtungen.
Die Einordnung ist deshalb nicht falsch, auch wenn sie unbequem sitzt. Das Bauhaus lieferte eine der formalen Grammatiken, aus denen Art Deco schöpfte, ohne das Bauhaus-Programm zu übernehmen. Einfluss bedeutet nicht Verwandtschaft. Die Fotografie ist unter anderem aus der Malerei entstanden, und keiner würde sie deshalb für eine Abart der Malerei halten.
Die Einordnung steht in der Encyclopaedia Britannica. Sie hat beide Bewegungen nicht näher gebracht.
Was ist aus den Drucken geworden?
Feiningers Blätter aus der Neuen Europäischen Graphik sind Sammlerstücke, in Auktionskatalogen und Museumsmagazinen beschrieben, in Planschubladen aufbewahrt. Das MoMA in New York verwahrt Feiningers "Kathedrale" in seiner Grafik-Sammlung. Ein Exemplar von Cassandres "Nord Express" liegt im V&A unter der Sammlungsnummer E.223-1935, in der Plakatsammlung des Hauses. Beide Formen haben überlebt. Als Sammlerstück und als Design-Ikone.
Die Frage, die der Vergleich offen lässt: Welche der beiden Antworten auf die Massenproduktions-Ära hat sich als tragfähiger erwiesen? Das Bauhaus-Modell (Druckgrafik als kontrolliertes Original, kommerziell unter den Erwartungen aber kulturell kanonisch) oder das Cassandre-Modell (Werbegrafik als Kunst, an Bahnhofswänden verbreitet, acht Jahre nach dem Druck im Museum)? Beide Positionen stehen noch. Beide haben Nachfolger.
FAQ
Was ist der Hauptunterschied zwischen Bauhaus und Art Deco?
Beide reagierten auf den Historismus und wählten Geometrie als Ausweg. Der Unterschied zwischen Bauhaus und Art Deco liegt im Ziel: Bauhaus wollte Handwerk und Industrie demokratisieren, Art Deco wollte das luxuriöse Objekt verführerisch machen. In der Druckgrafik: 110 Mappen-Exemplare gegen Plakate an Bahnhofswänden.
Hat das Bauhaus Art Deco beeinflusst?
Die Encyclopaedia Britannica listet das Bauhaus unter den formenden Einflüssen auf Art Deco, neben Jugendstil, Kubismus und den Ballets Russes. Beide Bewegungen teilten geometrische Formensprache als gemeinsamen Ausgangspunkt. Der Einfluss betraf die formale Grammatik, nicht das Programm: Art Deco übernahm geometrische Reduktion, aber nicht das Bauhaus-Ziel der demokratischen Funktionalität.
Warum fehlte Deutschland bei der Pariser Ausstellung 1925?
Deutschland war nicht eingeladen, eine Folge der Nachkriegsjahre. Die USA lehnten ihre Einladung formal ab. Beide fehlten bei der Exposition, die Art Deco seinen internationalen Durchbruch bescherte.
Was ist Cassandres "Nord Express"?
Ein Farblithografie-Plakat (1927, Hachard & Cie. Paris, 105,4 x 75 cm) mit filmischer Schienenperspektive, beeinflusst von Abel Gances "La Roue" (1922). Das V&A erwarb ein Exemplar 1935.
Was waren die "Bauhaus-Drucke. Neue Europäische Graphik"?
Vier Mappen (1921-1924, fünf geplant) mit Originalgrafiken von Bauhaus-Meistern. Auflage: 110 Exemplare, vertrieben über Müller & Co. in Potsdam. Die Erste Mappe enthält 14 Drucke in vier Verfahren von sieben Künstlern. Der Verkauf blieb unter den Erwartungen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Bevis Hillier, Art Deco of the 20s and 30s (Studio Vista, London 1968). Wikipedia, Bevis Hillier. en.wikipedia.org/wiki/Bevis_Hillier
- Encyclopaedia Britannica, Art Deco. britannica.com/art/Art-Deco. Formende Einflüsse: Art Nouveau, Bauhaus, Kubismus, Ballets Russes.
- Wikipedia, Bauhausdruckerei. de.wikipedia.org/wiki/Bauhausdruckerei. Gründung 1919, Maschinen der alten Kunstschule, Feininger, Umbruch 1925.
- Wikipedia, Art déco. de.wikipedia.org/wiki/Art_déco. Begriff 1966, etabliert 1968.
- Wikipedia, Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes. de.wikipedia.org/wiki/Exposition_internationale_des_Arts_Décoratifs_et_industriels_modernes. 28. April bis 8. November 1925, 16 Millionen Besucher, 18 Länder.
- Museum of Modern Art, Lyonel Feininger, Kathedrale, 1919. moma.org/collection/works/63072
- Museum of Modern Art, Neue Europäische Graphik, 5. Mappe (Müller & Co. Verlag, Potsdam, Auflage 110). moma.org/collection/works/61559
- Staatsgalerie Stuttgart, Bauhaus-Drucke Neue Europäische Graphik Erste Mappe
- Victoria & Albert Museum, Cassandre, Nord Express, 1927 (E.223-1935). collections.vam.ac.uk/item/O89673
- Cassandre France (Nachlass), Nord Express 1927. cassandre-france.com. Drucker Hachard & Cie., Henri Mouron zu La Roue.
Zuletzt aktualisiert am 05.09.2026.
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