Bauhaus vs. Art Deco: Unterschied und Vergleich
Im Bauhaus vs. Art Deco Vergleich fällt auf: Beide teilten Jahrzehnt, Geometrie und die Absage an den Historismus. Beim Drucken hörten die Gemeinsamkeiten auf. Das Bauhaus nutzte vier Verfahren gleichzeitig bei 110 Exemplaren Auflage. Art Deco setzte auf Spezialist-Drucker und Millionen Zuschauer an Bahnhofswänden.
Paris, 1925. Lyonel Feininger druckt in der Werkstatt des Weimarer Bauhauses die letzte Mappe der "Neuen Europäischen Graphik" ab. 110 Exemplare, Pressen von 1919, Holzschnitte und Lithografien auf demselben Bogenstapel. Gleichzeitig sitzt Adolphe Mouron, bekannt als Cassandre, in Paris an der Staffelei und malt in Gouache den Entwurf für ein Bahnhofsplakat, das seine Drucker bei Hachard & Cie. in Farblithografie übersetzen werden und das anschließend an tausend Wänden hängen soll. Beide Projekte hinterlassen Drucke auf Papier. Sonst ist alles anders.
Die meisten Überblickswerke behandeln Bauhaus und Art Deco als Antipoden: hier Funktion, dort Luxus; hier Werkzeug, dort Ornament. Bevis Hillier, der Mann, der Art Deco 1968 in der englischsprachigen Welt bekannt machte, sah das anders. In seinem Buch "Art Deco of the 20s and 30s" listete er das Bauhaus neben dem Kubismus, dem Russischen Ballett und American Indian art als Einflüsse auf Art Deco. Wer das ernst nimmt, muss den Vergleich neu aufsetzen.
Wie wurde gedruckt?
Die Graphische Druckerei war eine der ersten Werkstätten des Staatlichen Bauhauses in Weimar, eingerichtet 1919. Sie übernahm den Maschinenbestand der alten Weimarer Kunstschule, Handpressen für verschiedene Druckverfahren. Lyonel Feininger übernahm die Leitung als Formmeister 1921 und leitete die Werkstatt bis 1925.
Was die Werkstatt unter Feininger produzierte, folgte keiner einheitlichen Drucklogik, und genau darin lag der Punkt: Jedes Medium sollte sprechen dürfen. Die Erste Mappe der Neuen Europäischen Graphik (Weimar 1921) enthält 14 Drucke in vier Verfahren: 4 Holzschnitte, 2 Radierungen, 6 Lithografien und 2 farbige Lithografien auf Blättern bis zu 24 x 38,5 cm in einer Kassette von 39 x 54,8 cm. Sieben Bauhaus-Meister brachten je zwei Blätter bei: Feininger, Itten, Klee, Marcks, Muche, Schlemmer, Schreyer. Die Kassette selbst war ein Gesamtkunstwerk aus drei Werkstätten: Bindearbeiten von Otto Dorfner in Weimar, Einbandpapier in der von Ludwig Hirschfeld-Mack am Bauhaus entwickelten Kleisterdrucktechnik.
Bei Cassandre in Paris sah das anders aus. Cassandre arbeitete mit einem Verfahren und einem Spezialisten: Hachard & Cie. in Paris übersetzte den Gouache-Entwurf Farbe für Farbe auf separate Drucksteine. Die Art-Deco-Produktionslogik trennte Entwurf und Ausführung: Der Künstler malte an der Staffelei, die Spezialisten übernahmen den Rest. Das Bauhaus-Modell sah vor, dass Formmeister und Studierende gemeinsam an den Pressen arbeiteten.
Die Mappen waren fertig. Jetzt musste sie jemand kaufen.
Wer hat die größere Wand erreicht?
Das Bauhaus proklamierte Kunst für alle. Die Auflagen der Neuen Europäischen Graphik betrugen 110 Exemplare. Vertrieben wurden sie über Müller & Co. Verlag, Potsdam, keinen Direktvertrieb mit eigenem Publikum. Der Verkauf blieb unter den finanziellen Erwartungen. Die Vierte Mappe erschien in zehn Vorzugsexemplaren in Ganzpergament für eine schmale Kenner-Schicht.
Cassandre schuf zwischen 1925 und 1935 rund hundert Plakate als Farblithografien, die an Bahnhöfen quer durch Europa hingen. Das Plakat "Nord Express" (1927, Hachard & Cie. Paris, 105,4 x 75 cm) zeigt den Blick von der Schiene in filmischer Perspektive. Henri Mouron, Sohn und Biograf Cassandres, nennt Abel Gances Film "La Roue" (1922) als Vorbild für diesen Ansatz. Das Victoria & Albert Museum London erwarb ein Exemplar des "Nord Express" 1935, nur acht Jahre nach Entstehung, unter der Sammlungsnummer E.223-1935.
Auf der einen Seite: 110 nummerierte Kassetten, die unter den Erwartungen blieben. Auf der anderen: ein Werbeplakat, das acht Jahre nach dem Druck Museumsbesitz wurde. Die Bewegung, die explizit Kunst für die breite Bevölkerung wollte, endete in der Druckgrafik bei kontrollierten Kleinstauflagen für Sammler. Der "Luxus-Stil", der auf das wohlhabende Publikum zielte, erreichte mit seinen Massen-Plakaten buchstäblich Millionen.
Im selben Jahr, in dem Cassandres Plakate an Pariser Bahnhöfen hingen, packte das Bauhaus seine Pressen ein.
Was passierte 1925?
Am 28. April 1925 eröffnete in Paris die Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes. In sechs Monaten kamen rund 16 Millionen Besucher. Mehr als zwanzig Länder nahmen teil. Die Vereinigten Staaten hatten ihre Einladung formal abgelehnt. Deutschland war nicht eingeladen, eine Folge der Nachkriegsjahre.
Während Paris feierte, zog das Bauhaus um. Die Schule verließ Weimar und siedelte nach Dessau über. Der Schwenk war nicht nur geografisch. László Moholy-Nagy war 1923 als Nachfolger Johannes Ittens berufen worden und hatte die Ausrichtung der Werkstatt seither auf Typografie und Werbegrafik umgestellt. Mit dem Umzug nach Dessau 1925 wurde Feininger von der Lehrverpflichtung befreit, und der Schwerpunkt der Werkstatt verschob sich endgültig: von Druckgrafik als Kunstform zu Typografie, Broschüren und Plakaten als Kommunikationsmittel.
Im selben Jahr, in dem Pariser Bahnhöfe die ersten Art-Deco-Plakate an ihre Außenwände hängten, gab das Bauhaus seine Druckgrafik-Ambition faktisch auf. Die Druckwerkstatt als Ort, an dem Meister und Studenten gemeinsam Holzschnitt und Radierung druckten, hat 1925 aufgehört zu existieren.
Art Deco transformierte sich 1925 ebenfalls. Die Ausstellung gab dem Stil seinen Markennamen, seine internationale Sichtbarkeit und den Beweis, dass Massenproduktion und dekorative Qualität sich nicht ausschlossen. Gerade das, was das Bauhaus ablehnte, war der Motor des Art-Deco-Erfolgs.
Vierzig Jahre später sollte ein britischer Kunsthistoriker beide Bewegungen in einen Satz schreiben, der bis heute irritiert.
Was verbindet zwei Gegensätze?
Bevis Hillier publizierte 1968 "Art Deco of the 20s and 30s" beim Studio Vista Verlag in London. Das Buch prägte den Begriff und machte Art Deco zu einem historischen Konzept. Hillier führte eine Liste von Einflüssen: Kubismus, das Russische Ballett, American Indian art. Und das Bauhaus.
Wer Bauhaus vs. Art Deco nur an Manifesten und Gebäuden misst, verpasst diesen Punkt. Die Bewegung des Luxus soll von der Bewegung der Funktion beeinflusst worden sein? Hillier erklärte das nicht als Widerspruch, sondern als gemeinsamen Ausgangspunkt. Beide Bewegungen antworteten auf denselben Historismus, der die europäischen Kunstschulen bis in die 1910er Jahre dominiert hatte. Beide wählten Geometrie als Ausweg. Der Jugendstil vs. Art Deco Kontrast ist hier instruktiv: Wo der Jugendstil die organische Kurve bevorzugte, suchten beide Nachfolge-Bewegungen das Konstruktive. Der Unterschied lag nicht in der Formsprache, sondern im Ziel: Das Bauhaus wollte das industrielle Objekt demokratisieren, Art Deco wollte es verführerisch machen.
Feiningers Holzschnitt "Kathedrale" (April 1919), das Titelbild des Bauhaus-Manifests, ist expressionistisch mit kubistisch gebrochenen Formen und dramatischen Kontrasten. Cassandres Farblithografien verwenden ebenfalls geometrische Reduktion, aber im Dienst einer anderen Absicht: das Auge soll auf Distanz funktionieren, von einem vorbeifahrenden Zug aus lesbar sein. Beide Bilder sind geometrisch. Ihre Herkünfte laufen in verschiedene Richtungen.
Hilliers Beobachtung ist deshalb nicht falsch, auch wenn sie unbequem sitzt. Das Bauhaus lieferte eine der formalen Grammatiken, aus denen Art Deco schöpfte, ohne das Bauhaus-Programm zu übernehmen. Einfluss bedeutet nicht Verwandtschaft. Die Fotografie ist unter anderem aus der Malerei entstanden, und keiner würde sie deshalb für eine Abart der Malerei halten.
Der Satz steht seit 1968. Er hat beide Bewegungen nicht näher gebracht.
Was ist aus den Drucken geworden?
Feiningers Blätter aus der Neuen Europäischen Graphik sind Sammlerstücke, in Auktionskatalogen und Museumsmagazinen beschrieben, in Planschubladen aufbewahrt. Das MoMA in New York verwahrt Feiningers "Kathedrale" unter seiner Grafik-Sammlung. Cassandres "Nord Express" hängt im V&A unter der Sammlungsnummer E.223-1935, zwischen tausend anderen Plakatdrucken, von denen die meisten nie ein Museum gesehen haben. Beide Formen haben überlebt. Als Sammlerstück und als Design-Ikone.
Die Frage, die der Vergleich offen lässt: Welche der beiden Antworten auf die Massenproduktions-Ära hat sich als tragfähiger erwiesen? Das Bauhaus-Modell (Druckgrafik als kontrolliertes Original, kommerziell unter den Erwartungen aber kulturell kanonisch) oder das Cassandre-Modell (Werbegrafik als Kunst, millionenfach verbreitet, acht Jahre nach dem Druck im Museum)? Beide Positionen stehen noch. Beide haben Nachfolger.
FAQ
Was ist der Hauptunterschied zwischen Bauhaus und Art Deco?
Beide reagierten auf den Historismus und wählten Geometrie als Ausweg. Der Unterschied zwischen Bauhaus und Art Deco liegt im Ziel: Bauhaus wollte Handwerk und Industrie demokratisieren, Art Deco wollte das luxuriöse Objekt verführerisch machen. In der Druckgrafik: 110 Mappen-Exemplare gegen Millionen Bahnhofsplakate.
Hat das Bauhaus Art Deco beeinflusst?
Bevis Hillier, der Historiker, der Art Deco 1968 als Begriff popularisierte, listete das Bauhaus explizit unter den Einflüssen auf Art Deco, neben Kubismus, Russischem Ballett und American Indian art. Beide Bewegungen teilten geometrische Formensprache als gemeinsamen Ausgangspunkt. Der Einfluss betraf die formale Grammatik, nicht das Programm: Art Deco übernahm geometrische Reduktion, aber nicht das Bauhaus-Ziel der demokratischen Funktionalität.
Warum fehlte Deutschland bei der Pariser Ausstellung 1925?
Deutschland war nicht eingeladen, eine Folge der Nachkriegsjahre. Die USA lehnten ihre Einladung formal ab. Beide fehlten bei der Exposition, die Art Deco seinen internationalen Durchbruch bescherte.
Was ist Cassandres "Nord Express"?
Ein Farblithografie-Plakat (1927, Hachard & Cie. Paris, 105,4 x 75 cm) mit filmischer Schienenperspektive, beeinflusst von Abel Gances "La Roue" (1922). Das V&A erwarb ein Exemplar schon 1935.
Was waren die "Bauhaus-Drucke. Neue Europäische Graphik"?
Vier Mappen (1921-1924, fünf geplant) mit Originalgrafiken von Bauhaus-Meistern. Auflage: 110 Exemplare, vertrieben über Müller & Co. in Potsdam. Die Erste Mappe enthält 14 Drucke in vier Verfahren von sieben Künstlern. Der Verkauf blieb unter den Erwartungen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Bevis Hillier, Art Deco of the 20s and 30s (Studio Vista, London 1968)
- Bauhaus Kooperation, Graphische Druckerei und Bauhaus-Drucke Neue Europäische Graphik
- Staatsgalerie Stuttgart, Bauhaus-Drucke Neue Europäische Graphik Erste Mappe
- Victoria & Albert Museum, Sammlung Cassandre Nord Express (E.223-1935)
Zuletzt aktualisiert am 25.05.2026.
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