Lyonel Feininger

Über den Dächern von Berlin, Hamburg und Paris zerlegte Lyonel Feininger Architektur und Landschaft in Ebenen aus ineinandergreifenden Prismen: harte Kanten, geometrische Flächen, gerade Linien, wo andere Maler Kurven und Überblendungen setzten. Wer eines seiner Gemälde betrachtet (eine Hafenstadt, eine Kirche, ein Segelboot), sieht keine Abbildung, sondern eine Zerlegung. Alles ist Winkel, alles ist Licht, das von einer Fläche gebrochen wird. Feininger wurde am 17. Juli 1871 in New York geboren. Mit sechzehn Jahren kam er nach Deutschland, studierte Malerei in Hamburg, Berlin und Paris. Er blieb in Deutschland, wurde Bauhaus-Meister, gründete mit Kandinsky, Klee und Jawlensky die Ausstellungsgemeinschaft "Die Blaue Vier", kehrte 1937 nach New York zurück, als sein Werk dort nicht mehr zu zeigen war. Er ist nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Andreas Feininger (1906–1999), der als Fotograf für das LIFE-Magazin arbeitete.

Warum hört ein Maler 1918 auf zu malen?

Im März 1919 schrieb Lyonel Feininger einen Brief an Alfred Kubin. Er habe kaum noch gemalt, stand darin, habe sich stattdessen ganz dem Schneiden von Holzstöcken gewidmet. Diese Technik mache ihm so viel Freude, dass er alles andere fallengelassen habe. Ein Maler auf dem Höhepunkt seines Schaffens schreibt, dass er das Malen fallengelassen hat. Vorerst.

Was passierte davor? Im Frühjahr 1918 legte Feininger das erste Mal ernsthaft einen Holzstock an. Bis Ende desselben Jahres hatte er über 100 Stöcke geschnitten. Eines der frühesten erhaltenen Blätter aus dieser Phase ist "Lokomotive auf der Brücke" (1918), Prasse W 81 I, von Feininger selbst mit der Nummer 18-66 versehen.

Warum passt der Holzschnitt zu Feiningers Formensprache? Seine Malerei zerlegte Architektur und Landschaft in facettierte, scharfkantige Flächen. Gerade Linien, harte Kanten, kein fließendes Modellieren. Am Pinsel arbeitet man gegen das Material an: man korrigiert, überarbeitet, trägt auf und wieder ab. Der Holzschnitt funktioniert entgegengesetzt. Jeder Schnitt ist unwiderruflich. Die Kante entsteht in einer Bewegung, und was weggeschnitten ist, bleibt weg. Im Holzstock fand Feiningers kristalline Formensprache ein Werkzeug, das ihr entgegenkam.

Damit stand er quer zu einer ganzen Generation von Holzschneidern.

Was unterscheidet seine Stöcke von denen der Brücke-Maler?

Ungefähr ein Jahrzehnt bevor Feininger seinen ersten Stock anlegte, hatten Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff den deutschen Expressionismus mit dem Holzschnitt zusammengebracht. Die Brücke, gegründet 1905 in Dresden, arbeitete bewusst roh: breite Kerbschnitte, die das Holz aufreißen statt es zu zeichnen, Flächen, die durch ihre aufgerissene Textur sprechen, Konturen, die hakeln und brechen. Das war programmatisch. Die Ungezähmtheit war keine Schwäche, sondern der eigentliche Inhalt.

Feiningers "Kathedrale" (1919), Prasse W 143, Holzschnitt auf Japanseidenpapier, 17,8 × 11,4 cm, sieht aus wie von einem anderen Planeten. Ein Kirchturm zerfällt in Prismen und Winkel, aber die Linien sind präzise geführt, in dichten Schichten übereinander geschnitten, Ebene über Ebene, bis der Turm aus geometrischen Flächen gebaut wirkt. Dieselbe Technik, anderes Ziel: Wo die Brücke-Künstler das Material aufrissen, ordnete Feininger es zu klar gegliederten Flächen. Das überraschend kleine Format: So dicht und monumental der Turm wirkt, das Blatt selbst ist kleiner als ein DIN-A5. Walter Gropius stellte es 1919 dem Gründungsprogramm der Schule voran. Der Kubismus ist spürbar: Architektur als Flächenkomposition, nicht als Abbildung.

Was leitete er in der Weimarer Werkstatt?

Im Mai 1919 berief Walter Gropius Feininger als einen der ersten Meister ans Bauhaus. Als Formmeister der Druckwerkstatt, von 1921 bis 1925, ging seine Rolle weit über das Unterrichten hinaus.

Das zeigt sich an der "Neuen Europäischen Graphik" (1921–1924), einem Publikationsprojekt, das fünf Mappen mit Druckgrafik europäischer Künstler bündeln sollte. Vier der fünf geplanten Mappen wurden tatsächlich ausgeliefert. Feininger entwarf Titelseite, Inhaltsverzeichnis und Kolophon für alle vier Mappen, gestaltete den Umschlag der ersten und überwachte den Druck der gesamten Auflage. Die erste Mappe enthielt 14 Blätter: vier Holzschnitte, zwei Radierungen, zwei kolorierte Lithografien und sechs weitere Lithografien.

Das Portfolio "Zwölf Holzschnitte von Lyonel Feininger" (1921) erschien in einer Auflage von 50 Exemplaren, zehn davon auf Japanpapier.

Woran erkennt man ein echtes Blatt von ihm?

Feininger nummerierte seine Holzschnitte nach einem eigenen System: Die ersten beiden Ziffern bezeichnen das Jahr, die restlichen die laufende Nummer. Die Nummer 18-66, die auf "Lokomotive auf der Brücke" steht, bedeutet: das sechsundsechzigste Blatt des Jahres 1918.

Für Sammler ist das Werkverzeichnis von Leona E. Prasse (Cleveland Museum of Art, 1972) der Standardnachweis. Es umfasst rund 320 Blätter, entstanden in einem Zeitfenster von wenigen Jahren. Die Prasse-Nummern W 81, W 143, W 188 sind die übliche Referenz im Kunsthandel.

Ein Blatt mit besonderer Geschichte im Werkverzeichnis ist "Vollersroda" (1919), Prasse W 188. Es trägt den Vermerk, dass der Holzstock nicht mehr existiert. Das ist ein Katalogfakt, keine Seltenheitsbehauptung. Er bedeutet schlicht, dass keine weiteren Abzüge von diesem Stock gemacht werden können.

Bei einem Feininger-Blatt verraten drei Dinge das Original: die Prasse-Nummer, unter der das Werkverzeichnis es führt, Feiningers eigene Nummer, mit der er jedes Blatt versah, und das feine Japanpapier, das er für viele seiner Drucke wählte. Dazu der Plattenrand und die leichte Prägung, die die Presse ins Papier drückt. Wo diese Spuren fehlen, hält man einen Kunstdruck in der Hand, keinen Abzug.

Die größte öffentliche Lyonel-Feininger-Sammlung halten die Harvard Art Museums, das Busch-Reisinger Museum. In Europa sind Feiningers Blätter unter anderem in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart vertreten.

Wie endeten Feiningers Jahre in Deutschland?

Feiningers letzte deutsche Jahre begannen noch im Erfolg. 1924 gründete Lyonel Feininger zusammen mit Wassily Kandinsky, Paul Klee und Alexej Jawlensky die Ausstellungsgemeinschaft "Die Blaue Vier". Die Gemeinschaft organisierte vor allem in den USA Ausstellungen. Als das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau umzog, folgte er, diesmal ohne feste Lehrverpflichtung. In Dessau hielt sich die Schule bis 1932, zog dann nach Berlin und wurde dort 1933 unter nationalsozialistischem Druck geschlossen. Feininger blieb zunächst in Deutschland.

Dann kam 1937. Das NS-Regime hatte sein Werk als "entartet" eingestuft und in der Münchener Ausstellung öffentlich vorgeführt. Für Feininger, der als Amerikaner in Deutschland lebte, war das der Moment, an dem ein Bleiben unmöglich wurde. Er emigrierte endgültig in die USA. Viele seiner Werke blieben beschlagnahmt in deutschen Sammlungen; er selbst kehrte in die Stadt zurück, in der er als Kind aufgewachsen war.

Der Kirchturm von Gelmeroda

Gelmeroda ist ein kleines Dorf in Thüringen, und dessen Kirchturm gehört zu den beständigsten Motiven von Feiningers Malerei. Dreizehn Ölgemälde über mehr als zwei Jahrzehnte, und dieselbe Kirche, die er bis zuletzt auch in Holz schnitt. Die prismatische Formensprache der Gemälde und die der Holzschnitte laufen dabei parallel. Was wie ein endgültiger Bruch aussah, der Brief an Kubin, das Ende des Malens, war über die Jahrzehnte ein Nebeneinander: Feininger tauschte das eine Medium nicht gegen das andere ein, er führte beide zugleich. Gelmeroda zeigt das deutlicher als jedes andere Motiv. "Church / Gelmeroda" (1918), Prasse W 38, gehört zu den frühesten Blättern, die diesen Turm zeigen.

1958, zwei Jahre nach Feiningers Tod, zog das Cleveland Museum of Art einen posthumen Abzug von einem seiner Gelmeroda-Stöcke, verzeichnet als Prasse W 237. Der Maler war längst gegangen. Der Stock blieb. Und jemand im Museum dachte: zieh noch einen Abzug.

Häufige Fragen zu Lyonel Feininger

Was unterscheidet Lyonel Feininger von seinem Sohn Andreas Feininger?

Lyonel Feininger (1871–1956) war Maler und Druckgrafiker und lebte von 1887 bis 1937 überwiegend in Deutschland, zunächst in Berlin, später am Bauhaus in Weimar und Dessau. Sein Sohn Andreas Feininger (1906–1999) war Fotograf und wurde durch seine Reportagen für das LIFE-Magazin bekannt, für das er bis 1962 arbeitete. Andreas studierte am Bauhaus Tischlerei und Architektur, nicht Bildende Kunst. Suchanfragen für "Feininger" landen auf beiden Personen. Dieser Artikel beschäftigt sich ausschließlich mit dem Vater.

Was ist die "Kathedrale" von Lyonel Feininger?

"Kathedrale" (1919), Prasse W 143, ist ein Holzschnitt auf Japanseidenpapier, 17,8 × 11,4 cm. Ein Kirchturm, in Prismen zerlegt, dicht gearbeitete Schnittführung, überraschend kleines Format. 1919 stellte Walter Gropius es dem Gründungsprogramm des Bauhauses voran. Der vollständige und korrekte Titel ist schlicht "Kathedrale", ohne den Zusatz "des Sozialismus" oder "der Zukunft", der gelegentlich in Sekundärquellen auftaucht.

Wie viele Blätter umfasst Feiningers Werkverzeichnis?

Das Prasse-Werkverzeichnis (Leona E. Prasse, Cleveland Museum of Art, 1972) verzeichnet rund 320 Blätter, entstanden in einem Zeitfenster von wenigen Jahren. Das Gros dieser Arbeiten entstand in einer einzigen frühen Phase: über 100 Stöcke allein bis Ende 1918. Die Prasse-Nummern wie W 81, W 143 oder W 188 identifizieren einzelne Blätter eindeutig im Kunsthandel.

Wo befinden sich heute die größten Feininger-Sammlungen?

Die umfangreichste öffentliche Sammlung halten die Harvard Art Museums (Busch-Reisinger Museum). In Europa sind Feiningers Blätter in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart vertreten. Das Cleveland Museum of Art veröffentlichte 1972 das maßgebliche Werkverzeichnis und hält posthume Abzüge aus dem Nachlass.

Was bedeutet Feiningers Nummerierungssystem?

Feininger vergab jedem Blatt eine eigene Nummer. Die ersten beiden Ziffern bezeichnen das Entstehungsjahr, die restlichen die laufende Nummer desselben Jahres. Die Nummer 18-66 steht also für das sechsundsechzigste Blatt des Jahres 1918. Dieses System macht es Sammlern und Forschern leicht, ein Blatt zeitlich einzuordnen, unabhängig vom Werkverzeichnis.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Leona E. Prasse, Lyonel Feininger: A Definitive Catalogue of His Graphic Work, Cleveland Museum of Art 1972
  • Bauhaus-Archiv Berlin / Bauhaus Kooperation, Werkdokumentation zur Graphischen Druckerei und "Kathedrale"
  • Harvard Art Museums, Busch-Reisinger Museum, Lyonel-Feininger-Sammlung
  • Encyclopaedia Britannica, Eintraege zu Lyonel Feininger und Andreas Feininger
  • Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Provenienzforschung Lyonel Feininger

Zuletzt aktualisiert am 05.06.2026.

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