Bauhaus

Das Bauhaus ist die deutsche Kunst- und Designschule, die von 1919 bis 1933 in Weimar, Dessau und Berlin bestand (Britannica). Die Graphische Druckerei gehörte 1919 zu ihren ersten Werkstätten in Weimar. Lyonel Feininger leitete sie ab 1921 als Formmeister; Klee und Kandinsky druckten dort.

Aus der Werkstatt kam die Mappen-Reihe Neue Europäische Graphik (1921–1924), das Vorzeigeprojekt der Schule. Bauhaus-Druckgrafik war der Ort, an dem Kunst und kontrollierte Vervielfältigung als Einheit gedacht wurden. Kunst und Auflage als Einheit zu denken ist bis heute das Grundprinzip jeder Editionsarbeit. Studio Sonsu, eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover, steht in genau dieser Werkstatt-Tradition.

April 1919. Walter Gropius verschickt das Bauhaus-Manifest. Auf dem Titelblatt: ein Holzschnitt. Lyonel Feiningers Kathedrale, eine kubistisch gebrochene Kirche mit drei Sternen über den Türmen. Gropius hätte ein Foto nehmen können. Eine Zeichnung. Ein Gemälde. Er wählte einen Holzschnitt. Die erste Drucksache, die das Bauhaus in die Welt schickte, war ein Druck.

"Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! [...] Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!" Walter Gropius, Bauhaus-Manifest, 1919 (Wikipedia, Artikel Bauhaus)

Gropius schreibt das nicht als Metapher. Er meint Werkstätten, Pressen, Stechbeitel. Dass die Druckerei eine der ersten eingerichteten Werkstätten war, ist die direkte Übersetzung dieses Satzes in die Praxis.

Innerhalb der Klassischen Moderne ist das Bauhaus der Sonderfall: keine Künstlergruppe, sondern eine Schule mit Lehrplan und Werkstätten. Feininger war Gropius' erste Berufung als Bauhaus-Meister. Kein Architekt. Ein Maler, der den Holzschnitt so ernst nahm wie die Leinwand. Im selben Jahr richtete die Schule ihre Graphische Druckerei ein, eine der frühesten Werkstätten überhaupt. Das sagt etwas über die Prioritäten in Weimar. Wer mit einer Druckwerkstatt anfängt, meint es ernst mit der Idee, dass Kunst vervielfältigt werden darf, ohne weniger Kunst zu sein.

Warum hatte das Bauhaus eine Druckwerkstatt?

Die Handpressen kamen von der alten Kunsthochschule: Tiefdruck, Hochdruck, Flachdruck, Geräte, die schon alt waren, als das Bauhaus noch neu war. Walther Klemm hatte die Werkstatt als erster Formmeister aufgebaut (1919–1921). Feininger übernahm 1921 und führte sie bis 1925. Unter ihm entstanden die Mappenwerke, für die die Werkstatt bis heute bekannt ist.

Die Bauhaus-Druckwerkstatt unterschied sich grundlegend von den anderen Werkstätten, etwa Tischlerei oder Weberei. In der Druckerei war jedes Ergebnis zugleich Kunstwerk und Vervielfältigung. Kein Unikat, aber auch keine Massenware. Eine kontrollierte Auflage auf Papier, signiert und nummeriert. Für eine Schule, die Kunst und Handwerk zusammenbringen wollte, war Druckgrafik das logische Medium: das Scharnier zwischen der Idee des einmaligen Werks und dem Ziel, Kunst in die Breite zu tragen.

Welche Künstler arbeiteten in der Bauhaus-Druckwerkstatt?

Die Bauhaus-Meister, die ihre Grafiken für die Erste Mappe stifteten, bilden den inneren Kreis der Bauhaus-Druckgrafik. Feininger, Klee und Kandinsky prägten die Werkstatt über die Mappen hinaus am stärksten. Jeder nutzte das Medium anders.

Feininger druckte Holzschnitte mit expressionistischen Stadtansichten, kubistisch zerlegten Kirchen und Segelbooten. Harvard datiert seine Mappe Zwölf Holzschnitte auf 1920. Als seine erste Bauhaus-Veröffentlichung gilt eine 1921 herausgegebene Mappe.

Paul Klee, ab 1921 am Bauhaus, druckte Lithografien, oft in kleinen Formaten, die wie gezeichnete Notizen wirken, flüchtige Linien, die trotzdem nichts Unfertiges haben. Seine Lithografie Die Heilige vom innern Licht von 1921 zeigt diese Handschrift. Wer das Linolschnitt-Handwerk selbst ausprobieren will, findet eine Schritt-für-Schritt-Einführung auf der Seite Linoldruck-Anleitung. Seine Druckgrafik stand für ihn gleichberechtigt neben der Malerei. Das war in den 1920er-Jahren keineswegs selbstverständlich: Viele Künstler behandelten Druckgrafik als Fingerübung zwischen den richtigen Bildern. Klee tat das Gegenteil. Wassily Kandinsky, ab Juni 1922 am Bauhaus, schuf dort seine Serie Kleine Welten (1922), mit zwölf abstrakten Kompositionen, je vier in Lithografie, Holzschnitt und Kaltnadelradierung. Jede Technik brachte andere Formen hervor. Nicht Reproduktion, sondern Werkstattarbeit.

Wassily Kandinsky, Kleine Welten VIII, Holzschnitt, 1922. Bauhaus Weimar. Metropolitan Museum of Art, Public Domain (CC0).
Wassily Kandinsky, Kleine Welten VIII, Holzschnitt, 1922. Metropolitan Museum of Art, CC0.

Was bei einem Blick auf die tatsächlichen Drucke aus Weimar sofort auffällt: Die Bauhaus-Druckgrafik war alles andere als minimalistisch. Heute ist "Bauhaus" ein Adjektiv für saubere Linien und reduzierte Formen geworden. Feiningers Holzschnitte sind expressionistisch, mit spitzwinkligen Formen und dramatischen Kontrasten. Klees Lithografien sind verspielt und assoziativ. Die Werkstatt produzierte Kunst mit all der Rauheit, die Handpressen und alte Platten eben mitbringen. Das weit verbreitete Bild vom "cleanen" Bauhaus passt zum späteren Produktdesign: zur Stahlrohrliege, zur Wagenfeld-Leuchte. Die frühe Druckgrafik war ein anderes Kapitel. Rauer, persönlicher, näher am Expressionismus und am Dadaismus als am Industrial Design.

Was waren die "Neuen Europäischen Graphiken"?

Die Mappen-Reihe Bauhaus-Drucke. Neue Europäische Graphik (1921–1924) war das Vorzeigeprojekt der Bauhaus-Druckwerkstatt, geleitet von Feininger. Fünf Mappen waren geplant, vier wurden ausgeliefert. Künstler der internationalen Avantgarde beteiligten sich, die zweite Mappe mit französischen Grafiken blieb Fragment. Jedes Blatt war ein handgedrucktes Original, keine Reproduktion.

Die Idee hinter den Mappen war so ambitioniert wie das Bauhaus selbst. Die Erste Mappe (1921) enthielt Grafiken der Bauhaus-Meister, die ihre Werke wie alle beteiligten Künstler gestiftet hatten. Die Mappe selbst gestaltete Feininger, die Einbände fertigte die Buchbinderei unter Otto Dorfner.

Paul Klee, Die Heilige vom innern Licht, Lithografie, 1921. Public Domain.
Paul Klee, Die Heilige vom innern Licht, Lithografie, 1921. Public Domain.

Die weiteren Mappen öffneten den Kreis weit über Weimar hinaus: deutsche Künstler in der dritten und fünften Mappe, Italiener und Russen in der vierten.

Das Bauhaus brauchte Geld. Die Mappen sollten beides sein: künstlerisches Statement und Einnahmequelle, die Schule erhoffte sich Zusatzeinnahmen und öffentliche Präsenz. Künstlerisch hat das funktioniert. Finanziell weniger: Der Verkauf der Grafiken brachte der Druckerei nicht die erhofften Resultate.

Was die Mappen von einer gewöhnlichen Gruppenausstellung unterschied: Jedes Blatt war ein Original. Radierungen, Lithografien, Holzschnitte, direkt von den Künstlern gedruckt oder autorisiert. Druckgrafik war für das Bauhaus Kunst in ihrer vervielfältigbaren Form, und die Mappen waren der Beweis.

Was passierte 1923 mit der Druckwerkstatt?

1923 markierte den Bruch. László Moholy-Nagy wurde als Meister ans Bauhaus berufen und verschob den Schwerpunkt der Werkstatt grundlegend (Wikipedia, Artikel Bauhausdruckerei). Im selben Jahr erschien in Hannover El Lissitzkys Kestner-Mappe Proun mit sechs Lithografien, was den Konstruktivismus-Bauhaus-Unterschied auf ein konkretes Jahr verdichtet. Ab diesem Zeitpunkt war die Druckerei kaum wiederzuerkennen.

Unter Feininger war die Werkstatt ein Ort für Künstlergrafik gewesen: Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Einzelblätter in kleinen Auflagen. Ab 1923 verschob sich unter dem Einfluss von László Moholy-Nagy der Schwerpunkt in Richtung Typografie. Feininger blieb offiziell Formmeister bis 1925, aber die Werkstatt produzierte zunehmend Buchgestaltung, Plakate und die Bauhausbücher. 1925 führte Herbert Bayer die Kleinschreibung als Bauhaus-Merkmal ein, ab 1927 kam zur Schelter-Grotesk die Futura hinzu. Im selben Jahr 1925 feierte Paris auf der Exposition internationale den ornamentalen Luxus des Art Déco; Deutschland war zu dieser Ausstellung nicht eingeladen. Wie unterschiedlich beide Antworten auf dieselbe Frage der Moderne ausfielen, zeigt der Vergleich von Bauhaus und Art Déco.

Der Bruch spiegelt die gesamte Entwicklung der Schule. Das Bauhaus bewegte sich von Handwerk hin zu industrieller Form, von Künstlergrafik zu Kommunikationsdesign. Eine bewusste Richtungsentscheidung, kein Versehen. Aber sie bedeutet, dass die eigentliche Hochphase der Bauhaus-Druckgrafik als Kunstform kurz war: von 1919 bis zum Bruch von 1923, die letzten Mappen erschienen 1924. In diesen Jahren entstanden Feiningers Holzschnitt-Mappen, die Neuen Europäischen Graphiken, Klees frühe Lithografien, Kandinskys Mappen-Beiträge. Was danach kam (Bayer, die Futura, die Bauhausbücher) war revolutionär für die Typografie. Für die Druckgrafik als Kunst war es das Ende der Weimarer Blüte.

"Printmaking is simultaneously wonderfully innovative and frustratingly inaccessible." – Georgia Green, britische Druckgrafikerin

Green beschreibt ein Problem, das die Bauhaus-Meister vor hundert Jahren mit denselben Mitteln zu lösen versuchten. Die Mappen waren der Versuch, innovative Kunst über Druckgrafik zugänglich zu machen. Eine Auflage statt eines Unikats: das war die Idee. Dass der Verkauf trotzdem hinter den Erwartungen blieb, zeigt, wie hartnäckig diese Spannung zwischen Anspruch und tatsächlicher Reichweite ist. Hundert Jahre später hat sich daran weniger geändert, als man erwarten würde.

Warum ist die Bauhaus-Druckgrafik heute noch relevant?

Feininger, Klee und Kandinsky haben in Weimar etabliert, was bis dahin offen war: Ein Druck konnte dasselbe Gewicht haben wie ein Gemälde. Das Bauhaus-Archiv Berlin hält die weltweit größte Sammlung zur Geschichte des Bauhauses. Wer heute einen zeitgenössischen Linolschnitt oder Holzschnitt an die Wand hängt, kauft ein Original in limitierter Auflage, gedruckt von Hand, signiert vom Künstler. Genau dieses Konzept hat seine institutionelle Grundlage in Weimar bekommen.

Die Relevanz liegt dabei weniger in der Stilistik als in der Haltung. Die Bauhaus-Meister haben die Hierarchie zwischen Druckgrafik und Malerei praktisch aufgelöst: indem sie Drucke als Originale behandelten, als eigene Werke mit eigener Ästhetik. Das war 1921 weit entfernt von selbstverständlich, und es ist die Grundlage für alles, was seitdem als Druckgrafik gehandelt, gesammelt und ausgestellt wird.

FAQ

Welche Drucktechniken wurden am Bauhaus gelehrt?

Die Graphische Druckerei des Bauhauses in Weimar verfügte über Handpressen aus dem Bestand der alten Weimarer Kunstschule für Tiefdruck (Radierung), Hochdruck (Holzschnitt, Linolschnitt) und Flachdruck (Lithografie). Die Meister arbeiteten je nach Vorliebe mit verschiedenen Techniken. Ab 1923 verlagerte sich der Schwerpunkt unter Moholy-Nagy auf Typografie und Buchgestaltung.

Wie viele Mappen der "Neuen Europäischen Graphik" gibt es?

Fünf Mappen waren geplant, vier wurden zwischen 1921 und 1924 ausgeliefert. Die Erste Mappe enthielt Grafiken der Bauhaus-Meister, die dritte und fünfte Blätter deutscher Künstler, die vierte Arbeiten von Italienern und Russen. Die zweite, für französische Grafik vorgesehen, blieb Fragment.

Was ist ein Bauhaus-Holzschnitt wert?

Das hängt von Künstler, Blatt und Zustand ab. Vollständige Mappen sind selten, Einzelblätter tauchen häufiger im Handel auf. Verbindliche Zahlen liefern nur aktuelle Auktionsergebnisse, keine Faustregel.

Ist Bauhaus-Kunst minimalistisch?

Das weit verbreitete Bild vom "cleanen" Bauhaus trifft auf das Produktdesign zu, weniger auf die frühe Druckgrafik. Feiningers Holzschnitte sind expressionistisch, Klees Lithografien verspielt, Kandinskys Kompositionen komplex. Die Druckwerkstatt war rauer als das spätere Design-Image der Schule vermuten lässt.

Wo sehe ich originale Bauhaus-Druckgrafik heute?

Das Bauhaus-Archiv in Berlin hält die weltweit größte Sammlung zur Geschichte des Bauhauses, das Bauhaus-Museum Weimar (Klassik Stiftung) die weltweit älteste Bauhaus-Sammlung. Das Metropolitan Museum of Art in New York besitzt Kandinskys "Kleine Welten" als öffentlich zugängliche Bestände. Für internationale Leihgaben eignen sich große Übersichtsausstellungen, die regelmäßig in europäischen Museen stattfinden.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung Berlin – Sammlung und Forschung zum Staatlichen Bauhaus. https://www.bauhaus.de
  • Klassik Stiftung Weimar – Bauhaus-Museum Weimar, weltweit älteste Bauhaus-Sammlung. https://www.klassik-stiftung.de/bauhaus-museum-weimar/
  • The Metropolitan Museum of Art – Kandinsky, Kleine Welten (1922), Portfolio mit zwölf Blättern, Sammlungsdatenbank. https://www.metmuseum.org/art/collection/search/735918
  • Museum of Modern Art – Lyonel Feininger, Cathedral for Program of the State Bauhaus in Weimar (1919). https://www.moma.org/collection/works/63072
  • Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar – Graphische Druckerei 1919–1925; Bauhaus-Drucke: Neue Europäische Graphik (gelesen über das Internet Archive, die Website war im September 2026 nicht erreichbar)
  • Harvard Art Museums – Twelve Woodcuts by Lyonel Feininger (1920); Staatsgalerie Stuttgart – El Lissitzky, Proun (Kestnermappe, 1923)
  • Wikipedia, Artikel Bauhaus, Bauhausdruckerei, Lyonel Feininger, Bauhaus-Archiv, Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes, Futura (Schriftart), Kestner Gesellschaft

Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.

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