Bauhaus

Die Graphische Druckerei gehörte 1919 zu den ersten Werkstätten des Staatlichen Bauhauses in Weimar. Lyonel Feininger leitete sie ab 1921 als Formmeister; Klee und Kandinsky druckten dort.

Aus der Werkstatt kam die Mappen-Reihe Neue Europäische Graphik (1921–1924), das Vorzeigeprojekt der Schule. Bauhaus-Druckgrafik war der Ort, an dem Kunst und kontrollierte Vervielfältigung zum ersten Mal als Einheit gedacht wurden.

April 1919. Walter Gropius verschickt das Bauhaus-Manifest. Auf dem Titelblatt: ein Holzschnitt. Lyonel Feiningers Kathedrale, eine kubistisch gebrochene Kirche mit drei Sternen für Malerei, Skulptur und Architektur. Gropius hätte ein Foto nehmen können. Eine Zeichnung. Ein Gemälde. Er wählte einen Holzschnitt. Die erste Drucksache, die das Bauhaus in die Welt schickte, war ein Druck.

Feininger war Gropius' erste Berufung als Bauhaus-Meister. Kein Architekt. Ein Maler, der den Holzschnitt so ernst nahm wie die Leinwand. Im selben Jahr richtete die Schule ihre Graphische Druckerei ein — eine der frühesten Werkstätten überhaupt. Das sagt etwas über die Prioritäten in Weimar. Wer mit einer Druckwerkstatt anfängt, meint es ernst mit der Idee, dass Kunst vervielfältigt werden darf, ohne weniger Kunst zu sein.

Warum hatte das Bauhaus eine Druckwerkstatt?

Die Handpressen kamen von der alten Kunsthochschule — Tiefdruck, Hochdruck, Flachdruck, Geräte, die schon alt waren, als das Bauhaus noch neu war. Walther Klemm hatte die Werkstatt als erster Formmeister aufgebaut (1919–1921). Feininger übernahm 1921 und führte sie bis 1925. Unter ihm wurde aus einer soliden Werkstatt der produktivste Raum der Schule.

Die Bauhaus-Druckwerkstatt unterschied sich grundlegend von den anderen Werkstätten, etwa Tischlerei oder Weberei. In der Druckerei war jedes Ergebnis zugleich Kunstwerk und Vervielfältigung. Kein Unikat, aber auch keine Massenware. Eine kontrollierte Auflage auf Papier, signiert und nummeriert. Für eine Schule, die Kunst und Handwerk zusammenbringen wollte, war Druckgrafik das logische Medium: das Scharnier zwischen der Idee des einmaligen Werks und dem Ziel, Kunst in die Breite zu tragen.

Welche Künstler arbeiteten in der Bauhaus-Druckwerkstatt?

Die sieben Meister der Ersten Mappe — Feininger, Itten, Klee, Marcks, Muche, Schlemmer, Schreyer — bilden den inneren Kreis der Bauhaus-Druckgrafik. Feininger, Klee und Kandinsky prägten die Werkstatt über die Mappen hinaus am stärksten. Jeder nutzte das Medium anders.

Feininger druckte Holzschnitte mit expressionistischen Stadtansichten, kubistisch zerlegten Kirchen und Segelbooten. Seine Zwölf Holzschnitte (1921) waren die erste eigenständige Publikation des Weimarer Bauhauses überhaupt. Feininger schnitt seine Stöcke mit einer Präzision, die den Expressionisten seiner Generation fremd war: statt roher Schnitte feine Schraffuren, oft so dicht, dass der Holzschnitt wie eine Radierung wirkt.

Paul Klee experimentierte mit Lithografie und Radierung, oft in kleinen Formaten, die wie gezeichnete Notizen wirken — flüchtige Linien, die trotzdem nichts Unfertiges haben. Wer das Linolschnitt-Handwerk selbst ausprobieren will, findet eine Schritt-für-Schritt-Einführung auf der Seite Linoldruck-Anleitung. Seine Druckgrafik stand für ihn gleichberechtigt neben der Malerei. Das war in den 1920er-Jahren keineswegs selbstverständlich: Viele Künstler behandelten Druckgrafik als Fingerübung zwischen den richtigen Bildern. Klee tat das Gegenteil. Wassily Kandinsky nutzte die Werkstatt vor allem für die Mappen-Beiträge — darunter seine Serie Kleine Welten (1922), mit zwölf abstrakten Kompositionen — je vier in Lithografie, Holzschnitt und Kaltnadelradierung. Jede Technik brachte andere Formen hervor. Nicht Reproduktion, sondern Werkstattarbeit.

Wassily Kandinsky, Kleine Welten VIII, Holzschnitt, 1922. Bauhaus Weimar. Metropolitan Museum of Art, Public Domain (CC0).
Wassily Kandinsky, *Kleine Welten VIII*, Holzschnitt, 1922. Metropolitan Museum of Art, CC0.

Was bei einem Blick auf die tatsächlichen Drucke aus Weimar sofort auffällt: Die Bauhaus-Druckgrafik war alles andere als minimalistisch. Heute ist "Bauhaus" ein Adjektiv für saubere Linien und reduzierte Formen geworden. Feiningers Holzschnitte sind expressionistisch, mit spitzwinkligen Formen und dramatischen Kontrasten. Klees Lithografien sind verspielt und assoziativ. Die Werkstatt produzierte Kunst mit all der Rauheit, die Handpressen und alte Platten eben mitbringen. Das weit verbreitete Bild vom "cleanen" Bauhaus passt zum späteren Produktdesign — zur Stahlrohrliege, zur Wagenfeld-Leuchte. Die frühe Druckgrafik war ein anderes Kapitel. Rauer, persönlicher, näher am Expressionismus und am Dadaismus als am Industrial Design.

Was waren die "Neuen Europäischen Graphiken"?

Die Mappen-Reihe Bauhaus-Drucke. Neue Europäische Graphik (1921–1924) war das Vorzeigeprojekt der Bauhaus-Druckwerkstatt. Fünf Portfolios waren geplant, vier wurden realisiert. Dutzende Künstler der europäischen Avantgarde beteiligten sich. Jedes Blatt war ein handgedrucktes Original, keine Reproduktion.

Die Idee hinter den Mappen war so ambitioniert wie das Bauhaus selbst. Die Erste Mappe (1921) enthielt Werke von sieben Bauhaus-Meistern: Feininger, Itten, Klee, Marcks, Muche, Schlemmer und Schreyer. Je zwei Drucke pro Künstler, 14 Grafiken insgesamt, Auflage 110 Exemplare.

Paul Klee, Die Heilige vom innern Licht, Lithografie, 1921. Erste Mappe der Neuen Europäischen Graphik, Bauhaus Weimar. Public Domain.
Paul Klee, *Die Heilige vom innern Licht*, Lithografie für die Erste Mappe, 1921. Public Domain.

Die weiteren Mappen öffneten den Kreis weit über Weimar hinaus: Künstler aus ganz Europa, ein Querschnitt der Avantgarde um 1920.

Das Bauhaus brauchte Geld. Die Mappen sollten beides sein: künstlerisches Statement und Einnahmequelle. Künstlerisch hat das funktioniert. Finanziell weniger. Der Verkauf blieb deutlich unter den Erwartungen — der Preis war hoch, die Zielgruppe klein, und Deutschland steckte 1921 in einer wirtschaftlichen Krise. Vollständige Exemplare der Ersten Mappe werden heute auf 98.000 bis 150.000 EUR geschätzt. Wer 1921 zugeschlagen hätte, wäre gut gefahren.

Was die Mappen von einer gewöhnlichen Gruppenausstellung unterschied: Jedes Blatt war ein Original. Radierungen, Lithografien, Holzschnitte — direkt von den Künstlern gedruckt oder autorisiert. Druckgrafik war für das Bauhaus Kunst in ihrer vervielfältigbaren Form, und die Mappen waren der Beweis.

Was passierte 1923 mit der Druckwerkstatt?

1923 markierte den Bruch. László Moholy-Nagy wurde als Meister ans Bauhaus berufen und verschob den Schwerpunkt der Werkstatt grundlegend. Ab diesem Zeitpunkt war die Druckerei kaum wiederzuerkennen.

Unter Feininger war die Werkstatt ein Ort für Künstlergrafik gewesen: Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Einzelblätter in kleinen Auflagen. Ab 1923 verschob sich unter dem Einfluss von László Moholy-Nagy der Schwerpunkt in Richtung Typografie. Feininger blieb offiziell Formmeister bis 1925, aber die Werkstatt produzierte zunehmend Buchgestaltung, Plakate und die Bauhausbücher. 1925 führte Herbert Bayer die konsequente Kleinschreibung als Bauhaus-Merkmal ein, die Futura wurde ab 1927 zur Hausschrift.

Der Bruch spiegelt die gesamte Entwicklung der Schule. Das Bauhaus bewegte sich von Handwerk hin zu industrieller Form, von Künstlergrafik zu Kommunikationsdesign. Eine bewusste Richtungsentscheidung, kein Versehen. Aber sie bedeutet, dass die eigentliche Hochphase der Bauhaus-Druckgrafik als Kunstform nur vier Jahre dauerte: 1919 bis 1923. In diesen vier Jahren entstanden Feiningers Holzschnitt-Mappen, die Neuen Europäischen Graphiken, Klees frühe Lithografien, Kandinskys Mappen-Beiträge. Was danach kam — Bayer, die Futura, die Bauhausbücher — war revolutionär für die Typografie. Für die Druckgrafik als Kunst war es das Ende der Weimarer Blüte.

"Printmaking is simultaneously wonderfully innovative and frustratingly inaccessible." – Georgia Green, britische Druckgrafikerin

Green beschreibt ein Problem, das die Bauhaus-Meister vor hundert Jahren mit denselben Mitteln zu lösen versuchten. Die Mappen waren der Versuch, innovative Kunst über Druckgrafik zugänglich zu machen. 110 Exemplare statt eines Unikats: das war die Idee. Dass sich trotzdem kaum jemand die Mappen leisten konnte, zeigt, wie hartnäckig diese Spannung zwischen Anspruch und tatsächlicher Reichweite ist. Hundert Jahre später hat sich daran weniger geändert, als man erwarten würde.

Warum ist die Bauhaus-Druckgrafik heute noch relevant?

Feininger, Klee und Kandinsky haben eine Frage praktisch beantwortet, die vorher offen war: Kann ein Druck dasselbe Gewicht haben wie ein Gemälde? Wer heute einen zeitgenössischen Linolschnitt oder Holzschnitt an die Wand hängt, kauft ein Original in limitierter Auflage, gedruckt von Hand, signiert vom Künstler. Genau dieses Konzept hat seine institutionelle Grundlage in Weimar bekommen.

Die Relevanz liegt dabei weniger in der Stilistik als in der Haltung. Die Bauhaus-Meister haben die Hierarchie zwischen Druckgrafik und Malerei praktisch aufgelöst: indem sie Drucke als Originale behandelten, als eigene Werke mit eigener Ästhetik. Das war 1921 weit entfernt von selbstverständlich — und es ist die Grundlage für alles, was seitdem als Druckgrafik gehandelt, gesammelt und ausgestellt wird.

Welche Drucktechniken wurden am Bauhaus gelehrt?

Die Graphische Druckerei des Bauhauses in Weimar verfügte über Handpressen für Tiefdruck (Radierung, Kaltnadel), Hochdruck (Holzschnitt) und Flachdruck (Lithografie). Die Meister arbeiteten je nach Vorliebe mit verschiedenen Techniken. Ab 1923 verlagerte sich der Schwerpunkt unter Moholy-Nagy auf Typografie und Buchgestaltung.

Wie viele Mappen der "Neuen Europäischen Graphik" gibt es?

Fünf Portfolios waren geplant, vier wurden zwischen 1921 und 1924 realisiert. Die Erste Mappe enthielt 14 Grafiken von sieben Bauhaus-Meistern in einer Auflage von 110 Exemplaren. Dutzende Künstler der europäischen Avantgarde waren an der Serie beteiligt.

Was ist ein Bauhaus-Holzschnitt wert?

Einzelne Blätter aus den Bauhaus-Mappen werden je nach Künstler und Zustand für wenige tausend bis mehrere zehntausend Euro gehandelt. Vollständige Exemplare der Ersten Mappe wurden zuletzt auf 98.000 bis 150.000 EUR geschätzt.

Ist Bauhaus-Kunst minimalistisch?

Das weit verbreitete Bild vom "cleanen" Bauhaus trifft auf das Produktdesign zu, weniger auf die frühe Druckgrafik. Feiningers Holzschnitte sind expressionistisch, Klees Lithografien verspielt, Kandinskys Kompositionen komplex. Die Druckwerkstatt war rauer als das spätere Design-Image der Schule vermuten lässt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung Berlin – Sammlung und Forschung zum Staatlichen Bauhaus. https://www.bauhaus.de
  • Klassik Stiftung Weimar – Bauhaus-Museum Weimar, älteste Bauhaus-Sammlung der Welt mit 13.000 Objekten. https://www.klassik-stiftung.de/bauhaus/
  • The Metropolitan Museum of Art – Kandinsky, Kleine Welten VIII (1922), Public-Domain-Sammlung. https://www.metmuseum.org
  • Wikipedia (weiterführend): Neue Europäische Graphik – Überblick zur Mappen-Reihe des Bauhauses (1921–1924). https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Europ%C3%A4ische_Graphik

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern.

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