Büttenpapier
Büttenpapier ist ein aus einer Fasersuspension handgeschöpftes oder auf der Rundsiebmaschine hergestelltes Papier mit isotroper Faserstruktur, natürlichem Büttenrand und geringer Leimung. Für die Druckgrafik, besonders für Tiefdruck-Techniken wie Radierung und Kaltnadel, ist es das Standardmaterial, weil seine physikalischen Eigenschaften sich vom Industriepapier grundlegend unterscheiden.
Das Papier liegt am Abend vor dem Druck auf einem Stapel. Beide Seiten wurden mit einem Naturschwamm und handwarmem Wasser eingestrichen. Schwer sind die Bögen schon trocken, durchfeuchtet fühlen sie sich an wie dicker Filz: biegsam, kühl, leicht körnig an der Oberfläche. Die Bögen müssen über Nacht gleichmäßig durchfeuchten. Zu kurz befeuchtet, und die Farbe wird fleckig; zu nass, und die Oberfläche reißt. Am nächsten Morgen ist das Papier anders als am Abend zuvor: es gibt leicht nach, wenn du mit dem Daumen über die Schönseite fährst. Das kommt auf die Kupferplatte, Schönseite nach unten, auf die eingefärbten Linien. Die Presse übt mehrere Tonnen Druck aus. Das Büttenpapier drückt sich in jeden geätzten Strich. Wenn das Blatt von der Platte gehoben wird, liegen die Linien erhaben auf der Oberfläche. Wer genau hinschaut, sieht am Blattrand außerdem den eingedrückten Umriss der Kupferplatte.
Warum muss das Papier nass sein?
Das Befeuchten ist Physik. Büttenpapier enthält wenig Leim und ist im trockenen Zustand hart. Befeuchtet wird es elastisch und gibt nach.
Was dabei passiert, hängt an der Faserstruktur. Bei handgeschöpftem oder auf dem Rundsieb hergestelltem Büttenpapier verlaufen die Fasern weitgehend richtungsunabhängig, weil beim Schöpfen keine Laufrichtung entsteht. Bei Maschinenpapier, das auf einem Langsieb läuft, liegen die Fasern stärker in Laufrichtung. Das führt dazu, dass Maschinenpapier beim Befeuchten stärker in Querrichtung quillt als in Längsrichtung. Büttenpapier quillt beim Befeuchten gleichmäßiger auf, ohne den Verzug, den Maschinenpapier zeigt.
Diese gleichmäßigere Quellung ist der Grund, warum Radierungen auf Büttenpapier gedruckt werden. Das befeuchtete Blatt drückt sich in die geätzten Vertiefungen der Kupferplatte, saugt die Farbe heraus und kommt als fertiger Druck mit erhabenen Linien heraus. Die Presse drückt nicht die Farbe auf das Papier, sie drückt das Papier in die Farbe.
Der Zeitplan beim Befeuchten ist kein Beiwerk. Das Einstreichen muss am Abend vor dem Druck geschehen, nicht am Morgen. Wer es zu knapp macht, bekommt ungleichmäßige Farbaufnahme und einen fleckigen Druck. Ein Detail, das kein Lehrbuch besonders betont, aber in der Werkstatt bekannt ist.
Beim Tiefdruck gibt es außerdem eine Seite, die auf die Platte zeigt, und eine, die es nicht tut. Büttenpapier hat eine rauere Siebseite und eine glattere Schönseite. Die Schönseite kommt beim Druck nach unten auf die Platte. Wenn du die Seiten verwechselst, druckst du auf dem falschen Grund.
Diese Auswahl zeigt Radierungen. Der Druckprozess, der hier beschrieben wird, setzt die Eigenschaften von Büttenpapier voraus.
Was haben Lumpen mit einem Druckbogen zu tun?
Die Fasern, die diesen Prozess aushalten, kamen jahrhundertelang aus Hadern: alte Textilien aus Leinen, Hanf oder Baumwolle, gesammelt, mazeriert, zerfasert. Diese Fasern halten den Pressdruck aus, ohne zu zerreißen.
Die erste Papiermühle im deutschen Sprachraum baute Ulman Stromer, Nürnberger Handelsherr. Er ließ 1390 eine alte Kornmühle, die Gleismühl an der Pegnitz, zu einer Papiermühle umbauen, die mit Wasserradantrieb lief. Hartmann Schedel hielt die Mühle in der Weltchronik von 1493 in einem Holzschnitt fest.
Fast zweihundert Jahre später, am 27. Februar 1584, erhielt der Papiermacher Merten Spieß von Herzog Erich II. die Genehmigung, eine Papiermühle in Relliehausen am Solling zu bauen. Heute heißt diese Mühle Hahnemühle, nach Carl Hahne, der sie 1886 kaufte und in "Büttenpapierfabrik Hahnemühle" umbenannte. Vier Jahrhunderte Mühlenbetrieb, seit 1886 unter diesem Namen.
Die Technik der Hadern-Zerkleinerung änderte sich zwischendurch grundlegend. Bis ins 17. Jahrhundert arbeiteten die Mühlen mit Stampfwerken: schwere Hämmer, die die Fasern zerkleinerten. Um 1670 entstand in den Windpapiermühlen des Zaanlands der Holländer, ein rotierendes Mahlwerk, das die Fasern schneidet und schlägt statt nur zu stampfen. In deutschen Papiermühlen löste er ab dem 18. Jahrhundert das Stampfwerk ab. Das Ergebnis war schnellere Fasertrennung unter besser kontrollierbaren Bedingungen.
Parallel arbeiteten in Frankreich die Mühlen von Arches. Gegründet 1492 im Dorf Arches südlich von Épinal in den Vogesen, stellten sie früh Papier für anspruchsvolle Druckprojekte her. Auf Arches-Papier entstanden später Werke von Matisse, Picasso und Dalí.
Den nächsten technischen Einschnitt brachte nicht eine Mühle, sondern England. 1805 wurde die erste Rundsiebmaschine auf den Mechaniker Joseph Bramah patentiert, 1809 ließ John Dickinson seine eigene Konstruktion patentieren: ein rotierender Zylinder schöpft die Papiermasse aus dem Bottich. Seitdem wird Büttenpapier meist industriell hergestellt, ohne den Charakter des handgeschöpften Blattes vollständig aufzugeben.
Das Netz der Mühlen hat sich seit Stromers Zeiten stark ausgedünnt. In Zerkall in der Eifel wurde seit 1920 Büttenpapier unter dem Warenzeichen Zerkall-Bütten vertrieben. Nach dem Hochwasser im Juli 2021 wurde die Produktion von Büttenpapier eingestellt. Ein Jahrhundert Tradition endet mit einem Hochwasser. Die Materialwelt der Druckgrafik schrumpft.
Arches, Hahnemühle, BFK Rives: drei Namen, die auf den Druckbögen stehen. Jeder Name steht für eine andere Mühle, eine andere Formulierung, denselben Anspruch.
Warum brauchen Radierung und Lithografie verschiedenes Papier?
Die Antwort steckt im Druckprozess selbst. Bei der Radierung liegt die Farbe in den Vertiefungen der Platte. Das Papier muss sich in diese Vertiefungen pressen und die Farbe herauslösen. Das verlangt Elastizität, Saugfähigkeit, und den Befeuchtungsprozess vom Vorabend.
Bei der Lithografie liegt die Farbe auf einer flachen Fläche. Das Druckprinzip beruht auf der chemischen Abstoßung von Fett und Wasser auf einem Kalkstein, keine Vertiefungen, keine Erhöhungen. Das Papier muss diese Oberfläche gleichmäßig abnehmen, ohne das Druckbild zu stören. Glattere Papiere eignen sich dafür besser; auf stark texturierten wirken Farben diffuser und weniger brillant. Lithografien drucken auf Büttenpapier, aber mit einem anderen Anforderungsprofil.
Für den Tiefdruck hat sich BFK Rives als Standard etabliert. BFK steht für Blanchet Frères & Kléber. Die Papiermühle in Rives wurde 1787 gegründet und trug ab 1820 diesen Namen, als die Brüder Blanchet sich mit dem Geschäftspartner Kléber zusammenschlossen. Die letzte Papiermühle in Rives schloss 2011. Heute wird das Papier unter demselben Namen in der Papiermühle von Arches auf dem Rundsieb hergestellt; laut Händlerangaben besteht es aus 100 % Baumwolle und hat vier Büttenränder, zwei natürlich gewachsen und zwei gerissen.
Bei der Kaltnadel kommt es besonders auf die Papierweichheit an. Der empfindliche Grat, der beim Kratzen ins Kupfer entsteht, reagiert auf jede Unebenheit der Papieroberfläche. Das Papier muss nachgeben, nicht drücken.
Hahnemühle hat ein anderes Profil. Das Printmaking-Papier des Herstellers läuft auf der Rundsiebmaschine, mit Büttenrändern, säurefrei und alterungsbeständig; Hahnemühle 1584 besteht aus 100 % Baumwolle, ungeleimt, 300 g/m². Der Name "German Etching" steht bei Hahnemühle heute für ein Digital-FineArt-Papier, 1997 als erstes seiner Art eingeführt. Alle Hahnemühle-Papiere haben einen pH-Wert über 8 und enthalten Calciumcarbonat als chemischen Puffer. Ein alkalischer pH bedeutet laut Hersteller: Das Papier ist gegen die Einflüsse geschützt, die es altern lassen.
Hahnemühles Printmaking-Papier gibt es in 150 bis 350 g/m², BFK Rives laut Händler in 180 bis 300 g/m². Das schwere Papier übersteht den Pressdruck, behält die Form und lässt sich rahmen ohne zu wellen.
Der Unterschied zwischen den Verfahren steckt im fertigen Blatt. Welche Papierfamilie zu welchem Druckprinzip passt, vergleicht Papier für Druckgrafik im Überblick. Man kann ihn sehen. Und unter Umständen fühlen.
Was erzählt das Papier nach dem Druck?
Am fertigen Blatt lassen sich mehrere Dinge ablesen. Der Büttenrand ist der auffälligste: ein unregelmäßig geformter, dicker Rand, der beim Schöpfen entsteht, weil die Fasern am Rand des Siebrahmens ausfließen.
Bleibt das Papier unbeschnitten, behält es diesen Rand. Heute gilt er als Qualitätsmerkmal; Hahnemühle nennt den unregelmäßigen Büttenrand neben dem Wasserzeichen ausdrücklich als anerkanntes Qualitätskennzeichen echter Rundsiebpapiere. Wer den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck kennt und eine Originalgrafik erkennen will, schaut als Erstes auf den Rand: Büttenrand und Plattenrand zusammen sind die ersten Anhaltspunkte.
Daneben zeigt sich der Plattenrand: der eingedrückte Abdruck der Kupferplatte, der die Bildgrenzen umrahmt. Er entsteht beim Tiefdruck dadurch, dass das weiche Büttenpapier die Plattenkante aufnimmt. Fehlt der Plattenrand bei einer angeblichen Radierung, wurde das Blatt entweder beschnitten, oder es ist kein Tiefdruck.
Und dann das Wasserzeichen. Im Büttenpapier eingebettete Drahtfiguren erzeugen beim Schöpfen dünnere Stellen, die im Gegenlicht sichtbar werden. In der Frühzeit der europäischen Papierherstellung waren Wasserzeichen die Herkunfts- und Geschäftszeichen der Papiermühlen, sichtbar nur gegen das Licht.
Dass Wasserzeichen mehr als Qualitätsgütesiegel sind, zeigt das Werk des niederländischen Kunsthistorikers Erik Hinterding. Er untersuchte über 7.000 Rembrandt-Radierungen. Rund ein Drittel der Drucke, 2.369, trugen vollständige oder fragmentarische Wasserzeichen. Von diesen identifizierte Hinterding 1.998 und ordnete sie 680 verschiedenen Typen zu: 54 Grundtypen, aufgefächert in 294 Varianten und 512 Subvarianten. Mit diesen Wasserzeichendaten lässt sich unterscheiden, ob ein Druck zu Rembrandts Lebzeiten oder posthum entstand. Wasserzeichen können auch auf Drucke hinweisen, die nach Rembrandts Tod entstanden. Das Papier datiert den Druck.
Der Forscher C.M. Briquet veröffentlichte 1907 "Les Filigranes": vier Bände, 16.112 Wasserzeichen-Faksimiles aus dem Zeitraum 1282 bis 1600. Historische französische Papierformate trugen Namen wie Raisin, Colombier oder Grand Aigle.
Rembrandt verwendete nach Hinterdings Schätzung rund 258 verschiedene Papierchargen. Die Papierwahl war ein Teil der Werkentscheidung.
Am Abend zuvor lag das Blatt unter Folie, feucht und schwer. Am Morgen danach hängt es an der Wand. Es trägt den Plattenrand, der die Kupferplatte nachzeichnet. Es trägt die Linien, die sich in seine Oberfläche gedrückt haben. Und im Gegenlicht, wenn du weißt wo du hinschauen musst, trägt es das Wasserzeichen der Mühle. Was beim Schöpfen als Nebenprodukt entsteht, datiert heute den Druck und belegt den Weg vom Schöpfrahmen zur Wand.
Häufige Fragen
Aus welchem Material besteht Büttenpapier?
Historisch aus Hadern: Textilabfällen aus Leinen, Hanf und Baumwolle, die mazeriert und zu einer Fasersuspension verarbeitet wurden. Moderne Büttenpapiere für Druckgrafik bestehen heute meist aus Baumwolle oder einer Mischung aus Baumwolle und hochwertiger Alpha-Zellulose. Holzzellstoff ist für Künstlerpapiere wenig geeignet, weil er Lignin enthält, das unter Lichteinfluss zu Vergilbung und Brüchigkeit führt. Warum Baumwollpapier chemisch das Gegenteil tut, erklärt die Faser-Chemie dahinter.
Warum muss Büttenpapier für den Tiefdruck befeuchtet werden?
Trockenes Büttenpapier ist zu steif, um sich in die geätzten Vertiefungen einer Kupferplatte zu pressen. Befeuchtet wird es weich und elastisch. Beim Drucken drückt das Papier sich in jeden Strich und saugt die Farbe heraus. Zu wenig Befeuchtung führt zu fleckiger Farbaufnahme, zu viel beschädigt die Oberfläche. Das Einstreichen mit dem Naturschwamm muss deshalb am Abend vor dem Druck passieren, nicht am Drucktag.
Was ist ein Büttenrand?
Der Büttenrand entsteht beim Schöpfen: Die Papierfasern fließen am Rand des Siebrahmens aus und bilden einen unregelmäßig geformten, dicken Rand. Bleibt das Blatt unbeschnitten, behält es diesen Rand. Heute ist er ein Qualitätsmerkmal und ein Hinweis auf handgeschöpfte oder Rundsieb-Herstellung. Bei einem Original-Tiefdruck auf Büttenpapier ist der Büttenrand typischerweise erhalten und zeigt die charakteristische Faserstruktur.
Brauchen Radierung und Lithografie das gleiche Büttenpapier?
Nein. Radierung (Tiefdruck) braucht ein elastisches, wenig geleimtes Papier, das befeuchtet wird und sich in Plattenvertiefungen presst. Lithografie (Flachdruck) läuft besser auf ebenmäßigen, glatteren Oberflächen. Texturierte Papiere lassen sich zwar bedrucken, wenn man sie leicht anfeuchtet, geben die Farbe aber diffuser wieder. Beide Verfahren nutzen schweres Büttenpapier, aber mit unterschiedlichem Oberflächenprofil.
Wie bewahre ich einen Druck auf Büttenpapier auf?
Büttenpapier-Drucke sollten nicht ohne Passepartout gerahmt werden: Das Papier braucht Abstand zum Glas, damit es nicht festhaftet und Feuchtigkeit zirkulieren kann. Ein säurefreies Passepartout ist Standard bei konservatorischer Rahmung. Wer tiefer in die Fachbegriffe rund um Büttenrand, Plattenrand und Papierqualität einsteigen will, findet im Glossar Druckgrafik die gängigen Definitionen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Radiertechniken.de, Drucken: Feuchten des Papiers, Sieb- und Schönseite
- Wikipedia, Büttenpapier, Papiermühle, Papier (Technische Entwicklung), Papierholländer, Ulman Stromer, Hahnemühle, Zerkall, Wasserzeichen, Papierformat, Charles-Moïse Briquet; Wikipedia (EN), Arches paper, John Dickinson (inventor)
- Hahnemühle, 440+ Years of Hahnemühle; Paper & Quality; Produktseiten Mould-made Printmaking Paper und Hahnemühle 1584; Blog: Raw materials and properties of artist paper
- Arches Papers, History; What does the acronym BFK (Rives) stand for?; Legion Paper, Rives BFK (Händlerangaben)
- C. Richard Johnson u. a., Decision Trees for Watermark Identification in Rembrandt's Etchings, Journal of Historians of Netherlandish Art (Hinterdings Zählung)
- C.M. Briquet, Les Filigranes (1907), vier Bände
Zuletzt aktualisiert am 16.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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