Baumwollpapier
Baumwollpapier aus cellulosereinen Fasern bleibt über Jahrhunderte stabil, weil es kein Lignin enthält. Holzschliffpapier enthält Lignin und zerfällt unter Lichteinfluss in Jahrzehnten. Dieser chemische Unterschied ist der Grund, weshalb Museen, Archive und Druckwerkstätten bis heute auf Baumwollpapier setzen.
Nimm ein Zeitungsblatt aus den 1980ern in die Hand. Papier, das noch existiert, wenn du Glück hast. Die Ränder sind gelbbraun, die Seiten spröde, beim Falten brechen sie. Halte daneben einen Radierungsdruck aus dem frühen 18. Jahrhundert auf Hadernpapier. Das Blatt ist fest. Die Farbe ist kalt-weiß. Die Linien sind scharf wie am ersten Tag, obwohl das Papier dreihundert Jahre alt ist. Diese Beständigkeit ist der materielle Kern nachhaltiger Wandkunst: ein Blatt, das Generationen übersteht, wird nicht zu Abfall.
Der Unterschied ist nicht Alter. Der Unterschied ist eine einzige chemische Substanz.
Was steckt in der Faser?
Die Faser, aus der gutes Druckpapier besteht, ist Alpha-Zellulose. Nicht irgendeine Zellulose, sondern der hochreine Anteil ohne Begleitstoffe.
Modernes Baumwollpapier kommt nicht mehr aus alten Textilabfällen, auch wenn "Hadernpapier" diesen Ursprung noch im Namen trägt. Die Rohfaser kommt aus Cotton Linters: den kurzen Samenhaaren, die nach dem Entkörnen am Baumwollsamen haften bleiben. Ein Nebenprodukt der Textil- und Ölindustrie. Chemisch gesehen besteht die Baumwollfaser fast vollständig aus Zellulose, mit nur geringsten Anteilen an Lignin. Cotton Linters sind das Rohmaterial, das Büttenpapier-Macher heute im Schöpfrahmen verarbeiten.
Hadern, also die alten Textilreste, aus denen Papier bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem geschöpft wurde, lieferten eine ähnlich reine Zellulosebasis. Daher findet sich Hadernpapier aus dem 15. und 16. Jahrhundert noch in Museumssammlungen. Nicht wegen besonderer Kunst. Wegen des Rohmaterials.
Das Gegenteil ist Lignin. Ein aromatisches Makromolekül, das in Holzzellstoff mitgeliefert wird und das saure Abbauprodukte freisetzt. Die gelben Ränder des Zeitungsblatts sind keine Patina. Sie sind Lignin-Abbau, sichtbar geworden, dasselbe Prinzip hinter den Lagerungsregeln für Druckgrafik.
Baumwollfasern liefern dieses Problem nicht mit. Dass dieser chemische Unterschied so lange keine messbare Katastrophe auslöste, liegt daran: Bis in die 1840er Jahre gab es kein industriell hergestelltes Holzschliffpapier, das hätte zerfallen können.
Bei Tiefdruckverfahren wie Radierung und Kaltnadel wird in der Regel angefeuchtetes Papier verwendet: Es wird unter hohem Druck in die Vertiefungen der Platte gepresst.
Was passierte, als Papier plötzlich billig wurde?
Ende 1843 gelang dem Sachsen Friedrich Gottlob Keller Papier aus fein geschliffenem Holz, gemischt mit Lumpen. Im August 1845 wurde das Patent in Sachsen auf Keller und den Papierfabrikanten Heinrich Voelter ausgestellt, der das Verfahren industriell einführte. Am 11. Oktober 1845 erschien die erste Zeitung auf Holzschliffpapier, in 80 Exemplaren. Kellers Erfindung machte Papier billig. Sie machte es gleichzeitig vergänglich.
Was Kellers Entdeckung industriell erst ermöglichte, hatten die Papiermacher der 1830er Jahre bereits vorbereitet: Die Leimung mit Alaun und Kolophonium, bekannt als Alum-Rosin Sizing, verbreitete sich im 19. Jahrhundert und machte das Papier von innen heraus sauer. Die Kombination aus Holzschliff-Rohstoff und saurer Leimung ergab das, was wir als normales Papier des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kennen: billig, praktisch, instabil.
Bibliotheken, Museen und Archive kauften. Zeitungen druckten auf diesem Papier. Briefe wurden darauf geschrieben. Bücher gebunden.
In den 1930er Jahren veröffentlichte der amerikanische Papierchemiker William Barrow einen Aufsatz über die chemische Kontrolle des Säurezerfalls von Papier. Beachtung fand seine Arbeit erst in den 1950er Jahren.
Die Antwort auf Barrows Diagnose kam nicht aus den Werkstätten, sondern aus den Normungsgremien.
Was sagen die Prüfnormen, die auf jedem guten Papier stehen?
ISO 9706 klingt trocken. Das Ziel dahinter formuliert die amerikanische Schwesternorm ANSI/NISO Z39.48 ausdrücklich: Papier, das mehrere hundert Jahre übersteht. Kein Marketing-Versprechen. Beide Normen schreiben konkrete Schwellenwerte vor.
ISO 9706:1994, der internationale Standard für Dauerhaftes Papier ("Permanent Paper"), definiert vier konkrete Anforderungen:
- pH-Wert im leicht alkalischen Bereich: Z39.48 nennt pH 7,5 bis 10,0. Der Puffer schützt das Papier vor angreifenden Säuren aus der Umgebungsluft.
- Alkalireserve: Calciumcarbonat als eingelagerter Puffer, der Säuren über Zeit neutralisiert. Z39.48 verlangt mindestens 2 Prozent Alkalireserve. Säuren kommen nicht nur aus dem Papier selbst, sie migrieren auch aus konventionellen Passepartouts und Rückwandkartons, weshalb archivkonforme Rahmung säurefreie Materialien durchgehend einsetzt.
- Kappa-Zahl: Der Gehalt an leicht oxidierbarem Material, vor allem Lignin, muss unter einem Höchstwert liegen. Die Kappa-Zahl misst, wie viel Lignin noch in der Faser steckt.
- Durchreißfestigkeit: Die Norm verlangt einen Mindestwert im Durchreißversuch. Eine Tiefdruckpresse übt erheblichen Druck aus. Das Papier muss das aushalten, ohne zu reißen.
Der amerikanische Standard ANSI/NISO Z39.48 für Bibliotheks- und Archivpublikationen erschien zuerst 1984 und überarbeitet 1992. Die internationale Norm ISO 9706 folgte 1994. Rund sechzig Jahre zwischen Barrows Aufsatz und der internationalen Norm. So langsam arbeiten Institutionen.
Wenn auf einem Druckbogen "ISO 9706" oder "acid-free" steht, ist das keine dekorative Angabe. Es bedeutet, dass jemand gemessen hat. Calciumcarbonat im Papier, pH-Wert geprüft, Lignin-Rest quantifiziert.
Ob du einem Papier ansehen kannst, ob es die Norm erfüllt? Nein. Du kannst es ertasten: schweres Baumwollpapier fühlt sich anders an als Recyclingpapier. Aber der pH-Wert, die Kappa-Zahl, die Alkalireserve sind nicht sichtbar. Du bist auf die Angabe des Herstellers angewiesen. Oder darauf, dass der Drucker sein Material kennt.
Beim Kauf ist Baumwollpapier eines der zuverlässigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen einem Original und einer Reproduktion. Was genau das bedeutet und wie du es prüfst, zeigt Original vs. Kunstdruck.
Die Norm definiert Schwellenwerte. Welche Mühlen sie einhalten, steht auf dem nächsten Bogen.
Wer stellt dieses Papier heute noch her?
Mehrere europäische Mühlen prägen den Markt für säurefreies Künstlerpapier. Sie unterscheiden sich im Baumwollanteil, im Charakter der Oberfläche und in der Geschichte der Anlage.
| Papier | Cotton | pH | CaCO3-Puffer | Gewicht (gsm) | Mühle / Herkunft |
|---|---|---|---|---|---|
| BFK Rives | 100% | säurefrei | Alkalireserve (ISO 9706) | 115 bis 300 | Arches-Mühle, FR (Rives-Mühle 2011 geschlossen) |
| Somerset | 100% | säurefrei | k. A. | diverse | St Cuthberts Mill, Wells, GB (Papier am Standort seit 1736) |
| Hahnemühle German Etching | Inkjet-Fassung: 100% Alpha-Zellulose (Hersteller); Druckfassung: 75% Baumwolle laut Händler | > 8 (Hahnemühle, alle Papiere) | ja | 300 (Druck), 310 (Inkjet) | Hahnemühle, Dassel, DE |
| Fabriano Rosaspina | 60% | säurefrei | ISO 9706 | 220, 285 | Fabriano, Marken, IT |
| Magnani 1404 Pescia | 100% | säurefrei | ISO 9706 | 300 | Magnani, Pescia, IT |
Die Tabelle zeigt fünf in europäischen Druckwerkstätten verbreitete Papiere. Zerkall, die Eifeler Mühle im Kall-Tal, lieferte bis 2021 weitere Büttenpapiere, die in vielen Werkstätten daneben liefen.
Die Papierfabrik in Rives im Département Isère ging in der Gruppe Arjomari auf, benannt nach den Mühlen Arches, Johannot, Marais und Rives. Die letzte Mühle in Rives schloss 2011; BFK Rives wird seither in der Arches-Mühle hergestellt. Der Name hat sich als eigenständige Papierbezeichnung gehalten, weil er seit Jahrzehnten in Werkstätten und Werkverzeichnissen steht.
Den Namen "Somerset" verdankt das Papier einem amerikanischen Papierhändler. Michael Ginsburg von Legion Paper fuhr Mitte der 1970er Jahre zur St Cuthberts Mill in Wells und passierte dabei das Schild der Grafschaft Somerset. So kam das Papier zu seinem Namen. 1990 wurde Somerset für eine Benefiz-Lithografie nach Aquarellen von Prinz Charles ausgewählt. Das fertige Blatt trug sowohl das Somerset-Wasserzeichen als auch das Wappen des Prinzen.
Hahnemühle trägt einen anderen Ursprung. 185 Jahre führte die Spiess-Familie die Mühle in der Solling-Region, bevor sie am 30. August 1769 für 4.500 Reichsthaler den Besitzer wechselte. Den Namen "Hahnemühle" trägt sie erst seit 1886, als Carl Hahne sie kaufte und in "Büttenpapierfabrik Hahnemühle" umbenannte. German Etching, ein in europäischen Werkstätten weit verbreitetes Tiefdruckpapier, ist eines der Produkte dieser Mühle.
Im Kall-Tal in der Eifel liegt die Papiermühle Zerkall. Seit 1920 wurde dort Büttenpapier unter dem Warenzeichen Zerkall-Bütten weltweit vertrieben, geführt von der Familie Renker. Im April 2021 übernahm die Firma Frank Fèron aus Düren das Werk. Nach dem Hochwasser vom Juli 2021 wurde die Büttenproduktion eingestellt; Zerkall-Papiere gibt es nur noch aus Restbeständen. Welche Werkstätten heute mit welchen Papieren drucken, zeigt der Druckwerkstätten-Atlas.
All diese Mühlen liefern an Werkstätten, in denen Drucker ihr Material kennen. Wenn du einen Druck kaufst und dich fragst, ob das Papier hält: Schau, ob Hahnemühle German Etching, BFK Rives oder Somerset erwähnt wird. Wenn der Drucker kein Papier nennt, frag nach. Wer auf gutem Papier druckt, kennt sein Material.
Zurück zum alten Blatt
Das 1720er Blatt aus dem Intro ist jetzt keine Überraschung mehr. Dreihundert Jahre, und das Papier ist stabiler als das, was 1980 aus der Druckerei kam.
Wer heute Radierungen oder Kupferstiche kauft, die auf Baumwollpapier entstanden sind, kauft dasselbe Material. Nicht dieselbe Mühle, nicht dieselbe Epoche, aber dieselbe Chemie: Alpha-Zellulose, ohne Lignin, mit alkalischer Reserve.
Beide liegen noch auf dem Tisch. Welche Rolle die Faser bei verschiedenen Drucktechniken spielt, zeigt der Vergleich unter Papier für Druckgrafik. Nur eines davon wird in hundert Jahren noch dort liegen.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Baumwollpapier und normalem Kopierpapier?
Kopierpapier kommt aus Holzzellstoff und enthält Lignin, das über Zeit Säuren freisetzt. Baumwollpapier besteht aus Cotton Linters mit fast reiner Alpha-Zellulose, ohne Lignin, und bleibt chemisch stabil.
Was bedeutet "säurefreies Papier"?
Säurefreies Papier hat einen pH-Wert über 7 und enthält einen alkalischen Puffer aus Calciumcarbonat, der eindringende Säuren neutralisiert. Ein Papier kann säurefrei sein, ohne zu 100% aus Baumwolle zu bestehen: Alpha-Zellulose-Papiere ohne Lignin erfüllen dieselben ISO-9706-Normvorgaben.
Warum braucht Radierung überhaupt schweres Baumwollpapier?
Eine Tiefdruckpresse übt erheblichen Druck aus. Das feuchte Papier muss sich in die Vertiefungen der Druckplatte drücken, ohne zu reißen oder sich zu verformen. Baumwollfasern sind elastisch genug für diesen Prozess und nehmen die Prägung der Platte dauerhaft an. Zu dünnes Papier reißt im Pressendurchgang, weshalb Radierungen auf dem Papiergewicht nicht sparen.
Was ist Hadernpapier?
Hadernpapier ist die historische Bezeichnung für Papier, das aus alten Textilresten hergestellt wurde. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Papier in Europa vor allem aus Hadern hergestellt. Versuche mit Stroh und Holz gab es seit etwa 1800, etwa durch Matthias Koops in London. Modernes Baumwollpapier verwendet statt Hadern Cotton Linters als Rohstoff, liefert aber dieselbe reine Alpha-Zellulose-Basis. Die chemische Stabilität alter Hadernpapiere und moderner Baumwollpapiere hat dieselbe Ursache.
Woran erkenne ich, ob ein Druck auf gutem Papier entstanden ist?
Frag den Drucker nach dem Papier. Übliche Angaben: "Hahnemühle German Etching", "BFK Rives", "Somerset Printmaking", "Fabriano Rosaspina". Bei limitierten Auflagen steht das Papier häufig im Werkverzeichnis. Fehlt jede Angabe zum Material, ist das kein gutes Zeichen.
Quellen und weiterführende Literatur
- ISO, ISO 9706:1994 Information and documentation, Paper for documents, Requirements for permanence (Abstract)
- Library of Congress, Preservation FAQ: Permanent paper, ANSI/NISO Z39.48-1992 (R2009)
- NISO (National Information Standards Organization), ANSI/NISO Z39.48-1992: Permanence of Paper for Publications and Documents in Libraries and Archives
- University of Illinois, Preservation Self-Assessment Program (PSAP), Collection ID Guide: Paper
- Hahnemühle FineArt, Produktseiten Classical Printing Methods und German Etching, Blog: Cellulose fibre, linters and pulp
- Arches Papers, Velin BFK Rives: discover its origins; Fabriano, Rosaspina; Magnani 1404, Pescia
- Wikipedia: Friedrich Gottlob Keller (de/en), Holzstoff, Hadernpapier, Zerkall, Hahnemühle (de/en), St Cuthberts Mill, William Barrow (chemist), Acid-free paper, Kappa number, Cotton, Baumwollfaser, Matthias Koops, Arjowiggins
Studio Sonsu zeigt Original-Druckgrafik auf Künstlerpapier. Die Radierungen und Kaltnadelarbeiten im Sortiment sind Tiefdrucke. Fragen zum Material eines bestimmten Werks beantwortet hello@studiosonsu.de.
Zuletzt aktualisiert am 06.09.2026.