Cyanotypie
Cyanotypie ist ein fotografisches Verfahren, bei dem zwei Eisensalze unter UV-Licht zu Berliner Blau reagieren. Es wurde 1842 von John Herschel entwickelt und zählt zu den fotografischen Edeldruckverfahren. Es ist kein Druckverfahren: Weder Druckstock noch Druckpresse kommen zum Einsatz, jedes Blatt entsteht direkt durch Lichteinwirkung.
Im Oktober 1843 trifft bei der Royal Society in London ein Paket ein. Aufschrift: "For the Royal Society, Presented by Mrs Atkins." Was darin liegt, hat keinen Verleger, keine Seriennummer, keine Auflage. Es ist das erste fotografisch illustrierte Buch der Geschichte. Hergestellt ohne Kamera, ohne Druckerpresse, ohne Strom. Nur Eisensalze, Sonnenlicht und Wasser.
Dieselbe Chemie, die Anna Atkins 1843 verwendete, kannst du heute auf einem Küchentisch wiederholen. Zwei Salze, eine Lichtquelle, ein Glas Wasser zum Abwaschen.
Wie wird aus zwei Salzen und Sonnenlicht ein blaues Bild?
Die klassische Cyanotypie beginnt mit zwei Chemikalien: Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanidoferrat(III). Beide werden in Wasser gelöst, dann im Dunkeln zu gleichen Teilen gemischt und auf Papier aufgetragen. Das beschichtete Papier trocknet, ebenfalls im Dunkeln. Bis hierhin ist noch keine Farbe entstanden.
Was folgt, ist ein Kontaktverfahren: Ein Objekt wird direkt auf das beschichtete Papier gelegt und dem UV-Licht ausgesetzt. Das Licht macht die Arbeit selbst, ohne dass eine Druckform zwischen Motiv und Papier steht.
Unter UV-Belichtung reduziert das Licht gemeinsam mit dem Citrat-Anteil das Eisen(III) zu Eisen(II). Das Eisen(II)-Ion reagiert dann mit dem Hexacyanidoferrat-Anteil. Wo Licht trifft, bildet sich Berliner Blau. Wo das Objekt Schatten wirft, bleibt die Beschichtung unverändert und wasserlöslich. Nach der Belichtung kommt das Blatt ins Wasser: Die unbelichteten Stellen werden abgewaschen, das Berliner Blau bleibt stabil. Was übrig bleibt, ist die Silhouette des Objekts in Weiß auf blauem Grund, oder je nach Negativmaterial ein positives Bild.
Das Blaue dabei ist nicht ein austauschbares Pigment. Es ist immer dieses eine Blau, weil es aus der Reaktion selbst entsteht. Das Berliner Blau trägt seinen Namen schon, bevor irgendjemand an Fotografie dachte. Wie es dazu kam, hat eine eigene Geschichte.
Wer hat das blaue Verfahren erfunden, und wer hat es zuerst genutzt?
John Herschel war Astronom, Mathematiker und Chemiker. Auf ihn gehen nicht nur der Begriff "Cyanotypie" zurück, sondern auch die Wörter "Fotografie", "Negativ" und "Positiv" in ihrer heutigen Bedeutung. Am 23. April 1842 notierte er in seinen Aufzeichnungen die fotografischen Eigenschaften eines Eisen-Cyanid-Salzes. Den Begriff "cyanotype" prägte er am 16. August 1842 in seinen Memoranda. Herschel interessierte sich für die Lichtempfindlichkeit der Eisensalze als chemisches Phänomen, nicht als Bildmedium. Was jemand anderes daraus machen würde, ahnte er nicht.
Anna Atkins (1799-1871) war Botanikerin und brachte genau die Fähigkeit mit, die das Verfahren belohnte: wissenschaftliche Präzision in der Bildwiedergabe. Schon in ihren frühen Zwanzigern hatte sie die Zeichnungen für die englische Übersetzung von Lamarcks "Genera of Shells" (1823) geliefert, die ihr Vater John George Children besorgte. Die mühsame Hand-Illustration wissenschaftlicher Tafeln kannte sie also bereits. Als Herschel ihr die Cyanotypie zeigte, löste das ein Projekt aus, das 1843 als "Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions" erschien. Für die rund vierzehn hergestellten Exemplare druckte Atkins etwa 6.000 einzelne Cyanotypie-Belichtungen.
Es geht Talbots "Pencil of Nature" um mehr als ein Jahr voraus. Was Talbot 1844 mit Text, Verlag und öffentlicher Verteilung herausbrachte, hatte Atkins 1843 ohne alle drei getan.
Nur wenige dieser Exemplare sind erhalten. Herschels eigenes liegt heute in den Digital Collections der New York Public Library.
Atkins erhielt zu Lebzeiten keine öffentliche Anerkennung als Fotografin. Ihr Werk erschien ohne Verlagsvertrag, ohne Rezension, ohne Buchhandel. Nach ihrem Tod 1871 verschwand ihr Name aus dem Kanon. Das Verfahren überlebte, aber nicht in den Kreisen, wo über Kunst gesprochen wurde.
Mehr als ein Jahrhundert dauerte es, bis Atkins zurückkehrte. Der Kunsthistoriker Larry Schaaf holte ihr Werk in den 1980er Jahren aus der Vergessenheit. Heute gilt sie vielen als erste Fotografin überhaupt. Eine Schwierigkeit bei ihrer Einordnung blieb: Ihr Werk lässt sich weder eindeutig der Fotografie noch der Druckgrafik zuschlagen.
Ist eine Cyanotypie ein Foto oder ein Druck?
Diese Frage ist nicht akademisch. Sie bestimmt, wie du ein Blatt konservierst, wie du es einrahmst und wie du es klassifizierst, wenn du es kaufst oder erbst.
Cyanotypie ist ein fotografisches Edeldruckverfahren. Was "fotografisch" hier konkret bedeutet: Das Bild entsteht direkt durch Lichteinwirkung auf eine lichtempfindliche Schicht, nicht durch mechanische Übertragung von einer Druckform. Weder Platte noch Schablone werden eingefärbt und auf Papier gepresst. Jedes Blatt ist ein Direktprodukt des Belichtungsvorgangs.
Damit liegt Cyanotypie außerhalb der vier Druckprinzipien (Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck, Durchdruck), die das klassische Druckgrafik-Spektrum strukturieren. Wer eine Cyanotypie erwirbt, erwirbt kein Druckgrafik-Original im technischen Sinn. Für die Einrahmung und Langzeitpflege macht der Unterschied etwas aus, wie der folgende Abschnitt zeigt.
Der Unterschied entscheidet über den Sammlerwert: Ein handgedruckter Originaldruck und ein fotografischer Abzug werden im Kunsthandel verschieden bewertet, und die Merkmale, an denen sich beide unterscheiden lassen, behandelt Originalgrafik erkennen. Im weiteren Feld der Druckgrafik bleibt die Cyanotypie damit ein Sonderfall: ein Bild aus Licht, das sich in keine der vier Druckkategorien einordnen lässt. Eine verwandte Lichttechnik, die anders als die Cyanotypie tatsächlich mit einer Druckform arbeitet, ist die Fotolithografie, deren Abgrenzung der Vergleich Cyanotypie vs. Fotolithografie im Detail zieht.
Der Weg vom Kunst-Unikat zum Wort "Blaupause" führt über eine Industrie, die mit Atkins' Algen nichts zu tun haben wollte.
Warum sagt man "Blaupause", und was ist von dem Verfahren geblieben?
Ab etwa 1872 wurde Cyanotypie kommerziell als Reproduktionsverfahren für technische Zeichnungen eingesetzt. Das Verfahren war günstig, einfach zu handhaben und lieferte dauerhaft blaue Linien auf weißem Grund. Architekten, Ingenieure und Schiffsbauer nutzten es, um Konstruktionspläne in mehrfacher Ausfertigung herzustellen. Das deutsche Wort "Blaupause" ist eine direkte Lehnübersetzung des englischen "blueprint".
Das Blau selbst hat eine eigene Vorgeschichte. Berliner Blau wurde erstmals um 1706 in Berlin von dem Farbenmacher Johann Jacob Diesbach beschrieben, als eines der ältesten synthetischen Pigmente überhaupt. Dass ein Pigment, das für Gemälde entwickelt wurde, Jahrhunderte später das charakteristische Blau eines fotografischen Verfahrens werden würde, hat niemand geplant. Die Cyanotypie nutzt Berliner Blau nicht als aufgetragene Farbe, sondern erzeugt es durch die fotochemische Reaktion direkt im Papier.
Mike Ware, ein britischer Chemiker und Fotograf, entwickelte 1995 ein überarbeitetes Rezept: Das New Cyanotype Process ersetzt das klassische Ammoniumeisen(III)-citrat durch Ammoniumeisen(III)-oxalat. Die Belichtungszeit sinkt von über 30 Minuten auf zwei bis vier Minuten, und das neue Rezept ist unempfindlich gegen Schimmel. 2019 folgte mit Wares Simple Cyanotype eine dritte Generation, die nach Wares eigener Einschätzung erstmals eine vollständig steuerbare Tonwertskala ohne toxisches Dichromat ermöglicht.
Berliner Blau ist gegenüber alkalischen Verbindungen instabil. Bei einem pH-Wert von 9,4 setzt die alkalische Hydrolyse binnen Minuten ein. Drei Schadwege gefährden ein Cyanotypie-Blatt: photochemisches Fading (durch Licht), alkalisches Bleaching (durch zu hohen pH-Wert), wässriges Dispersieren (durch Feuchte). Alkalisch gepufferte Passepartouts und Rückwände, wie sie für viele andere Papierarbeiten empfohlen werden, sind bei Cyanotypien kontraindiziert.
Die praktische Konsequenz ist eindeutig: auf saure oder pH-neutrale Materialien setzen, alkalisch gepufferte konsequent ausschließen. Was das konkret für Passepartout und Rückwand bedeutet, beschreibt Druckgrafik pflegen, wo auch andere Techniken mit ähnlichen Lagerungsanforderungen behandelt werden.
Das Paket, das im Oktober 1843 bei der Royal Society ankam, enthält ein Verfahren mit einer eigenwilligen Konservierungslogik: Was Papier sonst schützt, die alkalische Pufferung, zerstört hier das Bild. Cyanotypien verlangen das Gegenteil dessen, was im Archiv Standard ist. Und doch ist das Blau auf Atkins' Seiten nach fast zwei Jahrhunderten noch erkennbar. Nicht unverändert, aber da.
Häufige Fragen
Was genau ist Cyanotypie?
Cyanotypie ist ein fotografisches Verfahren, das zwei Eisensalze (Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanidoferrat(III)) unter UV-Licht zu Berliner Blau reagieren lässt. Es wurde 1842 von John Herschel entwickelt und zählt zu den fotografischen Edeldruckverfahren, nicht zu den klassischen Drucktechniken. Es braucht weder Kamera noch Druckerpresse, nur Licht, Wasser und die beiden Chemikalien.
Ist eine Cyanotypie dasselbe wie eine Blaupause?
Historisch ja. Ab etwa 1872 wurde Cyanotypie als Standardverfahren für technische Zeichnungen (Architektenpläne, Konstruktionszeichnungen) eingesetzt. Das deutsche Wort "Blaupause" ist eine Lehnübersetzung des englischen "blueprint". Heute meint "Blaupause" im übertragenen Sinn einen Entwurf oder ein Muster, hat aber seinen Namen direkt von diesem fotografischen Verfahren.
Wie kann ich eine Cyanotypie selbst machen?
Das Grundrezept: Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanidoferrat(III) je in Wasser lösen, im Dunkeln mischen, auf Papier auftragen. Nach dem Trocknen ein Objekt oder Negativfilm direkt auflegen und dem UV-Licht aussetzen (Sonnenlicht oder UV-Lampe). Dann in Wasser auswaschen. Wo Licht traf, bleibt Berliner Blau. Wo Schatten lag, wird weiß. Mike Wares New Cyanotype Process (1995) verkürzt die Belichtungszeit erheblich und verhindert Schimmelbildung.
Was hat Anna Atkins mit der Cyanotypie zu tun?
Anna Atkins (1799-1871) war Botanikerin und nutzte die Cyanotypie ab 1843 für ihr Werk "Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions", das als erstes fotografisch illustriertes Buch der Geschichte gilt. Für die rund vierzehn hergestellten Exemplare druckte sie etwa 6.000 einzelne Cyanotypie-Belichtungen, alle ohne Kamera, direkt als Kontaktabzüge. Ihr Werk geht William Henry Fox Talbots "Pencil of Nature" um mehr als ein Jahr voraus, wurde aber zu ihren Lebzeiten nicht als fotografisches Werk anerkannt.
Wie muss eine Cyanotypie eingerahmt werden?
Berliner Blau ist alkalisch empfindlich: Bei erhöhtem pH-Wert setzt die Farbzerstörung rasch ein. Alkalisch gepufferte Passepartouts und Rückwände, wie sie für viele Papierarbeiten üblich sind, sind für Cyanotypien ungeeignet. Die richtige Wahl sind saure oder pH-neutrale Einrahmungsmaterialien, dazu UV-schützendes Glas und Schutz vor dauerhafter Feuchtebelastung. Wichtig ist vor allem, die sonst übliche alkalische Pufferung konsequent zu vermeiden.
Quellen und weiterführende Literatur
- The Royal Society, The gift of 1843 (Anna Atkins, Photographs of British Algae). Erstes fotografisch illustriertes Buch.
- Mike Ware, The Cyanotype Process und New Cyanotype Process. Chemie, Rezepturen und Konservierung des Verfahrens.
- Aperture, Anna Atkins. Werkumfang und Wiederentdeckung.
- Encyclopaedia Britannica, John Herschel und Anna Atkins. Begriffsprägung und biografischer Kontext.
- Photographic Materials Group (AIC), Ware 2003 und Held et al. 2011. Konservierungsverhalten von Berliner Blau.
Zuletzt aktualisiert am 02.06.2026.
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