Fotolithografie

Fotolithografie ist ein historisches Druckverfahren aus dem 19. Jahrhundert: Ein fotografisches Negativ überträgt ein Bild lichtchemisch auf einen Lithografiestein oder eine Metallplatte, die danach wie eine gewöhnliche Druckform eingefärbt wird. Das Verfahren ist kein Ableger der Chip-Herstellung. Es prägte Plakate, politische Satire und Künstlereditionen von den 1850er bis in die 1930er Jahre.

Paris, 28. Juni 1852. Der Druckereiunternehmer Rose-Joseph Lemercier legt der Académie des Sciences ein Experiment vor, das er mit drei Mitarbeitern durchgeführt hat: Lerebours, Barreswil, Davanne. Sie nennen ihre Methode Essais de Lithophotographie, Versuche in Lichtsteindrucken. Ein Kalkstein, beschichtet mit lichtempfindlicher Substanz, wird unter ein fotografisches Negativ gelegt und dem Tageslicht ausgesetzt. Die belichteten Stellen reagieren, die unbelichteten nicht. Was bleibt, ist ein Druckbild, das ohne Künstlerhand entstanden ist.

Am 16. August stellt der Physiker François Arago das Ergebnis der Akademie vor. Die ersten Abzüge werden zweifach gedruckt, zuerst Schwarz, dann ein sandfarbener Sekundärton für Tiefe. Drei Jahre später patentiert der Chemiker Alphonse Poitevin ein verbessertes Verfahren auf Basis von Chromsalz-Gelatine. Lemercier erkennt das Potenzial und erwirbt 1857 die Rechte an Poitevins Methode.

Wie funktioniert Fotolithografie als Druckverfahren?

Beim Fotolithografie-Druckverfahren ersetzt ein fotografisches Negativ die Zeichnung des Künstlers auf dem Druckstein. Lichtempfindliche Substanzen auf Stein oder Platte reagieren auf Belichtung und bilden danach eine druckfähige Schicht. Das Ergebnis ist ein Flachdruck wie die klassische Lithografie, ohne dass jemand auf den Stein gezeichnet hat.

Das Grundprinzip der klassischen Lithografie bleibt das gleiche: Fett und Wasser stoßen sich ab. Die Druckfläche liegt flach, kein Relief, keine Vertiefung. Was sich ändert, ist der Weg dorthin. In der Steindruck-Tradition zeichnet der Künstler mit Lithokreide oder Lithotinte direkt auf den polierten Kalkstein. In der Fotolithografie übernimmt das Licht die Übertragungsarbeit.

Die lichtempfindliche Zwischenschicht ist der technische Kern. Der Franzose Alphonse Poitevin patentierte 1855 ein fotolithografisches Verfahren auf Basis von Chromsalz-Gelatine: Bei Belichtung vernetzt die Gelatine, bei fehlender Belichtung bleibt sie löslich und wird ausgewaschen. Was übrig bleibt, ist eine druckfähige Fläche mit tintenanziehenden und tintenabweisenden Zonen, ohne dass eine menschliche Hand etwas gezeichnet hätte. Poitevin und Lemercier konnten dabei auf frühe Grundlagenexperimente mit lichtempfindlichen Substanzen zurückgreifen: Nicéphore Niépce hatte bereits in den 1820er Jahren beobachtet, wie sich Bitumen unter Lichteinfluss verhärtet.

Für den Drucker bedeutete das erheblichen Aufwand in neuen Bereichen. Der Druckstein musste gleichmäßig beschichtet, die Belichtung zeitlich präzise gesteuert, das Bild nach der Entwicklung manuell korrigiert werden. Historisch entstand daraus eine dreigliedrige Arbeitsteilung: Fotograf, Korrektor, Drucker. Den Fotolithografen als Berufsbezeichnung gibt es heute nicht mehr. Der Offsetdruck machte den Beruf überflüssig.

Was veränderte Meisenbach, und warum ist das 1882 wichtig?

1882 brachte der Münchner Georg Meisenbach das Rasterverfahren zum Patent. Das Reichspatent Nr. 22244 wurde am 9. Mai 1882 erteilt. Mit einem Raster von 36 Linien pro Zentimeter ging sein Rasterverfahren als Autotypie in die Druckgeschichte ein. Das ermöglichte einen entscheidenden Schritt: Fotografien konnten nun direkt in Zeitungen gedruckt werden. Das erste gerasterte Foto in einer deutschen Illustrierten erschien 1883 in der Illustrirten Zeitung. Vorher gab es in Zeitungen nur Holzschnitt-Reproduktionen nach Fotografien, also handgeschnittene Übertragungen. Das Raster löste diesen Umweg auf.

Historisches Rasterverfahren (Autotypie) um 1890. Nahaufnahme zeigt das Punktraster, das Georg Meisenbachs Verfahren erzeugte.
Historisches Halftone-Raster nach dem Autotypie-Verfahren, ca. 1890. Public Domain.

Ein Originalbild wird durch ein feines Glasraster fotografiert, eine Platte mit eingeätztem Gittermuster. Das Ergebnis ist ein Punktraster, das Tonwerte in unterschiedlich große Druckpunkte übersetzt. Helle Stellen erzeugen kleine Punkte, dunkle Stellen große. Die Druckmaschine kennt nur zwei Zustände: gedruckt oder nicht gedruckt. Das menschliche Auge mischt die Punkte zu Graustufen. Wer heute eine Lupe auf eine alte Zeitung hält, sieht dieses Raster.

Im Umfeld des Rasterverfahrens stand ein verwandtes Verfahren, das oft verwechselt wird: Die Collotypie (im Französischen phototypie, im deutschen Sprachraum auch "Lichtdruck") nutzt ebenfalls eine fotografisch belichtete Gelatineschicht, druckt aber ohne Raster, was ihr eine besonders feine Tonwertauflösung gibt. Für Kunstbuch-Reproduktionen und hochwertige Fotodrucke wurde die Collotypie bis ins frühe 20. Jahrhundert bevorzugt.

Die fotomechanischen Lithografietechniken, zu denen Meisenbachs Autotypie und verwandte Verfahren gehörten, wurden in den 1930er Jahren durch den Offsetdruck weitgehend verdrängt. Der Offsetdruck übernahm das Prinzip der lichtempfindlichen Platte, trennte aber Druckform und Bedruckstoff durch einen Gummituchzylinder, was schnellere Produktionsgeschwindigkeiten ermöglichte.

Ist eine Fotolithografie ein Originaldruck?

Ob ein fotolithografischer Druck ein Original ist, entscheidet sich daran, welche Rolle der Künstler gespielt hat. Das Spektrum reicht vom rein fotomechanischen Massenprodukt bis zur signierten Künstleredition mit begrenzter Auflage.

Bei der Chromolithografie zeichnet ein Lithograf jede Farbschicht von Hand auf den Stein. Bei der Fotolithografie übernimmt das Negativ diese Arbeit. Das ist der technische Ausgangspunkt. Was daraus entsteht, ist eine Frage der Absicht.

George Grosz' Mappe "Gott mit uns" (1920) steht an einem Ende dieses Spektrums. Die neun Blätter entstanden als Photolithografien, gedruckt bei der Druckerei Hermann Birkholz in Berlin, auf Bestellung des Malik-Verlags. Grosz zeichnete die Tuschfeder-Originale, die Druckerei stellte die Photolithografieplatten her. Die Auflage umfasste 125 Exemplare in drei Unterklassen: Edition A (20 Exemplare auf Japan-Büttenpapier, signiert), Edition B (40 Exemplare auf starkem Büttenpapier, signiert), Edition C (65 Exemplare auf leichterem Büttenpapier). Grosz lieferte die Vorlagen und kontrollierte den Druckprozess nicht selbst. Was blieb: eine politisch explosive Mappe, deren Inhalt das eigentliche künstlerische Dokument war.

Warum Grosz diese Technik wählte, hatte politische Gründe: Eine fotomechanisch reproduzierte Mappe war deutlich günstiger herzustellen als eine Originallithografie vom Stein. Der niedrigere Preis verbreiterte die Reichweite. 1921 verurteilte das Landgericht II Berlin Grosz zu 300 Mark Geldstrafe, Herzfelde zu 600 Mark, die Druckplatten wurden eingezogen und vernichtet.

Hundertwassers "10.002 Nights" (1983/84) liegt am anderen Ende. Das Werk kombiniert vier Farben Fotolithografie mit fünf Farben Siebdruck und drei Metallprägungen auf Fabriano-Papier. Die Fotolithografie als Verfahren ändert daran nichts: Entscheidend ist, wer im Prozess präsent war und was er kontrolliert hat. Die Produktion verteilte sich auf drei Spezialwerkstätten in Venedig. 223 Produktionstage insgesamt, 37 davon war Hundertwasser persönlich anwesend. Danach saß er 18 Tage lang und signierte jedes der 10.002 Blätter einzeln.

Am Ende entscheidet sich der Status eines Drucks an der Kontrolle über Entscheidung und Ergebnis. Hundertwassers Wahl, Fotolithografie mit Siebdruck und Metallprägung zu kombinieren, zeigt, wie das Verfahren zum Gestaltungsmittel werden kann. Die überlagerten Schichten erzeugen Oberflächen, die kein einzelnes Verfahren allein produzieren könnte. Das Raster und die Lichtreaktion sind Werkzeuge. Wer sie einsetzt und mit welcher Absicht, bestimmt, was am Ende entsteht.

Die Frage, was einen Originaldruck von einer Reproduktion grundsätzlich unterscheidet, beantwortet die Seite Original vs. Kunstdruck ausführlicher. Den übergeordneten Kontext liefert Druckgrafik als Gattung.

Photolithografie, Fotolithografie: Warum gibt es zwei Schreibweisen?

Die Schreibvariante mit "ph" folgt dem griechischen Ursprungswort phōs (Licht), die mit "f" der eingedeutschten Form. Alphonse Poitevin, der Franzose mit dem ersten Patent, schrieb photolithographie. Im Deutschen setzte sich ab dem 20. Jahrhundert die vereinfachte Schreibweise durch, in Fachkreisen gelten beide als korrekt.

In der Druckgeschichte werden beide Varianten für dasselbe Verfahren benutzt. Wer in alten Katalogen sucht, findet meistens "Photolithographie" oder "Lichtdruck", wer in modernen Datenbanken recherchiert, landet oft bei "Fotolithografie". Das Verfahren ist identisch.

Häufige Fragen zur Fotolithografie

Was ist Fotolithografie genau?

Im 19. Jahrhundert entwickelten Drucker und Chemiker ein Verfahren, bei dem lichtempfindliche Substanzen auf Stein oder Platte die Arbeit des Zeichners ersetzten: Ein fotografisches Negativ überträgt das Bild, die belichteten Stellen bilden nach der Entwicklung eine druckfähige Fläche. Das Ergebnis ist ein Flachdruck mit demselben Fett-Wasser-Prinzip wie die klassische Lithografie. Historisch war das eine gängige Technik für Plakate, Bücher und politische Grafik vom 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre.

Ist ein Fotolithografiedruck ein Originaldruck?

Das hängt von der Produktion ab. Wenn ein Künstler eine Vorlage geliefert hat und eine Druckerei die Platten selbst hergestellt und gedruckt hat, ist das eine Reproduktion, kein Originaldruck. Wenn der Künstler Auflage, Material und Druckprozess kontrolliert und das Werk signiert hat, wie bei bestimmten Künstlereditionen des 20. Jahrhunderts, kann auch ein fotolithografischer Druck ein Originaldruck sein. Die Technik allein entscheidet das nicht.

Worin unterscheidet sich Fotolithografie von klassischer Lithografie?

Der Künstler arbeitet anders: In der klassischen Lithografie trägt er Lithokreide oder Lithotinte direkt auf den Kalkstein auf und formt das Bild mit eigener Hand. In der Fotolithografie übernimmt ein fotografisches Negativ diese Übertragung, lichtchemisch. Das Druckprinzip bleibt dasselbe: Flachdruck, Fett-Wasser-Abstoßung. Die Beteiligung am Prozess entscheidet, ob ein Werk zum Originaldruck wird. Eine ganz andere Frage ist, wie sich Fotolithografie von der Cyanotypie unterscheidet, einem verwandten Kontaktverfahren, dem die Druckform komplett fehlt — der direkte Vergleich beider Verfahren führt das aus.

Was hat Fotolithografie mit der Chip-Herstellung zu tun?

In der Halbleitertechnik bezeichnet Fotolithografie eine Methode, Schaltkreismuster durch UV-Belichtung auf Siliziumwafer zu strukturieren. Das ist ein eigenständiges Verfahren aus der Mikrotechnik des 20. Jahrhunderts, das denselben Begriff benutzt. Historisch und kunsthistorisch ist Fotolithografie das Druckverfahren, das auf dieser Seite beschrieben wird.

Wann wurde die Fotolithografie erfunden?

Die frühesten Grundlagenexperimente gehen auf Nicéphore Niépce zurück, der in den 1820er Jahren untersuchte, wie sich Bitumen unter Lichteinfluss verhärtet. Das erste öffentlich vorgestellte Demonstrationsverfahren präsentierte Lemercier 1852 der Académie des Sciences in Paris. Alphonse Poitevin erhielt 1855 das erste Patent für ein reproduzierbares fotolithografisches Verfahren auf Basis von Chromsalz-Gelatine.

Quellen und weiterführende Literatur

  • The Art of the Photogravure, Lemercier and Lithophotography (Primärquelle zur Gründungsgeschichte 1852)
  • The Art of the Photogravure, Alphonse Louis Poitevin (Biografische und technische Referenz zum Patent 1855)
  • Wikipedia, Georg Meisenbach (Autotypie-Patent Nr. 22244, Rastertechnik-Geschichte)
  • Hundertwasser Foundation, Werkverzeichnis HWG 83 (Produktionsdetails 10.002 Nights)
  • Koschatzky/Schurian, Friedensreich Hundertwasser: The Complete Graphic Work 1951–1986, Wienand 1986

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

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