Cyanotypie vs. Fotolithografie
Cyanotypie und Fotolithografie nutzen beide die Lichtempfindlichkeit von Chemikalien, aber mit verschiedener Chemie und verschiedenem Ziel. Der Unterschied ist kategorial, nicht graduell. Cyanotypie ist Fotografie (Eisensalze, kein Druckstock). Fotolithografie ist Flachdruck mit wiederverwendbarer Druckform (Dichromate auf Stein).
Am 23. April 1842 notiert John Herschel in seinem allgemeinen Tagebuch: "Discovered the Photographic property of the Red Ferro sesquicyanuret of Potassm." Er schreibt das ohne zu wissen, was aus diesem Eintrag wird. Das Wort "cyanotype" existiert noch nicht. Es entsteht erst vier Monate später, als Herschel den Begriff erstmals in seinen Memoranda vom 16. August 1842 festhält. Zehn Jahre nachdem Herschel seinen Tagebucheintrag macht, bringt ein Pariser Drucker eine andere lichtempfindliche Chemie in eine Druckerpresse. Was daraus folgt, sind zwei verschiedene Medien.
Was trennt Kontaktdruck von Druckform?
Im Sommer 1843 legt Anna Atkins eine Alge auf lichtempfindliches Papier und hält das Blatt ans Sonnenlicht. Nach dem Abwaschen bleibt eine weiße Silhouette auf tiefem Preußischblau. Das ist Cyanotypie: Atkins braucht weder Stein noch Presse. Die Alge selbst ist die Matrize, und nach einem einzigen Abdruck ist sie verbraucht. Atkins sammelt diese Kontaktdrucke in einem Buch, "Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions", 1843 abgeschlossen. Das Werk gilt als das erste fotografisch illustrierte Buch überhaupt. Von diesem Buch sind heute 13 handschriftliche Exemplare bekannt, einige davon unvollständig.
Das Preußischblau, auf dem Atkins' Algen schweben, war damals schon mehr als hundert Jahre alt. Die Farbe war bereits um 1706 bekannt, lange bevor jemand ihre Lichtempfindlichkeit für die Fotografie entdeckte. Die chemische Reaktion, die Atkins nutzt, verbindet Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanidoferrat(III): Bei UV-Licht entsteht ein unlösliches Berliner Blau, die unbelichteten Stellen werden abgewaschen. Das Ergebnis ist ein Unikat.
Der Gegensatz zeigt sich in der Produktion: Alphonse Poitevin druckte mit der Fotolithografie Tausende Abzüge von einem einzigen Stein, Atkins brauchte für ihr Buch 13 Hefte und Sonnenlicht. Der Scheideweg liegt hier: Cyanotypie erzeugt keine wiederverwendbare Druckform. Fotolithografie schon. Daraus folgt alles andere.
Braucht man eine Druckerpresse oder nicht?
Robert Rauschenberg und Susan Weil kauften 1949 auf Outer Island, Connecticut, eine Rolle Blaupausenpapier für 1,75 Dollar die Zehn-Yard-Rolle. Dann legten sie sich darauf. Susan Weil hatte das Verfahren eingebracht. Das Werk "Sue" zeigt Weils Körper als Silhouette auf Blau, 177 mal 106 Zentimeter. Die Blueprints entstanden ohne Drucker, ohne Druckstock, ohne Presse. Das Licht belichtete den Körper, das Abwaschen legte die Silhouette frei. Die Werke reichten bis zu fast neun Fuß Höhe und wurden 1951 im Life Magazine auf drei Seiten gezeigt.
Auf der anderen Seite steht Rose-Joseph Lemercier. Lemercier war Druckereiunternehmer, nicht Künstler. Sein Geschäftsmodell beruhte auf der Presse: Er wollte das fotografische Bild in seinen bestehenden Flachdruck-Prozess integrieren, nicht davon ablösen. Die Fotolithografie ist vom ersten Patent an eine Erweiterung der Drucktechnik, kein Befreiungsschlag davon. Wer keine Presse hat, kann keine Auflage drucken. Wer keine Auflage braucht, braucht keine Presse.
Eins oder eintausend?
Alphonse Poitevin druckte insgesamt mehr als 18.000 Drucke mit fotolithografischen Verfahren, häufig bis zu 1.500 Abzüge von einem einzigen Stein, zu Kosten von 23 bis 70 Centimes pro Exemplar. Das ist die Produktionslogik der Druckgrafik: Eine Druckform, viele Abzüge, reproduzierbare Auflage. Dieser Logik folgen Lithografie, Radierung, Holzschnitt, Siebdruck.
Die 13 Hefte, die Atkins 1843 von Hand zusammenstellte, folgen einer anderen Logik. Jedes Heft ist ein Unikat, jede Seite ein einzelner Kontaktdruck. Die Hefte, die Atkins an John Herschel persönlich übergab, befinden sich heute in der Spencer Collection der New York Public Library, "genau so aufbewahrt, wie Sir John sie erhalten hatte."
Poitevin verkaufte 1857 sein Fotolithografie-Patent an Lemercier. Er brauchte das Geld. Die Zahl macht den Unterschied greifbar: 13 handschriftliche Hefte ohne Auflagennummer, 18.000 Drucke mit Produktionskosten pro Exemplar. Sie folgen zwei verschiedenen Medienlogiken.
Was bestimmt, ob daraus Fotografie oder Druck wird?
Im Frühjahr 1842 schickte Alfred Smee, ein Chemiker, der die fotografischen Eigenschaften von Eisensalzen bereits kannte, Herschel eine Probe Kaliumhexacyanidoferrat. Ein Brief Smees vom 10. Mai 1842 belegt, dass Smee die fotografische Wirkung bereits kannte. Herschel notierte seinen Tagebucheintrag am 23. April 1842, noch bevor das Wort existierte. Herschel war Astronom. Er suchte keine Druckform, er suchte ein Fixierverfahren für Licht. Nebenbei prägte er die Begriffe "Fotografie", "Negativ" und "Positiv".
Nicéphore Niépce hatte bereits 1822 eine kontaktbelichtete Kopie eines Kupferstichs von Papst Pius VII. hergestellt. Niépce dachte in Drucklogik: Er wollte eine bestehende Vorlage reproduzieren. Herschel dachte in Fixierlogik: Er wollte einen chemischen Zustand festhalten. Verschiedene Chemie, verschiedene Absichten, dieselbe Grundidee: Licht fixiert Bilder.
François Arago präsentierte Lemerciers Fotolithografie am 16. August 1852 der Académie des Sciences und das Patent wurde erteilt. Derselbe Arago, der 1839 die Daguerreotypie der Akademie vorgestellt und als öffentliches Gut Frankreichs gepriesen hatte. Beide Male war es Arago, der den Apparat der Académie mobilisierte. Anna Atkins übernahm Herschels Verfahren, weil sie Botanikerin war, keine Druckerin. Sie brauchte keine Auflage, sie brauchte Dokumentation. Der Beruf bestimmt das Medium.
Fotografie oder Druckgrafik?
Die Klassifikation ist eindeutig. Cyanotypie ist ein fotografisches Edeldruckverfahren, kein Druckverfahren im Sinne der vier Druckprinzipien. Keines der vier Druckprinzipien greift. Die vier Druckprinzipien beschreiben, wie Farbe von einer Druckform auf einen Träger übertragen wird. Cyanotypie als Druckverfahren einzustufen wäre falsch: Es gibt keine Druckform, die man in eine Presse spannen könnte. Die Frage der vier Druckprinzipien ordnet das systematisch ein.
Fotolithografie ist Flachdruck. Dieselbe Kategorie wie Lithografie, dasselbe Grundprinzip. Was sich ändert, ist der Weg zur Druckform, nicht die Druckform selbst. Später machte das Verfahren eine industrielle Karriere, die mit Kunst wenig zu tun hatte: Blaupausen für technische Zeichnungen und Baupläne. Cyanotypie als industrielles Verfahren für Baupläne, Fotolithografie als industrielles Verfahren für Massendrucke. Beide nutzen Lichtempfindlichkeit, beide landeten in der Industrie, aber in verschiedenen Sparten.
Ein Cyanotypie-Werk ist fotografisch, keine limitierte Edition im druckgrafischen Sinne. Woran du den Unterschied erkennst, zeigt Originalgrafik erkennen. Eine Fotolithografie kann ein Originaldruck sein, wenn ein Künstler Auflage und Prozess kontrolliert hat.
Cyanotypie gehört zur Fotografie, nicht zur Druckgrafik. Das Sortiment unten zeigt Lithografien, die dem Flachdruck-Prinzip folgen, das Lemercier in Paris fotomechanisch in seine Presse integriert hat.
Was aus Herschels Tagebucheintrag vom 23. April 1842 geworden ist, hängt davon ab, welche Absicht man hineinliest. Atkins sah ein Dokumentationsverfahren und machte 13 handgeschriebene Hefte daraus, eines für Herschel persönlich, jetzt in der Spencer Collection ohne Auflagennummer. Lemercier und Poitevin sahen eine Druckform und produzierten 18.000 Abzüge mit Kosten pro Exemplar. Der Unterschied lag nicht in der Lichtempfindlichkeit, die teilen beide. Er lag im Matrizenprinzip. Und im Beruf derjenigen, die es nutzten.
Ob die Grenze zwischen Fotografie und Druckgrafik in der zeitgenössischen Praxis noch so scharf verläuft wie in Herschels Tagebuch, ist eine Frage, die jede neue Technik neu aufwirft.
Häufige Fragen zu Cyanotypie vs. Fotolithografie
Was ist der Unterschied zwischen Cyanotypie und Fotolithografie?
Cyanotypie ist ein fotografisches Kontaktverfahren ohne Presse und ohne wiederverwendbare Druckform. Das Licht belichtet direkt durch ein Objekt oder Negativ auf lichtempfindliches Papier. Jeder Abdruck ist ein Unikat oder eine manuelle Wiederholung. Fotolithografie ist ein Flachdruckverfahren: Ein fotografisches Negativ überträgt ein Bild auf einen Lithografiestein oder eine Platte, die danach wie eine normale Druckform funktioniert. Von dieser Form lassen sich viele Abzüge ziehen. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Lichtchemie, sondern im Matrizenprinzip.
Ist Cyanotypie ein Druckverfahren?
Nein. Cyanotypie gehört zu den fotografischen Edeldruckverfahren, nicht zu den Druckverfahren im Sinne von Hoch-, Tief-, Flach- oder Durchdruck. Atkins produzierte 1843 das erste fotografisch illustrierte Buch mit Cyanotypien, ohne jemals eine Druckpresse zu berühren.
Was verbindet die Chemie beider Verfahren?
Beide Verfahren nutzen lichtempfindliche Chemikalien, aber verschiedene: Cyanotypie arbeitet mit Eisensalzen (Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanidoferrat), die unter UV-Licht Berliner Blau bilden. Herschel entdeckte das Prinzip 1842 für die Cyanotypie. Fotolithografie nutzt dagegen Dichromate (Kaliumdichromat mit Albumin oder Gelatine), die bei Belichtung aushärten und eine druckfähige Schicht auf dem Stein bilden. Die gemeinsame Klammer ist die Lichtempfindlichkeit, nicht die Chemie selbst.
Kann ein Cyanotypie-Werk ein Originaldruck sein?
Im druckgrafischen Sinne nein. Ein Originaldruck bezeichnet in der Druckgrafik ein Werk, das über eine Druckform in einer begrenzten Auflage entstanden, vom Künstler signiert und nummeriert worden ist. Cyanotypien entstehen ohne Druckform. Ein Cyanotypie-Werk kann ein bedeutendes fotografisches Objekt sein, es fällt aber in die Kategorie Fotografie, nicht Druckgrafik. Welche Kriterien beim Sammeln zählen (Druckform, Auflage, Signatur), erklärt Originalgrafik erkennen.
Was wurde aus Herschels Entdeckung?
Herschel selbst nutzte die Cyanotypie vor allem für wissenschaftliche Zwecke, etwa um botanische Notizen und mathematische Tabellen zu reproduzieren. Anna Atkins übernahm das Verfahren für botanische Dokumentation. Ab den 1870er Jahren entwickelte sich die Cyanotypie zum Standardverfahren für technische Zeichnungen, die sogenannten Blaupausen. In der Kunst tauchte sie erst im 20. Jahrhundert wieder auf, unter anderem bei Rauschenberg und Weil, die 1949 auf Outer Island, Connecticut, begannen, ihre Körper auf Blaupausenpapier abzudrücken.
Quellen und weiterführende Literatur
- Mike Ware, John Herschel and the Invention of Photography. University of Manchester.
- Public Domain Review, Cyanotypes of British Algae by Anna Atkins, 1843.
- Photogravure.com, Alphonse Louis Poitevin. Key Figure Profile.
- Steidl Verlag, Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions. Sir John Herschel's Copy (Faksimile).
- Artforum, Lost and Found: Susan Weil and Robert Rauschenberg's Blueprints.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
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