Emil Nolde

In Seebüll, an einem Wintertag um 1942, lagen auf dem Tisch eines Mannes kleine Aquarelle. Leuchtende Farben auf kleinstem Format, jedes kaum handgroß. Draußen die flache Marschlandschaft Schleswig-Holsteins, drinnen eine Stille, die jederzeit enden konnte. Der Mann malte, obwohl ihm das Ausstellen und Verkaufen verboten war. In Schachteln sortiert, entstanden so zwischen 1938 und 1945 weit über tausend Blätter. Er nannte sie "Ungemalte Bilder", weil sie Vorarbeiten blieben zu Gemälden, die er nicht ausführen durfte. Davor: ein Jahrzehnt glühender Ölbilder, Küstenlandschaften, deren Farbe gegen den Himmel stieß. Emil Nolde ist der Expressionist, den die meisten mit Farbe verbinden. Das stimmt. Und es erzählt die halbe Geschichte.

Im Februar 1906 schrieb Karl Schmidt-Rottluff einen Brief an den damals 38-jährigen Nolde. "Den Zoll für Ihre Farbenstürme entrichten wollen", so die Formulierung. Die Gruppe Die Brücke lud Nolde ein, beeindruckt von seiner Farbintensität. Was folgte, war ein Tausch: Nolde brachte die Radierung, Schmidt-Rottluff den Holzschnitt. Beide veränderten beider Werk.

Was schrieb Schmidt-Rottluff im Februar 1906?

Schmidt-Rottluffs Brief vom 4. Februar 1906 war kein höfliches Angebot. Er kam von einer Gruppe, die sich in Dresden um Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Fritz Bleyl gebildet hatte und die im Expressionismus das einzige ehrliche Gegenwartsprogramm sah. Noldes Radierungen kursierten damals schon, und Schmidt-Rottluff kannte sie. Dass jemand mit so klaren Schwarzweißkonturen gleichzeitig in solch leuchtenden Farben malte, machte ihn für die Brücke interessant.

Nolde nahm die Einladung an. Auf der Insel Alsen, im Sommer 1906, lehrte ihn Schmidt-Rottluff die Technik des Holzschnitts. Nolde brachte seinerseits die Radiertechnik mit. Der Tausch war produktiver als jedes formale Lehrprogramm: zwei Impulse, zwei Richtungen, kein Lehrplan.

Anderthalb Jahre später trat Nolde aus der Brücke aus. Er hatte sich künstlerisch eingeengt gefühlt, zu wenig Raum für sein eigenes Tempo. Aber was er auf Alsen in jenem Sommer gelernt hatte, sollte später 197 Holzschnitte hervorbringen. Ein eigenständiges Korpus neben der Malerei.

Was der Schiefler-Katalog am Ende verzeichnete: 515 Drucke über fünf Jahrzehnte. Das war kein Nebenwerk. Das war ein paralleler Kanal.

Was passierte in Petersens Hafenpension?

Hamburg, 7. Februar 1910. Nolde bezieht ein Zimmer in Petersens Hafenpension. Er bleibt bis zum 16. März, also knapp sechs Wochen. In dieser Zeit entstehen 19 Radierungen, vier Holzschnitte und mehr als hundert Tuschzeichnungen. Außerdem dreizehn Gemälde.

Die Motive kamen durch das Fenster. Kräne, Dampfer, Hafenbecken. Das Gegenbild zu den Blumengärten von Seebüll. In den Radierungen dieser Wochen ist die Farbe ausgespart, die Linie übernimmt alles. Der Hafen als Schwarz-Weiß-Problem, nicht als atmosphärische Weite.

Wer diese Dichte nicht einordnen kann, rechnet kurz nach: sechs Wochen, mehr als 136 abgeschlossene Arbeiten. Nolde arbeitete nicht mehr an der Druckgrafik wie ein Maler, der in ein fremdes Medium eindringt. Die Hamburger Phase hatte eine eigenständige Sprache hervorgebracht, mit eigenen Grammatikregeln.

Die Drucke dieser Hamburger Phase ließ Nolde bei Otto Felsing drucken, der Berliner Hof-Kupferdruckerei, die auch für Käthe Kollwitz, Edvard Munch und Max Klinger arbeitete. Beide, Nolde wie Kollwitz, unterzeichneten ihre Blätter im selben Berliner Atelier.

Was zeigt Der Prophet?

"Prophet" entstand 1912, Werkverzeichnisnummer Schiefler/Mosel/Urban H 110. Das Blatt zeigt ein frontales Gesicht, Japanpapier, 31,6 × 22,4 cm, gedruckt in mindestens 20 Exemplaren. Die Hohlwangen des Gesichts entstehen durch Blinddruck: Papier wird ohne Farbe in die Schnittfläche des Holzblocks gepresst, sodass eine Vertiefung entsteht, die Tiefe erzeugt ohne Tinte zu brauchen.

Das ist eine technische Entscheidung, die man an Noldes Druckgrafik generell beobachten kann: Er behandelt den Holzblock als Material, das am Bild mitarbeitet. In seinen eigenen Worten aus "Jahre der Kämpfe" von 1934, zitiert von Wolf-Dieter Dube 1973: Er habe die wechselnden Maserungen und manchmal auch die Astlöcher gern am Druck teilhaben lassen ("I also always gladly let the various charming grainings and sometimes the knots become involved in the printing").

Ernst Ludwig Kirchner näherte sich dem Holzschnitt aus einer anderen Richtung. Bei Kirchner ist der Block ein Zeichenwerkzeug, die Linie kontrolliert geführt. Nolde arbeitet malerischer, die Holzfaser nimmt an der Bildgebung teil. Nicht schlechter, nur anderer Ausgangspunkt.

Ein Exemplar des Prophet aus der Sammlung Raemisch/von Teuffel (Krefeld/Berlin) erzielte bei Ketterer Auktion 494 in München am 7. Dezember 2019 einen Preis von 10.000 Euro, vergleichsweise niedrig für einen Nolde, was an der kleinen Auflage und der Schwarz-Weiß-Technik liegt, nicht am Rang des Blatts.

Ein Jahr nach dem Prophet stand Nolde in einer Druckerei in Flensburg und versuchte etwas, das sein Katalogist für nicht katalogisierbar halten würde.

Was geschah in acht Wochen bei Westphalen?

Sommer 1913, acht Wochen, Druckerei Westphalen in Flensburg. Nolde arbeitete täglich an den Steinen, morgens bis abends, und veränderte Farben und Zustände kontinuierlich. Am 25. August 1913 schrieb er an Gustav Schiefler, es sei unmöglich, die neuen Lithografien zu katalogisieren. Er habe die Steine und Farben von morgens bis abends ununterbrochen verändert, acht Wochen lang ("It is impossible to catalogue the new lithographs. I have continually changed the stones and colours from morning until night, for eight weeks").

Das beschreibt eine Arbeitsweise, die Auflage nicht als Vervielfältigung begreift. Nolde behandelte jeden Abzug als Experiment. Zwei Exemplare desselben Blatts nebeneinandergelegt zeigen kaum einmal dieselbe Farbkombination. Jeder Abzug ist ein Original, keine Kopie. Nolde wollte es so.

Die Tänzerin L56 entstand in Flensburg als letztes der dreizehn Blätter dieser Wochen. Auflage 35 Exemplare, fünf Farben, Format 53 × 69,4 cm. Ein Exemplar, Nummer 6 von 35, erzielte 2009 bei Ketterer in München 292.800 Euro.

Nolde selbst formulierte es für die Lithografie so: Erst wenn der Maler auf dem Stein selbst schaffend arbeitet, erlebt er den Reiz der Technik.

Im Oktober 1913 begleitete Nolde eine Expedition nach Deutsch-Neuguinea, die ihn über Moskau, Japan und China führte.

Zwanzig Jahre nach Flensburg würde eine Kommission des Propagandaministeriums genau solche Blätter als "entartet" einziehen.

Wie verhielt sich Nolde zum Nationalsozialismus?

Die NS-Phase ist für viele das komplizierteste Kapitel in Noldes Biografie. Er trat 1934 der NSAN bei, der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig, einer Parteiorganisation der deutschen Minderheit im dänischen Nordschleswig. Nolde war überzeugter Antisemit und aktiver Parteigänger. Er denunzierte Künstler wie Max Pechstein, verfasste 1938 einen Brief an Goebbels, in dem er sich als Kämpfer gegen die "Überfremdung der deutschen Kunst" darstellte, und forderte den Ausschluss jüdischer Künstler aus dem Kulturbetrieb. Die Forschung seit der Ausstellung "Emil Nolde. Eine deutsche Legende" (Hamburger Bahnhof, 2019) hat diese Haltung umfassend dokumentiert. Gleichzeitig hielt dieselbe Ideologie, der er sich andiente, sein eigenes Werk für "entartet". Dieser Widerspruch ist der eines Überzeugten, nicht eines Getäuschten.

1937 wurden 1.052 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt, eine der umfangreichsten Beschlagnahmungen im Kontext der "Entarteten Kunst". Der Ausschluss aus der Reichskammer der Bildenden Künste folgte am 23. August 1941. Das Berufsverbot schloss jede öffentliche Aktivität aus.

Er malte trotzdem. Die kleinen Aquarelle, von denen am Anfang die Rede war, entstanden in diesen Jahren. Über tausend dreihundert Blätter, die er in Schachteln aufbewahrte und nach Kriegsende als Vorlagen nutzte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte Nolde 60 Blätter in Gemälde um.

Am 15. Februar 1944 zerstörte ein Bombenangriff Noldes Berliner Wohnung. Mit ihr gingen Gemälde, Aquarelle und ein Teil seiner Grafik-Sammlung verloren. Darunter ein seltener 6-Farben-Probedruck der Tänzerin, außerhalb der nummerierten Auflage, der in Noldes Berliner Atelier gelegen hatte.

Was in Noldes Berliner Wohnung lag, verbrannte. Was längst in Sammlerhänden war, überlebte. Ein 6-Farben-Proof erzielte bei Bonhams London am 22. April 2014 den Preis von 278.500 US-Dollar.

Was davon erfasst war, wusste ein Hamburger Jurist.

Wer war Gustav Schiefler?

Gustav Schiefler ist dieser Mann. Hamburger Jurist, kein Künstler, kein Händler. Er begann früh damit, Noldes Druckgrafik systematisch zu dokumentieren, und hörte damit über Jahrzehnte nicht auf.

Was er daraus machte: ein Gesamtverzeichnis von 515 Drucken, aufgeteilt in 231 Radierungen, 197 Holzschnitte, 83 Lithografien und vier Hektografien. Die Erstausgabe erschien 1911 bei Julius Bard in Berlin, nummeriert, in einer Auflage von 435 Exemplaren.

Wie Nolde dazu die nötige finanzielle Unabhängigkeit bekommen hatte, lässt sich auf einen unwahrscheinlichen Moment zurückführen. 1897 entwarf er eine Serie von Bergpostkarten mit personalisierten Alpengipfeln, die sich in zehn Tagen 100.000 Mal verkaufte. Der Erlös ermöglichte ihm ein freies Künstlerleben, bevor er als Künstler bekannt war.

Zwischen 1906 und 1956 schrieben Nolde und Schiefler einander. Die Edition des Briefwechsels, erschienen 2023 beim Deutschen Kunstverlag, umfasst zwei Bände, über 700 erhaltene Briefe und 1.556 Seiten. Herausgeberin ist Indina Woesthoff für die Nolde Stiftung Seebüll.

Was der Briefwechsel sichtbar macht: eine Arbeitsbeziehung, die nicht Mäzenatentum war, sondern wechselseitige Beobachtung. Schiefler dokumentierte, Nolde arbeitete weiter, manchmal in Reaktion auf die Katalogisierung, manchmal trotz ihr. Der Brief über die Westphalen-Wochen ist ein direkter Beleg dafür: Nolde informierte Schiefler über eine Produktion, die er selbst nicht erfassen konnte.

Nolde selbst formulierte seine Haltung zur Druckgrafik einmal so: Die Grafik solle mit gleicher Liebe und Hingebung entstehen wie die Bilder. Schiefler hat diese Haltung mit einem Katalog quittiert, der das möglich macht, was ein Druckwerk ohne Verzeichnis nicht leisten kann: sichtbar zu bleiben.

In Hamburg stellte Nolde zwischen 1908 und 1933 dreizehn Mal bei der Galerie Commeter aus. Die Hamburger Kunsthalle besitzt heute neun Gemälde und 165 Werke auf Papier.

Schiefler starb 1935. Das Museum in Seebüll öffnete 1957. Zwischen beidem lagen Krieg, Verbot und eine Stiftung, die Nolde selbst verfügte.

Was blieb in Seebüll?

Den 13. April 1956 erlebte Nolde in Seebüll. Er war 88 Jahre alt. Das Haus, das er zusammen mit dem Architekten Georg Rieve nach seinen eigenen Entwürfen errichtet hatte, steht auf einer künstlichen Warft in der schleswig-holsteinischen Marschlandschaft. Noch 1956 gründete er die Stiftung, die sein Werk verwalten sollte. Ein Jahr später, 1957, öffnete das Museum.

Die Sammlung rotiert. Licht schadet Papier und Druckfarbe, also ist immer nur ein Teil zu sehen. Wer das gesamte Druckwerk studieren will, braucht dafür mehrere Institutionen. Die Hamburger Kunsthalle ist dabei eine erste Adresse. Das MoMA in New York besitzt den Prophet.

Ab dem 1. Januar 2027 werden Noldes Werke in Deutschland gemeinfrei. Welche Sammlungen dann Hochauflösungen freigeben, welche Seiten entstehen, ist noch offen. Eine Seite über Nolde zu schreiben, während seine Bilder noch nicht veröffentlicht werden dürfen, hat etwas von der Logik der Ungemalten Bilder. Die Farbe ist vorhanden. Sie wartet.

Der Garten, den Nolde selbst anlegte, blüht weiter. Und irgendwo in einer Schachtel im Depot liegt ein Abzug, der in jeder zweiten Auflage eine andere Farbe trägt.

Häufige Fragen zu Emil Nolde

Warum ist Emil Nolde als Expressionist bekannt?

Nolde gehörte kurzzeitig der Gruppe Die Brücke an (1906–1907) und stand dem deutschen Expressionismus thematisch und stilistisch nah. Seine Malerei war von intensiver Farbigkeit geprägt, Blumengärten, Landschaften und religiöse Motive in Farben, die weit über naturalistische Wiedergabe hinausgingen. Die Expressionisten sahen in ihm einen Verbündeten, auch wenn Nolde die Gruppe rasch wieder verließ. Er entwickelte einen eigenen Weg, parallel zur Gruppe, nicht in ihr.

Was sind die "Ungemalten Bilder"?

Nolde malte zwischen 1938 und 1945 über 1.300 kleinformatige Aquarelle, obwohl ihm nach dem Ausschluss aus der Reichskammer der Bildenden Künste jegliche Maltätigkeit verboten war. Er bezeichnete diese Blätter als "Ungemalte Bilder", weil sie ursprünglich als Vorstufen zu größeren Gemälden gedacht waren, die er unter dem Berufsverbot nicht ausführen durfte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte er 60 davon in Ölgemälde um.

Wie viele Drucke hat Emil Nolde hinterlassen?

Der Werkverzeichnis-Katalog von Gustav Schiefler verzeichnet 515 druckgrafische Arbeiten: 231 Radierungen, 197 Holzschnitte, 83 Lithografien und vier Hektografien. Das Druckwerk entstand über fünf Jahrzehnte, von den ersten Radierungen Anfang der 1900er Jahre bis ins Spätwerk. Der Schiefler-Katalog erschien erstmalig 1911.

Wann werden Noldes Werke gemeinfrei?

In Deutschland läuft der urheberrechtliche Schutz 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers ab. Nolde starb am 13. April 1956, sodass seine Werke ab dem 1. Januar 2027 gemeinfrei werden. Bis dahin unterliegen Abbildungen seiner Werke den Rechten der Nolde Stiftung Seebüll.

Wo kann man Emil Noldes Druckgrafik heute sehen?

Die Nolde Stiftung Seebüll zeigt Teile der Sammlung im Museum, das 1957 eröffnet wurde. Da Licht Papier und Druckfarbe schädigt, wechselt die Ausstellung regelmäßig. Bedeutende Nolde-Bestände befinden sich außerdem in der Hamburger Kunsthalle und im MoMA New York.

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Wir zeigen und verkaufen handgedruckte Originale zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Alle Werke ansehen: studiosonsu.de/collections/all. Fragen? hello@studiosonsu.de

Quellen und weiterführende Literatur

  • Nolde Stiftung Seebüll / Deutscherkunstverlag: Woesthoff, Indina (Hg.): "Ada und Emil Nolde / Luise und Gustav Schiefler. Briefwechsel 1906–1956." 2 Bände, 1.556 Seiten. Deutscher Kunstverlag Berlin 2023.
  • Dube, Wolf-Dieter: "The Expressionists." Praeger Publishers, New York 1973. (Enthält das Holzschnitt-Zitat aus "Jahre der Kämpfe", 1934.)
  • Brücke-Museum Berlin, Sammlungsinformationen zu Emil Nolde und Karl Schmidt-Rottluff.
  • Ketterer Kunst, München, Auktionskataloge zu Nolde-Drucken (Prophet H 110, Tänzerin L56).
  • artinwords, Emil Nolde Biografie, NS-Phase und die Ungemalten Bilder.
  • watson, Die Bergpostkarten-Episode und Noldes Weg in die finanzielle Unabhängigkeit.