Käthe Kollwitz

Von 275 überlieferten druckgrafischen Blättern kommt nicht eines als Reproduktion eines Gemäldes. Kollwitz wählte Radierung, Lithografie und Holzschnitt als ihre primären Medien, bewusst und aus Überzeugung. Die Leinwand hängt im Salon. Das Druckblatt kommt zu den Menschen, um die es geht.

Kollwitz (1867–1945) kam aus Königsberg, lebte in Berlin, wurde 1919 als erste Frau Professorin an der Preußischen Akademie der Künste. Ihre Bilder kennen viele Menschen, ohne zu wissen, dass fast keines ein Gemälde ist. Soziale Not, Krieg, Verlust: das waren ihre Themen. Und sie hat für diese Themen bewusst das Medium gewählt, das sie in die Hände der Betroffenen bringt.

Den intellektuellen Rahmen für ihre Entscheidung lieferte 1892 Max Klingers Essay "Malerei und Zeichnung": Das gedruckte Blatt kann Themen tragen, die Malerei nicht darf. Kollwitz hatte das verstanden, bevor sie ihren ersten großen Zyklus begann. Parallel dazu fing Edvard Munch 1894 in Berlin mit seinen ersten Radierungen an, zwei Druckgrafiker derselben Stadt, die sich dem Sozialen und dem Innenleben zuwandten, ohne sich zu berühren.

Warum fing Kollwitz mit dem Drucken an?

Käthe Kollwitz, Weberzug, Radierung, 1897. Blatt 4 aus dem Zyklus Ein Weberaufstand. Eine Menschenmasse in drängender Bewegung, dichte schwarze Linien.
Käthe Kollwitz, Weberzug, 1897. Radierung. Public Domain.

Berlin, 1899. Auf dem Tisch eines Arbeiterhaushalts liegt ein Druckblatt. Eine Frau, die über einem toten Kind kauert. Es kostet einen Bruchteil eines Gemäldes, weil es gedruckt ist. Das war die Absicht. Das Blatt kommt aus dem Zyklus Ein Weberaufstand, sechs Blätter, entstanden zwischen 1893 und 1897.

Kollwitz hatte Gerhart Hauptmanns Theaterstück Die Weber gesehen, am 26. Februar 1893 in Berlin uraufgeführt. Die Frage, die sie danach beschäftigte, war nicht: Wie male ich das? Sondern: Wie bringe ich es zu den Menschen, um die es geht? Gemalte Bilder wandern in Museen und in die Sammlungen der Leute, die sich die Karten für solche Häuser leisten können. Drucke lassen sich reproduzieren, verteilen und bezahlen.

Ein Detail, das oft falsch erzählt wird: Beim Weberaufstand arbeitete Kollwitz gleichzeitig mit zwei Techniken. Die ersten drei Blätter entstanden als Lithografien, weil technische Unsicherheiten bei der Aquatinta sie zwangen, das Verfahren zu wechseln. Die letzten drei waren Radierungen. Zwei Techniken in einem Zyklus: Sie arbeitete sich an beiden Verfahren entlang, bis sie ihre jeweiligen Grenzen kannte.

Was Kollwitz im Holzschnitt suchte, arbeiten zeitgenössische Druckgrafiker weiter. Einige davon sind hier versammelt.

Wie veränderte der Bauernkrieg-Zyklus die Technik?

Der nächste große Zyklus folgte von 1902 bis 1908: Bauernkrieg, sieben Radierungen. Hier kombinierte Kollwitz in ein und demselben Blatt Strichätzung, Kaltnadel, Sandpapier, Aquatinta und Weichgrund. Das ist keine Technikakrobatik um ihrer selbst willen. Jede Methode erzeugt eine andere Textur, eine andere Dichte, eine andere Qualität des Schwarzen.

Was das bedeutet: Strichätzung zieht die Linie mit Säure in die Platte. Kaltnadel ritzt direkt ins Metall und erzeugt raue, weiche Grate. Sandpapier gibt dem Grund eine matte Körnung. Aquatinta legt flächige Töne über alles. Die Kombination macht Tiefe. Nicht im technischen Sinne des Tiefdrucks, sondern im Sinne von Gewicht. Das Papier trägt mehr als eine Zeichnung.

In diesem Zyklus erreicht die Radierung bei Kollwitz ihren technischen Höhepunkt. Wer verstehen will, warum Radierung als Medium mehr kann als eine Zeichnung auf Papier, sollte sich den Bauernkrieg genau ansehen. Was das Verfahren mit einer Oberfläche macht, zeigt auch Stephen Lawlors Radierung Kvinna: ein Gesicht, durch gitterartige Linien aufgelöst. Die Nadel erzwingt eine Entscheidung pro Strich, und jeder Strich bleibt.

Was machte den Krieg-Zyklus zum Wendepunkt?

Ihr Sohn fiel am 22. Oktober 1914. Käthe Kollwitz' Holzschnitt-Folge Krieg begann sie als Reaktion, aber es dauerte sechs Jahre, bis sie die richtige Technik fand. Erst versuchte sie Radierung (1918), dann Lithografie (1919). Beide Male verwarf sie die Blätter. 1920 wechselte sie zum Holzschnitt, angeregt von Ernst Barlachs Arbeiten. Das war keine Zuflucht in Emotion, sondern das Ergebnis einer langen formalen Suche.

Warum Holzschnitt? Eine Radierung erlaubt Korrekturen. Man kann überarbeiten, verfeinern, abmildern. Der Holzschnitt nicht. Was aus dem Block geschnitten ist, bleibt weg. Die Klinge entscheidet einmal, und das Ergebnis ist endgültig. Für Motive, die kein Abmildern vertragen, ist das keine Einschränkung. Es ist genau die richtige Methode. Dieselbe Endgültigkeit prägt auch Sonderformen der Technik wie den Chiaroscuro-Holzschnitt der Renaissance oder den Weißlinienschnitt, bei dem die Linie selbst weiß bleibt.

Die sieben Blätter entstanden ab Oktober 1921, ausgeführt bis ins Frühjahr 1922, publiziert 1923 bei Emil Richter Verlag in Dresden: Das Opfer, Die Freiwilligen, Die Eltern, Die Witwe I, Die Witwe II, Die Mütter, Das Volk. Schwarz auf Weiß, keine Übergänge, keine Graubereiche. Das Holz erzwingt diese Radikalität. Es gibt keinen Mittelton, weil es keinen geben darf.

Rod Nelsons Holzschnitt An Ancient Way folgt demselben Prinzip: eine einsame Figur im Wald, die Maserung des Holzes formt die Atmosphäre mit. Was Kollwitz im Krieg-Zyklus als Notwendigkeit entdeckt hat, ist für Nelson Ausgangspunkt.

Käthe Kollwitz und die Preußische Akademie der Künste

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis, Lithografie, 1924. Frontales Gesicht, weiche Schattierung, nachdenklicher Blick.
Käthe Kollwitz, Selbstbildnis, 1924. Lithografie. Public Domain.

Am 24. Januar 1919 wurde Käthe Kollwitz als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, als reguläres Mitglied und Professorin. 1928 übernahm sie die Leitung des Meisterateliers für Grafik, auch das als erste Frau im Senat der Akademie.

Das ist keine Fußnote zur Biografie. 1919 war Frauen in Deutschland das Wahlrecht gerade erst zugestanden worden. Eine Professur für Druckgrafik an der wichtigsten deutschen Kunstakademie war ein Amt, das für männliche Kollegen gebaut worden war. Fünfzehn Jahre hatte sie es inne, bevor das Regime 1933 ihren Rücktritt erzwang.

Was bedeutet "Original" bei Kollwitz?

Der Kunstmarkt hat eine Hierarchie etabliert: Original ist das Gemälde, Drucke sind Reproduktionen. Bei Kollwitz greift das nicht.

Ihre Druckgrafiken sind keine Reproduktionen von Gemälden. Sie sind die Originale. Jeder Abzug wurde von der Platte gedruckt, mit Kollwitz' Beteiligung am Prozess. Die Lithografie funktioniert über Fettkreide auf Kalkstein, die Radierung über die geätzte Kupferplatte. Beide Male gibt die Matrix ihre Form ab, und das Papier empfängt sie. Das ist Druckgrafik als primäres Medium, nicht als Vorstufe zu etwas anderem.

Was heute in Sammlungen als "Kollwitz-Grafik" gilt, fällt in die Gemeinfreiheit: Kollwitz starb am 22. April 1945, die EU-Schutzfrist von 70 Jahren lief damit am 1. Januar 2016 ab. Die Werke können reproduziert werden. Die originalen Drucke aus den frühen Auflagen bleiben, was sie waren: Werke, die im physischen Kontakt zwischen Platte, Farbe und Papier entstanden sind.

Die Linie des sozialkritischen deutschen Holzschnitts, die Kollwitz geprägt hat, wurde nach 1945 von HAP Grieshaber weitergeführt, der den Holzschnitt als politisches Medium in die Nachkriegsmoderne übersetzte.

Käthe Kollwitz: fünf Fragen

Welche Drucktechniken verwendete Käthe Kollwitz?

Kollwitz arbeitete mit Lithografie, Radierung (inkl. Kaltnadel, Aquatinta, Sandpapier und Weichgrund) und Holzschnitt. Die frühen Zyklen kombinieren Techniken innerhalb eines Werks. Den Holzschnitt nahm sie erst ab 1920 auf, beeinflusst durch Ernst Barlachs Holzschnitte.

Was ist das bekannteste Werk von Käthe Kollwitz?

Der Zyklus Krieg (1920–1923, sieben Holzschnitte) gilt als ihr druckgrafisches Hauptwerk. Auch Ein Weberaufstand (1893–1897) und Bauernkrieg (1902–1908) sind als Werkgruppen zentral. Einzelblätter wie Das Opfer und Die Mütter werden häufig ausgestellt.

War Käthe Kollwitz Expressionistin?

Kollwitz wird gelegentlich dem Expressionismus zugeordnet, steht aber eigenständig. Sie teilte den Impuls zur formalen Radikalität und zur subjektiven Dringlichkeit, arbeitete aber ohne Farbexplosion, ohne Programm-Manifeste, mit sozialpolitischen Themen als Kern. Näher liegt der Begriff Druckgrafikerin, die ihren Stil aus dem Medium entwickelte, nicht aus einer Bewegung. Wer Kollwitz stilistisch einordnen will, findet in der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Republik den nächsten Bezugspunkt, auch wenn sie keiner Bewegung angehörte.

Wie viele Druckgrafiken hat Käthe Kollwitz gemacht?

275 Druckgrafiken sind im Werkverzeichnis von Alexandra von dem Knesebeck (2002) erfasst, basierend auf dem Katalog von August Klipstein (1955). Die Zahl schließt alle Techniken ein: Lithografien, Radierungen, Holzschnitte. Wer die Käthe-Kollwitz-Radierung im Kontext aller Techniken einordnen will, findet im Bauernkrieg-Zyklus die dichteste Auseinandersetzung damit.

Sind Kollwitz-Drucke public domain?

Ja. Käthe Kollwitz starb am 22. April 1945. In der EU gilt eine Schutzfrist von 70 Jahren post mortem, die Gemeinfreiheit trat damit am 1. Januar 2016 in Kraft. Museen und Digitalarchive stellen heute hochauflösende Scans zur Verfügung.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Käthe Kollwitz Museum Köln, Werkverzeichnis Graphik und Folge Krieg Übersicht. https://www.kollwitz.de
  • Alexandra von dem Knesebeck, Käthe Kollwitz: Werkverzeichnis der Graphik. Galerie Kornfeld, Bern, 2002.
  • Britannica, Käthe Kollwitz. https://www.britannica.com/biography/Kathe-Kollwitz
  • Berliner Geschichtswerkstatt, Kollwitz und die Preußische Akademie. https://berlingeschichte.de

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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