Edvard Munch

Edvard Munch (1863-1944) malte die Angst so, dass sie sichtbar wurde. Der Schrei, Der Kuss, Melancholie, Madonna: Seine Bilder sind in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, reproduziert auf Postern, Tassen, Emojis. Er war norwegischer Maler, Außenseiter der Berliner Kunstszene, Zeuge von zwei Tuberkulose-Todesfällen in seiner Kindheit. Was die Welt heute mit seinem Namen verbindet, entstand zum großen Teil in Berlin, in den Jahren zwischen 1892 und 1896.

In seinem Tagebuch beschrieb Munch zur Entstehung des Schreis sinngemäß, er habe das große Geschrei durch die Natur gespürt. Das Gemälde, das daraus entstand, fertigte er 1893. Eine Figur auf einem Steg über dem Oslofjord, der Himmel zu einem lodernden Orange aufgepeitscht, die Gestalt mit dem aufgerissenen Mund. Munch war 1892 aus Norwegen nach Berlin gezogen, hatte dort 55 Werke ausgestellt und damit einen Richtungsstreit im Verein Berliner Künstler ausgelöst. Der Verein Berliner Künstler stimmte mit 120 zu 105 für die Schließung. Die Ausstellung wurde nach einer Woche geschlossen. Er blieb trotzdem in Berlin. Wut interessierte ihn mehr als Beifall. Ab den 1890er Jahren entwickelte er ein malerisches Langzeitprogramm, das er "Der Lebensfries" nannte: ein Bildzyklus über Liebe, Angst und Tod, der die biografische Erfahrung in ein kohärentes Bildprogramm übersetzte. Die Angst, die er malte, hatte einen biografischen Kern: Seine Mutter starb 1868 an Tuberkulose, seine Schwester Sophie 1877 an derselben Krankheit. Er war neun und vierzehn Jahre alt. Das hört man seinen Bildern an.

Die vier Gemäldeversionen des Schreis blieben in Sammlungen. Was auf Postern und T-Shirts kursiert, geht auf eine Lithografie zurück, die Munch 1895 in Berlin zog. Exemplare liegen unter anderem im Munchmuseet Oslo. Die Lithografie brachte das Motiv in die öffentliche Verbreitung. Das Gemälde hätte das nicht gekonnt.

Was passiert in einer Berliner Werkstatt, Ende 1894?

Die Edvard Munch Druckgrafik beginnt Ende 1894 in Berlin, in der Werkstatt des Druckmeisters L. Angerer.

Edvard Munch, Der Schrei, Lithografie, 1895. Schwarz-weiße Version des Motivs auf Stein gezeichnet.
Edvard Munch, Der Schrei, 1895. Lithografie. Public Domain.

Ein Maler, der gerade den größten Kunstskandal des Berliner Jahrzehnts ausgelöst hatte, saß jetzt am Ätzbad und lernte die Radierung. Die Frage ist naheliegend: Was suchte er dort?

Edvard Munch, Two Human Beings (Die Einsamen), Kaltnadel, 1894/95. Zwei Figuren stehen getrennt am Ufer.
Edvard Munch, Two Human Beings (Die Einsamen), 1894/95. Kaltnadel. Public Domain.

Two Human Beings (Die Einsamen) von 1894/95 gehört zu diesen ersten Blättern: zwei Gestalten am Strand, durch eine Leere getrennt.

Die Antwort steckt im Kalender. Munch erschloss sich drei Techniken in rund 24 Monaten: 1894 Radierung und Kaltnadel, 1895 Lithografie, 1896 die ersten Holzschnitte. Nicht als Hobbyist, der Techniken ausprobiert. Sondern als jemand, der verstanden hatte, dass ein gedrucktes Blatt anders funktioniert als ein Gemälde.

O. Felsing in Berlin druckte für ihn "Das kranke Kind" (Woll 7, 1894, Kaltnadel und Roulette). Das Motiv kannte er gut: Es war das erste Werk, mit dem er 1886 die norwegische Kunstwelt verstört hatte, ein Gemälde eines sterbenden Mädchens auf einem Krankenbett. Die Drucktechnik erlaubte ihm, das Motiv neu zu denken.

Ein Jahr nach Angerers Werkstatt arbeitete Munch in Paris mit dem Drucker Auguste Clot (1858-1936) zusammen. Clot druckte für ihn die Farblithografie "Det syke barn I" (Woll 72, 1896) in rund 90 Abzügen mit mehreren Farbkombinationen. Diese Serie gilt als Munchs Meisterwerk in der Farblithografie. Noch im selben Jahr erschien eine Edvard Munch Lithografie in Vollards "Album des Peintres-Graveurs": "Angst" (Woll 63), Auflage 100 Exemplare, ebenfalls von Clot gedruckt. Neben Munch in diesem Album: Bonnard, Denis, Vuillard, Odilon Redon. Munch wählte seine Drucker gezielt nach Technik und Standort, und die Drucker wählten ihn zurück.

M.W. Lassally in Berlin druckte für ihn einige der bekanntesten Lithografien, darunter "Eifersucht I" (Woll 68, 1896) und "Madonna" (1895). Mit Angerer, Felsing, Lassally und Clot sind vier namentlich belegte Drucker dokumentiert. Das war kein Zufall. Munch wusste, welchen Drucker er für welche Technik brauchte.

Innerhalb von rund zwei Jahren wechselte er vom Stein zur Kreide. 1896 nahm er eine Laubsäge in die Hand.

Was lehrt ein zersägter Holzblock?

Für den Holzschnitt entwickelte Munch ein Verfahren, das auf den ersten Blick nach Bastelstunde klingt. Er sägte den Druckstock mit einer Laubsäge in Einzelteile, bemalte jedes Segment separat mit einer anderen Farbe und setzte die Teile vor dem Drucken wie ein Puzzle zusammen. So konnte er mehrfarbige Drucke aus einem einzigen Motivträger produzieren, ohne mehrere Stöcke exakt registrieren zu müssen. Die leichten Versetzungen der Puzzleteile wurden Teil des Bildes.

Edvard Munch, Der Kuss IV, Farbholzschnitt, 1897-1902. Zwei verschmolzene Figuren, Holzmaserung sichtbar.
Edvard Munch, Der Kuss IV, 1897-1902. Farbholzschnitt. Public Domain.

Was dabei entstand, hängt im MoMA und im Met. "Der Kuss IV" (1897-1902) zeigt zwei ineinandergeschlungene Figuren, deren Gesichter sich im Kuss zu einer einzigen Form auflösen. Das ist kein zufälliger Effekt. Die Maserung des Holzes zieht sich sichtbar durch die Flächen, jedes Exemplar wurde zu einem singulären Objekt.

Wie konsequent Munch den Holzschnitt mit dieser Methode betrieb, zeigt "Zwei Menschen am Strand" (Woll 157, 1899). Das Werk existiert in acht dokumentierten Zuständen. Der Block war in drei separat eingefärbte Segmente zersägt, gedruckt in Meeresblau, Schwarz, Ocker und Rot. Acht Zustände heißt acht Entscheidungsmomente über Farbe, Reihenfolge und Komposition. Das sind keine Varianten. Das ist eine Forschungsarbeit.

Was Munch suchte, war Kontrolle über die Farbe in einem einzigen Druckgang. Das Laubsägeverfahren war nicht Experiment, sondern Arbeitslösung für ein Problem, das er klar formuliert hatte.

1906 bat Karl Schmidt-Rottluff ihn, der Gruppe Die Brücke als "geistiger Vater" beizutreten. Munch antwortete nicht mit Ja.

Warum lehnte Munch die Einladung ab?

Die Brücke war 1905 in Dresden gegründet worden. Schmidt-Rottluff, Kirchner, Heckel, Bleyl: junge Künstler, die eine neue Ausdruckssprache suchten. Sie hatten Munchs Drucke studiert. Das Laubsägeverfahren interessierte Ernst Ludwig Kirchner so sehr, dass er es übernahm. In der Rückschau distanzierte er sich von Munch mit dem Satz: "He is the end, I am the beginning."

Edvard Munch, Madonna, Lithografie, 1895-1902. Nackte Frau mit geschlossenen Augen, Haar fließt wie dunkler Heiligenschein.
Edvard Munch, Madonna, 1895-1902. Lithografie. Public Domain.

Ernst Ludwig Kirchner hat diese Aussage gemacht und dann dieselbe Säge benutzt. Munch war klug genug, das nicht zu kommentieren.

Seit dem Berliner Skandal 1892 hatte Munch als Einzelner gearbeitet. Kein Verein, keine Gruppe, keine gemeinsam unterzeichneten Manifeste. Das Muster spricht für sich: Wer den Berliner Skandal als Einzelner überlebt hatte, brauchte keine Gruppe mehr.

Die Ablehnung ist Teil eines Musters. Munch war kein Mitglied des Expressionismus, obwohl die Expressionisten ihn als Vorläufer zitierten. Er war kein Mitglied der Brücke, obwohl Brücke-Künstler seine Technik übernahmen. Er arbeitete parallel und allein, eine Grenzfigur auch im Vergleich von Surrealismus und Symbolismus. In denselben Berliner Jahren begann auch Käthe Kollwitz mit dem Drucken und wählte Berlin als Arbeitsort. Die beiden berührten sich thematisch am selben Punkt: Angst, Körper, soziales Elend. Eine formale Verbindung gingen sie nie ein. Was diese Trennung trotz gemeinsamer Themen für ihre Druckgrafik bedeutet, zeigt der Vergleich von Kollwitz und Munch.

1937 entfernten die Nationalsozialisten 82 seiner Werke aus deutschen Museen und erklärten sie zu "entarteter Kunst". Die Säge lag längst auf Ekely, seinem Anwesen außerhalb von Oslo, wo er seit 1916 lebte und arbeitete.

Was passiert mit einem Bild, wenn der Künstler stirbt?

Munchs Vermächtnis lässt sich in drei Schichten lesen: was er hinterließ, was er kontrollierte, und was jetzt jedem gehört.

Munch starb am 23. Januar 1944 auf Ekely, Oslo.

Edvard Munch, Vampyr I, Lithografie, 1895. Dunkle Figur mit Haar beugt sich über eine liegende Gestalt.
Edvard Munch, Vampyr I, 1895. Lithografie. Public Domain.

Er hinterließ sein gesamtes Werk der Stadt Oslo: rund 1.750 Gemälde, 748 verschiedene Druckmotive, etwa 10.000 Zeichnungen, 180 Fotografien. Alles. Zusammen mit dem Anwesen.

Betrachtet man Munchs Druckgrafik als Ganzes, fällt auf, wie früh er die Kontrolle über sein Medium formalisierte. Schon ab 1907 hatte er eine Regel aufgestellt: Abzüge, die ohne seine persönliche Anwesenheit entstanden, erkannte er nicht als Originale an. Er war der einzige Garant für die Echtheit eines Abzugs. Das Prinzip hatte nichts mit Verkauf zu tun. Es ging um Kontrolle.

Seit dem 1. Januar 2015 ist das Urheberrecht auf Munchs Werk in der EU erloschen, 70 Jahre nach seinem Tod. Seine Arbeiten sind Public Domain. Wikimedia Commons, die Nationalgalerie in Washington, das Art Institute Chicago stellen hochauflösende Scans zur Verfügung.

Was bedeutet das für den Unterschied zwischen einem Original und einer Reproduktion? Die Frage stellte sich schon zu Lebzeiten. Munch hat sie für sich beantwortet, mit Tinte auf den Blättern und seiner Anwesenheit in der Werkstatt. Nach seinem Tod stellt sie sich neu. Ein Originaldruck von 1895, auf dem seine persönliche Kontrolle lag, ist etwas anderes als ein Poster auf Hochglanzpapier.

Munch zog das Blatt, schaute es an und schickte es los.

Häufige Fragen zu Edvard Munch

Wann lebte Edvard Munch?

Edvard Munch wurde am 12. Dezember 1863 in Ådalsbruk, Norwegen, geboren und starb am 23. Januar 1944 auf seinem Anwesen Ekely bei Oslo. Er arbeitete über fünf Jahrzehnte als Künstler.

Was ist "Der Schrei" von Edvard Munch?

"Der Schrei" entstand 1893 als Gemälde. Tatsächlich fertigte Munch vier Versionen des Motivs an: zwei Gemälde (1893 und 1910) und zwei Pastelle (1893 und 1895). Es ist die Lithografie von 1895, die das Motiv in die öffentliche Verbreitung brachte. Die Gemäldeversionen hängen in Museen in Oslo und New York. Was auf Postern und Emojis kursiert, geht auf den Druck zurück.

Was ist der Lebensfries von Edvard Munch?

Ab den 1890er Jahren entwickelte Munch ein malerisches Langzeitprogramm, das er "Der Lebensfries" nannte. Es umfasst Bilder über Liebe, Angst und Tod, darunter bekannte Werke wie "Der Kuss", "Eifersucht", "Melancholie" und "Madonna". Das Programm war nie abgeschlossen.

Welche Drucktechniken verwendete Edvard Munch?

Eine Edvard Munch Radierung entstand erstmals 1894 in Berlin, als er in der Werkstatt von L. Angerer mit Kaltnadel und Radierung begann. 1895 kam die Lithografie hinzu, 1896 der Holzschnitt. Für den Edvard Munch Holzschnitt entwickelte er das sogenannte Jigsaw- oder Laubsägeverfahren: Der Block wird mit einer Laubsäge zersägt, die Teile separat eingefärbt und vor dem Druck wieder zusammengesetzt. Insgesamt arbeitete er mit vier namentlich belegten Druckern zusammen: L. Angerer und O. Felsing in Berlin, M.W. Lassally ebenfalls in Berlin, und Auguste Clot in Paris. Zusammen entstanden rund 748 verschiedene Druckmotive.

Sind Munchs Werke Public Domain?

In der EU ja. Das Urheberrecht auf Munchs Gesamtwerk erlosch am 1. Januar 2015, 70 Jahre nach seinem Tod 1944. Reproduktionen sind frei verfügbar. Der Unterschied zwischen einem Originaldruck aus Munchs Lebzeiten und einer modernen Reproduktion bleibt dennoch erheblich. Was einen Originaldruck dabei von einer Reproduktion unterscheidet, ist die physische Verbindung zum Druckstock und zur Hand des Künstlers.

Warum war Munch kein Expressionist?

Munch wird oft als Vorläufer des Expressionismus bezeichnet, war aber weder Mitglied von Die Brücke noch formell dem Expressionismus zugehörig. 1906 lud Karl Schmidt-Rottluff ihn ein, Die Brücke als "geistiger Vater" beizutreten. Die Gruppe war damals gerade ein Jahr alt, ihre Mitglieder Mitte zwanzig. Munch war 43. Er lehnte ab und blieb Außenseiter, der das Innenleben seiner Zeitgenossen beeinflusste, ohne sich je einer Gruppe anzuschließen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Gerd Woll, Edvard Munch: The Complete Graphic Works (2001, überarbeitet 2012)
  • Munchmuseet Oslo, Sammlungsdatenbank
  • Princeton University Art Museum, Symbolism in Print: Edvard Munch
  • National Gallery of Art Washington, Edvard Munch Sammlung

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Das Handwerk, das Munch Ende des 19. Jahrhunderts in Berliner Werkstätten betrieb, lebt in der Arbeit zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler weiter: Radierungen, Lithografien, Holzschnitte, die im selben Prinzip entstehen, dass ein Abzug kein Abklatsch ist, sondern ein eigenständiges Objekt ist. Das vollständige Sortiment gibt einen Einblick. Bei Fragen: hello@studiosonsu.de.