Fotolithografie vs. Lithografie: Hand gegen Kamera
Fotolithografie und Lithografie nutzen dasselbe chemische Prinzip und dieselbe Presse. Der Unterschied liegt eine Stufe früher: bei der Frage, wer oder was das Bild auf den Stein bringt. Handlithografie kommt von der Hand. Fotolithografie kommt von einem Negativ. Daraus folgt eine zweite Frage, die Auktionshäuser bis heute unterschiedlich beantworten: Ist das Ergebnis noch ein Original?
Paris, 28. Juni 1852. Rose-Joseph Lemercier trägt der Académie des Sciences eine Mappe mit Drucken vor. Der Titel lautet "Essais de Lithophotographie". Die Drucke stammen aus Lichtpausen, nicht aus Händen. Der Kalkstein wurde nicht mit Kreide bezeichnet. Er wurde belichtet.
Wer das Wort „Fotolithografie" heute sucht, sollte einen Hinweis bekommen: Es bezeichnet zwei völlig unterschiedliche Verfahren. Die Halbleitertechnik-Variante, bei der UV-Licht Fotolack auf Silizium-Wafern belichtet, hat mit der Drucktechnik des 19. Jahrhunderts nichts zu tun, außer dem Namen. Diese Seite handelt von der Fotolithografie als Drucktechnik: dem Flachdruckverfahren, das fotografische Negative auf lichtempfindliche Druckflächen überträgt.
Woher kommt das Bild auf dem Stein?
Alphonse Poitevin geht 1855 einen anderen Weg als die Lithografie. Er patentiert ein Verfahren auf Basis von Bichromat-Gelatine: Eine lichtempfindliche Schicht wird aufgetragen, ein fotografisches Negativ aufgelegt, Licht härtet die belichteten Stellen, die unbelichteten werden weggespült. Wo Senefelders Verfahren die Hand braucht, braucht Poitevin ein Negativ.
Lemercier hatte in der Knecht-Werkstatt gelernt, die einer Quelle zufolge von Senefelder mitgegründet worden war. 1857 kauft Lemercier Poitevins Rechte. Das Lemercier-Druckhaus verfügt über mindestens 30 lithografische Pressen; Schränke voller katalogisierter Bayerischer Kalksteine stehen für Nachdrucke bereit. Er hat die Infrastruktur, das neue Verfahren industriell einzusetzen.
Beide Verfahren enden an derselben Presse, auf demselben Papier. Was auf dem Stein stand, konnte Lemercier sehen. Was die Kamera mitbrachte, ließ sich am fertigen Druck zunächst kaum erkennen.
Originale Handlithografien, von Künstlern direkt auf Stein gezeichnet, findest du hier:
Was sieht die Lupe, und was nicht mehr seit 1882?
Wer eine Handlithografie unter starker Vergrößerung betrachtet, sieht ein organisches Muster: die Körnung des Kalksteins überträgt sich direkt, Kreide liegt unregelmäßig auf dem Stein, Tonübergänge sind weich und strukturiert. Kein Raster, kein Punkt-für-Punkt-Muster.
Poitevins frühe Fotolithografien sehen anders aus. Kritiker beschreiben die Ergebnisse als „washed out", als fehlten ihnen die Tiefe eines guten Tiefdrucks und die Feinheit eines fotografischen Abzugs. Das ändert sich mit Georg Meisenbach. Als Erfinder des Rasters gilt Meisenbach, der 1881 ein Verfahren entwickelt, Halbtöne in druckbare Rasterpunkte zu zerlegen; das Reichspatent Nr. 22244 wurde am 9. Mai 1882 angemeldet. Das Patent trägt den amtlichen Titel „Neuerungen in der Herstellung photographischer Platten für Hoch- und Tiefdruck-Clichés". Die erste gedruckte Autotypie erscheint am 10. März 1883 in der Illustrirten Zeitung Leipzig: eine Statuette als Ehrengabe an das 2. Bairische Infanterieregiment Kronprinz.
Ab diesem Punkt gibt es einen Unterschied, den die Lupe zeigt: Handlithografie zeigt organisches Kreide-Korn, spätere Fotolithografie zeigt Rasterpunkte. Vor 1882 war dieser Unterschied am Druck kaum feststellbar.
Was hat Grosz entschieden, und was hat Hundertwasser dagegen gesetzt?
George Grosz trifft 1920 keine Qualitätsentscheidung zwischen Handlithografie und Fotolithografie. Er trifft eine politische Entscheidung.
Die Mappe „Gott mit uns" enthält 9 Photolithografien, 125 Exemplare in drei Editionen: Edition A mit 20 Blättern auf Japan-Bütten, Edition B mit 40 auf Bütten, Edition C mit 65 auf leichterem Bütten, gedruckt bei Druckerei Hermann Birkholz Berlin. Grosz überträgt seine Rohrfeder-Zeichnungen direkt auf die Druckplatte, fotomechanisch, schnell und massenkompatibel. Für politische Satire, die vor Gericht landet, ist das keine Kompromisslösung, sondern Strategie. Der Prozess wegen Beleidigung der Reichswehr endet 1921 mit 300 Mark Strafe für Grosz und 600 Mark für Verleger Wieland Herzfelde.
Friedensreich Hundertwasser dreht das Argument sechzig Jahre später um. „10.002 Nights" entsteht 1982 bis 1983 in Spinea, bei 37 Arbeitstagen Anwesenheit Hundertwassers über 223 Produktionstage. Das Werk kombiniert Farbfotolithografie mit Farbsiebdruck und drei Metallprägungen, Auflage 10.002 Exemplare plus 252 Arbeitsproben, Signiertinte aus flüssigem Ofenrohr-Ruß, Signierung in Venedig 1984 über 18 Tage.
Hundertwasser lehnte das Mourlot-Modell explizit ab. Dort wurden Originalgrafiken fotografisch von Vorlagen abkopiert und von Technikern nachgezeichnet und reproduziert; der Künstler signierte nur. Sein Ansatz war das Gegenteil: 10.002 Exemplare, jedes einzigartig durch die Kombination der manuell gesteuerten Schichten. Ketterer Kunst beschreibt solche Werke mit dem Begriff „originalgrafischer Charakter", ohne zu erklären, wer ihn nach welchem Kriterium zuweist.
Wann ist eine Fotolithografie ein lithografisches Original?
Die Antwort hängt nicht am Verfahren. Sie hängt an der Kontrolle.
Wer die Druckform selbst entwickelt, die Prozessphasen überwacht, die Auflage definiert und das Werk signiert, schafft ein Werk, das im Sinne von Original vs. Kunstdruck als Original gilt, unabhängig davon, ob eine Hand oder eine Kamera das Bild auf den Stein gebracht hat. Wer ein bestehendes Werk fotografisch auf eine Druckplatte übertragen lässt, die ein Techniker druckt, und am Ende den Stapel signiert, schafft etwas anderes: eine Reproduktion mit Unterschrift.
Robert Rauschenbergs „Booster" von 1967 zeigt, wie fließend die Grenze verläuft: 183 mal 89 Zentimeter, Auflage 38, gedruckt bei Gemini G.E.L. in Los Angeles, eine Kombination aus Lithografie und Siebdruck. Die Lithografie-Komponente entstand direkt am Stein. Der Originalstatus ist unbestritten, obwohl das Werk zwei Verfahren kombiniert. In derselben Dekade entstehen fotolithografische Arbeiten, die im Auktionshandel denselben Status beanspruchen und ihn durchsetzen. Im Feld der Druckgrafik ist dieser Punkt präziser gefasst als „lithografie original" vermuten lässt: Entscheidend ist die künstlerische Autorenschaft über die Druckform, nicht ob die Hand oder die Kamera das Bild auf den Stein gebracht hat. Signier- und Editionierungspraktiken sind Kennzeichen der Autorenschaft, die allein aber nichts beweisen. Ein Werk, das nur signiert ist, weil der Galerist es auf den Tisch legt, ist kein Original, auch wenn es auf Bütten gedruckt wurde. Die Methoden, um Originalgrafik zu erkennen, greifen bei Fotolithografie nur eingeschränkt, weil der Plattenrand als Erkennungsmerkmal entfällt. Wo die Grenze zwischen direktem Steinflachdruck und Offsetdruck verläuft, ist eine verwandte Frage mit ähnlich unscharfer Antwort.
Als er 1852 der Académie des Sciences seine belichteten Drucke vorlegt, greift Lemercier das Handwerk nicht an. Er dehnt es aus. Der Stein bleibt, die Presse bleibt. Am Verfahren ändert sich nichts. Was sich ändert, ist der erste Schritt: Wer hat das Bild gemacht?
Kornfeld Auktionen katalogisiert Grosz' „Gott mit uns" als „Photolithografien". Ein Suchergebnis-Snippet des MoMA scheint dasselbe Werk als „offset lithograph" zu führen, die Seite selbst war nicht direkt prüfbar. Dasselbe Werk, zwei Institutionen, zwei Begriffe. Die Unschärfe ist im Verfahren selbst angelegt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Fotolithografie und Lithografie?
Bei der Lithografie zeichnet der Künstler direkt auf Kalkstein oder eine vorbereitete Metallplatte. Bei der Fotolithografie als Drucktechnik überträgt ein fotografisches Negativ das Bild auf eine lichtempfindliche Schicht. Das chemische Druckprinzip ist identisch, die Bildherkunft nicht. Anders als die Chromolithografie, die von Anfang an auf kommerzielle Reproduktion angelegt war, pendelt die Fotolithografie im Kunstkontext zwischen Original und Kopie. Handlithografie gilt per se als Originalgrafik. Bei der Fotolithografie kommt es auf künstlerische Intention und Kontrolle über den Druckprozess an.
Sind fotolithografische Werke Originale im Kunsthandel?
Das hängt von der Entstehung ab, nicht vom Verfahren. Werke wie Hundertwassers „10.002 Nights" oder Grosz' „Gott mit uns" werden im Kunsthandel als Originalgrafiken geführt, weil der Künstler die Druckform kontrolliert, die Auflage definiert und signiert hat. Drucke, bei denen ein bestehendes Werk nur mechanisch reproduziert und anschließend signiert wurde, gelten als Reproduktionen. Ketterer Kunst verwendet dafür den Begriff „originalgrafischer Charakter", ohne ihn zu definieren.
Wie erkenne ich eine Fotolithografie?
Vor 1882 kaum: Frühe fotolithografische Drucke können ähnliche Tonqualitäten haben wie Handlithografien, wirken aber oft weicher und weniger strukturiert. Nach Meisenbachs Glasgravur-Raster (Reichspatent Nr. 22244, angemeldet 9. Mai 1882) ist das Rasterpunkte-Muster unter der Lupe erkennbar. Handlithografien zeigen stattdessen das organische Kreide-Korn des Kalksteins. Der Plattenrand ist bei beiden Verfahren nicht sichtbar, da Lithografie ein Flachdruckverfahren ist. Was bei anderen Druckverfahren auf Originalität hinweist, erklärt Originalgrafik erkennen ausführlich.
Was hat Fotolithografie mit Chip-Fertigung zu tun?
Nichts, außer dem Namen. Die Halbleitertechnik-Fotolithografie, bei der UV-Licht Fotolack auf Silizium-Wafern strukturiert, ist ein industrielles Präzisionsverfahren ohne Bezug zur Drucktechnik des 19. Jahrhunderts. Wer nach der Drucktechnik sucht, sollte nach „Fotolithografie Drucktechnik" oder „Photolithografie" (historische Schreibweise) suchen.
Welche bekannten Künstler haben Fotolithografie verwendet?
George Grosz für „Gott mit uns" (1920), Friedensreich Hundertwasser für „10.002 Nights" (1983/84), Robert Rauschenberg in verschiedenen Arbeiten aus den 1960ern. Ketterer Kunst nennt außerdem Andy Warhol. H.R. Giger wird von der Galerie Hilt als zeitgenössisches Beispiel genannt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Princeton University Library, Graphic Arts Collection: Lemercier and Lithophotography
- Princeton University Library, Graphic Arts Collection: The Interior of the Lemercier Lithography Firm
- Deutsches Patent- und Markenamt, Reichspatent Nr. 22244 (Georg Meisenbach, 1882)
- Kornfeld Auktionen, Katalog George Grosz: Gott mit uns (1920)
- Hundertwasser Foundation, Texte zur Originalgrafik
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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