Chromolithografie
Chromolithografie ist ein Mehrfarben-Flachdruckverfahren aus dem 19. Jahrhundert, bei dem jede Farbe auf einem separaten Lithografiestein manuell aufgetragen und einzeln gedruckt wird. Die Farbzerlegung erfolgte per Hand, nicht fotomechanisch. Von den 1840er bis in die 1930er Jahre war die Chromolithografie das wichtigste Verfahren für farbige Drucke in Europa und Nordamerika.
1881, Roxbury bei Boston: In Louis Prangs Chromolithografie-Fabrik läuft gerade die fünfmillionste Weihnachtskarte des Jahres durch die Pressen. Für jedes Bild wurden bis zu 40 Lithografiesteine vorbereitet, einer für jede Farbschicht. Die Vorbereitung dauerte Monate. Prang nannte seine Drucke "Chromos", ein Wort, das er als höchstes Lob verstand. Heute würde man sagen: Kunstdruck. Das Wort hat sich verändert. Die Technik, die es erfand, ist fast vergessen.
Chromolithografie ist eine Variante der Lithografie. Wer versteht, wie Lithografie funktioniert, hat die technische Grundlage schon. Der entscheidende Unterschied heißt Passerung: Jede Farbschicht muss millimetergenau auf die vorherigen passen. Wer alte Sammelbilder oder Plakate in der Hand hält, kann die minimalen Verschiebungen zwischen Schichten sehen. Sie sind kein Fehler, sie sind das Zeichen, dass hier Menschenhände am Werk waren.
Der Begriff setzt sich zusammen aus dem griechischen chroma (Farbe) und dem schon zusammengesetzten Wort Lithografie (Steindruck). In älteren Quellen und in Österreich schreibt man häufiger Chromolithographie mit ph. Beide Schreibweisen meinen exakt dasselbe Verfahren.
Wie hat die Chromolithografie funktioniert?
Jede Farbe brauchte einen eigenen Lithografiestein. Der Lithograf übertrug zunächst die Konturenzeichnung auf den ersten Stein, dann folgten die einzelnen Farbschichten. Gedruckt wurde von hell nach dunkel: die hellste Farbe zuerst, die dunkelste zuletzt. Chromolithografien mit 16, 21, manchmal sogar 25 separaten Steinen waren keine Seltenheit.
Die größte Schwierigkeit war die Halbton-Erzeugung: Übergänge zwischen Farben und Tonabstufungen, wie man sie aus Gemälden kennt, ließen sich nicht durch einfaches Übereinanderlegen von Farbflächen erzielen. Dafür entwickelten Berliner Werkstätten eine Technik, die unter dem Namen Berliner Manier bekannt wurde. Der Lithograf setzte dabei Punkte mit freier Hand halbkreisförmig aneinander, um Halbtöne zu erzeugen. Die Punktdichte war enorm, jeder Punkt einzeln mit dem Stift gesetzt. Die dunkelsten Töne, technisch am anspruchsvollsten, übernahmen die erfahrensten Lithografen der Werkstatt.
Daneben existierten weitere Techniken: Tamponieren (Farbe mit einem weichen Tupfer auftragen), Spritzen und Punktieren.
Die Druckfolge hell nach dunkel hatte praktische Gründe: Eine helle Farbe über einer dunklen drucken macht diese unsichtbar, der Deckungsgrad der Farben ist begrenzt. Wer zuerst Gelb, dann Orange, dann Rot, dann Braun druckt, erzielt ein Bild. Umgekehrt nicht.
Der Zeitaufwand war enorm. Für 1.000 Abzüge eines komplexen Bildes benötigte eine gut ausgestattete Werkstatt etwa drei Monate für die Vorbereitung der Steine und weitere fünf Monate für den Druck. Das waren Zahlen, die an handwerklichem Aufwand mit Buchilluminationen des Mittelalters mithalten konnten. Nur eben für tausend Exemplare statt für eines.
Zeitgenössische Flachdrucke aus dem Studio-Sonsu-Sortiment als technische Illustration: was Steinlithografie heute noch leistet.
Wer hat die Chromolithografie zu einem Massenmedium gemacht?
Godefroy Engelmann, ein deutsch-französischer Lithograf aus dem Elsass, sicherte sich das Verfahren im Juli 1837 als Patent. Die Technik in groben Grundzügen existierte schon etwas früher, aber Engelmann formalisierte sie und gab ihr den Namen.
Louis Prang wurde am 12. März 1824 im preußisch-schlesischen Breslau als Sohn eines Textilfabrikanten geboren. 1848, im Revolutionsjahr, verließ er Deutschland. Nach Stationen in mehreren Ländern gründete er 1856 in Boston sein Lithografie-Geschäft. Was er baute, war für die amerikanische Lithografie damals neu in seiner Dimension: vierzig Druckpressen in Roxbury, siebzig Arbeiter, dazu mehr als dreißig Künstler im oberen Stockwerk, die auf Stein und Zink zeichneten. Die Fabrik wurde zu einer Touristenattraktion Bostons.
Prang druckte seine Bilder auf einem Qualitätsniveau, das zeitgenössische Kritiker uneinig machte. Manche bewunderten die Treue zu den Originalen, manche verachteten die Massenverbreitung. Sein bekanntester Druck war eine Reproduktion nach einem Gemälde von Eastman Johnson, basierend auf John Greenleaf Whittiers Gedicht "The Barefoot Boy". Für dieses Bild sollen bis zu 26 Lithografiesteine verwendet worden sein. Whittier selbst schrieb über den Druck, es sei "a charming illustration...satisfactory as a work of art."
Ab 1881 druckte Prang mehr als fünf Millionen Weihnachtskarten pro Jahr. 1897 schloss er die Fabrik. Der Offsetdruck machte seine Produktionsmethode unwirtschaftlich.
Für den deutschsprachigen Markt lohnt auch ein Blick nach England: George Baxter, geboren 1804, hatte schon 1835 ein Patent auf ein Farbdruckverfahren erhalten. Seine Technik konkurrierte für etwa zwanzig Jahre mit der Chromolithografie, verlor aber, weil sie langsamer und teurer war. Baxters Drucke sind heute gesuchte Sammlerstücke, gerade wegen ihrer Seltenheit.
Wofür wurde die Chromolithografie vor allem eingesetzt?
Zwischen den 1850er und 1920er Jahren war die Chromolithografie das einzige Verfahren, das Farbe in industriellem Maßstab auf Papier bringen konnte. Die Liste der Anwendungsfelder zeigt das: Buchillustration, Plakatdruck, Etiketten für Lebensmittelverpackungen, Kinderbücher, Notenhefte, geographische Karten, Postkarten und eben: Sammelbilder.
Die Liebig-Fleischextrakt-Sammelbilder gehören zu den bekanntesten Chromolithografie-Produkten überhaupt. Das Unternehmen ließ um 1875 systematisch kleine sechsteilige Bildserien herstellen, die beim Kauf eines Produkts beigelegt wurden. Die ersten Serien kamen ausschließlich aus Pariser Druckereien; ab etwa 1885 verlagerte sich die Produktion zunehmend in deutsche Betriebe. Insgesamt entstanden über etwa 100 Jahre rund 1.870 Serien mit rund 11.500 Einzelbildern in zwölf Sprachen.
11.500 Einzelbilder: Das ist ungefähr so viel wie ein Drittel aller Objekte, die der Louvre öffentlich ausstellt. Die Liebig-Firma leistete sich sogar eine sechsteilige Sammelbild-Serie, die den eigenen Druckprozess dokumentierte: Les Phases de la Fabrication d'un Chromo Liebig zeigte Schritt für Schritt, wie aus einem weißen Blatt Papier ein fertig gedrucktes Bild mit zwölf Farben wurde.
Ähnlich aktiv war Stollwerck, der Kölner Schokoladenhersteller. Die Hochzeit der Sammelbilder lag zwischen 1900 und 1910. Stollwerck beteiligte für seine Alben auch bekannte Namen: Adolph Menzel und Max Liebermann gehörten zu den Künstlern, die für die Serien arbeiteten.
Neben der Massenware gab es Spitzenleistungen: Das Bibliographische Institut in Leipzig produzierte Chromolithografien auf einem Niveau, das Gemälde-Reproduktionen tatsächlich nahe kam. Der Begriff, mit dem diese hochwertigen Farbreproduktionen bezeichnet wurden, lautete: Kunstdruck.
Warum hat das Wort "Kunstdruck" heute eine andere Bedeutung?
In der Geschichte des Kunstdrucks gibt es eine Begriffsverschiebung, die kaum jemand kennt. Im 19. Jahrhundert war "Kunstdruck" ein ehrlicher Qualitätsbegriff. Er bezeichnete chromolithografische Reproduktionen, die auf hochwertigem Papier, mit vielen Farbgängen und großer Sorgfalt hergestellt wurden. Teuer, aufwendig, das Gegenteil von Massenware.
Wer 1960 durch einen Kaufhauskatalog blätterte, fand dort "Kunstdrucke" für wenige Mark: Massenreproduktionen auf Hochglanzpapier, fotomechanisch produziert. Kein Stein, keine Handarbeit, keine zwanzig Farbgänge. Nur der Name war geblieben.
Mit dem Aufstieg des Offsetdrucks in den 1930er Jahren veränderte sich das. Der Offsetdruck war schneller, billiger und konnte fotografische Vorlagen direkt reproduzieren, ohne dass ein Lithograf jeden Stein von Hand vorbereitete. Ira Rubel gilt als Entwickler des ersten kommerziellen Offsetsystems, entstanden zwischen 1903 und 1904. Innerhalb einer Generation übernahm der Offset die Massenproduktion von Farbdrucken. Das Wort "Kunstdruck" blieb erhalten, aber was es bezeichnete, veränderte sich grundlegend: Nicht mehr ein handwerklich aufwendiger Mehrfarb-Steindruck mit zwanzig Farbgängen, sondern eine beliebige Massenreproduktion auf Hochglanzpapier.
Das Wort hat sich so weit vom Verfahren entfernt, dass heute kaum jemand weiß, woher es kommt.
Der Unterschied zwischen einer handgedruckten Originalauflage und einer maschinellen Reproduktion, der mit der Chromolithografie begann, besteht bis heute. Original vs. Kunstdruck erklärt die Kriterien.
Wie erkennt man eine Chromolithografie?
Das ist eine praktisch wichtige Frage für alle, die auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder bei Auktionen unterwegs sind. Liebig-Sammelbilder, Jugendstilplakate, alte Kinderbuchillustrationen und botanische Tafeln sind häufige Funde, die chromolithografischen Ursprung haben können.
Das wichtigste Werkzeug ist eine einfache Lupe. Chromolithografien erkennt man unter Vergrößerung an einer unregelmäßigen, groben Kornstruktur. Das ist der Fingerabdruck der manuellen Berliner Manier: Punkte von Hand gesetzt, halbkreisförmig, nie maschinell gleichmäßig.
Der Offsetdruck, der die Chromolithografie ablöste, erzeugt dagegen ein regelmäßiges Raster. Schau dir unter der Lupe ein modernes Hochglanzfoto an: Du siehst gleichmäßige, fast geometrisch angeordnete Druckpunkte. Bei einer Chromolithografie sieht es anders aus: unregelmäßig, organisch, leicht verwischt.
Ein zweites Merkmal sind Passerfehler. Sie zeigen, dass jede Schicht einzeln durch die Presse lief. Wenn du eine Chromolithografie sehr genau betrachtest, sind manchmal minimale Verschiebungen zwischen Farbschichten erkennbar, besonders an feinen Konturen. Ein roter Umriss sitzt vielleicht einen halben Millimeter neben dem blauen. Bei sehr aufwendigen Drucken wurden Passermarken am Rand des Papiers verwendet, um die Steine zueinander auszurichten.
Was eine Chromolithografie nicht hat: einen Plattenrand. Radierungen und Kupferstiche hinterlassen einen scharfen Abdruck der Metallplatte auf dem Papier. Lithografien, ob ein- oder mehrfarbig, sind immer flach. Das Papier hat keine vertieften oder erhöhten Zonen. Wenn du also beim Betasten eine Prägung spürst, ist es kein Flachdruck. Einen Überblick über alle Druckverfahren und ihre Erkennungsmerkmale gibt die Seite Druckgrafik, die wichtigsten Fachbegriffe stehen im Glossar Druckgrafik.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Chromolithografie und Farblithografie?
Farblithografie ist der Oberbegriff für jeden Steindruck mit mehreren Farben. Chromolithografie bezeichnet das hochindustrialisierte Verfahren, das im 19. Jahrhundert für Millionenauflagen entwickelt und perfektioniert wurde: viele Farbgänge, standardisierte Abläufe, spezialisierte Werkstätten. Eine zeitgenössische Künstlerin, die auf Lithografiestein in drei Farben druckt, macht Farblithografie. Die historische Chromolithografie der Liebig-Sammelbilder und Prang-Weihnachtskarten war etwas anderes in Skala und Organisation. Beide basieren auf demselben physikalischen Prinzip: Fett und Wasser vertragen sich nicht auf Stein.
Wann wurde die Chromolithografie erfunden?
Das Verfahren ist älter als sein Patent. Im Juli 1837 ließ Godefroy Engelmann, ein Lithograf aus dem Elsass, das Verfahren in Mülhausen patentieren. Ob das Konzept des Mehrfarb-Steindrucks wirklich von ihm stammt oder schon früher praktiziert wurde, ist unter Druckhistorikern nicht abschließend geklärt. In den USA entstand eine frühe amerikanische Chromolithografie um 1840 durch William Sharp, also kurz nach dem Engelmann-Patent und möglicherweise unabhängig davon.
Wie lange hat eine Chromolithografie in der Produktion gedauert?
Das hing stark vom Umfang ab. Ein einfaches zweifarbiges Bild war in Tagen fertig. Ein aufwendiger Druck mit vielen Farbgängen konnte Monate in Anspruch nehmen. Zum Vergleich: Derselbe Auftrag würde im Offsetdruck heute in Stunden erledigt. Das macht den Produktionsunterschied greifbarer als jede Zahl.
Ist die Chromolithografie noch eine lebendige Technik?
Als Massenverfahren nicht mehr. Der Offsetdruck hat sie in den 1930er und 1940er Jahren vollständig abgelöst. Vereinzelte Werkstätten und Sammler pflegen historische Pressen, und manche zeitgenössischen Druckgrafikerinnen und Druckgrafiker experimentieren mit der manuellen Farblithografie. Aber die industrielle Chromolithografie der Hochzeit zwischen 1870 und 1920 ist Geschichte. Was bleibt, sind die Originale: Sammelbilder, Plakate, Buchillustrationen, botanische Tafeln. Die werden gesammelt, restauriert und gehandelt.
Sind alte Chromolithografien heute noch etwas wert?
Es gibt einen aktiven Sammlermarkt, aber "Chromolithografie" allein sagt wenig über den Zustand und die Herkunft. Entscheidend ist: Erhaltungszustand des Papiers (Gilbung, Risse, Feuchtigkeitsschäden), Thema und Serie (Liebig-Serien mit vollständigen Sechsersätzen erzielen andere Preise als Einzelblätter), und ob es sich nachweislich um ein Original handelt. Die Erkennungsmerkmale aus dem Abschnitt oben helfen dabei: unregelmäßige Kornstruktur unter der Lupe, sichtbare Passerfehler, kein Plattenrand. Wer ein Blatt kauft, das all diese Merkmale zeigt und dazu eine stimmige Provenienz hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein echtes Stück des 19. Jahrhunderts in der Hand.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia, Lithografie (Abschnitt Chromolithografie). Engelmann-Patent, Berliner Manier, Druckfolge
- Wikipedia (EN), Chromolithography. Produktionsdauer, Offset-Ablösung, William Sharp
- Wikipedia, Liebigbild. Serienzahl, Pariser Druckereien, Sprachversionen
- New England Historical Society, Louis Prang Invents the American Christmas Card. Biografie, Fabrik, Kartenzahlen
- New Baxter Society, George Baxter. Patent 1835, Konkurrenz zur Chromolithografie
- Antiquarian Print Blog, Meat Extract and Chromolithography. Liebig-Phasen-Serie
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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