Chromolithografie
Chromolithografie ist ein Mehrfarben-Flachdruckverfahren aus dem 19. Jahrhundert, bei dem jede Farbe auf einem separaten Lithografiestein manuell aufgetragen und einzeln gedruckt wird. Die Farbzerlegung erfolgte per Hand, nicht fotomechanisch. Bis in die 1930er Jahre war die Chromolithografie das verbreitetste Verfahren für farbige Illustrationen hoher Qualität.
Boston, 1880er Jahre: Durch Louis Prangs Chromolithografie-Fabrik laufen mehr als fünf Millionen Weihnachtskarten im Jahr. Für jedes Bild wurde eine Vielzahl von Lithografiesteinen vorbereitet, einer für jede Farbschicht. Für aufwendige Reproduktionsdrucke dauerte allein das Zeichnen der Farben auf die Steine Monate. Prangs Drucke hießen "Chromos", und er war überzeugt, dass sie einem gemalten Bild ebenbürtig sein konnten. Heute würde man sagen: Kunstdruck. Das Wort hat sich verändert. Die Technik, die es erfand, ist fast vergessen.
Chromolithografie ist eine Variante der Lithografie. Wer versteht, wie Lithografie funktioniert, hat die technische Grundlage schon. Der entscheidende Unterschied heißt Passerung: Jede Farbschicht muss millimetergenau auf die vorherigen passen. Wer alte Sammelbilder oder Plakate in der Hand hält, kann die minimalen Verschiebungen zwischen Schichten sehen. Sie sind kein Fehler, sie sind das Zeichen, dass hier Menschenhände am Werk waren.
Der Begriff setzt sich zusammen aus dem griechischen chroma (Farbe) und dem schon zusammengesetzten Wort Lithografie (Steindruck). In älteren Quellen und in Österreich schreibt man häufiger Chromolithographie mit ph. Beide Schreibweisen meinen exakt dasselbe Verfahren.
Wie hat die Chromolithografie funktioniert?
Jede Farbe brauchte einen eigenen Lithografiestein. Der Lithograf übertrug zunächst die Konturenzeichnung auf den ersten Stein, dann folgten die einzelnen Farbschichten. Gedruckt wurde von hell nach dunkel: die hellste Farbe zuerst, die dunkelste zuletzt. Chromolithografien mit 16, 21, manchmal sogar 25 separaten Steinen waren keine Seltenheit.
Die größte Schwierigkeit war die Halbton-Erzeugung: Übergänge zwischen Farben und Tonabstufungen, wie man sie aus Gemälden kennt, ließen sich nicht durch einfaches Übereinanderlegen von Farbflächen erzielen. Dafür entwickelten Berliner Werkstätten eine Technik, die unter dem Namen Berliner Manier bekannt wurde. Der Lithograf setzte dabei Punkte mit freier Hand halbkreisförmig aneinander, um Halbtöne zu erzeugen. Punktdichte und Punktgröße richteten sich nach dem Tonwert der Vorlage, jeder Punkt einzeln gesetzt. Die dunkleren, zeichnenden Farben übernahmen die besten Lithografen der Werkstatt, die besonders feine Punkte setzen konnten.
Daneben existierte die Federpunktiermanier: Punkt an Punkt mit Feder und Tusche auf den Stein gesetzt.
Die Druckfolge hell nach dunkel hatte praktische Gründe: Eine helle Farbe über einer dunklen drucken macht diese unsichtbar, der Deckungsgrad der Farben ist begrenzt. Wer zuerst Gelb, dann Orange, dann Rot, dann Braun druckt, erzielt ein Bild. Umgekehrt nicht.
Der Zeitaufwand war enorm. Für 1.000 Abzüge eines komplexen Bildes benötigte eine gut ausgestattete Werkstatt etwa drei Monate für die Vorbereitung der Steine und weitere fünf Monate für den Druck. Das waren Zahlen, die an handwerklichem Aufwand mit Buchilluminationen des Mittelalters mithalten konnten. Nur eben für tausend Exemplare statt für eines.
Zeitgenössische Flachdrucke aus dem Studio-Sonsu-Sortiment als technische Illustration: was Steinlithografie heute noch leistet.
Wer hat die Chromolithografie zu einem Massenmedium gemacht?
Godefroy Engelmann, ein deutsch-französischer Lithograf aus Mülhausen im Elsass, sicherte sich das Verfahren im Juli 1837 als Patent und gab ihm den Namen Chromolithografie. Ob die Technik schon vorher praktiziert wurde, ist umstritten.
Louis Prang wurde am 12. März 1824 im preußisch-schlesischen Breslau als Sohn eines Textilfabrikanten geboren. 1848, im Revolutionsjahr, verließ er Deutschland. Über die Schweiz kam er 1850 in die USA und gründete 1856 in Boston mit Julius Mayer sein Lithografie-Geschäft. Anders als seine Konkurrenten setzte er für jedes Bild eine Vielzahl von Steinen ein. 1881 beschäftigte seine Firma mehr als hundert Frauen.
Prang druckte seine Bilder auf einem Qualitätsniveau, das zeitgenössische Kritiker uneinig machte. Manche bewunderten die Treue zu den Originalen, manche verachteten die Massenverbreitung. Zu seinen bekannten Drucken gehört eine Reproduktion nach Eastman Johnsons Gemälde "The Barefoot Boy". Prang war überzeugt, dass gute Kunst nicht der Elite vorbehalten sein sollte.
Ab Weihnachten 1873 produzierte Prang Grußkarten für den englischen Markt, 1874 verkaufte er die erste Weihnachtskarte in Amerika. In den 1880er Jahren waren es mehr als fünf Millionen Karten pro Jahr. 1897 ging seine Firma in der Taber-Prang Company auf, der Sitz wanderte nach Springfield. Wie die Fotolithografie fotografische Vorlagen auf den Stein brachte, erklärt der Vergleich beider Verfahren.
Für den deutschsprachigen Markt lohnt auch ein Blick nach England: George Baxter, geboren 1804, hatte schon 1835 ein Patent auf ein Farbdruckverfahren erhalten. Seine Technik hielt sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, dann übernahmen die billigeren Chromolithografie-Verfahren. Baxters Drucke sind heute Sammlerstücke.
Wofür wurde die Chromolithografie vor allem eingesetzt?
Bis in die 1930er Jahre war die Chromolithografie das verbreitetste Verfahren, um Farbe in Qualität und industriellem Maßstab auf Papier zu bringen. Die Liste der Anwendungsfelder zeigt das: Buchillustration, Plakatdruck, Etiketten für Lebensmittelverpackungen, Kinderbücher, Notenhefte, geographische Karten, Postkarten und eben: Sammelbilder.
Die Liebig-Fleischextrakt-Sammelbilder gehören zu den bekanntesten Chromolithografie-Produkten überhaupt. Das Unternehmen ließ um 1875 systematisch kleine sechsteilige Bildserien herstellen, die beim Kauf eines Produkts beigelegt wurden. Die ersten Serien kamen ausschließlich aus Pariser Druckereien; ab etwa 1885 verlagerte sich die Produktion zunehmend in deutsche Betriebe. Insgesamt entstanden über etwa 100 Jahre rund 1.870 Serien mit rund 11.500 Einzelbildern in zwölf Sprachen.
11.500 Einzelbilder: Das ist ungefähr ein Drittel der rund 35.000 Werke, die der Louvre ausstellt.
Ähnlich aktiv war Stollwerck, der Kölner Schokoladenhersteller. Die Hochzeit der Sammelbilder lag zwischen 1900 und 1910. Stollwerck beteiligte für seine Alben auch bekannte Namen: Adolph Menzel und Max Liebermann gehörten zu den Künstlern, die für die Serien arbeiteten.
Neben der Massenware gab es Spitzenleistungen: Hochwertige Chromolithografien nach Gemälden waren der industrielle Kunstdruck des 19. Jahrhunderts.
Warum hat das Wort "Kunstdruck" heute eine andere Bedeutung?
Im 19. Jahrhundert hießen die Betriebe, die Chromolithografien auf diesem Niveau druckten, Lithografische Kunstanstalten. Das fertige Bild erreichte eine Farbqualität, die fast mit der eines Ölbilds vergleichbar war. Verlagshäuser wie das Bibliographische Institut in Leipzig und Wien beschäftigten gegen Ende des 19. Jahrhunderts große Abteilungen nur für diese Kunstform der Lithografie. Teuer, aufwendig, das Gegenteil von Massenware.
Mit dem Aufstieg des Offsetdrucks in den späten 1930er Jahren verschwand die Chromolithografie aus der Massenproduktion. Ira Washington Rubel hatte 1904 in den USA die Offsetpresse für den Papierdruck entwickelt. Übliche Kunstdrucke entstehen heute im Offset- oder Digitaldruck, und sie reichen in ihrer Brillanz selten an eine Chromolithografie heran.
Das Wort hat sich vom Verfahren gelöst. Streng genommen verdient ein Druck die Bezeichnung Kunstdruck nur, wenn er rasterlos oder mit frequenzmoduliertem Raster gedruckt wurde. Drucke mit autotypischem Raster sind, so die Wikipedia zum Kunstdruck, keine Kunstdrucke, auch wenn das Wort im Alltag für jede Reproduktion eines Gemäldes herhält.
Der Unterschied zwischen einer handgedruckten Originalauflage und einer maschinellen Reproduktion, der mit der Chromolithografie begann, besteht bis heute. Original vs. Kunstdruck erklärt die Kriterien.
Wie erkennt man eine Chromolithografie?
Das ist eine praktisch wichtige Frage für alle, die auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder bei Auktionen unterwegs sind. Liebig-Sammelbilder, Jugendstilplakate, alte Kinderbuchillustrationen und botanische Tafeln sind häufige Funde, die chromolithografischen Ursprung haben können.
Das wichtigste Werkzeug ist eine einfache Lupe. Chromolithografien erkennt man unter Vergrößerung an einer unregelmäßigen, groben Kornstruktur. Das ist der Fingerabdruck der manuellen Berliner Manier: Punkte von Hand gesetzt, halbkreisförmig, nie maschinell gleichmäßig.
Der Offsetdruck, der die Chromolithografie ablöste, erzeugt dagegen ein regelmäßiges Raster. Schau dir unter der Lupe ein modernes Hochglanzfoto an: Du siehst gleichmäßige, fast geometrisch angeordnete Druckpunkte. Bei einer Chromolithografie sieht es anders aus: unregelmäßig, organisch, leicht verwischt.
Ein zweites Merkmal sind Passerfehler. Sie zeigen, dass jede Schicht einzeln durch die Presse lief. Wenn du eine Chromolithografie sehr genau betrachtest, sind manchmal minimale Verschiebungen zwischen Farbschichten erkennbar, besonders an feinen Konturen. Ein roter Umriss sitzt vielleicht einen halben Millimeter neben dem blauen. Bei sehr aufwendigen Drucken wurden Passermarken am Rand des Papiers verwendet, um die Steine zueinander auszurichten.
Was eine Chromolithografie nicht hat: einen Plattenrand. Radierungen und Kupferstiche hinterlassen einen scharfen Abdruck der Metallplatte auf dem Papier. Lithografien, ob ein- oder mehrfarbig, sind immer flach. Das Papier hat keine vertieften oder erhöhten Zonen. Wenn du also beim Betasten eine Prägung spürst, ist es kein Flachdruck. Einen Überblick über alle Druckverfahren und ihre Erkennungsmerkmale gibt die Seite Druckgrafik, die wichtigsten Fachbegriffe stehen im Glossar Druckgrafik.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Chromolithografie und Farblithografie?
Farblithografie ist der Oberbegriff für jeden Steindruck mit mehreren Farben. Chromolithografie bezeichnet das hochindustrialisierte Verfahren, das im 19. Jahrhundert für Millionenauflagen entwickelt und perfektioniert wurde: viele Farbgänge, standardisierte Abläufe, spezialisierte Werkstätten. Eine zeitgenössische Künstlerin, die auf Lithografiestein in drei Farben druckt, macht Farblithografie. Die historische Chromolithografie der Liebig-Sammelbilder und Prang-Weihnachtskarten war etwas anderes in Skala und Organisation. Beide basieren auf demselben physikalischen Prinzip: Fett und Wasser vertragen sich nicht auf Stein.
Wann wurde die Chromolithografie erfunden?
Das Verfahren ist älter als sein Patent. Im Juli 1837 ließ Godefroy Engelmann, ein Lithograf aus dem Elsass, das Verfahren in Mülhausen patentieren. Ob das Konzept des Mehrfarb-Steindrucks wirklich von ihm stammt oder schon früher praktiziert wurde, ist unter Druckhistorikern nicht abschließend geklärt. In den USA entstand eine frühe amerikanische Chromolithografie um 1840 durch William Sharp, also kurz nach dem Engelmann-Patent und möglicherweise unabhängig davon.
Wie lange hat eine Chromolithografie in der Produktion gedauert?
Das hing stark vom Umfang ab. Ein einfaches zweifarbiges Bild war in Tagen fertig. Ein aufwendiger Druck mit vielen Farbgängen konnte Monate in Anspruch nehmen. Zum Vergleich: Derselbe Auftrag würde im Offsetdruck heute in Stunden erledigt. Das macht den Produktionsunterschied greifbarer als jede Zahl.
Ist die Chromolithografie noch eine lebendige Technik?
Als Massenverfahren nicht mehr. Der Offsetdruck hat sie in den späten 1930er Jahren abgelöst. Vereinzelte Werkstätten und Sammler pflegen historische Pressen, und manche zeitgenössischen Druckgrafikerinnen und Druckgrafiker experimentieren mit der manuellen Farblithografie. Aber die industrielle Chromolithografie der Hochzeit zwischen 1870 und 1920 ist Geschichte. Was bleibt, sind die Originale: Sammelbilder, Plakate, Buchillustrationen, botanische Tafeln. Die werden gesammelt, restauriert und gehandelt.
Sind alte Chromolithografien heute noch etwas wert?
Es gibt einen aktiven Sammlermarkt, aber "Chromolithografie" allein sagt wenig über den Zustand und die Herkunft. Entscheidend ist: Erhaltungszustand des Papiers (Gilbung, Risse, Feuchtigkeitsschäden), Thema und Serie (Liebig-Serien mit vollständigen Sechsersätzen erzielen andere Preise als Einzelblätter), und ob es sich nachweislich um ein Original handelt. Die Erkennungsmerkmale aus dem Abschnitt oben helfen dabei: unregelmäßige Kornstruktur unter der Lupe, sichtbare Passerfehler, kein Plattenrand. Wer ein Blatt kauft, das all diese Merkmale zeigt und dazu eine stimmige Provenienz hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein echtes Stück des 19. Jahrhunderts in der Hand.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia, Lithografie (Abschnitt Chromolithografie). Engelmann-Patent, Farbenzahl, Berliner Manier, Druckfolge
- Wikipedia (EN), Chromolithography. Produktionsdauer, Prang und The Barefoot Boy, Offset-Ablösung, William Sharp
- Wikipedia, Liebigbild und Sammelbild. Serienzahl, Pariser Druckereien, Sprachversionen, Stollwerck
- Wikipedia (EN und DE), Louis Prang; Encyclopaedia Britannica, Louis Prang. Biografie, Weihnachtskarten, Taber-Prang Company
- Wikipedia (EN), George Baxter (printer); New Baxter Society. Patent 1835, Konkurrenz zur Chromolithografie
- Wikipedia, Kunstdruck; Wikipedia (EN), Offset printing, Louvre
Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de