Lithografie vs. Offsetdruck: Zwei Verfahren, ein Prinzip, ein entscheidender Unterschied

Lithografie druckt direkt vom Stein auf Papier. Offsetdruck schaltet ein Gummituch dazwischen. Dasselbe chemische Prinzip (Fett stößt Wasser ab), ein zusätzlicher Zwischenschritt. Ob ein Blatt ein Original ist, entscheidet aber nicht die Maschine, sondern ob es den Duktus des Künstlers zeigt oder ein fotografisch erfasstes Bild wiedergibt.

  1. Ira Washington Rubel, ein Drucker aus New Jersey, vergisst, einen Bogen einzulegen. Die Presse druckt trotzdem, auf ihr eigenes Gummituch. Der Abdruck vom Gummituch ist klarer und schärfer als der Druck direkt von der Metallplatte.

Hier steckt das Paradox: Wenn der indirekte Weg bei Rubel klarere Ergebnisse lieferte, was macht dann ein Blatt zum Original? Was genau trennt Lithografie und Offsetdruck, wenn beide dasselbe chemische Prinzip nutzen?

Was passiert zwischen Stein und Papier?

Alois Senefelder experimentierte ab 1796 in München mit Kalkstein und fetthaltiger Tinte. Bis 1798 hatte er daraus ein funktionsfähiges Druckverfahren entwickelt, das beide Techniken bis heute teilen. Er schrieb mit einer Tinte aus Wachs, Talg, Seife, Kiefernruß und Wasser auf Solnhofer Kalkstein. Das Prinzip: Fett bindet sich im Stein, Wasser stößt Fett ab. Druckfarbe ist fettig. Befeuchtete Partien nehmen keine Farbe auf, gezeichnete schon. Kein Relief, keine Vertiefung, keine Erhöhung. Der Stein ist völlig plan.

Bei der Original-Lithografie berührt dieser Stein das Papier direkt. Kreide in Künstlerhand, Stein, Papier. Das sind drei Elemente und ein einziger Kontakt.

Rubels Gummituch schaltet einen Schritt dazwischen. Die Druckplatte überträgt das Motiv auf ein Gummituch, das Gummituch überträgt es auf das Papier. Nach weiterer Verfeinerung baute die Potter Press Printing Company in New York 1903 eine Presse nach diesem Prinzip. Kašpar Hermann, Rubels Zeitgenosse in Kontinentaleuropa, druckte ab 1907 in Deutschland auf seiner Bogenoffsetpresse Triumph.

Dass der indirekte Weg bei Rubel klarer druckte als der direkte, ist dabei kein Widerspruch. Das Gummituch passt sich der Textur des Papiers an, eine starre Druckform tut das nicht.

Das chemische Prinzip, das Senefelder 1818 in seinem "Vollständigen Lehrbuch der Steindruckerey" schriftlich festhielt, ist in beiden Verfahren identisch. Was sie voneinander trennt, ist nicht das Prinzip. Es ist ein einziger zusätzlicher Schritt.

Der Unterschied ist nicht graduell. Er ist kategorial.

Beide gehören als Flachdruckverfahren zur Familie der Druckgrafik, weil die druckenden und nicht-druckenden Flächen auf derselben Ebene liegen, im Gegensatz zu den drei anderen Druckprinzipien.

Lithografien aus dem Sortiment von Studio Sonsu findest du hier.

Warum sieht man den Unterschied erst unter der Lupe?

Unter Vergrößerung zeigen sich Hinweise darauf, wie ein Blatt entstanden ist. Seit Georg Meisenbach 1881 den Glasgravurraster entwickelte, lassen sich Halbtöne auf fotografischem Wege in druckbare Rasterpunkte zerlegen. Vor dem Raster entstanden Halbtöne in der Lithografie nur von Hand, etwa Punkt für Punkt mit Feder und Tusche oder mit der Spritzmanier.

Schemazeichnung: links ein Halbtonraster aus unterschiedlich großen schwarzen Punkten, rechts ein stufenloser Grauverlauf.
Links ein Halbtonraster, der Tonwert entsteht aus unterschiedlich großen Punkten. Rechts derselbe Verlauf ohne Raster.

Beim Offsetdruck entsteht die Druckplatte fotomechanisch. Sie wird mit Licht belichtet, nicht von Hand bearbeitet. Um Tonwerte wiederzugeben, wird das Bild in ein Raster aus kleinen Druckpunkten zerlegt. Für farbige Bilder kommt das CMYK-Farbmodell dazu, mit einer eigenen Platte für jede der vier Farben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Welche weiteren Prüfschritte es gibt, erklärt Originalgrafik erkennen im Detail.

Was die Lupe zeigt, ist ein Hinweis. Für den Sammler zählt, ob ein Blatt den Duktus des Künstlers zeigt oder ein fotografisch erfasstes Bild.

Wessen Hand liegt auf dem Stein?

Das Atelier Mourlot, 1852 als Druckerei gegründet und in den 1920er-Jahren unter Fernand Mourlot zur Kunstlithografie-Werkstatt umgewidmet, war der Ort, wo Picasso zwischen 1945 und 1969 rund 400 Lithografien schuf.

Reklameblatt der Steam Lithographic Printing Establishment von Wagner und McGuigan, Philadelphia, mit Vignetten zu Zeichnern am Stein, Hand- und Walzenpresse und einer dampfgetriebenen Presse.
Reklameblatt der Lithografie-Druckerei Wagner und McGuigan, Philadelphia. Public Domain.

Im Dezember 1945 zeichnet Pablo Picasso im Atelier Mourlot in der rue de Chabrol in Paris einen Stier. Er zeichnet ihn wieder und wieder neu, für einen Zustand schabt er die Zeichnung bis auf den Stein ab. Am 17. Januar 1946 entsteht das elfte und letzte Bild, ein Stier aus wenigen Linien. Elf Zustände, elf Phasen einer Reduktion. Der letzte Zustand erschien in einer Auflage von 50 Exemplaren mit 18 Künstlerabzügen. Vom ersten Zustand wurden nur zwei oder drei Abzüge gedruckt.

Was diesen Prozess zu einem Original macht, ist nicht die Auflage. Jeder der 50 Abzüge des letzten Zustands zeigt Picassos eigene Zeichnung auf dem Stein.

Bei der fotomechanischen Plattenbelichtung im Offsetdruck berührt kein Künstler den Druckträger. Ein Original schließt das nicht aus, wie der nächste Abschnitt zeigt.

Was die Lithografie unter den Drucktechniken besonders macht: Zeichnung und Druckfläche liegen auf derselben Ebene. Die Hand arbeitet nicht in die Platte hinein wie bei der Radierung und nicht um Material herum wie beim Holzschnitt, sondern direkt auf der Oberfläche.

Das Atelier Desjobert wurde 1923 in Paris gegründet. Nach dem Krieg arbeitete es mit etwa zehn einfachen Lithografiepressen und körnte seine Steine im eigenen Haus. Gedruckt wurden dort unter anderem Blätter von Max Ernst, Giorgio de Chirico und Zao Wou-Ki.

Warum wählen Künstler trotzdem den Offset?

Beim Malik-Verlag erschien 1920 George Grosz' Mappe "Gott mit uns" mit neun Lithografien. Ein Hauptmann der Reichswehr erstattete Anzeige, Grosz wurde wegen "Beleidigung der Reichswehr" zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt, und die Druckplatten wurden konfisziert. 1922/23 folgte "Ecce Homo", ein Buch mit 100 Offset-Reproduktionen seiner Zeichnungen und Aquarelle, 16 davon farbig, in einer Auflage von etwa 10.000 Exemplaren. Solche Reproduktionen werden fotografisch erfasst, wie bei der Photolithografie.

Bei der Offset-Lithografie zeichnet der Künstler selbst, mit Fettkreide oder Tusche auf eine transparente Folie, die auf eine dünne Aluminiumplatte belichtet wird. Das vereinfacht die Arbeit und erlaubt, anders als die klassische Lithografie, eine fast unbegrenzte Auflage. Zu den bekannten Offset-Lithografen zählen Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Gerhard Richter und Sigmar Polke haben sich für ihre Druckgrafik grundsätzlich des großtechnischen Offsetverfahrens bedient, für sie gehört die reproduktive Arbeitsweise zur künstlerischen Strategie.

Der Unterschied zwischen einer Offset-Lithografie und einer Offset-Reproduktion liegt nicht in der Maschine. Die Offset-Lithografie zeigt den unveränderten Duktus des Künstlers, die Reproduktion erfasst ein fertiges Bild fotografisch oder mit dem Scanner.

Was bedeutet das beim Kauf? Originallithografie erkennen

Zwei Hinweise helfen beim Einordnen, einen sicheren Beweis liefert keiner von beiden allein. Du brauchst dafür eine handelsübliche Lupe.

Rasterstruktur: Halte die Lupe über eine farbige Fläche. Bei einer Offset-Reproduktion löst sich die Fläche in Rasterpunkte auf, bei farbigen Bildern in Punkte der vier Druckfarben. Eine Kreidelithografie zeigt stattdessen ihre typische Körnung; für die Kreidezeichnung wird der Stein mit Sand gekörnt. Vorsicht bei älteren Blättern: Vor der Erfindung des Rasters setzten Lithografen Halbtöne auch von Hand aus Punkten, deren Dichte und Größe dem Tonwert folgen.

Signatur: Auflagendrucke werden oft vom Künstler nummeriert und handsigniert, etwa mit 12/50. Mit der Signatur zeichnet der Künstler den einzelnen Abzug ab. Ein Beweis für ein Original ist sie nicht: Auch Offset-Reproduktionen werden oftmals limitiert und handsigniert.

Wer zwischen einem Lithografie-Original und einem Kunstdruck unterscheiden will, findet auf Original vs. Kunstdruck den vollständigen Prüfrahmen mit weiteren Erkennungsmerkmalen.

Versuche mit Aluminiumplatten gab es seit 1890, das Druckverfahren ließ die Mainzer Firma Jos. Scholz 1892 patentieren. Im künstlerischen Bereich hat die Offset-Lithografie, auch Alugrafie genannt, das Originalverfahren vom Stein inzwischen abgelöst. Alugrafie zeichnet diese Linie nach.

Signatur Marc Chagall in grauem, bleistiftartigem Strich auf geripptem Papier, Nahaufnahme.
Signatur von Marc Chagall, Nahaufnahme.

Rubels Gummituch druckte klarer als seine Metallplatte. Das war nie die entscheidende Frage. Die Frage war immer: Wessen Entscheidung liegt im Blatt.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Lithografie und Offsetdruck?

Beide Verfahren nutzen dasselbe chemische Prinzip: Fett und Wasser stoßen sich ab. Bei der Lithografie berührt der Stein das Papier direkt. Beim Offsetdruck übernimmt ein Gummituch die Übertragung, das ist der grundlegende Lithografie-Offsetdruck-Unterschied. Ob ein Blatt Original oder Reproduktion ist, entscheidet dieser Zwischenschritt nicht: Eine Offset-Lithografie zeigt den unveränderten Duktus des Künstlers, eine Offset-Reproduktion ein fotografisch oder per Scanner erfasstes Bild.

Warum druckt der Offset so sauber?

Das Gummituch passt sich der Papieroberfläche an, eine starre Druckform tut das nicht. Deshalb druckt der Offset saubere Bilder und Schrift. Ira Washington Rubel entdeckte 1901 durch einen Zufall, dass der Druck vom Gummituch klarer und schärfer ausfällt: Er vergaß, einen Bogen einzulegen, und die Presse druckte auf ihr eigenes Gummituch.

Wie erkenne ich eine Originallithografie im Vergleich zu einem Offsetdruck?

Der erste Blick gehört der Lupe: Eine Offset-Reproduktion zeigt Rasterpunkte, eine Kreidelithografie ihre typische Körnung. Bleistiftsignatur und Editionsnummer sind ein Hinweis, aber kein Beweis, denn auch Offset-Reproduktionen werden oftmals limitiert und handsigniert.

Ist ein Offsetdruck wertlos, wenn er als Kunst konzipiert ist?

Nein. Bei der Offset-Lithografie zeichnet der Künstler die Vorlage selbst, auf eine Folie, die auf die Druckplatte belichtet wird. Andy Warhol und Roy Lichtenstein zählen zu den bekannten Offset-Lithografen. Auch die reproduktive Arbeit mit dem Offset kann zur künstlerischen Strategie gehören: Gerhard Richter und Sigmar Polke haben sich für ihre Druckgrafik grundsätzlich dieses großtechnischen Verfahrens bedient.

Welche Auflagenhöhe ist bei Lithografie und Offsetdruck üblich?

Picassos "Le Taureau" erschien im letzten Zustand in 50 Exemplaren mit 18 Künstlerabzügen. Offsetdrucke können in nahezu unbegrenzter Stückzahl produziert werden, außer wenn Künstler und Verleger sie bewusst limitieren und handsignieren.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Alois Senefelder, The Invention of Lithography, übersetzt von J. W. Muller, New York 1911 (übersetzt nach der Münchner Ausgabe von 1821; Erstausgabe: Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerey, 1818)
  • Atelier Mourlot, Werkstattgeschichte und Künstlerkooperationen seit 1852
  • Atelier Desjobert, Pariser Steinlithografie-Werkstatt seit 1923
  • Wikipedia (EN), Offset printing (Rubel 1901, Potter Press 1903, Kašpar Hermann 1907, Gummituch)
  • Deutsches Patent- und Markenamt, Meilensteine: Alois Senefelder
  • Wikipedia (EN), Le Taureau; The Museum of Modern Art, The Bull (Le Taureau), state XI (Objektdatensatz); Fernand Mourlot, Erinnerungen an Le Taureau (mourlot.free.fr)
  • Wikipedia (DE), Lithografie (Halbtöne von Hand, Raster seit Meisenbach)
  • Wikipedia (EN), Mourlot Studios; Wikipedia (EN), Atelier Desjobert
  • Wikipedia (DE), George Grosz; The Museum of Modern Art, George Grosz: Ecce Homo (Objektdatensatz)
  • Wikipedia (DE), Offset-Lithografie und Algraphie; RDK Labor, Algraphie

Zuletzt aktualisiert am 11.09.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de