George Grosz
George Grosz (1893–1959) war der Karikaturist der Weimarer Republik. Seine Zeichnungen zeigten Berliner Politiker mit leeren Schädeln, Generäle mit Monokel, Kapitalisten und Kleriker in einem einzigen satirischen Ensemble. Er wurde dreimal vor Gericht gestellt. Das berühmteste dieser Verfahren betraf kein Gemälde.
Im Erdgeschoss der Neuen Nationalgalerie Berlin hängt ein Gemälde, das auf den ersten Blick unvollständig wirkt. "Stützen der Gesellschaft" (1926), Öl auf Leinwand, 200 mal 108 Zentimeter: Ein Politiker steht vorn, der Kopf leer wie ein aufgeklappter Schädel, eine preußische Uniform im Arm. Hinter ihm ein Journalist mit Bierkrug und Militärorden auf der Brust. Daneben ein Kleriker, der die Augen geschlossen hält. Im Hintergrund brennt eine Stadt, ein Reiter trägt eine Säbel-Fahne, kleine Soldaten marschieren unten durchs Bild. George Grosz malte dieses Bild in einer Stadt, die sich selbst nicht mehr erkennen wollte. Mehrere Skandale hatte er bereits hinter sich, und der nächste ließ nicht lange auf sich warten.
Sein bekanntestes Verfahren spielte sich nicht vor einem Gemälde ab. Am 26. März 1928 beschloss das Amtsgericht Charlottenburg die Beschlagnahme von drei Zeichnungen, vollzogen am 4. April. Darunter Blatt 10 einer gedruckten Mappe namens "Hintergrund", hergestellt für das Piscator-Theater. Auf diesem Blatt: Christus am Kreuz, Gasmaske über dem Gesicht, Kommissstiefel an den Füßen, darunter der Text "Maul halten und weiter dienen." Kein Öl, kein Rahmen. Ein bedruckter Bogen. Am 5. November 1931 bestätigte der II. Strafsenat des Reichsgerichts den Freispruch. Und ordnete die Vernichtung von Blatt 10 und der Druckplatten an.
Was war George Grosz für ein Künstler?
Georg Ehrenfried Gross wurde am 26. Juli 1893 in Berlin geboren. Gezeichnet hat er, nach allem was bekannt ist, fast von Anfang an. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste Dresden, dann in Berlin. 1916, mitten im Weltkrieg gegen England, änderte er seinen Namen. Aus "Georg Gross" wurde "George Grosz."
Das zeichnerische Werkzeug dieser Jahre war die Rohrfeder, kombiniert mit metallenen Tuschefedern auf demselben Blatt. Der Strich, der dabei entstand, war hart, kantig, ohne Weichzeichnung. Wo Otto Dix die körperliche Verstümmelung des Krieges dokumentierte, diagnostizierte Grosz die selbstgefällige Haltung derer, die davon profitierten. Gustav Friedrich Hartlaub, Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim, ordnete 1925 in seiner Ausstellung "Neue Sachlichkeit" den veristischen Flügel der Bewegung explizit Grosz, Otto Dix, Rudolf Schlichter und Karl Hubbuch zu. Das waren Künstler, die sozialkritisch arbeiteten, im Unterschied zu den Idealisierern. Hartlaub ordnete ihn zu. Grosz ließ es stehen. Wie radikal der Bruch zum Expressionismus tatsächlich war, zeigt der Vergleich beider Bewegungen in der Druckgrafik.
Der harte Kontrast dieser Rohrfeder-Striche erwies sich als ideal für ein Verfahren, das sich grundlegend von den Mitteln einer Lithografie-Werkstatt unterschied: die Photomechanik, die es erlaubte, eine Vorlage direkt auf eine Druckplatte zu übertragen, ohne dass der Künstler an einem Kalkstein arbeitete. Dieses Verfahren machte Mappen möglich, die eine Staatsanwaltschaft noch beschäftigen sollten.
Was passierte am Lützow-Ufer 13?
Am 30. Juni 1920 öffnete im Kunstsalon Dr. Otto Burchard, Lützow-Ufer 13, Berlin, die Erste Internationale Dada-Messe. Sie lief bis zum 25. August 1920 und zeigte 174 Werke im Katalog. Grosz trug den Titel "Marshall". Richard Huelsenbeck war der "Oberdada", Raoul Hausmann der "Dadasoph", John Heartfield der "Monteurdada". Das war Militärparodie, und niemand, der die Ironie nicht sieht, war als Gast eingeladen. Hannah Höch, die einzige Frau unter den Ausstellern, musste sich ihren Platz gegen Grosz und Heartfield erkämpfen, bevor Hausmann mit seinem Rückzug drohte.
Von der Decke hing die Arbeit, die wohl am meisten Aufmerksamkeit bekam: ein ausgestopfter Offiziersrock, daran ein Schweinskopf, darunter das lutherische Kirchenlied "Vom Himmel hoch da komm' ich her." Der sogenannte "Preußische Erzengel" hing als Deckeninstallation über allem. Gegen die Veranstalter wurde wegen Beleidigung der Reichswehr ermittelt. Das Gericht verhängte Geldstrafen von 300 Reichsmark gegen Grosz und 600 Reichsmark gegen den Verleger Wieland Herzfelde.
Zur Berliner Dadaismus-Phase ist das der Ort, an dem Grosz öffentlich sichtbar wurde. Die Dada-Messe war eine einmalige Provokation. Es gab keine zweite. Was folgte, waren Mappen.
Warum erschien "Gott mit uns" in drei Sprachen?
1920 erschien beim Malik-Verlag Berlin eine Mappe mit neun Photolithografien. Gedruckt bei der Druckerei Hermann Birkholz, Berlin, in 125 Exemplaren, aufgeteilt in drei Editionen: Edition A mit 20 Blättern auf Japan-Bütten, Edition B mit 40 Blättern auf Bütten, Edition C mit 65 Blättern auf leichterem Bütten. Titel der Mappe: "Gott mit uns", die Inschrift auf den Gürteln der deutschen Soldaten.
Photolithografie ist nicht dasselbe wie eine Originallithografie vom Stein. Beim Originalverfahren zeichnet der Künstler direkt auf den Kalkstein. Photolithografie überträgt eine Vorlage photomechanisch auf eine Druckplatte. Das Ergebnis ist reproduzierbar in weit größeren Auflagen. Für Grosz war das kein Qualitätsmangel, sondern eine Entscheidung über Reichweite. Warum diese Unterscheidung den Originalstatus bestimmt, erklärt der Vergleich Fotolithografie vs. Lithografie. Den technischen Unterschied zwischen direktem Steindruck und indirektem Offset erklärt Lithografie vs. Offsetdruck. Wo entlang dieser Skala die Linie zwischen Originaldruck und Reproduktion verläuft, ist auf Original vs. Kunstdruck entwickelt.
Die Bildunterschriften der neun Blätter standen in drei Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch. Keine wörtliche Übersetzung, sondern eigenständige Varianten des satirischen Angriffs. Das Titelblatt "Gott mit uns" wurde im Englischen zu "God for Us", nicht "God with Us". Ein anderes Blatt, das auf Deutsch mit "Die Kommunisten fallen, und die Devisen steigen" betitelt war, trug auf Englisch die Bildunterschrift "Blood Is the Best Sauce". Die Mappe war international konzipiert, für ein Publikum, das "Gott mit uns" gerade als Feind-Propaganda erlebt hatte.
1921 verurteilte das Gericht: 300 Mark, Beleidigung der Reichswehr, Druckplatten konfisziert. Beim nächsten Mal würde es mehr.
Für wen war dieselbe Mappe gleichzeitig billig und teuer?
1921 erschien die Mappe "Im Schatten". Ihr Erscheinungsjahr ist auch ihr klügster Zug: Es gab sie in zwei Versionen gleichzeitig. Eine günstige Auflage für Gewerkschaftsmitglieder, eine teure, limitierte Edition für den Kunstmarkt. Dasselbe Material, zwei Preislagen, ein Inhalt.
1923 kam "Ecce Homo". Drucker war die Kunstanstalt Dr. Selle & Co. A.-G. in Berlin. Der Inhalt: 84 Offsetdrucke nach Tuschfederzeichnungen plus 16 Farboffsets nach Aquarellen. 10.000 Exemplare in fünf Editionen: das war keine Entscheidung über Kunst, sondern über Reichweite. Sonderedition A: 50 signierte Exemplare.
Zum Vergleich: Otto Dix publizierte sein Mappenwerk "Der Krieg" 1924 in Radierung, Aquatinta und Kaltnadel, in rund 70 Exemplaren. Zwei Weimarer Künstler, die denselben historischen Moment dokumentieren, mit entgegengesetzten Entscheidungen über Erreichbarkeit.
Das Verfahren zu "George Grosz Ecce Homo" endete 1923/24 mit 500 Mark Strafe für Grosz, den Verleger Herzfelde und Gumpertz sowie der Konfiszierung von 17 Zeichnungen und 5 Aquarellen. Beim dritten Mal war der Anklagepunkt kein Sittlichkeitsdelikt mehr. Er war Gotteslästerung.
Was entschied das Reichsgericht über ein Blatt mit Gasmaske?
Die Schwejk-Premiere an der Piscator-Bühne fand am 23. Januar 1928 statt. Für diese Produktion hatte Grosz mehrere Hundert Entwürfe geliefert, die als animierter Film auf die Bühne zurückprojiziert wurden. Eine Einzelquelle ohne gesicherte Herkunft überliefert seine Vorgabe für die Zeichenlinie: "The line must be cinematographic, clear, simple, but not too thin, because of over-exposure; furthermore it must be hard, something like the drawings and woodcuts in Gothic block books [...]" Sinngemäß: Die Linie muss filmisch sein, klar und einfach, aber nicht zu dünn wegen der Überbelichtung; hart wie in gotischen Blockbüchern.
Die Mappe "Hintergrund" erschien im selben Jahr. Am 26. März 1928 beschloss das Amtsgericht Charlottenburg die Beschlagnahme dreier Zeichnungen, vollzogen am 4. April. Blatt 10 zeigte Christus mit Gasmaske und Kommissstiefeln am Kreuz. Blatt 9 trug den Titel "Ausschüttung des Heiligen Geistes." Blatt 2 zeigte einen Geistlichen mit Kreuz.
Was folgte, waren fünf Instanzen in drei Jahren. Landgerichtsdirektur Dr. Walter Tölke verurteilte in der ersten Instanz zu 2.000 Mark. Landgerichtsdirektur Julius Siegert sprach in der Berufung frei. Das Reichsgericht hob auf. Siegert sprach erneut frei. Am 5. November 1931 bestätigte Senatspräsident Wilhelm Witt im II. Strafsenat des Reichsgerichts den Freispruch. Und ordnete die Vernichtung der Druckplatten an. Verteidiger war Alfred Apfel.
Der Freispruch blieb bestanden. Die Druckplatten wurden vernichtet.
Im Nachlass von André Breton, versteigert im April 2003 aus seiner Wohnung in der Rue Fontaine (wo er seit 1922 bis zu seinem Tod lebte), fand sich ein Exemplar der "Hintergrund"-Mappe. Es war Lot 623. Alle 17 deutschen Plattentitel waren von unbekannter Hand mit Bleistift ins Französische übersetzt. Der Pariser Surrealist besaß die Berliner Blasphemie-Mappe. Und ließ sie übersetzen. Die Wirkung von "Hintergrund" endete nicht an der deutschen Staatsgrenze.
Dass der Staat ein Mappenwerk für gefährlich genug hielt, um fünf Instanzen zu beschäftigen, sagt etwas über das Medium, das hier verhandelt wurde. Druckgrafik konnte Auflagen erzeugen, die kein Gemälde je erreichte. Während ein Exemplar der "Hintergrund"-Mappe in Bretons Händen lag, standen Hunderte weitere in deutschen Haushalten. Druckkunst als Kulturerbe meint auch das: dass Druckwerke überleben, wenn Platten vernichtet werden.
Was wurde aus George Grosz nach 1933?
Am 12. Januar 1933 verließ Grosz Deutschland in Richtung New York. Er lehrte an der Art Students League of New York. Achtzehn Tage später stand Hitler an der Regierung. 285 seiner Werke wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt; 1937 wurden seine Arbeiten in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt. Er wurde 1938 US-amerikanischer Staatsbürger.
Die Amerika-Jahre liefen nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Der Stil, der in Berlin eine Waffe gewesen war, passte nicht ohne weiteres in ein Land, das keinen Kaiser hatte und keine preußischen Generäle. Er malte weiter, aber der Biss der Berliner Karikaturen kehrte nicht in dieser Form zurück. 1958 entschied er sich zur Rückkehr nach Berlin, die Stadt, die er 25 Jahre zuvor verlassen hatte. Am 6. Juli 1959 starb er dort, wenige Wochen nach seiner Ankunft. Er überlebte das Dritte Reich in New York und starb im freien Berlin, kaum dass er angekommen war. Grosz ist in der EU noch bis zum 1. Januar 2030 urheberrechtlich geschützt.
Das Blatt 10 der "Hintergrund"-Mappe, das das Reichsgericht 1931 hatte vernichten lassen, existiert noch. Es gelangte über den Nachlass von Wieland Herzfelde (1896–1988), dem Verleger des Malik-Verlags, an die Akademie der Künste Berlin. Im Mai 2024 erwarb die Akademie der Künste Berlin zusätzlich 13 Blätter aus dem Hintergrund- und Schwejk-Zyklus für rund 300.000 Euro. Das war eine andere Provenienz, ein separater Erwerb, aber derselbe Kontext.
Das Reichsgericht ordnete 1931 die Vernichtung der Druckplatten an. Das Blatt liegt heute in der Akademie. Die Platten sind weg. Das Blatt ist geblieben.
Grosz steht neben Käthe Kollwitz und Otto Dix als eine der prägenden Gestalten der politischen Druckgrafik in der Weimarer Republik. Was die drei verbindet, ist nicht nur das Medium. Es ist die Überzeugung, dass ein gedrucktes Blatt mehr Menschen erreicht als eine Leinwand.
FAQ
Wann lebte George Grosz?
George Grosz wurde am 26. Juli 1893 in Berlin geboren und starb am 6. Juli 1959 in Berlin, wenige Wochen nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil. Er emigrierte am 12. Januar 1933, kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in die USA.
Was zeigt das Gemälde "Stützen der Gesellschaft"?
"Stützen der Gesellschaft" (1926, Öl auf Leinwand, 200x108cm, Neue Nationalgalerie Berlin) zeigt eine Gruppe von Figuren in satirischer Überzeichnung: ein Politiker mit leerem Schädel, ein Journalist mit Bier und Militärorden, ein Kleriker mit geschlossenen Augen. Im Hintergrund brennt eine Stadt. Das Bild ist eines der bekanntesten Gemälde der Weimarer Republik.
Wie viele Gerichtsverfahren hatte George Grosz?
Drei dokumentierte Verfahren: 1921 wegen Beleidigung der Reichswehr ("Gott mit uns", 300 Mark Strafe, Druckplatten konfisziert), 1923/24 wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften ("Ecce Homo", 500 Mark Strafe, 17 Zeichnungen und 5 Aquarelle konfisziert) und 1928 bis 1931 wegen Gotteslästerung ("Hintergrund", fünf Instanzen, Freispruch mit Plattenvernichtung).
Was ist "Ecce Homo" von George Grosz?
"Ecce Homo" (1923) ist eine Mappe mit 84 Offsetdrucken und 16 Farboffsets, erschienen beim Malik-Verlag Berlin, gedruckt bei Dr. Selle & Co. A.-G. in einer Gesamtauflage von 10.000 Exemplaren in fünf Editionen. Sie zeigt das Leben in der Berliner Nachkriegsgesellschaft. Ein unvollständiges Exemplar der Sonderedition A erzielte bei Lempertz im Mai 2023 einen Preis von 24.800 Euro inkl. Aufgeld.
Wo kann man Werke von George Grosz sehen?
Die Akademie der Künste Berlin besitzt das Blatt 10 der "Hintergrund"-Mappe ("Christus mit Gasmaske"), das über den Nachlass von Verleger Wieland Herzfelde dorthin gelangte, sowie seit Mai 2024 13 weitere Blätter aus dem Schwejk-Zyklus. Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt "Stützen der Gesellschaft". Grosz-Werke finden sich außerdem im MoMA New York sowie in zahlreichen deutschen Museen.
Ist George Grosz gemeinfrei?
Nein. George Grosz, Karikaturist, Zeichner und Verfasser von über hundert Druckblättern, starb am 6. Juli 1959 in Berlin. In der EU gilt das Urheberrecht 70 Jahre post mortem auctoris. Seine Werke werden erst ab dem 1. Januar 2030 gemeinfrei und damit frei reproduzierbar. Bis dahin sind alle Abbildungen genehmigungspflichtig.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Wer sich für politische Druckgrafik, für Radierungen, Holzschnitte und Linolschnitte zeitgenössischer Künstler interessiert, findet das Sortiment unter allen Werken. Fragen gerne an hello@studiosonsu.de.
Quellen und weiterführende Literatur
- Lexikon der politischen Strafprozesse, Eintrag George Grosz
- Akademie der Künste Berlin, Pressemitteilung Schwejk-Erwerb (2024)
- The Art Newspaper, George Grosz Drawings Acquired by Akademie der Künste (2024)
- German Historical Institute Washington, Bildarchiv Weimarer Republik
- Deutsche Digitale Bibliothek, Erste Internationale Dada-Messe Ausstellungskatalog
- Lempertz Auktionshaus, Katalog 1051 (2023)