James McNeill Whistler
James McNeill Whistler war ein amerikanischer Maler, 1834 geboren, 1903 gestorben, den die Nachwelt vor allem für die Nocturnes und "Whistlers Mutter" kennt. Wer er wirklich war, was einen Gerichtssaal im November 1878 mit einem Farthing entschied und warum ein gescheiterter Prozess zu einem der folgenreichsten Kapitel seiner Karriere wurde, steht auf dieser Seite.
London, November 1878. Das Urteil lautet: einen Farthing. Ein Viertelpenny. James Whistler hatte den Kunstkritiker John Ruskin wegen Verleumdung verklagt, weil Ruskin sein Gemälde "Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket" in der Zeitschrift Fors Clavigera mit einem Satz bedacht hatte, der seither in der Kunstgeschichte zitiert wird: Er habe noch nie erwartet, "einen Gecken zu hören, der zweihundert Guineen verlangt, um dem Publikum einen Farbtopf ins Gesicht zu schmeißen". Whistler gewann technisch. Einen Farthing Schadenersatz, ohne Kostenerstattung. Der Prozess ruinierte ihn finanziell. Im Jahr nach dem Prozess, noch unter dessen Kosten, nahm er einen Auftrag der Fine Art Society an: zwölf Drucke aus Venedig, zurück bis Dezember.
Was dann aus diesem Auftrag wurde, hatte mit den zwölf Blättern wenig gemein. Whistlers Zeitgenossen kannten ihn nicht nur als Maler der Nocturnes. Längst hatte er sich als Radierer einen Namen gemacht, mit einem Ruhm, der aus Kupferplatten kam, nicht aus der Leinwand. Die Platte, die ihn in Venedig rettete, hatte er Jahrzehnte vorher zum ersten Mal in der Hand gehalten, in einem Haus an der Lower Sloane Street.
Was rettete ihn in Venedig?
Whistler kam im September 1879 in Venedig an. Er blieb vierzehn Monate. Der Auftrag lautete zwölf Blätter. Er schuf über fünfzig Radierungen. Und er kehrte mit etwas zurück, das die Fine Art Society 1880 als "Venice, a Series of Twelve Etchings" veröffentlichte. Das First Venice Set, wie es seither heißt.
Die Kritiker in London, die ihn 1878 für einen Hochstapler gehalten hatten, standen vor einer Arbeit, die ihren Maßstab für das Medium neu setzte. In Venedig hatte Whistler nicht gemalt. Er hatte auf Kupfer gezeichnet. Aber dieses Handwerk hatte er nicht in der Not erfunden.
Wo fing das alles an?
James Abbott McNeill Whistler wurde am 11. Juli 1834 in Lowell, Massachusetts, geboren. Was einen Amerikaner aus Massachusetts an eine Radierpresse in London brachte, war vor allem die Familie: Sein Schwager Seymour Haden, Chirurg und erfahrener Radierer, hatte in seinem Londoner Haus an der Lower Sloane Street eine Presse aufgestellt. 1855 begann Whistler dort zu radieren.
Haden war Chirurg, radierte selbst und besaß die Presse, an der Whistler anfing.
Doch seine erste eigene Mappe sollte nicht in London entstehen, sondern auf einer Reise durch Frankreich und das Rheinland.
Wer war Delâtre?
1858 reiste Whistler durch Frankreich und das Rheinland. Die Kupferplatten trug er in den Manteltaschen. Manche Blätter entstanden direkt vor dem Motiv, die Platte auf Kniehöhe gehalten, die Nadel direkt auf Kupfer. Zwölf Blätter wurden daraus: "Douze Eaux-Fortes d'après Nature", das sogenannte French Set.
Gedruckt wurden zwanzig Sets in der Werkstatt von Auguste Delâtre, Rue St. Jacques 171, Paris. Fünfzig weitere Sets kamen später in London dazu. Gewidmet war die Mappe Seymour Haden.
Delâtre war mehr als ein Drucker. Er lehrte Whistler die Retroussage: eine Technik, bei der Tinte nach dem Einfärben der Platte mit einem Tuch leicht über die Linien zurückgezogen wird, was den Abzügen eine zusätzliche atmosphärische Tiefe gibt. Manche French-Set-Blätter wurden auf Chine-appliqué gedruckt: einem feinen asiatischen Bogen, der beim Druck auf einen festeren Trägerkarton geklebt wird.
Zurück in London wartete ein Fluss, der ihn zehn Jahre lang nicht loslassen sollte.
Was sah er an der Themse?
"Black Lion Wharf" zeigt, was Whistler an der Themse interessierte: nicht die Sehenswürdigkeiten, sondern die Arbeit. Docks, Lagerhäuser, Masten, Arbeiter im Vordergrund, gedrängt und konkret, der Hintergrund aufgelöst bis zur Andeutung. Das Blatt entstand 1859, im selben Jahr wie acht weitere der insgesamt sechzehn; das letzte kam erst 1871 hinzu, nach mehr als zehn Jahren am Fluss. Zusammen ergaben die sechzehn Blätter "A Series of Sixteen Etchings of Scenes on the Thames", das Thames Set, das Ellis & Green 1871 in London herausbrachten. Die Platten sollten nach hundert Abzügen vernichtet werden.
Für die Dichte dieser Themse-Bilder kombinierte Whistler Radierung mit Kaltnadelradierung: Die Kaltnadel kratzt direkt ins Metall, ohne Ätzung, und hinterlässt einen Grat, der beim Drucken Tinte hält und dem Strich eine samtige Breite gibt, die sich nach wenigen Abzügen abnutzt. Die Thames-Auflage von hundert Abzügen zog Ellis & Green von verstählten Platten (Steel-Facing, 1857 patentiert): Eine Stahlschicht schützte den empfindlichen Kupfer-Grat vor dem Verschleiß.
Warum brauchte er zwölf Jahre für sechzehn Blätter? Weil das Thames Set parallel zu einer Malerkarriere entstand, die ihn berühmt und beinahe bankrott machen sollte. Während die Platten lagen, malte er die Bilder, um die es 1878 im Gerichtssaal gehen würde.
Warum kostete ein Bild ihn fast alles?
Frederick Richards Leyland war Reeder, Mäzen und einer der wichtigsten Förderer Whistlers. Im November 1872 schlug er brieflich einen Namen vor, der seither einer ganzen Bildgattung gehört. Whistler antwortete in vollem Wortlaut: "I can't thank you too much for the name 'Nocturne' as a title for my moonlights! You have no idea what an irritation it proves to the critics." ("Ich kann Ihnen gar nicht genug danken für den Namen 'Nocturne' als Titel für meine Mondlichtstücke! Sie haben keine Ahnung, was für eine Irritation das für die Kritiker bedeutet.")
Die Nocturnes, in gedämpften Blau- und Grautönen, zeigten Themse-Nächte, Feuerwerke, Flussnebel als Stimmung, nicht als Beschreibung. Für ihre Einordnung zwischen Malerei und Impressionismus fehlte 1877 das Vokabular. Ruskins Kritik an "The Falling Rocket" war nicht nur persönlich, sie war der Protest einer Generation, die von einem Bild für zweihundert Guineen eine Erzählung verlangte und stattdessen Farbe und Atmosphäre bekam.
Das bekannteste Gemälde Whistlers entstand 1871: "Arrangement in Grey and Black No. 1", ein Portrait seiner Mutter, das die Nachwelt unter dem Spitznamen "Whistlers Mutter" kennt. 1891 erwarb der französische Staat das Bild. Mit dem Prozess, der ihn ruinierte, hatte das Bild nichts zu tun. Das Werk, das ihn berühmt machte, ist nicht das Werk, das ihn ruinierte; wer beides verwechselt, versteht weder den Prozess noch die Person.
Was er aus Venedig zurückbrachte, ließ den Spott von 1878 verstummen.
Was brachte er aus Venedig mit?
Das First Venice Set umfasste zwölf Radierungen, veröffentlicht von der Fine Art Society 1880. Das Second Venice Set folgte 1886 bei Dowdeswell & Dowdeswell in London: sechsundzwanzig Blätter, Auflage streng auf dreißig Sets limitiert.
Im November 1887 kaufte Charles Lang Freer das gesamte Second Venice Set auf einen Schlag. Freer, der spätere Gründer der Freer Gallery of Art der Smithsonian Institution, wurde einer der wichtigsten Sammler von Whistlers Druckgrafik überhaupt.
Zwei Blätter des First Venice Set zeigen, wie Whistler in Venedig arbeitete. "The Doorway" (K188) durchlief zwanzig Zustände: zwanzig dokumentierte Arbeitsstufen, in denen Whistler die Platte überarbeitete, ergänzte, zurücknahm. Er kombinierte Radierung, Kaltnadel und Roulette in einem einzigen Blatt. "Nocturne" (K184) durchlief neun Zustände und existiert heute in 59 bekannten Abzügen. Die venezianische Architektur löst sich darin in Andeutungen auf, ähnlich wie auf den Nocturne-Gemälden, aber mit dem Plattendruck als Medium.
Whistler gilt als der bedeutendste Radierer seit Rembrandt. Sein Biograf Joseph Pennell nannte ihn schlicht "the greatest etcher who ever lived".
Wer eines dieser Blätter heute in der Hand hält, erkennt es an einem winzigen Zeichen unterhalb des Bildes.
Was bedeutet das Zeichen unter dem Bild?
Whistler entwickelte für die Venice Sets eine eigene Signiermethode. Er schnitt das Papier genau auf das Plattenmaß zu und ließ einen kleinen Tab am unteren Rand stehen, einen Papierstreifen, auf dem er in Bleistift sein Butterfly-Monogramm und die Buchstaben "imp." einzeichnete. "Imp." steht für das lateinische impressit: er druckte. Wo Whistler dieses Kürzel in den Tab schrieb, bedeutete es: Diese Platte hat er selbst gezogen.
Das "imp." belegt mehr als Urheberschaft: Es unterscheidet den Druck, den Whistler selbst an der Presse zog, von einem Abzug, den er nur beaufsichtigte. Wie sich dieser Unterschied am fertigen Blatt erkennen lässt, zeigt Originalgrafik: erkennen und einordnen. Was das für den heutigen Sammlerwert bedeutet und wie sich ein solcher Originaldruck von einem modernen Kunstdruck unterscheidet, erklärt Original vs. Kunstdruck.
Die Wahl des Papiers war dabei kein Nebenpunkt. Whistler druckte auf dünnem asiatischem Glanzpapier, auf altem westlichem Papier aus Büchern und Kontobüchern. Für das Thames Set verwendete er häufig holländisches Papier der Mühle De Erven de Blauw, erkennbar am Beehive-Wasserzeichen mit den Initialen "DEDB", einer Mühle, die dieses Papier seit etwa 1822 produzierte. Zwei Abzüge derselben Platte, auf verschiedenem Papier gedruckt, zeigen im direkten Vergleich, wie sehr das Trägermaterial die Wirkung der Tinte formt.
Der Mann, der das Etching Revival in London mit anführte, stand am Ende außerhalb der Gesellschaft, die es feierte.
Warum stand er am Ende draußen?
1880 gründete Seymour Haden die Society of Painter-Etchers in London. Haden war Whistlers Schwager, sein erster Lehrer an der Radierpresse und eine der treibenden Kräfte des britischen Etching Revival. Whistler wurde kein Mitglied, wegen eines persönlichen Streits mit Haden, der die zwei Männer dauerhaft entzweite. Die treibende intellektuelle Kraft des Revivals saß damit außerhalb der Institution, die es trug.
Am 20. Februar 1885 hielt Whistler im Prince's Hall in Piccadilly seine "Ten O'Clock Lecture", in der er seine Kunstauffassung öffentlich formulierte. Ihr Kern war die Kunst um ihrer selbst willen: Autonomie gegenüber moralischen oder didaktischen Ansprüchen. Ruskins Erwartungen wies er damit, sieben Jahre nach dem Prozess, explizit zurück.
In seiner letzten Schaffensphase wandte sich Whistler der Lithografie zu. Insgesamt schuf er 179 Lithografien. Sein Gesamtwerk umfasste über 490 Radierungen. Frederick Goulding war 1859 als Druckassistent ("devil" im Werkstatt-Jargon) bei Whistler tätig und druckte 1904, nach Whistlers Tod, eine posthume Auflage von 45 Blättern. Whistler starb am 17. Juli 1903 in Chelsea, London.
Der Mann, dem ein Gericht 1878 einen Farthing zusprach, gilt heute als der bedeutendste Radierer seit Rembrandt. Die Lücke zwischen dem, was seine Zeitgenossen an ihm schätzten, und dem, wofür die Nachwelt ihn kennt, ist nicht kleiner geworden.
Häufige Fragen zu James McNeill Whistler
Welche großen Werkserien hat Whistler hinterlassen?
Whistler schuf drei große Druckserien: das French Set (1858, zwölf Blätter), das Thames Set (1859–1871, sechzehn Blätter) und die beiden Venice Sets (First Venice Set 1880, zwölf Blätter; Second Venice Set 1886, sechsundzwanzig Blätter in einer Auflage von nur dreißig Sets). Sein gesamtes Werk umfasst über 490 Radierungen, hinzu kommen 179 Lithografien.
Warum schrieb Whistler "imp." auf seine Drucke?
"Imp." steht für das lateinische Wort impressit: er druckte. Whistler unterschied damit Abzüge, die er selbst an der Presse gezogen hatte, von solchen, die er lediglich beaufsichtigte. Dafür schnitt er das Papier auf Plattenmaß zu und ließ unten einen schmalen Tab stehen, auf den er sein Butterfly-Monogramm und "imp." in Bleistift setzte.
Warum fuhr Whistler überhaupt nach Venedig?
Der Prozess 1878 ruinierte Whistler finanziell. Er musste Aufträge annehmen. Die Fine Art Society schickte ihn nach Venedig mit dem Auftrag, zwölf Drucke zu liefern. Er blieb vierzehn Monate und schuf über fünfzig Radierungen, die Venice Sets, die seinen Ruf als Radierer festigten.
Wie und womit hat Whistler gearbeitet?
Whistler arbeitete mit Radierung, Kaltnadel (Drypoint) und Lithografie. Er kombinierte diese Techniken häufig in einem einzigen Blatt: "The Doorway" aus dem First Venice Set durchlief zwanzig Zustände und vereint Radierung, Kaltnadel und Roulette. Aquatinta gehörte nicht zu seinem Verfahren; sein Werk ruht auf Radierung, Kaltnadel und Lithografie.
Wie erkenne ich einen echten Whistler-Druck?
Charakteristisch für Whistlers signierte Drucke ist die Tab-Signatur: Papier auf Plattenmaß beschnitten, kleiner Streifen am unteren Rand, darauf Butterfly-Monogramm und "imp." in Bleistift. Darüber hinaus liefert der Plattendruck (Plattenrand sichtbar im Papier) einen physischen Hinweis auf einen echten Druckvorgang. Hinzu kommt die Papierwahl: Whistler bevorzugte dünnes asiatisches Papier oder altes westliches Bücher- und Kontobuchpapier, erkennbar oft an historischen Wasserzeichen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Glasgow Whistler Etchings Project, University of Glasgow: Werkverzeichnis der Radierungen mit Zuständen und Auflagen.
- The Metropolitan Museum of Art, New York: Sammlung der Whistler-Radierungen, French Set.
- The Art Institute of Chicago: Thames Set und Venice Sets.
- Freer Gallery of Art, Smithsonian Institution, Washington: größte Whistler-Sammlung.
- Fitzwilliam Museum, Cambridge: The Venice Sets.
Studio Sonsu
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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