Rembrandt

Das Rijksmuseum hat einen ganzen Saal reserviert für ein einziges Bild. Die Nachtwache hängt dort seit 1885 auf einer eigens dafür gebauten Wand: 363 mal 437 Zentimeter Leinwand, Gruppenporträt der Amsterdamer Bürgerwehr aus dem Jahr 1642. Das Erste, was einem auffällt, ist das Licht. Es kommt aus dem Bild heraus, nicht von irgendwo oben wie bei anderen Gemälden dieser Zeit. Figuren wachsen aus dem Dunkel, fast dreidimensional. Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) zog 1631 nach Amsterdam und wurde rasch zum gefragtesten Porträtmaler der Stadt, in einer Stadt, die damals das Zentrum des globalen Handels war. Er malte etwa 300 Gemälde, lehrte eine ganze Generation Maler und hinterließ ein grafisches Werk, das ganz Europa kannte. Er ist der Barock-Maler schlechthin.

Sein 17. Jahrhundert kannte ihn anders. Wer Rembrandt in London kannte, kannte ihn durch ein Stück bedrucktes Papier. Wer ihn in Paris sammelte, sammelte keine Leinwand. Die Nachtwache hing in Amsterdam. Sein grafisches Werk zirkulierte durch ganz Europa, wurde gehandelt, kopiert, in Sammlerkreisen gehortet. Sein Ruhm unter Sammlern hing an den Drucken, nicht an den Gemälden. Die Gemälde wurden in England erst nach 1700 systematisch gesammelt, drei Jahrzehnte nach seinem Tod. Die Nachwelt hat das Verhältnis umgedreht. Heute ist er der Maler der Nachtwache, nicht der Radierer des Hundertguldenblatts. Beides ist derselbe Mensch. Nur eines davon ist ein Missverständnis der populären Rezeption. Dasselbe Missverständnis traf zweihundert Jahre später James McNeill Whistler, den seine Zeitgenossen als den bedeutendsten Radierer seit Rembrandt feierten und den die Nachwelt als Maler erinnert.

Wie wurde Rembrandt in ganz Europa bekannt?

Drucke lassen sich vervielfältigen. Gemälde nicht. Das ist der schlichte Mechanismus dahinter, und Rembrandts Zeitgenossen wussten sehr genau was dieser Unterschied bedeutete. Albrecht Dürer hatte ein Jahrhundert früher bewiesen, dass ein Künstler durch gedruckte Blätter ganz Europa erreichen kann, ohne je Amsterdam, Paris oder London zu besuchen. Rembrandt übernahm diesen Mechanismus und trieb ihn weiter.

Rembrandt van Rijn, Christus heilt die Kranken (Das Hundertguldenblatt), ca. 1648. Radierung, Kaltnadel und Grabstichel auf japanischem Papier, 28,1 x 39,1 cm.
Rembrandt, Das Hundertguldenblatt, ca. 1648. Radierung, Kaltnadel und Grabstichel. Public Domain.

Zwischen 1627 und 1665 schuf Rembrandt rund 314 Radierungen auf Kupferplatten. Jede dieser Platten konnte dutzendfach abgezogen werden. Jeder Abzug konnte verkauft, verschickt, nach London getragen werden. Ein Gemälde konnte das nicht. Nahezu alle diese Radierungen existieren heute in mehreren Zuständen, manche in zehn oder mehr, weil Rembrandt Platten über Monate und Jahre weiterbearbeitete. Ein früher Abzug zeigt Figuren, die im späteren Zustand fehlen. Ein später Abzug kann ein radikal anderes Bild sein.

Wer das Sammeln damals ernst nahm, kannte die Zustände. Houbraken überliefert, dass Rembrandt-Sammler bestimmte Blätter in verschiedenen Zuständen besitzen mussten: "It was almost ridiculous not to have a print of little Juno crowned and uncrowned." Rembrandt erzeugte also Begehren durch kontrollierte Varianz. Er schuf nicht einfach ein Blatt. Er schuf Zustände, und die Zustände machten den Markt.

Sein wichtigster Verleger war Clement de Jonghe, Buchhändler und Verleger in Amsterdam, der um die Ecke von Rembrandt lebte. Rembrandt radierte 1651 sein Porträt. Bei de Jonghes Tod 1677 waren in seinem Besitz 74 originale Rembrandt-Kupferplatten, die 1679 in Amsterdam versteigert wurden. Eine Person, 74 Platten. Weil Rembrandt diese Platten eigenhändig geätzt, geschabt und ergänzt hat, zählen auch spätere Abzüge aus diesen Originalplatten als Originaldrucke. Den kategorialen Unterschied zwischen Originaldruckgrafik und Reproduktion entwickelt der Beitrag Original vs. Kunstdruck.

Was passiert wenn Rembrandt eine Platte nicht fertig macht?

Die Drei Kreuze ist das stärkste Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Platte verschleißt und Rembrandt das als Gelegenheit begreift.

Rembrandt van Rijn, Die Drei Kreuze, Kaltnadel, 1653. Dramatisches Licht von oben auf die Kreuzigung, tiefe Schwärze an den Rändern.
Rembrandt, Die Drei Kreuze, 1653. Kaltnadel. Public Domain.

Das Werk entstand 1653, misst 394 mal 456 Millimeter und existiert in fünf Zuständen. Die Technik der Kaltnadel erzeugt beim Drucken einen charakteristischen Grat am Metall, der Farbe hält und eine samtartige Tiefe gibt. Nach ungefähr 40 Abzügen aus den ersten drei Zuständen war dieser Grat verschlissen. Die Platte druckte flacher. Für die meisten Kupferstecher wäre das das Ende des Blatts.

Rembrandt begann neu. Er grub in die Platte, tilgte Figuren die in frühen Abzügen klar sichtbar waren, und tauchte die rechte Bildhälfte in Dunkel. Der vierte und fünfte Zustand ist kein restauriertes erstes Bild. Er ist ein anderes Bild auf derselben Platte.

Das ist keine Nachlässigkeit. Es ist eine Beobachtung über das Material: Ein verschlissener Kaltnadelgrat gibt anderen Tönen Raum. Rembrandt nutzte den Verschleiß als Kompositionswerkzeug. Die Platte als Arbeitsfeld, nicht als Reproduktionsmedium.

Warum sieht kein Abzug aus wie der andere?

Wer heute an einer Radierpresse lernt, bekommt eine klare Ansage: Platte vollständig abwischen. Das ist die Grundregel. Der Abdruck soll sauber sein. Das Papier soll nur die Linien zeigen, die in die Platte geätzt oder geritzt wurden.

Rembrandt hat das gebrochen. Er ließ Farbe auf der Plattenoberfläche stehen, gezielt, unterschiedlich bei jedem Abzug. Manchmal mehr auf einer Seite, manchmal weniger in der Mitte. Der Zeitgenosse Filippo Baldinucci beschrieb sein Verfahren 1686 als "entirely his own, neither used, nor seen before, nor practised by anyone else." Arnold Houbraken ergänzte 1718, Rembrandt habe seine Methode nicht an Schüler weitergegeben.

Rembrandt van Rijn, Die drei Bäume, Radierung und Kaltnadel, 1643. Weite holländische Landschaft mit dramatischem Wolkenhimmel.
Rembrandt, Die drei Bäume, 1643. Radierung und Kaltnadel. Public Domain.

Die drei Bäume (1643), Rembrandts größte Landschaftsradierung, lebt genau davon.

Was diese Zeitgenossen beschrieben, heißt heute Plattenton. Rembrandt setzte ihn ab etwa 1647 gezielt ein. Zwei Abzüge derselben Platte aus demselben Jahr können radikal unterschiedlich wirken. Einer hell, fast zeichnerisch. Der andere gedämpft, mit Atmosphäre die aus dem Rest der Oberfläche entsteht. Das Metropolitan Museum beschreibt es so: Er malte im Drucken. Lucian Freud versuchte drei Jahrhunderte später mit seinen Radierungen etwas Vergleichbares. Goya erreichte vergleichbare Tonwerte gut ein Jahrhundert nach Rembrandt auf einem anderen Weg, mit der Aquatinta statt mit Plattenton; der Vergleich von Rembrandt und Goya setzt beide Verfahren nebeneinander.

Der Zeitgenosse Filippo Baldinucci hat dieses Verfahren bereits 1686 als etwas Eigenes beschrieben:

"Era questa la sua maniera di intagliare in rame, tutta sua propria, né usata, né veduta più mai, né praticata da altri."

("Das war seine eigene Art, in Kupfer zu radieren, ganz die seine, nie zuvor benutzt, nie gesehen, von keinem anderen praktiziert.")

— Filippo Baldinucci, Cominciamento e progresso dell'arte d'intagliare in rame, Florenz 1686

Er druckte auch auf verschiedenen Papieren: japanisches Papier, chinesisches Papier, Pergament. Jedes Material saugt Farbe anders auf. Jede Kombination aus Plattenton und Papiersorte ist ein eigener Abzug. Kein Abzug ist eine Kopie eines anderen.

Was macht das Hundertguldenblatt zum berühmtesten Blatt seiner Zeit?

Das Hundertguldenblatt entstand um 1648 und misst 28,1 mal 39,1 Zentimeter. Es zeigt Christus mit Kranken, Armen und Pharisäern, basierend auf dem Matthäusevangelium Kapitel 19. Auf diesem einen Blatt kombinierte Rembrandt drei Techniken: Ätzradierung, Kaltnadel und Grabstichel. Jede Technik liefert eine andere Qualität der Linie. Die Ätzung gibt gleichmäßige, fließende Konturen. Die Kaltnadel gibt den samtig-breiten Strich mit Grat. Der Grabstichel gibt Präzision im Detail.

Rembrandt van Rijn, Jan Six, Radierung und Kaltnadel, 1647. Meisterporträt eines lesenden Mannes am Fenster.
Rembrandt, Jan Six, 1647. Radierung und Kaltnadel. Public Domain.

Das Blatt existiert in zwei Zuständen. Der erste Zustand umfasst genau neun bekannte Abzüge, alle auf japanischem Gampi-Papier gedruckt. Dieses Papier gelangte über die Handelsroute der VOC nach Amsterdam. Nachgewiesen durch eine Schiffsrechnung des Schiffs "De Swaen" vom 1. Oktober 1643 für zwei Fässer japanisches Papier.

Der Name des Blatts ist nicht von Rembrandt. Ein zeitgenössischer Bericht von 1654 hält fest, das Blatt sei "various times for 100 guilders and more" gehandelt worden. Für Drucke war das außergewöhnlich. Der Name blieb.

Die Platte überlebte Rembrandt. Und hatte ein eigenes Schicksal.

Was wurde aus Rembrandts Kupferplatten?

Von Rembrandts Kupferplatten sind 82 überliefert. 74 davon lagen beim Tod seines Verlegers Clement de Jonghe in dessen Besitz und wurden 1679 versteigert. Die Platten wechselten danach mehrfach den Besitzer.

Rembrandt van Rijn, Selbstporträt mit lockigem Haar, ca. 1629. Radierung. Eines von 31 radierten Selbstporträts.
Rembrandt, Selbstporträt, ca. 1629. Radierung. Public Domain.

Die Hundertguldenblatt-Platte endete in England. Um 1775 zerschnitt Captain William Baillie sie in vier Teile. Baillie druckte von jedem Teil eigene Abzüge. Was Rembrandt als Einheit geschaffen hatte, existiert seither nur noch in Fragmenten. Wer wissen möchte wo Rembrandt im größeren Kontext steht, findet auf der Seite berühmte Druckgrafiker die Einordnung.

Rembrandt selbst hatte den Bankrott nicht überlebt. 1656 meldete er Insolvenz an, seine Kunstsammlung wurde versteigert, er zog in ein kleineres Haus im Jordaan. Er arbeitete weiter. Die letzten Drucke entstanden 1665, vier Jahre vor seinem Tod. Francisco Goya würde gut hundert Jahre später mit der Aquatinta etwas Ähnliches versuchen, was Rembrandt mit der Radierung getan hatte: die Druckplatte als persönliches Ausdrucksmittel, nicht als Vervielfältigungsmaschine.

Heute liegen Rembrandt-Radierungen in den Graphischen Kabinetten des Rijksmuseums, des Met, des British Museum und der Staatsgalerie Stuttgart. Sein ehemaliges Wohnhaus, das Museum Het Rembrandthuis in Amsterdam, zeigt die rekonstruierte Werkstatt samt Druckpresse. Auf Anfrage, in Schubladen. Nicht an der Wand. Die Nachtwache hängt im Rijksmuseum in einem eigens gebauten Saal, mit Millionen Besuchern pro Jahr. Der andere Rembrandt liegt nebenan und wartet auf jemanden der fragt.

Häufige Fragen zu Rembrandt

Wie viele Radierungen hat Rembrandt geschaffen?

Zwischen 1627 und 1665 schuf Rembrandt rund 314 Radierungen auf Kupferplatten. Darunter sind 31 Selbstporträts, die von seinen frühen Zwanzigern bis kurz vor seinem Tod reichen. Er druckte auf verschiedenen Papieren und erstellte von den meisten Platten mehrere Zustände.

Was ist ein "Zustand" bei einer Radierung?

Ein Zustand entsteht, wenn ein Künstler eine Druckplatte nach ersten Abzügen weiterbearbeitet und dann erneut druckt. Die zweite Druckserie zeigt andere Linien, andere Figuren, andere Tonwerte. Rembrandt überarbeitete viele seiner Platten über Monate oder Jahre. Nahezu alle seine Radierungen existieren in mehr als einem Zustand, manche in zehn oder mehr. Frühe Abzüge eines frühen Zustands sind seltener und zeigen das Blatt in einem Stadium das Rembrandt danach verändert hat.

Was ist Plattenton?

Plattenton bezeichnet Druckfarbe die nach dem Wischen auf der Plattenoberfläche verbleibt, statt nur in den eingravierten Linien zu sitzen. Üblicherweise wird eine Platte nach dem Einfärben vollständig abgewischt, damit nur die Linien drucken. Rembrandt ließ bewusst Farbe stehen, unterschiedlich bei jedem Abzug. Das ergab eine atmosphärische Tönung des gesamten Blatts. Baldinucci beschrieb 1686 Rembrandts Verfahren als sein persönliches Geheimnis, das er weder gelernt noch weitergegeben habe. Rembrandt setzte den Plattenton ab etwa 1647 gezielt ein.

Wo kann man Rembrandt-Radierungen sehen?

Die größten Sammlungen befinden sich im Rijksmuseum Amsterdam, im Metropolitan Museum of Art New York, im British Museum London und in der Staatsgalerie Stuttgart. Die Blätter werden in Graphischen Kabinetten aufbewahrt und auf Anfrage oder in Ausstellungen zugänglich gemacht. Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt das Hundertguldenblatt in ihrer Sammlung.

Warum sind manche Abzüge wertvoller als andere?

Frühe Abzüge aus frühen Zuständen, auf seltenen Papieren wie japanischem Gampi-Papier gedruckt und mit deutlichem Plattenton, gehören zu den seltensten. Das Hundertguldenblatt im ersten Zustand ist auf genau neun bekannte Abzüge begrenzt, alle auf japanischem Papier. Spätere Abzüge zeigen flachere Linien, weil der Kaltnadelgrat nach etwa 40 Drucken verschleißt. Der Abzug dokumentiert damit auch den Zustand der Platte zum Druckzeitpunkt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Rijksmuseum Amsterdam, Rembrandts Etchings (Sammlungskatalog)
  • Metropolitan Museum of Art New York, Rembrandt van Rijn: Prints (Essay)
  • Staatsgalerie Stuttgart, Christus heilt die Kranken (Sammlungseintrag)
  • Cleveland Museum of Art, Christ Crucified Between Two Thieves (Werkanalyse)
  • National Gallery of Victoria, Rembrandt: Etchings on Oriental Papers (Forschungsessay)

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Wer sehen möchte was zeitgenössische Druckgrafiker heute mit Radierung, Linolschnitt und anderen Techniken machen, findet das Sortiment unter /collections/all. Fragen an hello@studiosonsu.de.