Kestner Gesellschaft Hannover: Druckgrafik und Editionsgeschichte

Die Kestner Gesellschaft ist ein Kunstverein in Hannover, gegründet am 31. August 1916 und benannt nach dem Diplomaten und Kunstsammler August Kestner (1777-1853). In einem einzigen Jahr, 1923, vergab die Institution sechs Druckgrafik-Mappen an sechs verschiedene Künstler. Diese Editionen hängen heute in MoMA New York, Stedelijk Museum Amsterdam und Staatsgalerie Stuttgart.

In der Hannoveraner Druckerei Robert Leunis und Chapman liefen 1923 sechs verschiedene Aufträge im selben Jahr durch dieselbe Presse. Sechs Künstler, sechs Mappen, dasselbe Format, dieselbe Auflage. Den ersten Auftrag hatte ein russisch-jüdischer Konstruktivist erhalten, den letzten ein Bauhaus-naher Ungar. Dazwischen lagen Expressionisten, deren Namen heute weniger präsent sind als ihre Blätter.

Auftraggeber war die Kestner Gesellschaft, ein privater Kunstverein. Warum 1923 gleich sechs Mappen auf einmal vergeben wurden, erklärt keine Primärquelle. Aber was dabei entstand, ist dokumentiert.

Welche der beiden Hannover-Institutionen mit dem Namen Kestner ist gemeint?

Das Museum August Kestner an der Trammplatz öffnete am 9. November 1889 als städtisches Museum für Altertümer, Kunstgewerbe und Antiken. Die Kestner Gesellschaft entstand am 31. August 1916 als privater Kunstverein. Beide Namen gehen auf denselben August Kestner zurück. Die Verwechslung war lange so verbreitet, dass das Stadtmuseum sich im Dezember 2007 in "Museum August Kestner" umbenannte, um sie aktiv aufzulösen.

Die Kestner Gesellschaft, um die es hier geht, war von Anfang an ein Vereinsprojekt aus der Hannoveraner Wirtschaft. Der Verleger August Madsack war unter den Gründern, ebenso Hermann Bahlsen, der die Keksfabrik führte, und Fritz Beindorff, der die Pelikan-Werke leitete. Drei Industrielle aus drei verschiedenen Branchen, die entschieden hatten, dass Hannover einen Kunstverein braucht. Das war 1916, mitten im Ersten Weltkrieg.

Sieben Jahre nach der Gründung kam das Jahr, in dem die Institution sechs Druckgrafik-Mappen auf einmal vergab.

Was waren die sechs Kestner-Mappen von 1923?

Verlegt wurden die Mappen bei Ludwig Ey in Hannover, gedruckt bei Robert Leunis und Chapman. Die Auflage war bei jeder Mappe dieselbe: 50 Exemplare. Herausgeber war Eckart von Sydow, der 1923 als Direktor amtierte.

Die Reihe sieht so aus:

Mappe I: El Lissitzky, Proun. Sechs Lithografien auf Velin, je ca. 60 x 44 cm, Auflage 50, gedruckt bei Robert Leunis und Chapman, Hannover 1923.

Mappe II: Karl Schmidt-Rottluff, Fischer. Lithografien, Verlag Ludwig Ey, Hannover 1923.

Mappe III: Max Kaus, Akte und Köpfe. Hannover 1923.

Mappe IV: Martel Schwichtenberg, Aus Pommern. Hannover 1923.

Mappe V: Willy Robert Huth, Varieté. Sechs Blätter auf Velin, 60 x 44 cm, Auflage 50, Robert Leunis und Chapman, Verlag Ludwig Ey, Hannover 1923.

Mappe VI: László Moholy-Nagy, Konstruktionen. Lithografien, 1923.

El Lissitzky, Proun 5A, 1923, konstruktivistische geometrische Komposition in Schwarz, Rot und Grau
El Lissitzky, Proun 5A, 1923. Lissitzkys Proun-Arbeiten bildeten die erste Kestner-Mappe. Public Domain.

Das war die Reihe. Die Kunstvereinspublikation von 1923 brachte sie gemeinsam heraus, in einem Jahr, aus einer Presse. Die Spannbreite ist bemerkenswert: El Lissitzky kam aus dem Konstruktivismus, Moholy-Nagy aus dem Bauhaus-Umfeld, Schmidt-Rottluff aus dem deutschen Expressionismus. Warum genau diese Kombination, ob das einer gemeinsamen Programmatik entsprach oder sechs zufälligen Anfragen, ist in keiner Quelle erklärt. Fest steht: alle sechs erschienen im selben Jahr, bei denselben Druckern, im selben Verlag. Das Format, sechs Blätter auf Velin, ca. 60 x 44 cm, Auflage 50, ist allerdings nur für Mappe I und Mappe V dokumentiert; für III, IV und VI wäre es eine Extrapolation.

Geplant war eine siebte Mappe.

Warum blieb es bei sechs Mappen?

Oskar Schlemmer war für eine siebte Mappe vorgesehen. Nicht eine künstlerische Entscheidung, sondern ein Personalwechsel verhinderte sie. Eckart von Sydow, der 1923 Direktor der Kestner Gesellschaft war und die Reihe herausgegeben hatte, verließ das Haus. Der Plan für Schlemmer fiel damit weg.

Schlemmer veröffentlichte stattdessen 1923 die Mappe Spiel mit Köpfen, sechs Lithografien, gedruckt in der Bauhausdruckerei Weimar. Das Bauhaus in Weimar betrieb zu dieser Zeit eine eigene Druckwerkstatt; Schlemmer war dort als Meister tätig. Dieselbe Quelle führt für 1923 noch ein weiteres Mappenwerk auf, das von László Péri. Die nummerierte Kestner-Reihe selbst blieb bei sechs.

In dieser Phase gibt es noch eine personelle Verbindung, die die Mappen-Geschichte mit dem nachfolgenden Jahrzehnt verknüpft. Paul Erich Küppers, der erste Direktor, war 1922 gestorben; bis Justus Bier 1930 übernahm, leiteten Eckart von Sydow und Alexander Dorner (1923 bis 1924) das Haus. Küppers' Witwe Sophie lernte Lissitzky kennen und heiratete ihn 1927. Wie die beiden zusammenfanden, erzählt die Seite zum Konstruktivismus; für die Kestner Gesellschaft zählt, was aus Sophie Küppers' Sammlung wurde.

Sie überließ dem Provinzialmuseum Hannover 16 Werke ihrer Sammlung als Leihgaben. Was mit diesen Leihgaben geschah, fällt in dasselbe Jahrzehnt wie das Ende der Kestner Gesellschaft selbst.

Was passierte mit der Kestner Gesellschaft nach 1933?

Justus Bier übernahm im September 1930 die Leitung der Kestner Gesellschaft. 1936 verlangte das NS-Regime die Entlassung des jüdischstämmigen Direktors. Reichserziehungsminister Rust entließ Bier am 10. Mai 1936, und der Vorstand schloss die Kestner Gesellschaft selbst, statt mit dem Regime zu kollaborieren. Bier emigrierte in die USA.

Bier lehrte danach an der University of Louisville und wurde 1960 Direktor des North Carolina Museum of Art.

1937, ein Jahr nach der Schließung, beschlagnahmte die NS-Kunstkommission 13 der 16 Küppers-Leihgaben aus dem Provinzialmuseum bei der Aktion „Entartete Kunst". Die Institution war da längst keine Institution mehr.

Das Goseriedebad in Hannover um 1906, neobarocker Bau von Carl Wolff, seit 1997 Sitz der Kestner Gesellschaft
Das Goseriedebad in Hannover, um 1906. Der neobarocke Bau von Carl Wolff (1902 bis 1905) ist seit 1997 Sitz der Kestner Gesellschaft. Public Domain.

Wiedereröffnet wurde die Kestner Gesellschaft 1948 in der Warmbüchenstraße in Hannover. 1997 zog sie in das ehemalige Goseriedebad an der Goseriede 11 um. Das Gebäude hatte der Architekt Carl Wolff zwischen 1902 und 1905 errichtet; stilistisch zählt es zum Neobarock, in den Ornamentdetails zeigt sich der Einfluss des Jugendstils. Der Umbau zum Ausstellungshaus durch die Architekten Koch Panse wurde mit dem BDA-Preis ausgezeichnet.

Ein wilhelminisches Hallenbad als Heim für Gegenwartskunst.

Bis ein neues Editions-Programm die Tradition der Mappen von 1923 wieder aufnahm, vergingen rund acht Jahrzehnte.

Wo sind die Kestner-Mappen heute zu finden?

Von den ursprünglich 50 Exemplaren der Proun-Mappe sind sechs komplette Folgen nachweisbar, darunter im MoMA New York und im Stedelijk Museum Amsterdam. Die Staatsgalerie Stuttgart hält ebenfalls Mappen aus der 1923er Serie.

Das Sprengel Museum zeigte 2008 alle erhaltenen Mappen zusammen: die Ausstellung 1923. Die Mappen der Kestner-Gesellschaft lief vom 9. April bis zum 29. Juni 2008.

Laszlo Moholy-Nagy, Konstruktionen, Blatt aus der Kestner-Mappe VI, 1923, geometrische Lithografie
László Moholy-Nagy, aus der Kestner-Mappe VI Konstruktionen, 1923. Public Domain.

Ab 2003 führt die Kestner Gesellschaft ein formales Editions-Programm unter dem Namen Kestnereditionen: eine Edition pro Ausstellung, konzipiert mit dem jeweils ausstellenden Künstler. Der Unterschied zu 1923 liegt nicht in der Idee, sondern im Maßstab. Damals sechs Mappen in einem Jahr, heute eine Edition pro Ausstellung. Seit August 2025 leitet Eva Birkenstock die Institution.

Die Blätter haben Hannover längst verlassen, aber die Provenienz steht fest. Was von Hannover aus in den globalen Sammlungsbestand gelangte, begann 1923 bei Robert Leunis und Chapman, in einer einzigen Produktionssaison, für eine Institution, die heute im umgebauten Goseriedebad ausstellt. Das verlegerische Programm von 1923 gehört längst zum Kulturerbe der Druckkunst.

Häufige Fragen

Ist die Kestner Gesellschaft dasselbe wie das Museum August Kestner?

Nein. Beide Institutionen in Hannover tragen den Namen des Diplomaten und Kunstsammlers August Kestner (1777-1853), sind aber vollständig eigenständig. Das Museum August Kestner, eröffnet am 9. November 1889, ist ein städtisches Antiken- und Kunstgewerbemuseum. Die Kestner Gesellschaft, gegründet am 31. August 1916, ist ein privater Kunstverein. Das Stadtmuseum hieß bis Dezember 2007 "Kestner-Museum" und wurde umbenannt, um die Verwechslung zu beenden.

Was waren die Kestner-Mappen?

Druckgrafik-Editionen, die die Kestner Gesellschaft in den frühen 1920er Jahren in Auftrag gab. Die bekannteste Serie sind die sechs Mappen von 1923: je sechs Blätter in einer Auflage von 50, alle bei Robert Leunis und Chapman in Hannover gedruckt und bei Ludwig Ey verlegt. Die sechs Künstler waren El Lissitzky (Mappe I), Karl Schmidt-Rottluff (II), Max Kaus (III), Martel Schwichtenberg (IV), Willy Robert Huth (V) und László Moholy-Nagy (VI).

Kann man Kestner-Mappen heute noch sehen?

Im Sprengel Museum Hannover, in der Staatsgalerie Stuttgart und in internationalen Sammlungen wie MoMA New York und Stedelijk Museum Amsterdam. Originale tauchen gelegentlich bei Kunstauktionen auf. Auf dem freien Markt sind vollständige Folgen extrem selten; einzelne Blätter erscheinen vereinzelt bei Spezialhändlern und Auktionshäusern.

Was sind Kestnereditionen?

Das aktuelle Editions-Programm der Kestner Gesellschaft, seit 2003 aktiv. Für jede Ausstellung wird eine Edition in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Künstler produziert. Der historische Ansatz der 1923er Mappen war verlegerisch: breites Künstlerprogramm, eine Druckerei, ein Jahr. Das heutige Modell ist ausstellungsgebunden und fokussiert auf einen Künstler pro Edition.

Welche Technik verwendeten die Kestner-Mappen?

Alle sechs Mappen von 1923 waren Lithografien. Bei der Lithografie wird das Bild auf einen Kalkstein oder eine Metallplatte gezeichnet und dann gedruckt, ein Flachdruckverfahren, das für feine Tonverläufe und malerische Qualitäten bekannt ist. Warum nicht auch Radierung oder andere Verfahren zum Einsatz kamen, ist in keiner bekannten Quelle überliefert.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung. Sammlung digital, El Lissitzky "Proun" und die sechs Kestner-Mappen von 1923.
  • Kestner Gesellschaft Hannover. Zur Geschichte des Vereins, Gründung 1916, Direktoren, Goseriedebad, Kestnereditionen.
  • Sprengel Museum Hannover. Ausstellung "1923. Die Mappen der Kestner-Gesellschaft", 9. April bis 29. Juni 2008.
  • Ketterer Kunst, Hamburg. Auktionskatalog zu Blättern der I. Kestner-Mappe von El Lissitzky.

Zuletzt aktualisiert am 02.06.2026.

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