Druckkunst als Kulturerbe
Seit März 2018 stehen künstlerische Drucktechniken im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission. Der Eintrag umfasst vier Technik-Familien. Er schützt keine Objekte, keine Werkstätten. Er dokumentiert eine Diagnose: Diese Techniken werden aktiv praktiziert. Diese Diagnose gilt nur, solange das stimmt.
Am 8. Juni 2018 steht Dr. Susanne Richter im Michaelsberg in Bamberg. Sie leitet das Museum für Druckkunst Leipzig und nimmt eine Urkunde entgegen. Neben ihr hält Priska Streit vom BBK Bundesverband die zweite Ausfertigung. Laut Berichten war Staatsministerin Monika Grütters beim Festakt anwesend. Eine von sieben Neuaufnahmen, darunter vier Kulturformen und drei Modellprogramme, die an diesem Tag ins Verzeichnis aufgenommen werden.
Drei Listensysteme existieren nebeneinander, und sie werden häufig verwechselt. Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes ist ein nationales Instrument: es dokumentiert lebende Praxis, erzeugt aber keine Rechtswirkung, keinen Denkmalschutz, keine automatischen Fördermittel. Das UNESCO-Welterbe schützt dagegen materielle Stätten, international, mit eigenem Schutzregime. Die Repräsentativliste des immateriellen Kulturerbes läuft parallel auf internationaler Ebene. Druckgrafik als Kulturerbe in Deutschland ist auf der nationalen Liste eingetragen. Auf die internationale Repräsentativliste wurde sie nicht übertragen, ein automatischer Transfer existiert nicht.
Welche Drucktechniken gehören zum Kulturerbe, und was verbindet sie?
Der offizielle Titel des Eintrags lautet: "Künstlerische Drucktechniken des Hochdrucks, Tiefdrucks, Flachdrucks, Durchdrucks und deren Mischformen." Vier Familien, keine Hierarchie. Was sie verbindet, ist nicht ihr Alter, sondern ein gemeinsamer Befund: Sie werden gegenwärtig aktiv ausgeübt.
Der Hochdruck ist die Familie mit der längsten europäischen Geschichte. Beim Holzschnitt werden die nicht druckenden Bereiche aus dem Block herausgeschnitten; was erhaben stehenbleibt, trägt die Farbe. Derselben Gruppe gehört der Linolschnitt an, bei dem Linoleum statt Holz als Träger dient. Eine seltenere Variante ist der Holzstich: hier graviert der Künstler quer zur Maserung in Hirnholz, mit Sticheln die ursprünglich für den Kupferstich entwickelt wurden. Richard Studer graviert als Holzstecher so winzige Strukturen auf Hirnholzblöcke, dass er die Lupe braucht.
Der Tiefdruck arbeitet nach dem Gegenprinzip. Bei der Radierung wird eine Kupferplatte mit Säure geätzt, die Vertiefungen nehmen die Druckfarbe auf, und eine schwere Presse überträgt sie auf feuchtes Papier. Der Kupferstich funktioniert ohne Säure: der Stecher gräbt die Linien direkt mit dem Grabstichel in das Metall.
Der Flachdruck beruht weder auf Erhebungen noch auf Vertiefungen, sondern auf der physikalischen Abstoßung von Fett und Wasser. Bei der Lithografie wird die Zeichnung mit Fettstift auf einen Kalkstein oder eine Aluminiumplatte aufgetragen; der Stein nimmt Farbe nur dort an, wo Fett sitzt.
Dann der Durchdruck. Beim Siebdruck wird Farbe durch ein feinmaschiges Gewebe auf das Trägermaterial gedrückt, wobei eine Schablone die nicht druckenden Bereiche abdeckt. Siebdruck ist die jüngste der vier Familien: Laut Quellen erhielt Samuel Simon aus Manchester um 1907 ein erstes Patent auf das Verfahren, die künstlerische Etablierung begann in den 1930er Jahren. Trotzdem steht der Siebdruck gleichberechtigt im Eintrag. Der Antrag begründete das mit der aktiven Praxis, nicht mit dem Entstehungsjahr.
Was der Eintrag mit "Mischformen" meint, sind Techniken, die Prinzipien kombinieren: etwa Radierung mit Aquatinta, oder Holzschnitt mit Kaltnadel. Die Formulierung öffnet das Verzeichnis für das, was Künstler tatsächlich tun.
Wer hat den Antrag gestellt, und warum hat das Fachkomitee zugestimmt?
Herbst 2015 reichten das Museum für Druckkunst Leipzig und der BBK Bundesverband gemeinsam den Antrag auf Aufnahme ins Bundesweite Verzeichnis ein. Knapp zweieinhalb Jahre später, im März 2018, entschied ein Fachkomitee von 28 Expertinnen und Experten über die Aufnahme.
Warum diese Kombination? Das Museum für Druckkunst Leipzig, gegründet 1994 in der Nonnenstraße, besitzt laut eigener Sammlungsdokumentation rund 100 funktionierende Maschinen und Pressen sowie etwa 4.000 Schriftarten europäischer und orientalischer Herkunft. Das Museum repräsentiert die institutionelle Seite: Archiv, Geschichte, Erhalt. Der BBK Bundesverband repräsentiert die Gegenwart: mehr als 10.000 Mitglieder, und eine BBK-Erhebung von 2014 ermittelte, dass rund 20.000 der damals 60.000 bei der Künstlersozialkasse gemeldeten Künstler druckgrafisch tätig waren. Das Museum ohne BBK wäre ein historisches Argument ohne lebende Praxis. Der BBK ohne Museum wäre lebende Praxis ohne historisches Fundament.
Das Fachkomitee besteht aus 20 stimmberechtigten und 8 stimmlosen Mitgliedern, wobei diese Struktur die aktuelle ist; die Besetzung zur Entscheidungsrunde 2018 ist dokumentarisch nicht vollständig erfasst. Was die Entscheidungsgrundlage war, lässt sich aus einer indirekten Quelle ableiten: Das Komitee wertete die Drucktechniken als "Kulturform, die durch kreative Weiterentwicklungsmaßnahmen mit künstlerischen Mitteln in die Zukunft getragen wird." Das ist eine Bedingung, keine Beschreibung einer Museumssammlung.
Die Urkundenübergabe folgte am 8. Juni 2018 in Bamberg.
Was schützt der Eintrag, und was löst er nicht aus?
Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes ist kein Schutzinstrument im rechtlichen Sinn. Der Eintrag ist ein Anerkennungsinstrument. Werkstätten können trotzdem schließen, und Fördergarantien gibt es keine.
Deutschland unterzeichnete die UNESCO-Konvention vom 17. Oktober 2003 im Jahr 2013. Kernbegriff der Konvention ist "lebendige Praxis": nur was aktiv ausgeübt, aktiv weitergegeben wird, kann als immaterielles Kulturerbe eingetragen bleiben. Dass zeitgenössische Künstler wie Günther Uecker den Prägedruck ohne Pigment zu einer eigenständigen Bildsprache formten, zeigt den lebendigen Charakter dieser Tradition.
Was der Eintrag praktisch bewirkt: Er ist ein belegbares Argument in Förderanträgen. Wer eine Druckwerkstatt beantragt, ein Vermittlungsprogramm finanzieren möchte oder eine Residenz einrichtet, kann auf den Status verweisen. Keine Garantie, aber ein Hebel.
Dass diese Logik nicht auf Deutschland beschränkt ist, zeigt Österreich. Im Frühjahr 2020 reichte die Druckwerkstatt und Galerie Scheinhaus im oberösterreichischen Gaspoltshofen den Antrag für "Manuellen Bilddruck" ins österreichische Verzeichnis ein; im November 2021 wurde er aufgenommen. Eine einzelne Werkstatt, kein Nationalmuseum, gab den Anstoß. Drei Jahre nach dem deutschen Eintrag, mit derselben Grundlogik: die Praxis ist lebendig, und diese Tatsache verdient eine offizielle Notiz.
Der Eintrag kann außerdem aufgehoben werden, wenn die Begründung wegfällt.
Warum hängt der Status an der lebenden Praxis?
Die UNESCO-Konvention von 2003 definiert immaterielles Kulturerbe über "lebendige Praktiken", nicht über Artefakte. Was in einer Vitrine liegt, ist Objekt. Was Künstlerinnen täglich ausüben und an andere weitergeben, ist immaterielles Erbe. Fällt die Praxis weg, fällt der Status weg.
Den klarsten Beleg liefert ein Beschluss vom 9. Dezember 2025. Die UNESCO nahm in Neu-Delhi den vietnamesischen Dong-Ho-Holzdruck auf ihre Liste des dringend schutzbedürftigen immateriellen Kulturerbes auf. In der Provinz Bac Ninh praktizieren nur noch wenige Familien die rund 500 Jahre alte Technik. Die Dringlichkeitsliste ist das Gegenteil der Repräsentativliste: kein Ausdruck lebendiger Kultur, sondern ein Alarmsignal. Deutschland stand 2018 auf der positiven Seite dieser Unterscheidung, weil die BBK-Erhebung von 2014 rund 20.000 von 60.000 KSK-Künstlern als druckgrafisch tätig auswies. Diese Zahl ist jetzt über zehn Jahre alt. Was sie zeigt, ist die Richtung der Argumentation, nicht ein aktueller Zählerstand.
Die Radiererin Jemma Gunning formuliert es in ihrem Artist Statement direkt: Die Weitergabe stehe im Zentrum ihrer Arbeit, sei es durch Unterrichten, Gemeinschaftsprojekte oder Kooperationen ("Sharing my love of printmaking with others, whether through teaching, community projects, or collaborations, is at the heart of what I do."). Das ist genau das, worauf der Begriff "lebendige Weitergabe" in der Konvention zielt.
Die vier Technik-Familien, die der Eintrag umfasst, werden aktuell von Künstlerinnen ausgeübt, die damit ihren Lebensunterhalt finanzieren. Richard Studer graviert Hirnholz mit Kupferstich-Sticheln für Holzstiche, die unter die Hochdruck-Familie fallen. Jemma Gunning zieht Ätzradierungen auf einer schweren Druckpresse ab, Tiefdruck. Antonia Rebers "Echo Surfaces 1" von 2025 ist ein Siebdruck, Durchdruck, und dokumentiert, dass "traditionelles Handwerk" keine historische Kategorie ist. Von den vier geschützten Technik-Familien sind drei im Programm vertreten. Flachdruck, konkret Lithografie, ist aktuell nicht dabei.
Der Status ist kein Titel auf Lebenszeit. Er gilt, solange Künstler die Techniken ausüben und das Wissen weitergeben.
Wer die vier Druckprinzipien technisch im Zusammenhang verstehen möchte, findet dort die Systematik. Den Unterschied zwischen Originaldruck und digitalem Kunstdruck erklärt eine eigene Seite.
Was ist der Tag der Druckkunst?
Seit 2019 findet jährlich am 15. März der Tag der Druckkunst statt, koordiniert vom BBK Bundesverband. Am 15. März 2026 war die 8. Auflage. In den vergangenen Jahren fanden jeweils rund 400 Veranstaltungen statt, in Werkstätten, Museen, Hochschulen, Galerien.
Warum ein Jahr Abstand zwischen dem Verzeichnisbeschluss (März 2018) und dem ersten Aktionstag (März 2019)? Der Eintrag setzt das Argument. Der Aktionstag macht daraus ein Praxis-Datum. Ein Beschluss braucht Koordination, Kommunikation und eine Struktur, bevor er in rund 400 öffentlichen Veranstaltungen landet. Das Jahr dazwischen war Aufbauzeit.
Was der Aktionstag für die These des Eintrags bedeutet: Die UNESCO-Konvention verlangt, dass immaterielles Kulturerbe aktiv weitergegeben wird, nicht nur ausgeübt. Öffentliche Veranstaltungen, offene Werkstätten, Druckvorführungen sind genau diese Weitergabe. Der Tag der Druckkunst funktioniert in der Praxis als genau die Art von Weitergabe, die die UNESCO-Konvention als Voraussetzung für den Status benennt.
Wer eine Werkstatt in der Nähe sucht, die an solchen Aktionstagen öffnet oder ganzjährig zugänglich ist: der Atlas der Druckwerkstätten verzeichnet öffentlich zugängliche Einrichtungen in ganz Deutschland. Was Druckgrafik als Oberbegriff umfasst und wie Hochdruck, Tiefdruck und Flachdruck darin zusammenhängen, erklärt die Übersicht dort.
Am 8. Juni 2018 übergab eine Staatsministerin in Bamberg zwei Urkunden. Auf einer steht der Name Susanne Richter, auf der anderen Priska Streit. Was die Urkunden nicht sagen: wie lange sie gültig sind. Das entscheiden nicht die Unterzeichner, nicht die Deutsche UNESCO-Kommission. Das entscheiden die Künstler, die morgen früh ihre Ateliers öffnen und die Pressen anwerfen.
Häufige Fragen zum Kulturerbe-Status
Ist Druckkunst ein UNESCO-Welterbe?
Nein. Künstlerische Drucktechniken stehen seit März 2018 im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission. Das ist ein nationales Instrument, kein UNESCO-Welterbetitel. UNESCO-Welterbe bezeichnet materielle Stätten wie Denkmäler und Naturlandschaften. Das immaterielle System läuft auf einer eigenen Liste, der Repräsentativliste. Drucktechniken stehen auf der nationalen Liste des UNESCO Kulturerbes in Deutschland. Ein automatischer Transfer auf die internationale Ebene existiert nicht.
Welche Drucktechniken sind als immaterielles Kulturerbe eingetragen?
Der offizielle Eintragstitel lautet: "Künstlerische Drucktechniken des Hochdrucks, Tiefdrucks, Flachdrucks, Durchdrucks und deren Mischformen." Konkret heißt das: Holzschnitt, Linolschnitt und Holzstich gehören zum Hochdruck. Radierung, Kupferstich, Kaltnadel, Aquatinta zur Tiefdruck-Familie. Lithografie ist der Flachdruck. Siebdruck ist Durchdruck. Alle vier Familien sind gleichberechtigt eingetragen.
Was bringt der Eintrag ins Bundesweite Verzeichnis konkret?
Der Eintrag erzeugt keinen Rechtsstatus, keinen Denkmalschutz, keine automatischen Fördermittel. Er ist ein belegbares Argument in Förderanträgen für Werkstätten, Residenzen und Vermittlungsprogramme. Er macht Drucktechniken sichtbar als lebende, weitergegebene Praxis statt als museale Technikgeschichte. Und er kann zurückgezogen werden, wenn die Praxis abbricht.
Wann ist der Tag der Druckkunst?
Jährlich am 15. März. Der Tag der Druckkunst wird vom BBK Bundesverband koordiniert und fand 2026 zum achten Mal statt. In den vergangenen Jahren beteiligten sich jeweils rund 400 Veranstaltungen: offene Werkstätten, Museen, Hochschulen, Galerien. Wer eine Werkstatt in der Nähe sucht, findet im Atlas der Druckwerkstätten öffentlich zugängliche Einrichtungen in ganz Deutschland.
Quellen und weiterführende Literatur
- Deutsche UNESCO-Kommission, Eintrag Künstlerische Drucktechniken
- Museum für Druckkunst Leipzig, Sammlungsdokumentation
- Monopol Magazin, Künstlerische Drucktechniken als Kulturerbe anerkannt (2018)
- Leipziger Internet Zeitung, Von der Deutschen UNESCO-Kommission ausgezeichnet (Juni 2018)
- UNESCO, Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage (2003)
Zuletzt aktualisiert am 28.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de