Kunst in Hannover

Beim letzten Zinnober-Wochenende öffneten über 60 Kunstorte in Hannover. Wer davon ausgeht, damit seien Sprengel, Kestner und Kunstverein gemeint, liegt ungefähr bei drei von sechzig. Die Kunstszene organisiert sich in geografischen Hubs. Linden hat die höchste Dichte, Hainholz eine Künstlerkolonie seit 1983, die Südstadt mit der Eisfabrik einen der größten Atelierkomplexe. Wer die Galerien in Hannover kennt, kennt erst den Anfang.

Am ersten September-Wochenende klingeln plötzlich Türen, die 363 Tage im Jahr keine Türschilder haben. Hinter einer davon, im Erdgeschoss eines Lindener Altbaus, hängen Radierungen, die du in keinem Museum siehst. Noch nicht, jedenfalls.

Das ist Hannover. Nicht das Hannover aus dem Stadtmarketing, mit Maschsee und Herrenhäuser Gärten. Das Hannover der Industriehöfe und Fabrikgebäude, die seit den 1980ern umgewidmet werden. Werkstätten, Ateliers, Projekträume, Galerien in Hinterhöfen. Die Szene ist größer als die meisten Leute ahnen, weil sie sich nicht laut bewirbt.

Diese Seite ist ein Versuch.

Wo entsteht Kunst in Hannover?

Die ehrliche Antwort: verteilt über mehrere Stadtteile, ohne ein offizielles Zentrum. Wer die Szene als Ganzes verstehen will, denkt besser in geografischen Hubs als in einzelnen Adressen.

Linden-Limmer hat mit Abstand die höchste Dichte. Das Faust-Gelände in Linden-Nord bündelt allein fünf Atelierkollektive auf einem Gelände. Dazu kommen Dutzende Galerien, Projekträume und Werkstätten, die sich entlang des Lindener Markts bis zum Schwarzen Bär erstrecken. In Hainholz gibt es mit der Kornbrennerei eine der ältesten Künstlerkolonien der Stadt. In der Südstadt liegt die Eisfabrik, fast 5.000 Quadratmeter mit Ateliers und mehreren Ausstellungsräumen.

Die genauen Zahlen kommen aus dem Zinnober-Kunstvolkslauf: 2023 öffneten 68 Kunstorte, 2024 waren es 66, 2025 dann 67. Das sind nur die Zinnober-Teilnehmer. Orte, die nicht teilnehmen, zählen nicht mit.

Wer Druckgrafik sucht, findet sie an mehreren dieser Orte: auf dem Faust-Gelände, in der Eisfabrik, und bei spezialisierten Galerien wie Studio Sonsu. Drei Arbeiten aus dem aktuellen Programm:

Bronwen Sleighs Radierungen zeigen Industriearchitektur in einem Zustand zwischen Bauplan und Zerfall. John Simpsons Siebdrucke nehmen sich denselben städtischen Raum vor und reduzieren ihn auf Linie und Rhythmus. Antonia Rebers Echo-Surfaces-Serie dokumentiert Straßenszenen durch Schaufensterscheiben. Viele dieser Arbeiten landen am Ende in Hannoveraner Geschäftsräumen. Wer Praxen oder Kanzleien einrichtet, findet in Druckgrafik eine Alternative, die das Wartezimmer so viel besser macht als das, was sonst dort hängt. Ein praktischer Nebeneffekt: Bei gewerblicher Nutzung ist Kunst unter bestimmten Voraussetzungen steuerlich absetzbar.

Was passiert auf dem Faust-Gelände?

Das Kulturzentrum Faust ist das, was entsteht, wenn eine Fabrik nicht abgerissen wird.

Die ehemalige Bettfedernfabrik Werner & Ehlers in Linden-Nord, Zur Bettfedernfabrik 1+3, wurde 1991 zum Kulturzentrum umgewidmet. FAUST steht für FAbrikUmnutzung und STadtteilkultur. Über 6.300 Quadratmeter, viele davon mit Atelierfenstern.

Auf dem Gelände arbeiten fünf Atelierkollektive. Das Atelier Bettfedernfabrik hat fünfzehn feste Positionen: Malerei, Grafik, Lichtkunst, Performance, international aktiv in England, Japan, Korea, Südamerika. Dazu kommen Atelier Mira e.V. mit derzeit acht Mitgliedern, das Kopflos-Atelier, Atelier 3A und Atelier ex.a.Tö.

Die frühere Kunsthalle Faust, 360 Quadratmeter, hat ihre Rolle gewechselt: Bis Ende 2024 zeigte sie Wechselausstellungen, seit Anfang 2025 wird der Raum als tanzRAUM Faust ganzjährig ausschließlich für den Tanz genutzt, getragen von Landerer & Company und dem FAUST e.V.

2025 erhielt das Kulturzentrum Faust den Applaus-Award für eines der besten Live-Musik-Programme Deutschlands.

Was steckt in Linden-Mitte?

Ein Viertel, das man zu Fuß abläuft, von Lindener Markt bis Schwarzem Bär, wo sich mehr Galerien und Projekträume auf einem Kilometer konzentrieren als in vielen anderen Stadtteilen zusammen.

Die Galerie Falkenberg (Falkenstraße 21A, seit 2001) zeigt zeitgenössische Malerei zwischen narrativ-figurativ und abstrakt. Die Galerie Bohai e.V. am Schwarzen Bär 6 ist ein gemeinnütziger Kunstverein mit Schwerpunkt Fotografie, gegründet 2013. Studio Sonsu (Teichstraße 2) zeigt zeitgenössische Druckgrafik. Metavier an der Minister-Stüve-Straße 14 rundet das Bild ab.

Neben den Galerien gibt es Werkstätten mit offenem Betrieb: Frau Zimmer bietet Siebdruck-Workshops an, Lingling Keramik, Rendzina Kurswerke und Crafting Diversity sind in der Nachbarschaft. Projekträume wie konnektor und der Küchengartenpavillon öffnen unregelmäßig, dafür oft für Eröffnungen, die es wert sind.

Was ist die Kornbrennerei?

Hainholz ist nicht das erste, wo man sucht. Das Viertel wirkt auf den ersten Blick nach Gewerbe und Durchfahrt. Dann kommt, an der Bertramstraße 4, die Kornbrennerei.

Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1878, eine ehemalige Schnapsbrennerei. Seit 1983 ist es ein Atelierkomplex, gegründet von Prof. Siegfried Neuenhausen, einem Bildhauer, der an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig lehrte. Das macht die Kornbrennerei zu einer der ältesten Künstlerkolonien Hannovers.

Was heute dort arbeitet: zwei miteinander verbundene Höfe mit Ateliers, Ausstellungsräumen und einer Galerie. Bildwand und Skulpturen vor dem Eingang. 2011 gewann die Kornbrennerei den Innovationspreis des Fonds Soziokultur. Regulär geschlossen, beim Zinnober offen.

Nicht weit entfernt, an der Schulenburger Landstraße 150-152, arbeiten weitere Ateliergemeinschaften: Studio Akkord, POMP, Atoll und andere. Überwiegend Produktionsorte ohne regulären Publikumsbetrieb.

Was passiert in der Eisfabrik?

Seilerstraße 15, Südstadt. Ein Industriegebäude aus der Gründerzeit, fast 5.000 Quadratmeter. Heute arbeiten dort Künstlerateliers für Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Druckgrafik.

Die festen Künstlerinnen und Künstler beim Zinnober 2025: Inge Marion Petersen, Meike Zopf, Eugen Kunkel, Pepa Salas Vilar, Dietrich Ellßel, Barbara Sowa, plus fünf Gastkünstler. Die GAF, Galerie für Fotografie, ist einer der bekanntesten Ausstellungsorte im Gebäude. Dazu kommt die Weiße Halle, die seit 2024 vom kuratorischen Team KONG bespielt wird.

Was muss man über Sprengel, Kestner und Kunstverein wissen?

Alle drei sind sehenswert. Und alle drei sind der Anfang, nicht das Ganze.

Das Sprengel Museum öffnete 1979, basierend auf der Schenkung von Bernhard Sprengel und seiner Frau Margrit aus dem Jahr 1969. Die Grafik-Sammlung umfasst 19.100 Druckgrafiken und 10.800 Originalarbeiten auf Papier, dazu zwei Ausstellungsräume mit zusammen 450 Quadratmetern und einen Studienraum nach Terminvereinbarung. Das Kurt-Schwitters-Archiv ist dort seit 1994 angesiedelt, die Rekonstruktion des Merzbaus ebenfalls. 2017 wurde es Museum des Jahres (AICA). Wer die Verbindung zwischen Hannover und dem Dadaismus verstehen will, kommt hier nicht vorbei.

Die Kestner Gesellschaft wurde am 31. August 1916 gegründet, unter anderem von Hermann Bahlsen. Benannt nach August Kestner (1777-1853). Im März 1923 zeigte sie El Lissitzkys erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland, ein Schlüsselmoment für den Konstruktivismus in Deutschland. Seit 1997 im ehemaligen Goseriedebad, über 1.300 Quadratmeter Ausstellungsfläche. 1936 endete die Gesellschaft im NS-Staat: Der Vorstand weigerte sich, den Direktor Justus Bier zu entlassen, und die Gesellschaft wurde geschlossen; Bier emigrierte 1937 in die USA.

Der Kunstverein Hannover, gegründet am 3. März 1832 von Bernhard Hausmann und Johann Hermann Detmold, ist einer der ältesten in Deutschland. Er sitzt im Künstlerhaus von 1856, mit zwei Oberlichtsälen, die einzigartig in Deutschland sind. Die Herbstausstellung läuft seit 1907.

Was ist Zinnober, und wann lohnt es sich?

Einmal im Jahr, am ersten September-Wochenende, öffnen die Ateliers und Projekträume, die sonst geschlossen bleiben. Das ist Zinnober, der Kunstvolkslauf. Freier Eintritt. Organisiert vom Kulturbüro der Stadt Hannover.

2023 bis 2025 waren es jeweils 66 bis 68 Kunstorte, über 300 Künstlerinnen und Künstler. 2019 zählte der Zinnober 69 Aussteller. Die Zahlen sind Untergrenzen: Nur Zinnober-Teilnehmer werden gezählt. Die 29. Auflage ist für den 5. und 6. September 2026 angekündigt, mit rund 60 Orten.

Was das konkret bedeutet: An einem Samstag im September kannst du die Kornbrennerei sehen, das Faust-Gelände, die Eisfabrik, dutzende Ateliers in Linden-Mitte und Hainholz. Alles an einem Wochenende, ohne Voranmeldung und kostenlos. Es lohnt sich, früh anzureisen. Das Faust-Gelände allein braucht Zeit.

Wer nicht bis September warten will: Die Galerie Falkenberg und einige andere Orte haben reguläre Öffnungszeiten. Aktuelle Ausstellungen am besten direkt auf den jeweiligen Websites prüfen.

Häufige Fragen

Welche Stadtteile in Hannover sind am stärksten für Kunst?

Linden-Nord und Linden-Mitte haben die höchste Dichte, vor allem rund um das Faust-Gelände und den Lindener Markt. In Hainholz liegt die Kornbrennerei, eine der ältesten Künstlerkolonien der Stadt. Die Eisfabrik befindet sich in der Südstadt. Die großen Institutionen (Sprengel Museum, Kestner Gesellschaft, Kunstverein) liegen in der Innenstadt bzw. in Linden-Mitte.

Was ist das Kulturzentrum Faust in Hannover?

Eine ehemalige Bettfedernfabrik in Linden-Nord, seit 1991 als Kulturzentrum genutzt. Über 6.300 Quadratmeter mit fünf Atelierkollektiven, Veranstaltungshallen, Gastronomie und Bürgerradio. Die frühere Kunsthalle Faust wird seit 2025 als tanzRAUM Faust ganzjährig für den Tanz genutzt.

Was ist Zinnober Hannover?

Ein jährlicher Kunstvolkslauf am ersten September-Wochenende. Ateliers und Projekträume öffnen, die sonst geschlossen sind. Freier Eintritt. 2023 bis 2025 waren es jeweils 66 bis 68 Orte in ganz Hannover, mit über 300 Künstlerinnen und Künstlern. Die 29. Auflage ist für den 5. und 6. September 2026 angekündigt.

Gibt es in Hannover Galerien für Druckgrafik?

Ja. Studio Sonsu (Teichstraße 2) zeigt zeitgenössische Originaldruckgrafik. Das Sprengel Museum hat eine der bedeutendsten Grafik-Sammlungen in Deutschland, mit 19.100 Druckgrafiken.

Wann hat das Sprengel Museum geöffnet?

Das Sprengel Museum hat reguläre Öffnungszeiten (aktuell auf sprengel-museum.de prüfen). Der Studiensaal der Grafik-Sammlung ist seit Februar 2026 wegen der Brandschutzsanierung geschlossen, die Ausstellungsräume bleiben offen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Kulturzentrum Faust, Hannover – Gelände, Ateliers und Programm. kulturzentrum-faust.de
  • Kornbrennerei Hainholz – Geschichte und aktuelle Projekte. kornbrennerei.art
  • Sprengel Museum Hannover, Grafik-Sammlung. sprengel-museum.de/sammlung/grafik
  • Kestner Gesellschaft, Geschichte und Programm. kestnergesellschaft.de
  • ZINNOBER Kunstvolkslauf, Programm und Teilnehmer. hannover.de/Kultur-Freizeit/Museen-Ausstellungen/Bildende-Kunst/ZINNOBER

Zuletzt aktualisiert am 02.07.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlerinnen und Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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