Louise Bourgeois

Als die Tate Modern im Mai 2000 zum ersten Mal ihre Türen öffnete, sahen die Besucher es sofort: eine riesige Spinne aus Stahl, über neun Meter hoch, mit einem Sack voller Marmor-Eier unter dem Leib. Louise Bourgeois war die erste Künstlerin, die für diesen Raum beauftragt worden war. Die Spinne, die sie Maman nannte, wurde zum Markenzeichen, zum Inbegriff von Bourgeois. Die Cells, die begehbaren Rauminstallationen. Bronzegüsse von Maman stehen heute unter anderem in Ottawa und Bilbao. Bourgeois starb am 31. Mai 2010 in New York, 98 Jahre alt.

Was dabei entgeht: Maman war nicht Bourgeois' erste Spinne. Vier Jahre vor der Stahlspinne von 1999, im Jahr 1995, hatte sie neun Mal eine Spinne in die Kaltnadelplatte geritzt. Das Künstlerbuch heißt Ode à ma mère. Kaltnadel, gedruckt von Harlan & Weaver auf Hahnemühle-Papier, herausgegeben von Les Éditions du Solstice in Paris, 90 Exemplare plus 35 hors commerce, dazu eine Mappenfassung von 45 auf Dieu-Donné-Papier. Die Spinne als Muttersymbol steht schon im Text des Buches: Ihre Mutter sei ihre beste Freundin gewesen, "deliberate, clever, patient, soothing, reasonable, dainty, subtle, indispensable, neat and useful as an araignée". Das war kein Einfall der Bronzephase. Das war ein Gedanke, der zuerst auf der Platte arbeitete. Der Druck kam vor der Skulptur. Bourgeois sagte es direkt: "Die Spinne ist eine Ode an meine Mutter. Sie war meine beste Freundin. Wie eine Spinne war meine Mutter eine Weberin." ("The Spider is an ode to my mother. She was my best friend. Like a spider, my mother was a weaver.")

Wer war Bourgeois, bevor die Welt die Spinnen-Bildhauerin kannte? Und was hat sie in den fast vier Jahrzehnten gedruckt, zwischen ihrem ersten Abzug 1938 und dem täglichen Drucken ab Ende der 1980er?

Wo fängt das Werk an?

Louise Bourgeois wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren. Aufgewachsen ist sie in Choisy-le-Roi, südlich der Stadt, wo ihre Eltern eine Gobelin-Restaurierungswerkstatt betrieben. Das Textile war von Anfang an da: Gewebe reparieren, Brüche im Stoff schließen. Die Spinne, die spinnt und webt, verweist auf das Tapisserie-Geschäft der Eltern und auf die Mutter, die Gewebe reparierte.

Sie heiratete den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, und im Oktober 1938 zogen sie gemeinsam nach New York. Bourgeois war 26. Über ihren Mann kam sie schnell in Kontakt mit der New Yorker Kunstwelt.

Was sie kannte, waren Zeichnungen. Und sie fand schnell heraus, wo man in New York drucken lernte. An der Art Students League, wo sie sich 1939 einschrieb, studierte sie Malerei bei Vaclav Vytlacil und Lithografie bei Will Barnet. Barnet war zugleich der Drucker der Schule: Er zog mehrere ihrer frühesten Lithografien ab. Ihr allererster Druck entstand noch davor: St. Germain (1938), eine Offsetlithografie aus einer kommerziellen Druckerei, gedacht als Weihnachtsgrußkarte.

Das war der Anfang. Nicht die Skulptur, nicht der Stahl, nicht die Bronze. Ein Weihnachtsgruß, gedruckt in New York, im Jahr der Ankunft aus Paris.

Was geschah im Herbst 1946?

Im Herbst 1946 begann Bourgeois eine neue Art zu arbeiten. In der Familienwohnung stand eine kleine Druckpresse. Für ihre Radierungen setzte sie stark verdünnte Säure an, damit die Kinder nicht gefährdet wurden. Die Druckgrafik domestizierte sich in ihrer Wohnung: kein separates Atelier, kein institutioneller Abstand, nur die kleine Presse zwischen Familie und Alltag.

Parallel arbeitete sie im Atelier 17, der Tiefdruckwerkstatt von Stanley William Hayter, der seine Werkstatt 1940 von Paris nach New York verlagert hatte. Hayters Werkstatt war der Ort, an dem Bourgeois die handwerkliche Strenge des Tiefdrucks kennenlernte, in einer Werkstatt, die Surrealisten im Exil wie Max Ernst und Joan Miró ebenso anzog wie amerikanische Künstler. In dieser Werkstatt gravierte Bourgeois zwischen Herbst 1946 und 1947 neun Platten für ein Buchprojekt. Sie druckte die Platten selbst. Den Textsatz übernahm die Gemor Press in New York.

Das Buch heißt He Disappeared into Complete Silence. Neun Gravierungen, neun kurze Texte, die Bourgeois Parabeln nannte. Der Dichter Marius Bewley, der eine Einleitung schrieb, nannte sie "winzige Tragödien menschlicher Frustration" ("tiny tragedies of human frustration"). Deborah Wye, die Kuratorin des Museum of Modern Art, überschrieb ihren Essay über Bourgeois als Druckgrafikerin später mit "A Drama of the Self".

Der Kolophon kündigte eine Auflage von 44 nummerierten Exemplaren an, davon die Nummern 1 bis 15 mit Farbzusätzen, dazu 10 mit Buchstaben A bis J bezeichnete Exemplare, die nicht zum Verkauf bestimmt waren, insgesamt also 54 Stück. Diese Auflage hat Bourgeois nie vollständig fertiggestellt. Das Verfahren war Kupferstich: Gravur mit dem Stichel auf der blanken Platte, ohne Säurebad. Drei der neun Blätter tragen zusätzlich Kaltnadel-Passagen.

Das Buch war kein Erfolg. Danach ruhte Bourgeois' Druckgrafik fast vier Jahrzehnte lang weitgehend.

Was passierte in den fast vier Jahrzehnten?

Die Pause ist das Rätsel des Werkverzeichnisses. Nach 1949 wandte sich Bourgeois der Skulptur zu; bis Mitte der 1980er verzeichnet das Werkverzeichnis nur vereinzelte Blätter, darunter die Fotogravüre Femme Maison von 1984. Die Skulpturen liefen weiter. Die Holzarbeiten, die Installations-Vorläufer der späteren Cells, die frühen Figuren. Aber das Druckverfahren ruhte.

Ein Datum markiert den Wendepunkt in Bourgeois' öffentlicher Wahrnehmung: November 1982. Das Museum of Modern Art eröffnete am 3. November 1982 ihre erste Retrospektive, kuratiert von Deborah Wye. Bourgeois war 70 Jahre alt. Die Retrospektive gab ihr das, was vorher gefehlt hatte: ein Publikum, das wirklich da war. Ab Ende der 1980er wurde das Drucken zur täglichen Praxis. Einen Teil der Infrastruktur dafür brachte eine Nachbarin.

Wer war Judith Solodkin?

Mitte der 1970er war Judith Solodkin gerade aus New Mexico nach Manhattan gezogen. Sie lebte in Chelsea und beobachtete ihre Nachbarin auf der Straße: Louise Bourgeois. Sie stellte sich vor.

Solodkin hatte 1975 in New York das Atelier SOLO Impression Inc. gegründet. Sie war die erste Frau, die am Tamarind Institute den Abschluss als Master Printer gemacht hatte. Sie brachte Bourgeois zwei Lithografiesteine zum Zeichnen, mit einem Fettstift. Was dann passierte, hat Solodkin selbst beschrieben: "Ich gab ihr zwei Lithografiesteine, damit sie darauf zeichnen konnte. Und sie ritzte hinein!" ("I took two litho stones and gave them to her, for her to draw on with a grease pencil. And she gouged into them!")

Bourgeois arbeitete physisch, direkt, mit dem Material als Widerstand.

In der Anfangszeit zerriss Bourgeois die Proofs, die Solodkin ihr brachte. "Am Anfang brachte ich ihr Proofs und sie zerriss sie einfach." ("At the beginning I would bring her proofs and she would just tear them up.") Die Zusammenarbeit reichte bis zur Edition des Stoffbuchs Ode à l'Oubli, die Solodkin 2004 produzierte.

1989 kam ein zweiter Name dazu.

Was legt Felix Harlan jeden Abend auf den Tisch?

Felix Harlan und Carol Weaver gründeten Harlan & Weaver 1984 in New York. Die Zusammenarbeit mit Bourgeois begann 1989 und lief bis zum Jahr ihres Todes. Harlan arbeitete mehrere Tage pro Woche im Chelsea-Haus. Mitte der 1990er restaurierte er Bourgeois' alte Druckpresse im Untergeschoss; 2003 kam eine zweite hinzu.

Das Kernritual dieser Jahre lässt sich in einem Satz beschreiben: Bevor Harlan das Haus jeden Tag verließ, legte er frische Proofs in Löschpapier auf Bourgeois' Arbeitstisch. Am nächsten Morgen waren sie bereit für ihre Handergänzungen. Die Druckgrafik war kein Projekt, das man abschloss. Sie war ein täglicher Strom: Probe, Eingriff, neue Probe.

Ein Beispiel dafür ist Sainte Sébastienne (1992), eine Kaltnadel-Radierung, gedruckt von Harlan & Weaver, veröffentlicht von Peter Blum Edition in New York. Die Platte misst rund 99 x 78 cm. Es gibt zwei Versionen: Die erste Platte durchlief zwölf Zustände, die zweite, vergrößerte Platte von 1992 sieben. Auflage: 50 Exemplare plus 10 hors commerce und 5 Printer's Proofs.

Knapp ein Drittel von Bourgeois' gesamtem Druckwerk verantwortete Harlan & Weaver.

Was bleibt, wenn jeder Zustand festgehalten ist?

Louise Bourgeois' Druckgrafik ist ein Lebenswerk, das neben der Skulptur steht, nicht dahinter. Bourgeois war Druckgrafikerin, in zwei Phasen, die zusammen fast sieben Jahrzehnte umspannen.

Anfang der 1990er beschloss Bourgeois, ihr Druckarchiv dem Museum of Modern Art zu schenken: alle Probedrucke in ihrem Besitz, dazu künftig je ein Exemplar jedes neuen Drucks samt seiner Zustände.

2017 veröffentlichte das MoMA den vollständigen digitalen Catalogue Raisonné: 1.487 Kompositionen, 5.411 Bögen.

Warum Druckgrafik, und nicht Malerei, nicht Skulptur? Das Werkverzeichnis des MoMA gibt die Antwort in einem Satz: Es zeige den Schaffensprozess, der sich in ihren Zuständen und Versionen offenbart ("the creative process revealed in her evolving print states and versions").

Die Skulptur zeigt das Ergebnis. Im Druckverfahren ist der Weg noch da, jeder Zustand, jeder Eingriff, jede Überarbeitung. Bourgeois wusste das.

Zu den letzten großen Druckwerken gehört À l'Infini (2008): eine Installation aus 14 Blättern, gedruckt von der nur teilweise eingefärbten Platte der Softground-Radierung Love and Kisses und mit roter Gouache und Aquarell übermalt. Sie starb zwei Jahre später.

Die Besucher in der Turbine Hall fotografieren eine Spinne aus Stahl. Die Kaltnadel-Version derselben Spinne aus Ode à ma mère ist eine andere Sache. Der Grat an der geritzten Linie erzeugt eine samtige, weiche Qualität, aber er nutzt sich unter dem Pressendruck ab. Deshalb bleiben Kaltnadel-Auflagen begrenzt: Ode à ma mère erschien in 90 Exemplaren, dazu 35 hors commerce und eine Mappenfassung von 45.

Die Bronze steht unbegrenzt. Auf dem Papier trägt jedes Exemplar den Zustand der Platte, den es bezeugt. Bourgeois hat beides gebraucht: den großen Stahl für den großen Raum, und die Nadel auf Kupfer für die Geschichte des Gedankens.

Käthe Kollwitz nutzte das Druckverfahren als Hauptmedium ihrer politischen Arbeit. Bourgeois nutzte es Jahrzehnte später, weil im Druck jeder Schritt des Prozesses sichtbar bleibt. Bei beiden lässt sich an den Zustandsdrucken ablesen, wo eine Entscheidung fiel. Die Unterschiede zwischen Original und Reproduktion sind messbar.

Die kleine Presse in der Familienwohnung und der Proof im Löschpapier am Morgen: das war, wo die Arbeit anfing.

FAQ

Wann hat Louise Bourgeois angefangen zu drucken?

Ihr erstes Druckwerk war St. Germain (1938), eine Offsetlithografie, entstanden kurz nach ihrer Ankunft in New York. Das wichtigste frühe Werk war He Disappeared into Complete Silence (1947), mit neun Gravierungen, graviert im Atelier 17. Nach einer Pause von etwa vier Jahrzehnten wurde das Drucken ab Ende der 1980er zur täglichen Praxis.

Was ist "He Disappeared into Complete Silence"?

Ein Künstlerbuch von 1947, mit neun Kupferstichen und neun kurzen Parabeln. Bourgeois gravierte und druckte die Platten selbst im Atelier 17, die Gemor Press übernahm den Textsatz. Der Kolophon kündigte 54 Exemplare an; diese Auflage wurde nie vollständig fertiggestellt. Exemplare liegen heute unter anderem im Museum of Modern Art und im Metropolitan Museum in New York.

Was ist "Ode à ma mère" und warum ist es wichtig?

Ode à ma mère (1995) ist die bekannteste Louise Bourgeois Radierung: ein Künstlerbuch mit neun Kaltnadel-Blättern, gedruckt von Harlan & Weaver, in 90 Exemplaren plus 35 hors commerce, dazu eine Mappenfassung von 45. Das Motiv: die Spinne als Muttersymbol. Das Bedeutsame: Diese Serie entstand 1995, vier Jahre vor der Stahlspinne Maman von 1999, die im Mai 2000 in der Turbine Hall der Tate Modern stand. Die Kaltnadel-Spinne kam vor der Spinne aus Stahl.

Wie viele Werke hat Bourgeois insgesamt hinterlassen?

Das MoMA veröffentlichte 2017 den vollständigen digitalen Catalogue Raisonné mit 1.487 Kompositionen auf 5.411 Bögen. Bereits Anfang der 1990er hatte Bourgeois beschlossen, dem Museum ihr Druckarchiv samt allen Probedrucken zu schenken. Dazu kommen die Skulpturen, Installationen und Zeichnungen eines über sieben Jahrzehnte aktiven Lebenswerks.

Wo kann man Bourgeois-Originale sehen?

Das MoMA in New York verwahrt das Druckarchiv, das Bourgeois dem Museum geschenkt hat, und führt das Online-Werkverzeichnis ihrer Druckgrafik. Die Tate in London besitzt eine Fassung von Maman (1999); zum 25-jährigen Jubiläum der Tate Modern kehrte die Spinne 2025 in die Turbine Hall zurück. He Disappeared into Complete Silence liegt unter anderem im MoMA und im Metropolitan Museum, Ode à ma mère unter anderem im MoMA, im Kunstmuseum Bern und in der Tate.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Museum of Modern Art, Louise Bourgeois: The Complete Prints & Books (Online-Werkverzeichnis: Chronology, Printers & Publishers, Techniques, Werkeinträge zu Ode à ma mère, Sainte Sébastienne, He Disappeared into Complete Silence, Love and Kisses / À l'Infini)
  • Deborah Wye, Louise Bourgeois: An Unfolding Portrait, The Museum of Modern Art, 2017 (Essay online im Werkverzeichnis)
  • Museum of Modern Art, Sammlungseinträge He Disappeared into Complete Silence, first edition (1947) und Ode à Ma Mère (1995); Ausstellungsarchiv Louise Bourgeois, 3. November 1982 bis 8. Februar 1983
  • The Metropolitan Museum of Art, He Disappeared into Complete Silence (Objekt 2024.113)
  • Guggenheim Museum Bilbao, Sammlungseintrag Maman (1999); National Gallery of Canada, Sammlungseintrag Maman (1999, Guss 2003)
  • School of Visual Arts, Stitches and Ink: Judith Solodkin on Her Work with Louise Bourgeois (2017); Tamarind Institute, Timeline 1974 und 1975
  • Wikipedia: Louise Bourgeois (en/de), Maman (sculpture), Tate Modern, Atelier 17
  • Christina Weyl, Atelier 17 Project, Artist Biography Louise Bourgeois

Zuletzt aktualisiert am 06.09.2026.

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