Louise Bourgeois

Als die Tate Modern im Mai 2000 zum ersten Mal ihre Türen öffnete, sahen die Besucher es sofort: eine riesige Spinne aus Stahl, fast zehn Meter hoch, der Bauch gefüllt mit Marmor-Eiern. Louise Bourgeois war die erste Künstlerin, die für diesen Raum beauftragt worden war. Die Spinne, die sie Maman nannte, wurde zum Markenzeichen, zum Inbegriff von Bourgeois. Die Cells, die begehbaren Rauminstallationen. Kopien von Maman stehen heute in Chicago, Ottawa, Bilbao, Tokyo. Bourgeois starb am 31. Mai 2010 in New York, 98 Jahre alt.

Was dabei entgeht: Maman war nicht Bourgeois' erste Spinne. Vier Jahre vorher, 1995, hatte sie neun Mal eine Spinne auf Kupfer geritzt. Die Serie heißt Ode à ma mère. Kaltnadel auf Kupfer, gedruckt auf Dieu-Donné-Papier, 45 nummerierte Exemplare. Die Spinne als Muttersymbol, "deliberate, clever, patient, soothing, reasonable, dainty, subtle, indispensable, neat": das war kein Einfall der Bronzephase. Das war ein Gedanke, der zuerst auf Kupfer arbeitete. Der Druck kam vor der Skulptur. Bourgeois sagte es direkt: "Die Spinne ist eine Ode an meine Mutter. Ihr Beruf waren Tapisserien. Sie war meine beste Freundin." ("The spider is an ode to my mother. Her occupation was tapestries. My mother was my best friend.")

Wer war Bourgeois, bevor die Welt die Spinnen-Bildhauerin kannte? Und was hat sie in den fast vier Jahrzehnten gedruckt, zwischen ihrem ersten Abzug 1938 und dem täglichen Drucken ab Ende der 1980er?

Wo fängt das Werk an?

Louise Bourgeois wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren. Aufgewachsen ist sie in Choisy-le-Roi, südlich der Stadt, wo ihre Eltern eine Gobelin-Restaurierungswerkstatt betrieben. Das Textile war von Anfang an da: Gewebe reparieren, Brüche im Stoff schließen. Was davon in Bourgeois' spätere Spinnen-Motive eingeflossen ist, lässt sich nicht mit Jahreszahlen belegen. Dass es eingeflossen ist, steht außer Frage.

Am 12. September 1938 heiratete sie den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, und im Oktober desselben Jahres zogen sie gemeinsam nach New York. Bourgeois war 26. Sie sprach kaum Englisch. Sie kannte niemanden.

Was sie kannte, waren Zeichnungen. Und sie fand schnell heraus, wo man in New York drucken lernte. An der Art Students League belegte sie Kurse in Malerei, Aktzeichnen und Druckgrafik. Dort traf sie Harry Sternberg (1904–2001), der ihr das Ätzen beibrachte, und Will Barnet, der an der Art Students League als professioneller Drucker arbeitete und mehrere Lithografien für sie abzog. Barnet war kein Lehrer, das ist ein feiner Unterschied. Er druckte, was Bourgeois zeichnete. Das erste Ergebnis war St. Germain (1938–39), eine Offsetlithografie, zunächst als Weihnachtsgrußkarte gedacht.

Das war der Anfang. Nicht die Skulptur, nicht der Stahl, nicht die Bronze. Ein Weihnachtsgruß, gedruckt in New York, ein Jahr nach der Ankunft aus Paris.

Was geschah im Herbst 1946?

Im Herbst 1946 begann Bourgeois eine neue Art zu arbeiten. In der Familienwohnung in Chelsea stand eine kleine Druckpresse. Kupferplatten ätzte sie am Küchentisch. Über Nacht legte sie sie in verdünnte Säure in der Küchenspüle. Die Druckgrafik domestizierte sich in ihrer Wohnung: kein separates Atelier, kein institutioneller Abstand, nur der Küchentisch und die Spüle.

Parallel arbeitete sie im Atelier 17, der Tiefdruckwerkstatt von Stanley William Hayter, der seine Werkstatt 1940 von Paris nach New York verlagert hatte. Hayters Werkstatt war der Ort, an dem Bourgeois die handwerkliche Strenge des Tiefdrucks kennenlernte, in einer Werkstatt, die Surrealisten und Expressionisten gleichermaßen anzog. In dieser Werkstatt, mit der Handpresse, gravierte Bourgeois zwischen Herbst 1946 und 1947 neun Kupferplatten für ein Buchprojekt. Sie druckte die Platten selbst. Typografie und Satz übernahm die Gemor Press in New York, fertiggestellt im Juni 1947.

Das Buch heißt He Disappeared into Complete Silence. Neun Gravierungen, neun kurze Texte, die Bourgeois Parabeln nannte. Der Dichter Marius Bewley, der eine Einleitung schrieb, nannte sie "winzige Tragödien menschlicher Frustration" ("tiny tragedies of human frustration"). Bourgeois selbst sprach von "a drama of the self."

Der Kolophon kündigte eine Auflage von 44 nummerierten und signierten Exemplaren an, davon die Nummern 1 bis 14 von Bourgeois handkoloriert, dazu 10 mit Buchstaben A bis J bezeichnete Exemplare, die nicht zum Verkauf bestimmt waren, insgesamt also 54 Stück. Gefunden wurden bisher zwölf. Die Yale-Beinecke-Bibliothek hält Exemplar Nummer 19. Das Verfahren war Kupferstich: Gravur mit dem Stichel auf der blanken Platte, ohne Säurebad. Zwei der neun Blätter tragen zusätzlich Kaltnadel-Passagen.

Fast niemand sah das Buch. Es ging kaum in den Handel. Und danach druckte Bourgeois fast vier Jahrzehnte lang nichts mehr.

Was passierte in den fast vier Jahrzehnten?

Die Pause ist das Rätsel des Werkverzeichnisses. Von ca. 1950 bis ca. 1985 druckte Bourgeois nicht. Die Skulpturen liefen weiter. Die Holzarbeiten, die Installations-Vorläufer der späteren Cells, die frühen Figuren. Aber das Druckverfahren ruhte.

Ein Datum markiert den Wendepunkt in Bourgeois' öffentlicher Wahrnehmung: November 1982. Das Museum of Modern Art zeigte die erste große MoMA-Retrospektive einer Bildhauerin. Bourgeois war 70 Jahre alt. Die Retrospektive gab ihr das, was vorher gefehlt hatte: ein Publikum, das wirklich da war. Ab Ende der 1980er wurde das Drucken zur täglichen Praxis. Einen Teil der Infrastruktur dafür brachte eine Nachbarin.

Wer war Judith Solodkin?

Mitte der 1970er war Judith Solodkin gerade aus New Mexico nach Manhattan gezogen. Sie lebte in Chelsea und beobachtete ihre Nachbarin auf der Straße: Louise Bourgeois. Sie stellte sich vor.

Solodkin hatte 1975 in New York das Atelier SOLO Impression Inc. gegründet. Sie war die erste Frau, die am Tamarind Institute den Abschluss als Master Printer gemacht hatte. Sie brachte Bourgeois zwei Lithografiesteine zum Zeichnen, mit einem Fettstift. Was dann passierte, hat Solodkin selbst beschrieben: "Ich gab ihr zwei Lithografiesteine, damit sie darauf zeichnen konnte. Und sie ritzte hinein!" ("I took two litho stones and gave them to her, for her to draw on with a grease pencil. And she gouged into them!")

Bourgeois arbeitete physisch, direkt, mit dem Material als Widerstand.

In der Anfangszeit zerriss Bourgeois die Proofs, die Solodkin ihr brachte, kommentarlos. "Am Anfang brachte ich ihr Proofs und sie zerriss sie einfach." ("At the beginning I would bring her proofs and she would just tear them up.") Mehr als zwei Jahrzehnte arbeiteten die beiden zusammen.

1989 kam ein zweiter Name dazu.

Was legt Felix Harlan jeden Abend auf den Tisch?

Felix Harlan und Carol Weaver gründeten Harlan & Weaver 1984 in New York. Die Zusammenarbeit mit Bourgeois begann 1989 und lief bis zum Jahr ihres Todes. Harlan arbeitete mehrere Tage pro Woche im Chelsea-Haus. Mitte der 1990er restaurierte er Bourgeois' alte Druckpresse im Untergeschoss; 2003 kam eine zweite hinzu.

Das Kernritual dieser Jahre lässt sich in einem Satz beschreiben: Bevor Harlan das Haus jeden Tag verließ, legte er frische Proofs in Löschpapier auf Bourgeois' Arbeitstisch. Am nächsten Morgen waren sie bereit für ihre Handergänzungen. Die Druckgrafik war kein Projekt, das man abschloss. Sie war ein täglicher Strom: Probe, Eingriff, neue Probe.

Ein Beispiel dafür ist Sainte Sébastienne (1992), eine Kaltnadel-Radierung, gedruckt von Harlan & Weaver, veröffentlicht von Peter Blum Edition in New York. Die Kupferplatte misst 985 x 783 mm. Es gibt zwei Versionen, und die Platte durchlief sieben dokumentierte Zustände. Auflage: 50 nummerierte Exemplare plus 10 hors commerce.

Knapp ein Drittel von Bourgeois' gesamtem Druckwerk verantwortete Harlan & Weaver.

Was bleibt, wenn jeder Zustand festgehalten ist?

Louise Bourgeois' Druckgrafik ist ein Lebenswerk, das neben der Skulptur steht, nicht dahinter. Bourgeois war Druckgrafikerin, in zwei Phasen, die zusammen fast sieben Jahrzehnte umspannen.

1990 schenkte Bourgeois dem Museum of Modern Art ihre gesamte Druckgrafik-Sammlung: 3.271 Drucke, 27 Jahre bevor der digitale Catalogue Raisonné fertig wurde.

2017 veröffentlichte das MoMA den vollständigen digitalen Catalogue Raisonné: 1.487 Kompositionen, 5.411 Bögen.

Warum Druckgrafik, und nicht Malerei, nicht Skulptur? Bourgeois hat eine Antwort gegeben, die direkt ist: "Im Druckverfahren ist die ganze Geschichte des Schaffensprozesses festgehalten. In der Malerei oder in der Skulptur wäre sie verloren." ("The whole history of the creative process is there. In painting or in sculpture it would be gone.")

Die Skulptur zeigt das Ergebnis. Im Druckverfahren ist der Weg noch da, jeder Zustand, jeder Eingriff, jede Überarbeitung. Bourgeois wusste das.

Das letzte große Druckwerk war À l'Infini (2008): 14 Softground-Radierungen mit Aquarell und Gouache. Bourgeois war 96. Sie starb zwei Jahre später.

Die Besucher in der Turbine Hall fotografieren eine Spinne aus Stahl. Die Kaltnadel-Version derselben Spinne aus Ode à ma mère ist eine andere Sache. Der Grat an der geritzten Linie erzeugt eine samtige, weiche Qualität, aber er nutzt sich schnell ab. Deshalb gibt es 45 nummerierte Exemplare, und nicht beliebig viele.

Die Bronze steht unbegrenzt. Auf dem Papier trägt jedes Exemplar den Zustand der Platte, den es bezeugt. Bourgeois hat beides gebraucht: den großen Stahl für den großen Raum, und die Nadel auf Kupfer für die Geschichte des Gedankens.

Käthe Kollwitz nutzte das Druckverfahren als Hauptmedium ihrer politischen Arbeit. Bourgeois tat es Jahrzehnte später aus einem verwandten Antrieb: Kontrolle über den Prozess. Bei beiden lässt sich an den Zustandsdrucken ablesen, wo eine Entscheidung fiel. Die Unterschiede zwischen Original und Reproduktion sind messbar.

Die Küchenpresse in Chelsea und der Proof im Löschpapier am Morgen: das war, wo die Arbeit anfing.

FAQ

Wann hat Louise Bourgeois angefangen zu drucken?

Ihr erstes Druckwerk war St. Germain (1938–39), eine Offsetlithografie, entstanden kurz nach ihrer Ankunft in New York. Das wichtigste frühe Werk war He Disappeared into Complete Silence (1947), mit neun Gravierungen, graviert im Atelier 17. Nach einer Pause von etwa vier Jahrzehnten wurde das Drucken ab Ende der 1980er zur täglichen Praxis.

Was ist "He Disappeared into Complete Silence"?

Ein Künstlerbuch von 1947, mit neun Kupfergravierungen und neun kurzen Parabeln. Bourgeois gravierte die Platten selbst im Atelier 17, die Druckerei Gemor Press übernahm den Textsatz. Der Kolophon nannte 44 nummerierte Exemplare; bis heute wurden nur zwölf gefunden. Das Buch gilt als einer der seltensten Bourgeois-Drucke überhaupt. Ein vollständiges Exemplar erzielte 2018 bei Christie's New York ca. 300.000 GBP.

Was ist "Ode à ma mère" und warum ist es wichtig?

Ode à ma mère (1995) ist die bekannteste Louise Bourgeois Radierung: eine Serie von neun Kaltnadel-Blättern auf Dieu-Donné-Papier, gedruckt in 45 nummerierten Exemplaren. Das Motiv: die Spinne als Muttersymbol. Das Bedeutsame: Diese Serie entstand 1995, vier Jahre bevor Maman im Mai 2000 in der Turbine Hall der Tate Modern stand. Die Kaltnadel-Spinne auf Kupfer kam vor der Bronze-Spinne aus Stahl. Ein Exemplar (Nr. 19/45) erzielte 2021 bei Phillips New York 68.040 Dollar, deutlich über der Schätzung von 30.000–50.000 Dollar.

Wie viele Werke hat Bourgeois insgesamt hinterlassen?

Das MoMA veröffentlichte 2017 den vollständigen digitalen Catalogue Raisonné mit 1.487 Kompositionen auf 5.411 Bögen. Bereits 1990 hatte Bourgeois dem Museum ihre gesamte Druckgrafik-Sammlung geschenkt: 3.271 Drucke. Dazu kommen die Skulpturen, Installationen und Zeichnungen eines über sieben Jahrzehnte aktiven Lebenswerks.

Wo kann man Bourgeois-Originale sehen?

Das MoMA in New York hält die größte Sammlung ihrer gedruckten Werke. Die Tate Modern in London zeigt regelmäßig Werke, darunter verschiedene Versionen von Maman. Bourgeois-Drucke tauchen bei allen großen Auktionshäusern auf, wobei He Disappeared into Complete Silence und Ode à ma mère zu den gesuchten Titeln gehören.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Museum of Modern Art, Louise Bourgeois: The Complete Prints & Books (Catalogue Raisonné)
  • Yale University, Beinecke Rare Book & Manuscript Library, He Disappeared into Complete Silence (Kolophon-Dokumentation)
  • National Museum of Women in the Arts, Partners in Printmaking: Works from SOLO Impression
  • Tate Modern, The Unilever Series: Louise Bourgeois (Ausstellungsdokumentation 2000)
  • National Gallery of Art, Louise Bourgeois Prints Collection

Zuletzt aktualisiert am 02.06.2026.

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