Kubismus
Kubismus ist eine Kunstrichtung des frühen 20. Jahrhunderts, begründet von Pablo Picasso und Georges Braque ab 1907 in Paris.
Statt einen Gegenstand aus einer Perspektive abzubilden, zerlegten die Kubisten ihn in geometrische Formen und zeigten mehrere Blickwinkel gleichzeitig. Die Bewegung veränderte die westliche Kunst grundlegend und legte den Weg zur Abstraktion.
Dezember 1945, Werkstatt Mourlot, Rue de Chabrol, Paris. Picasso steht vor einem Lithografie-Stein und druckt einen Stier. Realistisch, muskulös, mit Hörnern und Hufen. In den folgenden fünf Wochen druckt er denselben Stier zehn weitere Male, vom selben Stein. Jedes Mal weniger. Die Muskeln verschwinden, die Schatten, dann das Fleisch. Am 17. Januar 1946 ist der Stier ein Linienbild: ein paar Striche, ein Stecknadelkopf, Hörner wie Antennen.
Elf Zustände, ein Stein. Kubistisches Denken in Reinform. Es wird berichtet, dass Apple Picassos Stier-Serie in internen Design-Schulungen nutzt, um genau das zu lehren: Reduktion als Methode, nicht als Verzicht.
Die Stier-Lithografie ist kein Einzelfall. Picasso hat über 2.000 Druckgrafiken geschaffen, mehr als jeder andere Künstler des 20. Jahrhunderts. Braque experimentierte parallel zu seinen kubistischen Gemälden mit Radierungen und Lithografien. Kubismus wird fast immer als Malerei-Geschichte erzählt. Dass die Kubisten genauso ernsthaft gedruckt haben, wird selten erwähnt.
Was ist Kubismus?
Der Kritiker Louis Vauxcelles schrieb 1908 über Braques Landschaften, sie bestünden aus kleinen Kuben. Er meinte das nicht als Lob. Picasso und Braque übernahmen den Begriff trotzdem. Ausgangspunkt waren Paul Cézannes Landschaften aus der Provence: Berge und Häuser vereinfacht zu Farbflächen, ein Weg jenseits der Zentralperspektive. Cézannes Rat, die Natur anhand von Zylinder, Kugel und Kegel zu behandeln, wurde zur inoffiziellen Formel des Kubismus.
Kunsthistorisch teilt man den Kubismus in zwei Phasen. Der analytische Kubismus (ca. 1908–1912) zerlegte Motive in kleinteilige Facetten. Die Farbpalette schrumpfte auf Braun-, Grau- und Ockertöne, weil Farbe vom eigentlichen Experiment abgelenkt hätte: der Zerlegung der Form. Die Bilder dieser Phase sind oft schwer zu lesen. Gitarren, Flaschen, Gesichter lösen sich in ein Feld aus Splittern auf.
Der synthetische Kubismus (ab ca. 1912) drehte den Prozess um. Statt einen Gegenstand zu zerlegen, bauten Picasso, Braque und Juan Gris Bilder aus Fragmenten auf: Zeitungsausschnitte, Tapetenstücke, Sand, Sägespäne. Braque klebte im September 1912 als Erster ein Stück Holzmaserungspapier auf eine Zeichnung und schuf damit das erste papier collé. Die Bilder wurden flacher, farbiger und lesbarer. Buchstaben tauchten auf, Logos, Spielkarten. Die Wirklichkeit kam zurück, aber als Material, nicht als Abbildung.
Warum haben die Kubisten gedruckt?
Picasso erwarb 1907 seine erste Druckpresse. Im selben Jahr malte er die Demoiselles d'Avignon. Die Presse stand also von Anfang an neben der Staffelei. 1910 schuf er vier Radierungen für Max Jacobs Gedichtband Saint-Matorel. Die Radierung La Table zeigt ein Tischstillleben, das sich in ein Netz aus Linien und Winkeln auflöst. Kunsthistoriker beschreiben sie als "großen Sprung im kubistischen Vokabular".
Warum Druckgrafik? Weil das Medium dem kubistischen Denken entgegenkam. Die Radierplatte kennt keine weichen Farbverläufe wie die Ölmalerei. Wer auf Kupfer radiert oder in Holz schneidet, muss vereinfachen. Im Linolschnitt ging Picasso noch weiter und nutzte die Reduktionsmethode, bei der ein einzelner Block für alle Farben dient. Eine praktische Einführung in das Verfahren gibt es auf der Seite Linoldruck-Anleitung. Die Collage-Technik, die Picasso und Braque ab 1912 mit Papiers collés etablierten, fand zehn Jahre später mit Kurt Schwitters eine konsequente Weiterführung in den MERZ-Arbeiten.
Braque ging den gleichen Weg. Zwischen 1907 und 1912 schuf er 12 kubistische Radierungen, in denen Konturen sich nicht zu vollständigen Umrissen schließen. Statt Gegenstände zu umreißen, legte er Kreuzschraffuren und Plattentöne übereinander, bis eine räumliche Schichtung entstand, die weder Zeichnung noch Malerei war. Dora Valliers Werkverzeichnis von 1982 dokumentiert rund 300 Kompositionen, spätere Kataloge zählen mehr.
Welche Merkmale hat kubistische Kunst?
Wer nach Kubismus-Merkmalen fragt, bekommt fast immer dieselbe Antwort: Zerlegung. Das stimmt, greift aber zu kurz.
Fragmentierung und Multiperspektive. Ein kubistisches Porträt zeigt Nase von vorn und Profil gleichzeitig. Ein Stillleben kombiniert Draufsicht und Seitenansicht in derselben Komposition. Das Bild zeigt nicht, wie ein Gegenstand aus einem Winkel aussieht, sondern was man über ihn weiß: seine Form, seine Rückseite, sein Gewicht.
Geometrische Reduktion. Gesichter werden zu Dreiecken und Ovalen, Körper zu Zylindern, Gebäude zu gestapelten Kuben. Fernand Léger trieb das so weit, dass Kritiker seine Variante als "Tubismus" bezeichneten: Menschen und Maschinen aus Röhren und Walzen.
Collage und papier collé. Ab 1912 klebten Braque und Picasso echte Materialien auf die Bildfläche. Zeitungspapier, Tapete, Spielkarten, Sand. Die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit wurde nicht verwischt, sondern aufgehoben.
Welche Künstler prägten den Kubismus?
Die zentralen Kubismus-Künstler arbeiteten in Paris, zwischen 1907 und den frühen 1920er-Jahren. Der harte Kern war klein.
Pablo Picasso (1881–1973) und Georges Braque (1882–1963) entwickelten den Kubismus gemeinsam. Picasso kam vom Figurativen, Braque vom Fauvismus. Zusammen arbeiteten sie zwischen 1908 und 1914 wie ein Forschungslabor: Sie malten dieselben Motive, verglichen die Ergebnisse und signierten zeitweise nicht, um die Urheberschaft offen zu lassen. Der Erste Weltkrieg beendete die Zusammenarbeit: Braque wurde eingezogen, Picasso als Spanier nicht.
Juan Gris (1887–1927) kam als Grafiker nach Paris und zeichnete zunächst für satirische Magazine. Sein Kubismus war systematischer: klarere Farben, strengere Geometrie, mathematischer im Aufbau. Die Stillleben aus den 1910er-Jahren gehören zu den am besten lesbaren kubistischen Bildern.
Fernand Léger (1881–1955) und Robert Delaunay (1885–1941) trieben den Kubismus in entgegengesetzte Richtungen. Léger baute seinen eigenen Kubismus um Zylinder und Industrieformen. Delaunay löste sich früh vom analytischen Kubismus und entwickelte den Orphismus: reine Farbkreise und Kreissegmente, die ohne Gegenstand auskommen. Der Kubismus als Weg zur abstrakten Kunst zeigt sich bei Delaunay am deutlichsten.
Marcel Duchamp begann als Kubist, bevor er mit dem Readymade die Kunstwelt auf den Kopf stellte. Sein Akt, eine Treppe herabsteigend (1912) zerlegte Bewegung in kubistische Facetten und wurde in den USA zum Skandal. Vom Kubismus zum Dadaismus war es für Duchamp nur ein Schritt.
Auch am Bauhaus hinterließ der Kubismus Spuren: Lyonel Feiningers Holzschnitte zerlegen Architektur in prismatische Flächen, die ohne den Kubismus undenkbar wären. Zeitlich parallel arbeiteten die Expressionisten mit dem Holzschnitt, aber mit anderem Ziel: Wo die Kubisten zerlegten, verzerrten die Expressionisten.
Welche Werke sind typisch für den Kubismus?
Picassos Demoiselles d'Avignon (1907) gilt als Ausgangspunkt: fünf Frauenfiguren, geometrisch verzerrt, mit Masken-Gesichtern. Braques Häuser in L'Estaque (1908) reduzierte eine provenzalische Landschaft auf gestapelte Kuben. Juan Gris' Stillleben mit kariertem Tischtuch (1915) zeigt Alltagsgegenstände als Collage aus Farbe und Zeitungspapier. In der Druckgrafik zählt Picassos Suite Vollard — 100 Radierungen, entstanden 1930–1937 — zu den bedeutendsten druckgrafischen Werken des Kubismus. Zeitgenössische Druckgrafik arbeitet bis heute mit verwandten Prinzipien.
Warum haben Kubisten so viel gedruckt?
Picasso: über 2.000 Druckgrafiken. Braque: je nach Werkverzeichnis 300 bis über 1.000 Kompositionen. Juan Gris war Grafiker, bevor er Kubist wurde. Die technischen Grenzen der Druckplatte zwangen zu Entscheidungen, die der kubistischen Methode entsprachen.
Was kam nach dem Kubismus?
Der Kubismus war kein Endpunkt, sondern ein Durchgang. Aus der kubistischen Zerlegung der Form entwickelten sich der Konstruktivismus, De Stijl und die geometrische Abstraktion. Die Collage-Technik wirkte über den Dadaismus bis in die Pop Art. Duchamp führte den kubistischen Zweifel an der Darstellung ins Konzeptuelle. Die meisten großen Strömungen der Moderne — bis hin zur zeitgenössischen Kunst — wären ohne den Bruch, den der Kubismus vollzog, kaum denkbar.
Ist Kubismus abstrakte Kunst?
Nicht im strengen Sinn. Kubistische Bilder zeigen erkennbare Gegenstände — Gitarren, Flaschen, Gesichter — nur aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig zerlegt. Die Grenze zur Abstraktion wurde trotzdem fließend: Im analytischen Kubismus lösten sich die Motive so weit auf, dass sie kaum noch lesbar waren. Der Kubismus öffnete den Weg zur abstrakten Kunst, war aber selbst noch an den Gegenstand gebunden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Tate – Cubism: Glossareintrag zu Entstehung, Phasen und Künstlern des Kubismus. https://www.tate.org.uk/art/art-terms/c/cubism
- Museum of Modern Art New York – Picasso, Braque, Gris und Léger in der MoMA-Sammlung. https://www.moma.org
- Musée national Picasso-Paris – Sammlung und Forschung zu Picassos Druckgrafik und kubistischem Werk. https://www.museepicassoparis.fr
- Wikipedia (weiterführend): Kubismus – Überblick zu analytischem und synthetischem Kubismus. https://de.wikipedia.org/wiki/Kubismus