Skandinavische Bilder: Die Drucktradition hinter dem Design-Label

"Skandinavische Kunst" führt im heutigen Suchraum vor allem zu einem Möbel- und Deko-Look, den die US-Wanderausstellung "Design in Scandinavia" ab 1954 international populär machte. Die tatsächliche norwegische Drucktradition ist sechzig Jahre älter, und sie hat drei konkrete Namen: Edvard Munch, Nikolai Astrup und den bis heute in Lillehammer arbeitenden Kjell Bendiksen.

Ein Blatt Papier aus Japan, dünn wie Seidenpapier, mit fünf Farbschichten übereinander: Schwarz, Blau, Grau, Orange, Rot. Zwei Drucktechniken liegen auf derselben Fläche, eine vom lithografischen Stein, eine vom Holzblock, obwohl beide eigentlich getrennte Werkstattwelten sind. Edvard Munch nannte das Blatt Vampyr II. Es hängt heute im Museum of Modern Art in New York. Wer das Werkverzeichnis dazu aufschlägt, findet zehn dokumentierte Zustände zwischen 1895 und 1902, wie Gerd Woll sie für dieses Blatt verzeichnet. Sieben Jahre, zwei kombinierte Verfahren, ein einziges Motiv, das für Munch offenbar nie fertig war. Das ist die norwegische Drucktradition, die der heutige Suchbegriff skandinavische Bilder verdeckt.

Warum brauchte Edvard Munch sieben Jahre für ein einziges Blatt?

Ende 1894 sitzt Munch in der Werkstatt des Berliner Druckers L. Angerer und beginnt mit Radierung und Kaltnadel.

Edvard Munch, Im Gehirn des Mannes, 1897, Druckgrafik aus der Berliner Werkstattphase
Edvard Munch, Im Gehirn des Mannes, 1897. Public Domain.

Ein Jahr später kommt die Lithografie dazu, 1896 der erste Holzschnitt. Drei Techniken in rund vierundzwanzig Monaten: Munch eignete sich das Drucken als zweites Medium neben der Malerei an.

Vampyr II gehört in diese Phase, auch wenn Munch das Blatt erst 1902 fertigstellt. Was 1895 als reine Lithografie beginnt, verwandelt sich über zehn Zustände in einen Kombinationsdruck aus Stein und Holzblock. Jeder neue Zustand bedeutet einen weiteren Eingriff, erst am Stein, dann am Holzblock, bis beide Verfahren auf einem Blatt zusammenlaufen. Es ist die Methode.

Wie umfangreich dieses Drucken am Ende wurde, zeigt die Arbeit von Gerd Woll, Chefkuratorin für Grafik am Munch-Museum Oslo. Für ihr Werkverzeichnis studierte sie fünfzehn Jahre lang 17.000 Blätter im Munchmuseet und weitere 6.000 Abzüge in Sammlungen weltweit, bevor sie 748 einzelne grafische Werke katalogisieren konnte. Fünfzehn Jahre, um ein einziges Œuvre vollständig zu erfassen. Wer "skandinavisch" mit einem Satz erledigt, hat diese Größenordnung nicht im Blick.

Seit dem 1. Januar 2015 sind Munchs Werke in der EU gemeinfrei, siebzig Jahre nach seinem Tod. Jeder könnte diese Blätter kostenlos reproduzieren, in beliebiger Auflage. Dass kaum ein Postershop das tut und stattdessen anonyme Deko-Motive unter demselben Suchbegriff verkauft, sagt mehr über den Markt als über Munch.

Das Etikett, das ihre Suche heute prägt, kommt nicht aus dieser Werkstatt. Es entsteht sechzig Jahre später, an einem Ort ohne einen einzigen Radierstichel.

Wie wurde "skandinavisch" 1954 zum Design-Etikett?

1954 eröffnet am Virginia Museum of Fine Arts in Richmond die Wanderausstellung "Design in Scandinavia".

Edvard Munch, Melancholie, 1896, Druckgrafik aus derselben Werkstattphase wie Vampyr II
Edvard Munch, Melancholie, 1896. Public Domain.

Sie zeigt Möbel, Textilien und Gebrauchsgegenstände aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland und tourt danach dreieinhalb Jahre lang durch die USA und Kanada. Der Begriff "Scandinavian Design" etabliert sich in diesen dreieinhalb Jahren international, auf einer Ausstellungstour, nicht in einer Künstlerwerkstatt.

2016 entsteht mit Japandi ein zweites Kofferwort, das dieselbe Formsprache noch einmal neu verpackt, diesmal kombiniert mit japanischer Ästhetik. Die Logik bleibt dieselbe: ein Wort für Möbel und Wohnaccessoires, keines für ein Blatt Papier mit zehn Zuständen.

Wabi Sabi selbst ist kein weiteres Fusionswort, sondern ein eigenständiges japanisches Ästhetik-Konzept, das seit den 2010er-Jahren im selben reduzierten Wohnstil-Kontext auftaucht wie Skandinavisch. Und weil beides nach Aufgeräumtheit aussieht, wird skandinavisches Design im Netz oft mit minimalistischer Kunst verwechselt, einer Kunstbewegung der 1960er-Jahre, die mit Wohnzimmer-Ästhetik nichts zu tun hat. In beiden Fällen bleibt es ein Wohnstil-Etikett, kein kunsthistorischer Befund.

Während amerikanische Ausstellungsmacher 1954 ein neues Wort prägten, saß vierzig Jahre zuvor bereits ein anderer Norweger mit dem Pinsel vor einem Holzblock, weit weg von jedem Museum.

Wie druckte Nikolai Astrup seine eigene Landschaft?

Nikolai Astrup, 1880 bis 1928, norwegischer Maler und Grafiker aus Jølster in Vestlandet, entwickelte für seine Heimatregion einen eigenen, mehrblockigen Farbholzschnitt-Stil.

Vier Druckblöcke pro Farbdruck waren bei ihm der Standard, für "Milling Weather" existieren sechs. Astrup trug gewöhnliche Ölfarbe meist mit dem Pinsel auf den Block auf, wie ein Maler auf Leinwand, nicht wie ein Drucker auf eine Walze.

Diese Pinselarbeit bleibt nach dem Druck sichtbar, so durchgängig, dass sich Astrups eigene Abzüge von Abzügen unterscheiden lassen, die andere später von denselben Blöcken gezogen haben.

1901 sieht Astrup in Paris zum ersten Mal japanische Holzschnitte, ab 1914 macht er den Holzschnitt zu seinem Hauptmedium, im Mai 1918 zeigt er die erste eigene Holzschnitt-Ausstellung in Kristiania. International bleibt er trotzdem lange praktisch unbekannt. Erst vom 5. Februar bis 15. Mai 2016 zeigt die Dulwich Picture Gallery in London mit "Nikolai Astrup: Painting Norway" über neunzig Gemälde und Drucke, seine erste große Ausstellung in London.

Ein Künstler, dessen Werk erst 2016 in London eine große Bühne bekommt, zeigt, wie viel von der norwegischen Bildtradition am Design-Wort vorbeigeht. Astrups Prinzip, dass die eigene Hand jeden Abzug unverwechselbar macht, klingt nach einer Fußnote der Kunstgeschichte. Ein Grafiker in Lillehammer führt es bis heute fort, mit einem Material, das Astrup nicht kannte.

Warum ist bei Kjell Bendiksen jeder Handdruck ein eigenes Original?

Kjell Bendiksen wird 1948 in Bergen geboren und lebt heute in Lillehammer. Er studierte an der School of Art and Craft und der Academy of Fine Arts in Oslo.

Kjell Bendiksen, Topografisk Portrett
Kjell Bendiksen, Topografisk Portrett.

Bendiksen arbeitet vor allem im Tiefdruck. In seinen Polymerätzungen wecken die Motive Assoziationen, mal figurativ, mal abstrahierend, und in den jüngeren Arbeiten ist der Einsatz von Farbe deutlich stärker geworden.

Daneben arbeitet er mit Monotypie: Eine große Zahl von Platten läuft in verschiedenen Druckgängen durch dieselbe Presse, bis sich das Motiv aufbaut. Jedes Blatt entsteht von Hand an der Presse, in sehr kleinen Auflagen, handsigniert und nummeriert.

Zu den jüngeren Arbeiten gehört eine Reihe von Elementdrucken zu Henrik Ibsens "Peer Gynt" von 1867, der Geschichte eines rastlosen Wanderers, der aus den Bergen des Gudbrandsdals aufbricht und am Ende heimkehrt. Bendiksen schuf sie für die Peer-Gynt-Ausstellung im August 2024 in Gålå, wo das Stück alljährlich als Freilichtspiel aufgeführt wird. Statt einzelne Szenen nachzuerzählen, überträgt er die Stimmungen des Stoffs in eine offene, abstrahierende Bildsprache.

Die Handarbeit an der Presse ist derselbe Gedanke, der schon Munchs Zustandsfolge und Astrups Pinselarbeit trägt: Die Hand bleibt im Blatt sichtbar, keine dieser Techniken ist mechanische Reproduktion. Der Unterschied zwischen Original und Kunstdruck zeigt sich hier im Prozess selbst, nicht erst im fertigen Bild.

Bendiksen hat vielfach in Norwegen ausgestellt und außerdem an internationalen Ausstellungen und Biennalen in England, Deutschland, Finnland, Italien, Serbien und Griechenland teilgenommen. Seine Arbeiten befinden sich in mehreren norwegischen öffentlichen Sammlungen und Museen.

Bendiksens Werkstatt in Lillehammer setzt damit dieselbe norwegische Drucktradition fort, die mit Munch begann.

Was verbindet ein Blatt im MoMA mit einer Werkstatt in Lillehammer?

Das Blatt aus New York brauchte sieben Jahre, weil für Munch "fertig" kein fester Zustand war, sondern eine technische Verhandlung mit dem Material: Stein, dann Holz, dann beides zusammen. Zwei Systeme entfernt, in einer anderen Sprache, mit anderem Material, führt ein lebender Grafiker in Lillehammer eine ähnliche Verhandlung weiter.

Edvard Munch, Das Kranke Kind, 1896, Druckgrafik
Edvard Munch, Das Kranke Kind, 1896. Public Domain.

Bei Bendiksen gilt dieselbe Logik in neuem Material: Fertig ist ein Blatt erst, wenn die letzte Platte durchgelaufen ist.

Ob der Unterschied zwischen dieser Linie und einem Poster mit dem Wort "skandinavisch" darauf beim bloßen Betrachten überhaupt noch auffällt, lässt sich von hier aus nicht beantworten. Der Unterschied liegt nicht im Blick von der anderen Straßenseite, sondern in der Frage, wie das Blatt entstanden ist: aus einer Presse, die dieselbe Platte in kleiner Auflage von Hand durchlaufen lässt, oder aus einer Druckerei, die tausend identische Exemplare produziert. Beides sieht aus der Ferne nach Landschaft aus. Nur eines von beiden hat eine Werkstattgeschichte.

Wie kommt ein Original aus Norwegen an deine Wand?

Jedes Blatt kommt mit Angaben zu Papier, Auflage und Signatur, die Rahmung lässt sich direkt bei der Bestellung dazuwählen. Für Versand und Rückgabe gelten die üblichen Bedingungen der Galerie.

Munchs und Astrups Drucke bleiben Museumsstücke, aber die norwegische Linie, in der sie stehen, lässt sich weiterverfolgen: Bendiksens Drucke sind aktuell die einzigen Werke im Sortiment, die tatsächlich aus Norwegen stammen. Seine Blätter findest du im Kjell-Bendiksen-Sortiment.

Häufige Fragen

Was ist skandinavische Kunst eigentlich?

"Skandinavische Kunst" wird heute meist synonym mit einem Möbel- und Wohndesign-Trend verwendet, der 1954 durch die US-Wanderausstellung "Design in Scandinavia" international bekannt wurde. Die norwegische Druckgrafik-Tradition reicht deutlich weiter zurück: bis zu Edvard Munchs Radierungen, Lithografien und Holzschnitten ab 1894, Nikolai Astrups Farbholzschnitten ab 1914 und der bis heute aktiven Werkstatt von Kjell Bendiksen in Lillehammer.

Warum gilt Edvard Munch als skandinavischer Künstler?

Munch wurde 1863 in Norwegen geboren und starb 1944 in Oslo. Seine druckgrafische Laufbahn begann Ende 1894 in einer Berliner Werkstatt, sein Œuvre umfasst laut dem Werkverzeichnis von Gerd Woll 748 katalogisierte Druckwerke. Von den ersten Berliner Radierungen bis zum Laubsägeverfahren im Holzschnitt entwickelte Edvard Munch über Jahrzehnte ein umfangreiches druckgrafisches Werk.

Was unterscheidet skandinavische Poster von Original-Druckgrafik?

Skandinavische Poster sind industrielle Reproduktionen in unbegrenzter Auflage, meist ohne Bezug zu einem konkreten Künstler oder einer Technik. Original-Druckgrafik wie eine Radierung oder ein Holzschnitt entsteht von Hand, in limitierter, handsignierter Auflage. Wie sich eine handsignierte, limitierte Radierung technisch und im Wert von einem industriellen Massendruck unterscheidet, zeigt der Vergleich von Original und Kunstdruck.

Wer ist Kjell Bendiksen?

Kjell Bendiksen, geboren 1948 in Bergen, lebt und arbeitet in Lillehammer. Er studierte an der School of Art and Craft und der Academy of Fine Arts in Oslo und arbeitet heute vor allem im Tiefdruck: mit Polymerätzungen, Monotypie und, in seiner jüngeren Peer-Gynt-Serie, mit Elementdrucken. Seine Kollektion ist seit dem 6. Juni 2026 im Sortiment von Studio Sonsu vertreten.

Wo finde ich skandinavische Bilder als Original, nicht als Poster?

Bei Studio Sonsu ist Kjell Bendiksen aktuell der einzige Künstler mit norwegischer Herkunft im Sortiment. Seine Originale aus Norwegen findest du im Kjell-Bendiksen-Sortiment.

Was kosten Bendiksens Originale bei Studio Sonsu?

Der Preis hängt vom Format, der Technik und der Auflagenhöhe ab, wie bei jedem Original im Sortiment. Bendiksens Drucke bewegen sich, wie das gesamte Sortiment von Studio Sonsu, zwischen 100 und 2.220 Euro: kleinere Formate in etwas größerer Auflage liegen eher am unteren, große, klein aufgelegte Blätter eher am oberen Ende dieser Spanne. Die genauen Preise der aktuell verfügbaren Werke findest du im Sortiment von Kjell Bendiksen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Gerd Woll, Edvard Munch: The Complete Graphic Works (Werkverzeichnis des druckgrafischen Œuvres)
  • Museum of Modern Art und Harvard Art Museums, Sammlungsdokumentation zu Edvard Munchs Vampyr II
  • KODE Kunstmuseer Bergen, Werk- und Technikdokumentation zu Nikolai Astrup
  • Dulwich Picture Gallery, Nikolai Astrup: Painting Norway (Ausstellung, 2016)
  • Virginia Museum of Fine Arts, Design in Scandinavia (Wanderausstellung, 1954)

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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