Wassily Kandinsky
Wassily Kandinsky (1866–1944) gilt als einer der ersten Maler, die den Schritt in die vollständige Gegenstandslosigkeit vollzogen haben. Sein Weg dorthin war nicht geradlinig: Abstraktion entstand für ihn nicht als theoretischer Beschluss, sondern als langsam wachsendes Ergebnis in Öl, Holz und Sprache gleichzeitig. Der Blaue Reiter, Über das Geistige in der Kunst, die Bauhaus-Jahre in Weimar und Dessau: das sind die Stationen, die die meisten kennen. Was dabei weniger Aufmerksamkeit bekommt, ist an anderer Stelle sichtbar.
Murnau, Sommer 1911. Kandinsky arbeitet seit Jahren daran, die Figur aus seinen Bildern zu drängen, das Gegenständliche abzutragen, bis das, was an Farbe und Form übrig bleibt, für sich selbst sprechen kann. In dieser Zeit entsteht im bayerischen Voralpenland eine Reihe von Arbeiten, die zeigen, wie Abstraktion nicht als Einfall entsteht, sondern als Reduktion: durch die Entscheidung, immer mehr wegzulassen. Die Gemälde des Jahres 1911, Improvisationen und frühe Kompositionen, zeigen Formen, die man noch als Landschaft oder Figur lesen könnte, aber nicht mehr muss. Kandinsky schreibt in dieser Zeit in Über das Geistige in der Kunst: dass Form und Farbe direkt auf die Seele wirken können, ohne den Umweg über den erkannten Gegenstand.
Aber er sitzt nicht nur an der Leinwand. Er hält ein Messer und schnitzt Holz. Vor ihm liegt eine Buchseite mit einem schwarzen Fleck, der einmal ein Reiter war und jetzt kaum noch einer ist. Die Mappe wird Klänge heißen. Dieser Moment, das Holzschnitt-Messer in der Hand eines Malers, der gleichzeitig in Öl und in Sprache denkt, ist der Einstiegspunkt für ein druckgrafisches Werk, das die Wenigsten kennen und das die Frage, wie Abstraktion entsteht, am deutlichsten sichtbar macht.
Was geschah im Sommer 1911 in Murnau?
Im Jahr 1911 fällt vieles zusammen.
Im Dezember 1911 erscheint bei R. Piper & Co. in München das Traktat Über das Geistige in der Kunst, im Untertitel: "insbesondere in der Malerei; mit acht Tafeln und zehn Originalholzschnitten". Das Buch trägt Kandinskys Holzschnitte als eigenständige Beilagen: nicht Reproduktionen, sondern gedruckte Originale, mit der Hand in Holz geschnitten. Der Traktat ist also selbst ein Druckgrafik-Werk.
Im Mai 1912 erscheint der Blaue Reiter Almanach bei Piper, in einer Auflage von rund 1.100 Exemplaren, finanziert von Bernhard Koehler, einem Berliner Industriellen, der Kandinsky und Marc seit 1911 materiell unterstützte. Den Blauen Reiter haben Kandinsky und Franz Marc 1911 in München gegründet: keine Galerie, kein Programm, fast kein gemeinsamer Stil außer einem: Farbe und Form als direkte Seelensprache.
Und dann ist da noch die Mappe. Ende 1912 erscheint Klänge bei R. Piper & Co. in München. Sie enthält 38 Prosagedichte, geschrieben zwischen 1909 und 1911, und 56 Holzschnitte, davon 47 allein aus dem Jahr 1911.
Traktat, Almanach, Mappe. Wer fragt, was in diesem Sommer in Murnau geschah, bekommt keine einzelne Antwort. Er bekommt einen einzigen Durchbruchsmoment, der in verschiedenen Materien gleichzeitig aufflammt.
Das Schneiden im Holz reicht weit vor Murnau zurück, in Kandinskys erste Münchner Jahre.
Wo hat Kandinsky angefangen zu arbeiten?
Kandinsky kam nicht als Maler nach München. Er kam als Jurist, der sich mit fast dreißig Jahren entschied, Malerei zu studieren. Die Holzschnitt-Praxis, die er dort aufbaute, geht auf seine erste Zeit in der Stadt zurück: Ab 1902 entstehen in München seine ersten Holzschnitte.
Ein Jahr später, 1903, entsteht sein erstes Holzschnitt-Portfolio: Verses Without Words, russisch Stichi bez slov. Zwölf Holzschnitte auf dunklem Karton, gedruckt an der Stroganov-Akademie in Moskau. Die Motive: Nacht, Rosen, eine Jagd, Zuschauer, ein Bergsee, ein altes Dorf. Russische Volksbild-Atmosphäre, figurativ, mit Jugendstil-Randornament. Das sind keine Experimente mit Abstraktion: das ist ein Künstler, der das Medium kennt und benutzt.
Die frühen Blätter aus Verses Without Words zeigen noch jemanden, der Bilder erzählt. Ein Reiter ist ein Reiter, eine Landschaft ist eine Landschaft.
Das ändert sich in den Jahren, die folgen. 1907 entstehen vier Holzschnitte, die Kandinsky später in die Mappe Klänge aufnehmen wird: Blätter mit Reitern und mythischen Figuren, noch figurativ, noch lesbar. Aber sie sind der Anfang einer Serie, die sich in den folgenden Jahren bis zur Unkenntlichkeit verwandeln wird. Wann und wie das geschah, lässt sich Blatt für Blatt verfolgen, fast wie im Zeitraffer.
Wie verschwindet ein Reiter aus einem Bild?
56 Holzschnitte, entstanden zwischen 1907 und 1912. Vier aus dem Jahr 1907, 47 aus dem Jahr 1911, fünf aus dem Jahr 1912. Das ist nicht einfach eine chronologische Folge. Das ist eine Entwicklungsserie, in der man zuschauen kann, wie eine Figur aufhört, eine Figur zu sein.
Folio 4 heißt Zwei Reiter vor Rot. Noch zwei Gestalten, noch eine Bewegungsrichtung, noch etwas das man als Pferd lesen kann. Folio 9 heißt Lyrisches. Hier gibt es keine Figur mehr im herkömmlichen Sinn: nur Formen, die man auf eine Gestalt hin befragen könnte, die aber nicht mehr eindeutig antwortet. Folio 26 heißt Weißer Klang. Das Blatt hat keinen gegenständlichen Rest mehr.
Was zwischen Folio 4 und Folio 26 passiert, hat mit einem Material-Umstand zu tun, den Öl und Aquarell nicht erzwingen können. Wenn man in ein Brett schneidet, entscheidet jeder Schnitt unwiderruflich: Was aus dem Holz herausgehoben ist, druckt nicht mehr. Das Bild besteht am Ende aus dem, was stehengeblieben ist, und nichts dazwischen ist neutral. Diese Art der Entscheidung, nichts als Anwesenheit oder Abwesenheit, Schwarz oder Leere, ist Vereinfachung, die im Material liegt und nicht erst in der Theorie.
Das MoMA formuliert es so: Die Holzschnitt-Experimente dieser Jahre, flächig und reduziert, seien "an important avenue to the expressive abstraction he was then developing in his painting" gewesen, auf Deutsch: ein wichtiger Weg zur expressiven Abstraktion, die er damals gleichzeitig in der Malerei entwickelte. Parallel, nicht vorher. In den Holzschnitten wird dieser Prozess am deutlichsten sichtbar.
Diese 56 Blätter blieben kein loser Stapel. Kandinsky band sie zu einer Mappe, ließ sie drucken, gab ihr einen Titel.
Was steckt in den 345 Exemplaren von Klänge?
Was Klänge außergewöhnlich macht, ist nicht allein die Zahl. Die 38 Prosagedichte, die Kandinsky zwischen 1909 und 1911 schrieb, illustrieren die Holzschnitte nicht. Die Holzschnitte illustrieren die Gedichte nicht. Sie laufen parallel. Ein Gedicht und ein Holzschnitt zum selben inneren Klangbild: keine inhaltliche Abhängigkeit, nur eine gemeinsame Herkunft aus demselben Zustand. Das ist es, was Kandinsky unter dem Begriff "innerer Klang" verstand: nicht Harmonisierung, sondern gleichzeitiger Resonanzraum.
Der Buchtitel verdient einen Moment der Aufmerksamkeit. Klänge ist eine akustische Metapher für etwas Visuelles. Kandinsky nannte die Mappe nicht nach dem, was man sieht. Er nannte sie nach dem, was man hört. Damit ist gesagt, dass das, was diese Holzschnitte tun, sich nicht sehen lässt wie ein Gegenstand, sondern wirkt wie ein Ton. Was Kandinsky beschäftigte, die Verbindung von Farbe, Form und innerem Erlebnis, hatte bis zu diesem Buch keinen so direkten Ausdruck gefunden.
Das Schloss Murnau formuliert, dass sich Kandinskys künstlerische Entwicklung der Jahre bis 1912 am deutlichsten in diesem Buch spiegelt. Nicht in den Gemälden, nicht im Traktat allein: in der Mappe, in der Holzschnitt und Prosa nebeneinanderliegen, ohne aufeinander angewiesen zu sein.
In der Mappe druckt Kandinsky 56 Holzschnitte, handgepresst unter seiner persönlichen Aufsicht, in einer Auflage von 345 Exemplaren. Davon sind 12 in Farbe und 44 in Schwarz-Weiß. Die Farbholzschnitte ließ Kandinsky bei der Münchner Kunstdruckerei F. Bruckmann A.G. drucken; die Schwarz-Weiß-Blätter und der Text entstanden bei Poeschel & Trepte in Leipzig, auf cremefarbenem Künstlerpapier. Dass er die Mappe nicht in einer Buchdruckerei, sondern bei einer Kunstdruckerei produzieren ließ, war eine Entscheidung: Klänge war von Anfang an als eigenständiges Druckgrafik-Werk gedacht, nicht als illustriertes Buch.
Was bleibt von Kandinskys Blättern heute?
Wie viele dieser Blätter hat man überhaupt gezählt? Das hat erst ein Mann systematisch getan.
Hans Konrad Roethel, jahrelanger Leiter der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, veröffentlichte 1970 das Standardwerk zum druckgrafischen Werk: Kandinsky. Das graphische Werk, Verlag M. DuMont Schauberg, Köln, 504 Seiten, nummerierte Auflage von 1.500 Exemplaren. Es verzeichnet 203 Blätter auf Papier.
Die Klänge-Blätter, von denen Roethel die meisten erfasst, befinden sich heute in großen Kupferstich-Kabinetten und Museen weltweit. Das MoMA in New York etwa katalogisiert neben dem Gesamtband zahlreiche Einzelblätter. Was 1912 als handgepresste Mappe in 345 Exemplaren erschien, liegt heute im Flachkarton eines Kupferstich-Kabinetts, einzeln nummeriert, unter Säurefreipapier.
Nach Klänge verliert Kandinsky die intensive Holzschnitt-Praxis nicht sofort, aber seine Prioritäten verschieben sich. 1922 wird er ans Bauhaus in Weimar berufen, wo er bis zur Schließung 1933 unterrichtet. Sein druckgrafisches Denken arbeitet dort weiter: 1922 erscheint Kleine Welten, eine Druckgrafikmappe aus seiner Bauhaus-Zeit. In ihr kombiniert Kandinsky Lithografie, Holzschnitt und Kaltnadelradierung: drei Verfahren, drei verschiedene Bildsprachen in einem Band.
1933 schließen die Nationalsozialisten das Bauhaus. Kandinsky emigriert nach Frankreich und lässt sich in Neuilly-sur-Seine nieder, einer Gemeinde am Westrand von Paris. Die Malerei der letzten Jahre trägt eine neue Sprache: die biomorphen Kompositionen, Formen aus einer inneren Welt, keine Referenz mehr zur äußeren. Er stirbt dort am 13. Dezember 1944. Den größeren Rahmen von Kandinskys Weg in die Abstraktion spannt die Seite zur abstrakten Kunst.
Wer Kandinsky als Maler des Expressionismus kennt, als Mitgründer des Blauen Reiters, als Bauhaus-Lehrer neben Paul Klee, der kennt ihn vollständig. Aber das Werkverzeichnis von Roethel, 203 Positionen in einem Kölner Quart-Band von 1970, zeigt, dass Kandinskys Kunst den Weg zur Abstraktion nicht nur auf Leinwand beschritt. Er hinterließ Abdrücke. Wer sie lesen will, findet den Zusammenhang in der Druckgrafik.
Ob der Holzschnitt oder die Leinwand 1911 zuerst beim reinen Nicht-Gegenständlichen ankam, lässt sich nicht entscheiden: beide laufen nebeneinander. Was die 345 Exemplare von Klänge aber zeigen, was in keinem der gleichzeitigen Gemälde mit dieser Direktheit ablesbar wäre, ist die Spur des Messers: der Moment, in dem jeder Schnitt unwiderruflich entscheidet, was bleibt und was verschwindet. Der Reiter ist aus dem Holz herausgehoben. Übrig blieb, was übrig bleiben sollte.
Häufige Fragen zu Wassily Kandinsky
War Wassily Kandinsky wirklich der erste abstrakte Maler?
Die Frage hat keine einfache Antwort. Kandinsky selbst datierte sein erstes vollständig abstraktes Gemälde auf 1910, aber Kunsthistoriker diskutieren diese Datierung. Sicher ist: Er gehört zu den ersten Malern, die Gegenstandslosigkeit nicht als Experiment, sondern als eigenständige Bildsprache entwickelt und theoretisch begründet haben. Über das Geistige in der Kunst, erschienen Dezember 1911, war eines der ersten systematischen Traktate, die diese Praxis rechtfertigten.
Was ist das Buch Klänge von Kandinsky?
Klänge (1912) ist eine Mappe mit 56 Holzschnitten und 38 Prosagedichten, erschienen bei R. Piper & Co. in München in einer Auflage von 345 handgepressten Exemplaren. Die Holzschnitte und Gedichte illustrieren einander nicht: sie stehen als unabhängige Werke nebeneinander. Zusammen bilden sie ein frühes Beispiel für das, was Kandinsky "innerer Klang" nannte: die Idee, dass Bild und Text aus demselben emotionalen Zustand entstehen können, ohne voneinander abhängig zu sein.
Was ist der Blaue Reiter?
Der Blaue Reiter war eine Künstlergruppe, gegründet 1911 von Kandinsky und Franz Marc in München: keine Galerie, kein Manifest-Programm, kein geschlossener Stil. Der gemeinsame Nenner war die Überzeugung, dass Farbe und Form direkte Ausdrucksmittel der inneren Erfahrung sind. Der Blaue Reiter Almanach, erschienen im Mai 1912, versammelte Beiträge über Musik, Theater und bildende Kunst und gilt als Schlüsseldokument des deutschen Expressionismus.
Hat Kandinsky am Bauhaus gelehrt?
Ja. Kandinsky wurde 1922 ans Bauhaus in Weimar berufen und blieb bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1933. Am Bauhaus lehrte er unter anderem die Farb- und Formenlehre, die er in Punkt und Linie zu Fläche (1926, Albert Langen München, Bauhausbücher Nr. 9) systematisierte. Kollege und Freund dort war Paul Klee, mit dem er zuvor schon in der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters zusammengearbeitet hatte.
Was hat Kandinsky neben der Malerei hinterlassen?
Das Werkverzeichnis von Hans Konrad Roethel, erschienen 1970 bei Verlag M. DuMont Schauberg in Köln, dokumentiert 203 originale Druckgrafiken. Der größte Teil entfällt auf die frühe Phase bis 1922, die Klänge-Holzschnitte (56 Blätter) bilden den Kern. Hinzu kommen theoretische Bücher: Über das Geistige in der Kunst (1911), Punkt und Linie zu Fläche (1926) und der autobiografische Text Rückblicke (1913, Verlag Der Sturm, Berlin).
Quellen und weiterführende Literatur
- Hans Konrad Roethel, Kandinsky. Das graphische Werk. Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1970.
- Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst. R. Piper & Co., München 1911.
- Museum of Modern Art (MoMA), New York, Sammlung und Katalog zur Mappe Klänge.
- Tate, London, Tate Papers zur Mappe Klänge.
- Schlossmuseum Murnau, Ausstellungskatalog Wassily Kandinsky. Klänge.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover.
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