Aquatinta vs. Radierung: Linie, Fläche, eine Platte

Aquatinta und Strichradierung gehören beide zum Tiefdruck und beide setzen Säure ein. Der Unterschied liegt darin, was die Säure angreift: bei der Radierung einzelne Linien, die eine Nadel in den Ätzgrund geritzt hat; bei der Aquatinta eine feinkörnige Metallfläche, die kein einziger Linienstrich erzeugt.

Am 6. Februar 1799 erschien im Madrider Diario de Madrid die Anzeige für eine Sammlung von 80 Drucken über launenhafte Gegenstände, erfunden und geätzt von Francisco de Goya. Los Caprichos, Blatt 43: Ein Mann schläft am Schreibtisch, um ihn herum schwärmen Fledermäuse und Eulen. Die Platte verbindet Radierung und Aquatinta. Nach Félix Boix verband Goya in den Caprichos die Radierung mit flächigen, gleichmäßigen Aquatinten, oft sehr intensiv, besonders in den Hintergründen.

Auf einer Platte. Warum zwei verschiedene Verfahren?

Was entscheidet ein Künstler zwischen Linie und Fläche?

Wer eine Radierung zeichnet, zeichnet tatsächlich. Die Nadel folgt dem Instinkt der Hand. Rachel Duckhouse, die ihre Radierungen aus Mustern und Strukturen aufbaut, sagt es so: "I just love the quality of line you get with etching. Something really beautiful and magical about it." (Sie liebe die Linienqualität bei einer Radierung, etwas wirklich Schönes und Magisches.)

Linien lassen sich zu Tonwerten verdichten. Die Aquatinta legt Tonflächen an, ohne Linien zu brauchen. Für Goya war sie nach der National Gallery of Victoria eine der wichtigsten Methoden, Tonflächen zu erzeugen.

Bronwen Sleighs Kintore Road zeigt die Linie: eine Radierung, Fassaden in feinen Linien, von schräg oben gesehen.

Gut neunzig Jahre nach den Caprichos stellte Mary Cassatt 1891 in Paris eine Serie von Farbdrucken in Kaltnadel und Aquatinta aus. Angeregt hatte sie eine Ausstellung japanischer Holzschnitte in Paris im Jahr zuvor.

Wenn die Fläche nicht aus Linien entsteht, wie entsteht sie dann?

Was passiert auf der Platte?

Bei der Strichradierung ritzt die Nadel einen Ätzgrund auf, eine säurefeste Schutzschicht. Die Säure frisst dort ins Metall, wo die Nadel den Grund geöffnet hat. Das Ergebnis sind Linien, die bei längerer Ätzzeit tiefer werden.

Die Aquatinta-Technik geht anders vor. Die Metallplatte kommt in einen Staubkasten: Kolophoniumharz, gemahlen zu feinem Pulver, schwebt darin auf und setzt sich auf der Platte ab. Dann wird erhitzt. Die Körner schmelzen auf und haften fest; zwischen ihnen bleibt nacktes Metall. Das Säurebad greift nur die offenen Stellen zwischen den Körnern an, die Körner schützen das Metall darunter. So entsteht eine Textur aus unzähligen winzigen Vertiefungen, keine Linie, sondern Fläche.

Kolophonium ist ein Baumharz, das auch Musiker für ihre Geigenbögen verwenden.

Bronwen Sleigh dreht das Speichenrad einer Intaglio-Druckpresse
Bronwen Sleigh RSA an der Druckpresse. Dieselbe Presse überträgt Strichradierung und Aquatinta.

Jean-Baptiste Le Prince, ein französischer Maler und Radierer, der bei François Boucher gelernt hatte, entdeckte nach Britannica 1768, dass sich granuliertes Harz für Tonflächen eignet. Ketterer datiert die Entwicklung auf 1765 bis 1768, Wikipedia auf 1768 bis 1769. Seine Schrift "Découverte du procédé de graver au lavis" erschien 1780. Er konnte das Verfahren zu Lebzeiten nicht verkaufen. Nach seinem Tod kaufte die Académie royale de peinture et de sculpture es 1782 auf und machte es öffentlich.

Der englische Maler Paul Sandby soll das Verfahren nach Wikipedia technisch verfeinert und den Namen "aquatint" geprägt haben. 1775 erschien seine Folge XII Views in Aquatinta Taken on the Spot in South Wales.

Goya trug das Harz nach der National Gallery of Victoria als Staub auf, womöglich durch einen Musselinbeutel gesiebt. Zuweilen mischte er die Bestandteile auch mit Alkohol und strich diesen Spirit Ground mit dem Pinsel auf die Platte.

Die Platte trägt jetzt beides: die geätzten Linien der Strichätzung und die geätzte Körnung der Aquatinta. Aber wie liest man das am fertigen Blatt ab?

Was sieht man unter der Lupe?

Mit einer Lupe lässt sich das prüfen. Wer ein Tiefdruckblatt damit untersucht, sieht, womit er es zu tun hat.

Aquatinta: helle Punkte auf dunklem Grund. Das sind die Abdrücke der Harzkörnchen, die auf der Platte saßen und beim Druck keine Farbe trugen. Der dunkle Ton zwischen ihnen stammt aus den geätzten Zwischenräumen.

Strichradierung: Linien, keine Punkte, keine Kornstruktur. Eine Linie entsteht dort, wo die Nadel den Ätzgrund geöffnet hat und die Säure das Metall angreift.

Gemischte Blätter zeigen beides: Linien aus der Strichätzung geben die Form, Tonflächen aus der Aquatinta den Ton.

Goyas Capricho Nr. 39 "¡Asta su abuelo!" (Und auch sein Großvater!) entstand nach der National Gallery of Victoria allein in Aquatinta. Wikipedia nennt als Beispiel für ein reines Aquatintablatt Nr. 32.

Im Blatt "Disparate de miedo" (Folly of Fear) aus Goyas Folge Los Disparates sieht man im Himmel größere weiße Punkte, die wie Sterne wirken. Nach der National Gallery of Victoria stammen sie von größeren Aquatintakörnern.

Was bedeutet der Plattenverschleiß für die Abzüge?

Aquatintaplatten nutzen sich nach Wikipedia vergleichsweise schnell ab. Beim Drucken verschleißen nach der National Gallery of Victoria die Ränder um die geätzten Vertiefungen. Im Hintergrund von Goyas Disparate volante wirkt der Ton dadurch fleckig und undeutlich. Ein sehr feines Korn hält nach Radiertechniken.de nur eine geringe Auflage aus.

Bei der Kaltnadelradierung ist der aufgeworfene Metallgrat so empfindlich, dass Kaltnadeldrucke nach der Tate meist in kleinen Auflagen entstehen, bevor die Presse den Grat zerdrückt.

Bei Goyas Caprichos ist das keine Theorie. Die Erstausgabe von 1799 umfasste rund 300 Exemplare. Viele von Goyas Platten wurden nach seinem Tod so oft nachgedruckt, dass spätere Abzüge nach Wikipedia sehr schwach ausfallen.

1803 bot Goya König Karl IV. die 80 Kupferplatten und die 240 unverkauften Sätze der Caprichos an. Im Gegenzug nahm der König Goyas Sohn Javier in den Dienst des Königshauses auf, nach Wikipedia mit einer lebenslangen Rente von 12.000 Reales im Jahr. Die Platten befinden sich heute in der Calcografía Nacional in Madrid.

Wikipedia zählt dreizehn offizielle Auflagen der Caprichos, nach anderer Zählung im selben Artikel zwanzig. Wegen der vielen Auflagen sind die Platten nach Wikipedia abgenutzt, und manche geben die ursprünglich geplanten Wirkungen nicht mehr wieder.

Wie bringt man die Direktheit einer Pinselzeichnung in die Aquatinta?

Was passiert, wenn ein Künstler beides gleichzeitig will?

Die Strichätzung zeichnet Linien. Einen Pinselstrich bringen Verfahren wie der Spit Bite auf die Platte, bei dem die Säure aufgemalt wird.

Jemma Gunning gießt Eisenchlorid über eine Kupferplatte, Säurebad-Schritt bei der Radierung
Jemma Gunning beim Ätzschritt: Die Säure fließt über die Kupferplatte. Derselbe Prozess für Strichätzung und Aquatinta. Foto: Alex Sedgmond.

Das Sugar-Lift-Verfahren geht einen anderen Weg. Der Künstler malt mit einer Mischung aus Zuckerlösung und Tusche auf die nackte Metallplatte. Direkter Pinselstrich auf blankes Kupfer. Dann kommt der Ätzgrund über alles. Im warmen Wasser löst sich der Zucker, und der Ätzgrund hebt sich über den bemalten Stellen ab. So liegen genau die Stellen frei, die der Pinsel berührt hat. Diese Stellen werden anschließend mit Aquatintakörnung versehen und geätzt.

Was auf dem fertigen Abzug liegt, ist die Aquatintastruktur in der Form des Pinselstrichs. Direktheit und Körnung an derselben Stelle der Platte.

Jemma Gunning arbeitet mit demselben Prinzip. Laut Interview arbeitet sie in Schichten: Hardground, darauf unter anderem Sugar-Lift-Aquatinta, danach womöglich Schaben und Polieren. Ihre Radierung Permanite Asphalt Works IV verbindet Hardground, Sugar-Lift-Aquatinta und Open Bite auf einer Platte von 30 × 49,5 cm, gedruckt auf Somerset Satin 300gsm in einer Auflage von 30.

Zurück zum schlafenden Mann. Die Platte verbindet Radierung und Aquatinta, und die Presse druckt beides in einem Durchgang auf ein Blatt. Zwei Verfahren, eine Platte, ein Blatt.

Gibt es zeitgenössische Drucke, die Aquatinta und Radierung auf einer Platte kombinieren?

Ja. Jemma Gunning verbindet in ihren Radierungen Hardground, Aquatinta und Sugar-Lift auf einer Platte. Das Ergebnis sind Blätter, in denen man sowohl die Linien des Ätzgrundes als auch die Flächentöne der Körnung ablesen kann. Wer Original von Kunstdruck unterscheiden will, findet hier ein gutes Trainingsblatt: Plattenrand suchen, Körnung suchen.

Wie erkenne ich Aquatinta ohne Lupe?

Aus normalem Abstand wirken Aquatintaflächen wie gleichmäßige Tonwerte, ähnlich einer lavierten Tuschzeichnung. Unter der Lupe werden die hellen Körnchenpunkte sichtbar, ein typisches Erkennungsmerkmal.

Verändert sich die Körnung einer Aquatinta im Lauf der Auflage?

Ja, die Körnung nutzt sich beim Drucken ab. Nach der National Gallery of Victoria sind die Ränder um die geätzten Vertiefungen anfällig für Verschleiß, der Ton kann fleckig und undeutlich werden. Wie schnell das geschieht, hängt vom Korn ab: Ein sehr feines Korn hält nach Radiertechniken.de nur eine geringe Auflage aus.

Was ist der Unterschied zwischen Aquatinta und Mezzotinto?

Beide erzeugen Flächen und Tonwerte statt Linien, aber durch gegensätzliche Methoden. Mezzotinto raut die gesamte Platte mechanisch auf (mit einem Wiegemesser), sodass sie vollständig schwarz druckt. Der Künstler poliert helle Stellen heraus. Bei der Aquatinta ätzt die Säure die Fläche zwischen den Harzkörnern, helle Bereiche bleiben durch Abdeckung geschützt.

Kann ich Aquatinta und Strichradierung von einem Farbfotodruck unterscheiden?

Meist ja. Ein Hinweis ist der Plattenrand: Bei einem Tiefdruck wird die Farbe mit großem Druck aus den Vertiefungen der Platte auf das Papier übertragen, dabei prägt sich meist der Plattenrand ins Papier. Mehr zu diesem Unterschied unter Original vs. Kunstdruck.

Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlerinnen und Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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