Sugar Lift Aquatinta: Das Zuckeraussprengverfahren

Sugar Lift Aquatinta (auch: Zuckeraussprengverfahren, Réservage) ist eine Tiefdrucktechnik, bei der der Künstler zuerst die sichtbaren Formen malt und danach die Platte präpariert. Auf einer blanken Kupferplatte wird mit Zuckerlösung gemalt. Nach dem Auftragen des Ätzgrunds löst warmes Wasser den Zucker auf, legt genau diese Stellen frei, die dann als Aquatinta geätzt werden. Der Pinselgestus überlebt den Ätzprozess unverändert.

Picasso steht 1935 in Roger Lacourières Werkstatt in Paris und lernt gerade die Sugar-Lift-Aquatinta. Er malt mit einer Zuckerlösung direkt auf die blanke Kupferplatte. Als das fertige Blatt von der Presse kommt, ist sein Pinselstrich noch da, mit allen Ausbuchtungen, Verdickungen, unregelmäßigen Rändern. Was ihn fasziniert: Kein anderes Tiefdruckverfahren kann das. In der Aquatinta wird abgedeckter Bereich freigelegt und geätzt, in der Kaltnadel wird geritzt, im Kupferstich gestochen. Das Zuckeraussprengverfahren dreht die Logik um. Man malt, was erscheinen soll.

Wie funktioniert das Zuckeraussprengverfahren?

Bei fast allen Ätztechniken beginnt man mit Widerstand. Man bedeckt die Platte mit Ätzgrund, kratzt hinein, schabt weg, ritzt frei. Die sichtbare Form entsteht als Negativ dieses Widerstands.

Sugar Lift dreht das um.

Auf die blanke Kupferplatte malt man mit einer Mischung aus Zucker, Tusche und etwas Spülmittel. Direkt, ohne Ätzgrund. Die Zucker-Tusche-Paste haftet auf dem Metall, trocknet. Dann überzieht man die gesamte Platte mit einem fettigen Ätzgrund, der über den getrockneten Zuckerflächen liegt. Im Wasserbad, leicht erwärmt, beginnt der Zucker aufzuquellen und den Ätzgrund von unten abzuheben.

Was danach freiliegt, sind exakt die bemalten Stellen. Diese werden wie eine gewöhnliche Aquatinta weiterbehandelt: Kolophoniumstaub, Hitze, Säure. Im fertigen Druck entstehen Flächen mit der Struktur von Pinselstrichen: präzise an den Kernen, unregelmäßig an den Rändern, mit kleinen Ausreißern wo der Pinsel ausfranste.

Auf der Platte sieht das anfangs seltsam aus. Die braun-trübe Zuckerpaste auf blankem Kupfer wirkt wie ein Schulmalerei-Experiment. Erst wenn das Blatt von der Presse kommt, zeigt sich, ob es funktioniert hat.

Intaglio B_o3 von Inga Eičaitė: alchemistisch reduzierte Komposition mit Halbmond und Punkten, helle Reserven im dunklen geätzten Grund
Inga Eičaitė, B_o3, Intaglio. Helle Flächen erscheinen als Reserven im geätzten Dunkel. Dieselbe Logik trägt das Zuckeraussprengverfahren.

Die folgenden Werke entstanden im Intaglio-Verfahren, der Druckfamilie zu der Sugar Lift gehört. Eicaites kosmisch-reduzierte Platten und Sleighs Wireframe-Linien zeigen, wie verschieden Aquatinta-Flächen wirken können, wenn der Gestus der Hand bis ins Papier überlebt.

Intaglio B_o1 von Inga Eičaitė: feinste Linien auf Schwarz, kosmisch-minimale Komposition
Inga Eičaitė, B_o1, Intaglio. Der Hell-Dunkel-Kontrast zeigt was Aquatinta-Flächen mit Strichätzung leisten.
Radierung Nile Avenue Study XV von Bronwen Sleigh RSA: ätherisches Wireframe-Bild auf geätztem Grund
Bronwen Sleigh RSA, Nile Avenue Study XV, Radierung. Linie auf geätztem Grund: der Intaglio-Ton rahmt was Sugar Lift als Pinselgestus überträgt.

Wer erfand das Zuckeraussprengverfahren?

Hercules Seghers, niederländischer Maler und Grafiker (ca. 1589–1638), nutzte die Sugar-Lift-Technik als früher dokumentierter Anwender. Die Technik blieb danach in Vergessenheit, bis sie François Lalanne 1866 erstmals schriftlich erwähnte.

Über zweihundert Jahre lagen dazwischen.

Im 20. Jahrhundert wurde die Technik aus zwei Werkstätten heraus weitergegeben. In Paris arbeitete Roger Lacourière, in New York Stanley William Hayter mit seinem Atelier 17. Die Künstlerin Sue Fuller arbeitete dort als Hayters Assistentin und entwickelte in den 1940er Jahren eine Variante der Lift-Ground-Technik mit Karo-Maissirup statt der üblichen Zucker-Tusche-Mischung; sie druckte Platten für Künstler wie André Masson und Marc Chagall.

In den späteren Veröffentlichungen zur Lift-Ground-Methode taucht ihr Name kaum auf.

Wie nutzte Picasso das Sugar-Lift-Verfahren?

Picassos Begegnung mit Roger Lacourière 1935 ist das zentrale Kapitel der Sugar-Lift-Geschichte. Lacourière war Drucker und Techniker, und er lehrte Picasso eine Reihe von Tiefdrucktechniken, darunter das Zuckeraussprengverfahren. Die Suite Vollard, 100 Radierungen aus den Jahren 1930 bis 1937, trägt Lacourières Stempel als Drucker.

Picasso nutzte Sugar Lift nicht nur technisch. Er eignete es sich an. Aldo Crommelynck, der später Picassos wichtigster Drucker wurde, schilderte eine ungewöhnliche Methode: Picasso erzeugte Grautöne auf seinen Sugar-Lift-Platten, indem er den Finger an der Nase rieb und damit eine fettige Stelle auf der Kupferplatte erzeugte. Auf der fettigen Oberfläche haftete der Zucker nicht, und genau dort entstand der weichere Ton.

Picasso beschrieb das Ergebnis selbst: Mit Sugar Lift sei alles direkter und gleichzeitig zarter als mit anderen Techniken.

Wie kam David Hockney zum Sugar Lift?

David Hockney traf 1973 in Paris auf Aldo Crommelynck. Crommelynck hatte mit seinen Brüdern Piero und Milan Ende der 1940er Jahre bei Lacourière gelernt.

Crommelyncks spezifische Sugar-Lift-Variante war damals an die Werkstatt-Praxis mit Picasso gebunden. Zwei Jahrzehnte lang gab Crommelynck diese Variante nicht weiter.

Dann starb Picasso, im April 1973. Als Hockney kurz darauf in Crommelyncks Werkstatt kam, gab Crommelynck die Technik weiter.

Das Ergebnis war The Blue Guitar, eine Serie von 20 Radierungen, die Hockney 1976–77 nach Motiven aus Wallace Stevens' Gedicht und Picassos Blauer Phase schuf. Jeder Druck entstand von zwei Kupferplatten, eingefärbt aus einer Auswahl von fünf Farben. Hockney über Crommelynck: "Aldo Crommelynck taught me marvellous technical things about etching."

Zeitgenössisch nutzte William Kentridge das Verfahren für seine Nose-Serie (2006–2010): 30 Radierungen, bei denen Master Printerin Jillian Ross kondensierte Milch mit Tusche mischte und direkt auf die Kupferplatte auftrug.

Woran erkennst du einen Sugar-Lift-Druck?

Das entscheidende Merkmal einer Sugar-Lift-Aquatinta sitzt an den Rändern.

In einer regulären Aquatinta entstehen Flächen durch das Abdecken mit Schellack oder Ätzgrund. Die Ränder dieser Flächen sind scharf und regelmäßig, weil das Abdeckmittel gleichmäßig aufgetragen wird. Bei Sugar Lift kommen diese Ränder aus einem Pinsel. Sie sind unregelmäßig, fransig, zeigen die Druckverteilung der Borsten, manchmal kleine Spritzer oder Ausläufer.

Dazu kommt, dass Sugar-Lift-Drucke selten als solche ausgewiesen sind. Das Verfahren ist eine Variante der Aquatinta, und viele Galerien oder Kataloge bezeichnen das Gesamtwerk nur als "Radierung" oder "Aquatinta". Wer wissen will, ob Sugar Lift beteiligt war, prüft mit der Lupe die Ränder der Farbflächen.

Sugar Lift ist eine Variante der Aquatinta und gehört damit zur Familie der Tiefdruck-Verfahren. Wer mehr über die gesamte Drucktechnik-Familie wissen will: Druckgrafik im Überblick.

Häufige Fragen zum Zuckeraussprengverfahren

Was ist der Unterschied zwischen Sugar Lift und normaler Aquatinta?

Bei einer regulären Aquatinta werden Flächen durch Abdecken erzeugt: Man legt Schellack oder Ätzgrund auf die Stellen, die hell bleiben sollen, die freiliegenden Bereiche werden geätzt. Beim Zuckeraussprengverfahren malt man umgekehrt direkt auf die Platte, was geätzt werden soll. Die Flächen im fertigen Druck tragen die Struktur von Pinselstrichen, nicht von abgedeckten Feldern. Das ist der wesentliche visuelle Unterschied, und das ist auch warum Picasso die Technik "direkter" nannte.

Warum heißt es Zuckeraussprengverfahren?

Der Name beschreibt den Kernschritt: Der Zucker in der aufgetragenen Paste wird durch das warme Wasserbad aufgelöst und "sprengt" dabei den darüber liegenden Ätzgrund ab. Réservage, der französische Begriff, bedeutet "Reservierung" im Sinne von Freihalten. Der englische Begriff Sugar Lift beschreibt denselben Vorgang aus der anderen Richtung: Der Zucker hebt (lifts) den Ätzgrund an. Alle drei Begriffe meinen dasselbe Verfahren.

Wie viele Werke von Picasso wurden in dieser Technik gedruckt?

Die Suite Vollard, Picassos zentrales Druckgrafik-Projekt mit 100 Blättern (1930–1937), enthält mehrere Arbeiten im Zuckeraussprengverfahren. Das Verfahren taucht dort und in weiteren Zyklen der 1930er und 1940er Jahre auf. Lacourière war bei all diesen Drucken der ausführende Werkstattdrucker.

Sind Sugar-Lift-Drucke selten?

Für Sammler gilt: Werke, die explizit als Sugar-Lift-Aquatinta ausgewiesen sind, sind selten. Das liegt nicht daran, dass die Technik wenig benutzt wird, sondern daran, dass sie in Katalogen meist unter "Aquatinta" oder "Radierung" läuft. Zeitgenössische Druckgrafiker nutzen das Verfahren aktiv. Bei zeitgenössischen Werken hilft ein Blick auf die Werkstatt-Information oder die Technik-Beschreibung beim Galeristen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • BORCH Editions, Sugar Lift Aquatint, Verfahrensbeschreibung und Druckergebnis
  • Museu Picasso Barcelona, Sugar-lift aquatint by Pablo Picasso, Picasso-Zitat aus Françoise Gilot
  • Gerrish Fine Art, David Hockney: The Blue Guitar Exhibition, Produktionsdaten der Suite
  • Gotham Center for New York City History, The Women of Atelier 17, Sue Fuller und die Lift-Ground-Variante
  • Christina Weyl, Printing Illustrated, Sugar Aquatint, Seghers und die Lalanne-Erstdokumentation 1866

Studio Sonsu

Studio Sonsu ist eine Galerie für Originaldruckgrafik in Hannover. Wir arbeiten mit Druckgrafikerinnen und Druckgrafikern aus Großbritannien, Irland und Europa zusammen, deren Werke im Intaglio-Verfahren entstehen. Alle Werke ansehen: studiosonsu.de/collections/all. Fragen zur Technik oder einem bestimmten Werk: hello@studiosonsu.de.