Georges Braque

Georges Braque (1882–1963) entwickelte zusammen mit Pablo Picasso den Kubismus. Die gemeinsame Arbeit begann nach ihrer Begegnung im Herbst 1907 in Paris; der analytische Kubismus entwickelte sich 1908 bis 1912, ausgehend von Cézannes Idee der multiplen Perspektive. 1912 entwickelte Braque das Papier collé mit dem Werk "Fruit Dish and Glass". Neben der Leinwand steht ein zweites, weniger bekanntes Werk.

Im Sommer 1911 arbeiteten Georges Braque und Pablo Picasso Seite an Seite in Céret, einer kleinen Stadt in den französischen Pyrenäen. Ihre Bilder aus dieser Zeit sind schwer, manchmal kaum voneinander zu unterscheiden. Das war kein Zufall und kein Experiment: Braque und Picasso hatten sich im Herbst 1907 in Picassos Atelier begegnet, und seither diskutierten sie beinahe täglich, was Malerei leisten und lassen könnte.

Der Ausgangspunkt war Cézanne. Braque interessierte dessen Idee der multiplen Perspektive: Ein Gegenstand nicht aus einem Blickwinkel malen, sondern aus dem Wissen heraus, wie er ist. Vorderseite und Rückseite, Wand und Dach gleichzeitig in einer Bildebene. Was daraus wurde, nennt man heute den Kubismus, die Phase von 1908 bis 1912.

Wie dachte Braque über das, was er tat? In einer Bemerkung, die die Kunstsammlung NRW in ihrer Braque-Ausstellung überliefert, beschreibt er seinen Abschied von der konventionellen Perspektive: Er habe sich vom Fluchtpunkt verabschiedet und nutze stattdessen Ebenen, die sich in geringem Abstand überlagern ("I said goodbye to the vanishing point. And to avoid a projection into infinity, I use planes that overlap at slight distances"). Anschaulich heißt das: Objekte überlagern sich, statt sich in die Tiefe zu verjüngen. 1912, auf dem Höhepunkt dieser Arbeit, entwickelte Braque das Papier collé: Er klebte Holzimitations-Druckpapier auf weißes Papier und schuf damit "Fruit Dish and Glass".

In seinen Notizbüchern, die er ab 1917 führte und 1952 unter dem Titel Le jour et la nuit bei Gallimard veröffentlichte, schrieb Braque einen Satz, der sich wie eine Arbeitsanweisung liest. Er hatte ihn zuerst in der Avantgarde-Zeitschrift Nord-Sud veröffentlicht, 1917: Fortschritt in der Kunst bestehe nicht in der Ausdehnung, sondern in der Kenntnis der eigenen Grenzen ("En art le progrès ne consiste pas dans l'extension mais dans la connaissance de ses limites"). Braque formulierte das während seiner Kriegsrekonvaleszenz, sechs Jahre nach den Céret-Sommern. Und er hatte es in den Jahren zuvor praktiziert: auf der Leinwand, und auf etwas, das kein Gemälde war.

Was ritzte Braque in eine Café-Szene?

Ebenfalls 1911, im selben Jahr wie die Céret-Leinwände, ritzte Braque ein kubistisches Motiv in eine Platte. Es war kein Gemälde und kein Entwurf, sondern ein Abzug auf Papier, erschienen 1912 als Edition von 100 Exemplaren beim Verleger Daniel-Henry Kahnweiler in Paris, gedruckt vom Drucker Eugène Delâtre. Das Werk trägt den Namen Fox (Vallier 6). Es zeigt ein Café-Stillleben des Pariser Pubs "Fox", mit stilisiertem "Old Tom Gin"-Schriftzug und einer Herz-Spielkarte. Das Verfahren: Kaltnadel (Drypoint) mit Plattenton, ein säureloses Direktverfahren, bei dem die Nadel unmittelbar in die Kupferplatte kratzt.

"Old Tom Gin" auf einer Platte graviert. Im Gemälde wäre der Text Textur, ein Pinselzug unter anderen. Auf der Platte ist er Linie. Wer über Braque den Maler liest, stößt nicht zwingend auf Fox. Das Werk existiert nicht als Leinwand. Delâtre druckte es, Kahnweiler gab es als Edition von 100 heraus. Ohne diese Entscheidung gäbe es das Bild nicht.

Fox ist eines von insgesamt zehn kubistischen Druckwerken Braques. Das Schwesterblatt war Job (Vallier 5), entstanden im August oder Herbst 1911 in Céret und wie Fox 1912 bei Kahnweiler veröffentlicht. Fox und Job waren die einzigen beiden grafischen Werke, die Braque vor 1914 als Kahnweiler-Edition herausbrachte. Beide Blätter waren da: Zwei kubistische Drucke, zwei Editionen von je 100, beide im selben Jahr entstanden. Und dann trennten sich ihre Wege.

Warum landete ein Kahnweiler-Blatt in einer Beschlagnahme-Auktion?

Fox wurde bekannt. Job verschwand. Der Grund lag nicht im Blatt selbst, sondern in dem, was am 12. Dezember 1914 in Paris geschah. An diesem Tag zog der französische Staat den Bestand des Kunsthändlers Kahnweiler als feindliches Vermögen ein; Kahnweiler war deutscher Staatsbürger und hatte Paris kurz vor Kriegsausbruch verlassen. Was folgte, waren vier Auktionen 1921 bis 1923 im Hôtel Drouot Paris: rund 3.000 Objekte kamen unter den Hammer, darunter 1.219 Werke von Braque, Juan Gris, Fernand Léger und Picasso. Job hatte sich so schlecht verkauft, dass der Großteil der Edition in diesem Konvolut landete.

Braque reagierte auf seine eigene Weise. Am Vorabend der ersten Versteigerung im Juni 1921 traf er auf den Händler Léonce Rosenberg, der als staatlicher Gutachter für die Liquidation eingesetzt worden war. Braque schlug ihn ins Gesicht und brach ihm dabei die Nase. Beide wurden auf das Polizeirevier gebracht, dann freigelassen. Braques Temperament zeigte sich an Orten, an denen es nichts zu beweisen gab.

Die kubistischen Drucke versanken in der staatlichen Liquidation. Die Druckgrafik Braques begann aber nicht dort zu enden. Rund zwei Jahrzehnte später beauftragte ein Kunsthändler ihn mit etwas anderem: einem antiken Text, Götter und Unterwelt. Der Händler starb, bevor das Buch erschien.

Was geschieht mit einer Platte, wenn der Auftraggeber stirbt?

Ambroise Vollard, Kunsthändler und bekannt für seine bibliophilen Künstlerbuch-Projekte, beauftragte Braque 1932 mit Illustrationen zu Hesiods Theogonie, dem griechischen Gedicht über die Geburt der Götter aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Braque wählte zwischen 1932 und 1935 aus zahlreichen Entwürfen 16 Kompositionen aus. Drucker war Demetrios Galanis, griechischer Maler und Drucker mit Atelier in Montmartre.

Die Radierungen folgen einer arabeskenartigen, kontinuierlichen Linie: flüssig, gedreht und in Bewegung, die an das automatische Zeichnen der Surrealisten erinnert. Vollard starb 1939 bei einem Autounfall. Das Buch war nicht erschienen. Nur 10 der 16 Blätter waren fertig editioniert. Im MoMA steht unter den Theogonie-Blättern eine Klammer, die alles fasst: "Unpublished by Vollard; prints executed 1932".

Vollard ist nicht der erste Auftraggeber, der stirbt, bevor sein Buch fertig ist. Aber Braque hatte bereits geritzt. Die Blätter lagen 16 Jahre im Archiv. Aimé Maeght, Kunsthändler und Verleger in Paris, publizierte die Theogonie schließlich 1955: Edition 150, auf Auvergne-Papier, Drucker Féquet et Baudier. Maeght ließ dabei die Kupferplatten physisch beschneiden und die ursprünglichen Remarques entfernen, die Vollards Ausgabe kennzeichnen sollten. Das Frontispiz wurde geändert, vier neue Platten kamen hinzu: ein fünffarbiges Cover, ein zweifarbiges Frontispiz, zwei Vignetten. Die Maeght-Theogonie enthält insgesamt 20 Radierungen, trägt das Werkverzeichnis Vallier 23 und Braques Blindstempel "GB".

Das Ergebnis war das Buch von 1955, nicht das Buch von 1932.

Zu dieser Zeit arbeitete Braque längst auch auf Stein. In einer Pariser Werkstatt kannte man ihn für ein bestimmtes Verhalten. Es hatte wenig mit Genie zu tun, viel mehr mit Hartnäckigkeit.

Warum querte Braque die ganze Stadt für eine winzige Korrektur?

Braque hatte sein erstes Lithografie-Werk bereits 1921 geschaffen: Nature morte III (Verre et Fruits). Ab 1942 arbeitete er regelmäßig in der Werkstatt des Pariser Lithografen Fernand Mourlot. Was ein 60-Jähriger auf dem Stein suchte, lässt sich an seinem Verhalten dort ablesen: Die intensivste Phase dauerte von 1945 bis zu seinem Tod 1963, und Braque wurde in der Mourlot-Werkstatt dafür bekannt, die ganze Stadt auf einem Gefährt zu überqueren, das halb Dreirad, halb Planierraupe war, um dann winzige Korrekturen an einer Lithografie-Platte vorzunehmen.

Das beschreibt Braques Verhältnis zur Werkstatt präziser als jede Stilbeschreibung. Es war auf sein Drängen hin, dass auch Pablo Picasso und Joan Miró zu Mourlot kamen. Braque hatte sie dorthin geholt.

Braques späte Farblithografien arbeiteten bewusst mit dicken Strichen, die auf visuelle Intensität zielten, nicht auf Genauigkeit ("deliberately thick strokes which tended towards visual intensity rather than accuracy"), bei einzelnen Blättern mit bis zu 13 übereinandergedruckten Farbschichten. Das Grenzen-Zitat von 1917 klingt hier wieder: Nicht Ausdehnung, sondern Kenntnis der Grenzen des Mediums.

In Mourlots Werkstatt vollendete Braque seine letzten zwei bibliophilen Bücher. Eines davon erschien im Jahr seines Todes.

Womit verabschiedete sich Braque?

1962 erschien L'ordre des oiseaux: zwölf Aquatinten, gedruckt in der Pariser Werkstatt des Druckers Aldo Crommelynck, verlegt von Au Vent d'Arles, auf handgeschöpftem Richard-de-Bas-Papier, gebunden von Jean Duval in schwarzes Maroquin auf Moiré-Seide. Die Editionsstruktur: 100 nummerierte Exemplare, 30 in römischen Ziffern mit einer Extrasuite, 20 hors-commerce-Exemplare. Jedes Exemplar von Braque und dem Dichter gemeinsam auf dem Kolophon signiert.

Der Text stammte von Saint-John Perse, dem Dichter und Nobelpreisträger für Literatur, der das Gedicht zu Braques 80. Geburtstag schrieb: eine Meditation über Vögel im Flug und die Freiheit des Menschen. Braques Vogelmotiv war ab 1954 zu einem Kernthema seiner Arbeit geworden. Die Aquatinta-Blätter von L'ordre des oiseaux waren seine letzte Arbeit in diesem Verfahren.

Im Jahr seines Todes, 1963, unterzeichnete Braque die Justification Page des letzten Buches, das er illustrieren würde: Lettera amorosa, 29 Farblithografien zu einem Gedichtzyklus des Dichters René Char, gedruckt bei Mourlot in Paris, verlegt von Edwin Engelberts in Genf, in 75 nummerierten Exemplaren plus 25 Künstlerexemplaren in römischen Ziffern. René Char signierte gemeinsam mit Braque. Lettera amorosa ist Braques letztes illustriertes Buch.

Anders als ein Gemälde erscheint ein solches Buch in einer festgelegten Auflage; jedes Exemplar ist ein Originaldruck, den man anfassen und aufschlagen kann.

Wer dieses zweite Werk ordnen wollte, brauchte Werkverzeichnisse.

Wie misst man ein Werk, das fast niemand kennt?

Messbar ist es trotzdem. Braques druckgrafisches Gesamtwerk umfasst in einer Gesamtzählung rund 300 Kompositionen, davon knapp 200 in illustrierten Büchern. Das Standard-Referenzwerk für alle Druckgrafiken ist das Werkverzeichnis der Kunsthistorikerin Dora Vallier: Braque: The Complete Graphics (Flammarion, 1982). Für die Lithografien gibt es ein zweites, lithografie-spezifisches Verzeichnis: Braque Lithographe, herausgegeben von Fernand Mourlot bei André Sauret in Paris 1963, dem Todesjahr des Künstlers. Das Buch erschien in 4.125 Exemplaren, enthält 3 Originallithografien (Cover, Frontispiz, Titelzeile) und 146 Farbabbildungen, mit einem Vorwort des Dichters Francis Ponge.

1961 gilt Braque als der erste lebende Künstler mit einer Einzelausstellung im Louvre, der Schau L'Atelier de Braque. Er hatte 1953 das Deckengemälde Les Oiseaux für den Saal Henri II (die Etruskische Galerie) des Louvre geschaffen. Die Institutionen erkannten Braque zu Lebzeiten; das druckgrafische Werk blieb in den deutschen Schulbüchern trotzdem abwesend.

In der Druckgrafik ordnet sich Braques Arbeit als ein Teil einer längeren französischen Tradition ein: Die Kette der Verleger, bei denen Braque arbeitete (Kahnweiler, Vollard, Maeght, Mourlot, Engelberts), verläuft über fünf Jahrzehnte. Das druckgrafische Werk beginnt 1911 mit zwei kubistischen Blättern und endet 1963 mit einem Liebesgedicht. Es hat eine eigene Chronologie, eigene Verleger, eigene Drucker.

Im Sommer 1911 waren Braque und Picasso in Céret kaum voneinander zu unterscheiden. Sie malten denselben Kubismus, Seite an Seite, beinahe täglich im Gespräch. Was Braque eigenständig machte, steht nicht nur auf der Leinwand. Es steht auf rund 300 gedruckten Kompositionen, in Büchern die Kahnweiler verlegte, die Vollard bestellte und nicht mehr sah, die Maeght 16 Jahre später mit beschnittenen Platten herausgab, die Mourlot druckte auf einem Stein, zu dem Braque auf einem Dreirad-Planierraupe-Gefährt quer durch Paris fuhr. Und das letzte davon ist kein Gemälde, sondern ein Buch von 1963, signiert von zwei Männern: Braque und dem Dichter René Char. Ob die Druckgrafik für Braque ein Nebenweg war oder der Ort, an dem die kubistische Idee am konsequentesten zu Ende gedacht wurde, bleibt offen. Er sah sich als Maler. Sein letztes Wort war ein gedrucktes Buch.

Häufige Fragen zu Georges Braque

Was ist der Fox-Drypoint von Braque?

Fox (Vallier 6) ist eine Kaltnadel-Arbeit (Drypoint) von Georges Braque, 1911 ausgeführt und 1912 als Edition von 100 Exemplaren bei Kahnweiler in Paris erschienen, gedruckt von Eugène Delâtre. Das Motiv: ein Café-Stillleben des Pariser Pubs "Fox" mit "Old Tom Gin"-Schriftzug und einer Herz-Spielkarte. Fox ist eines von zehn kubistischen Druckwerken, die Braque schuf. Das Schwesterblatt Job (Vallier 5) entstand ebenfalls 1911 in Céret und erschien ebenfalls bei Kahnweiler.

Was ist die Theogonie von Braque?

Die Theogonie ist Braques Illustrationsarbeit zu Hesiods griechischem Göttergedicht aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Ambroise Vollard beauftragte Braque 1932 mit den Radierungen; Vollard starb 1939, ohne das Buch zu sehen. Aimé Maeght publizierte das Werk schließlich 1955 in einer Auflage von 150 Exemplaren, mit 20 Radierungen insgesamt (16 aus der Vollard-Phase plus 4 neue Platten, die Braque für Maeght schuf). Die originalen Kupferplatten wurden für die Maeght-Ausgabe physisch beschnitten, die Remarques entfernt. Werkverzeichnis: Vallier 23.

Was war Braques letztes Werk als Druckgrafiker?

Lettera amorosa (1963): 29 Farblithografien zu Gedichten des Dichters René Char, gedruckt bei Mourlot in Paris, verlegt von Edwin Engelberts in Genf, in 75 nummerierten Exemplaren plus 25 Künstlerexemplaren. Braque und Char signierten gemeinsam auf der Justification Page. Das Buch erschien im Jahr von Braques Tod. L'ordre des oiseaux (1962) war das vorherige: zwölf Aquatinten zu einem Gedicht des Nobelpreisträgers Saint-John Perse, zu Braques 80. Geburtstag geschrieben.

Was kosten Braques Druckwerke heute?

Die folgenden Zahlen stammen aus dokumentierten Auktionsergebnissen und beschreiben konkrete Einzelwerke. Sie dienen der Orientierung, keine Wertanlage-Einschätzung: Die Spanne reicht von £640 für eine einzelne Lithografie aus Lettera amorosa ("La Fôret", Bonhams London 2025, inkl. Aufgeld) bis CHF 18.000 für das Job-Einzelblatt (Vallier 5, Nr. 81/100, Kornfeld Bern, September 2021, Schätzpreis: CHF 20.000).

Wann und wo lebte Georges Braque?

Georges Braque wurde am 13. Mai 1882 in Argenteuil (Val-d'Oise) geboren und starb am 31. August 1963 in Paris im Alter von 81 Jahren. Die kubistische Zusammenarbeit mit Picasso begann nach ihrer Begegnung im Herbst 1907 und endete mit dem Ersten Weltkrieg: Braque wurde eingezogen und erlitt 1915 eine schwere Kopfverletzung, die eine Trepanation erforderte. Im Mai 1915, während der Zweiten Arras-Schlacht, verlor er vorübergehend die Sehkraft; 1917 kehrte er zur Malerei zurück.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Museum of Modern Art (MoMA), New York. Sammlungseinträge zu Fox, Job und Théogonie.
  • Dora Vallier, Braque: The Complete Graphics. Werkverzeichnis, Flammarion, Paris 1982.
  • Fernand Mourlot, Braque Lithographe. André Sauret, Paris 1963 (Vorwort Francis Ponge).
  • Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Ausstellung "Georges Braque. Erfinder des Kubismus".
  • Encyclopædia Britannica, Georges Braque.

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