Pablo Picasso
Picasso ist als Maler bekannt. Guernica, Kubismus, die langen Jahrzehnte zwischen Barcelona und der Côte d'Azur. Was die meisten nicht wissen: Er schuf über 2.000 Druckgrafiken. Radierungen, Lithografien, Linolschnitte. Das grafische Werk ist kein Anhang zu seinen Gemälden. Es war deren Labor.
März 1935. Lacourières Werkstatt, Paris. Picasso hat eine Kupferplatte vor sich, 49,8 × 69,3 Zentimeter. Er fängt an. Nicht um eine fertige Vorstellung auszuführen. Er fängt an, um herauszufinden, was auf der Platte passiert.
Sieben Zustände später ist die Minotauromachie fertig. Was auf dem finalen Druck zu sehen ist: ein Minotaurus, der nach einer Kerze greift. Ein Kind, das sie hält. Ein Pferd, das stirbt. Zwei Frauen am Fenster. Eine Matadorin, ohnmächtig auf dem Rücken des sterbenden Pferdes. 1935 nannte Picasso selbst "die schlimmste Zeit meines Lebens." Er hat die Symbolik nie direkt erklärt. Vielleicht liegt das daran, dass er sie selbst auf der Platte erst entdeckt hat.
Was war Picassos grafisches Werk und wie ist es entstanden?
Picasso arbeitete in drei Drucktechniken und mit vier zentralen Druckern, die sein grafisches Werk genauso geprägt haben wie seine eigene Hand auf der Platte.
Picasso-Originale hängen in Museen. Diese Collection versammelt zeitgenössische Druckgrafik in verwandter Haltung.
Warum ist die Suite Vollard so seltsam entstanden?
1930 bis 1937: Sieben Jahre arbeitete Picasso an 100 Radierungen, die als Suite Vollard bekannt werden sollten. Der Auftrag kam vom Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard, der die Blätter gegen Gemälde von Renoir und Cézanne tauschte, die er Picasso überließ. Gedruckt wurden sie bei Lacourière in Paris.
Die Edition war auf 250 Exemplare auf Montval-Papier ausgelegt, dazu 50 auf Montval-Papier mit dem Wasserzeichen "Papeterie Montgolfier à Montval" und drei auf Pergament. 1939 war die Suite fertig. Im selben Jahr starb Vollard bei einem Autounfall. Die fertigen Blätter lagen eingelagert: der Auftraggeber tot, die Edition unverkäuflich, niemand der sie hätte herausgeben können oder wollen.
Was die Suite inhaltlich zusammenhält, ist nicht eine Geschichte, sondern vier Themengruppen: Szenen aus einer Bildhauerwerkstatt (46 Blätter), Bilder des Minotaurus, Corrida-Szenen und drei Porträts Vollards selbst. Die Bildhauer-Szenen sind die unbekanntesten und technisch dichtesten: feine Kreuzschraffur auf Kupfer, die an Ingres denken lässt, nicht an Kubismus.
Der Drucker Roger Lacourière war dabei mehr als Ausführender. Er lehrte Picasso 1935 die Sugar-Lift-Aquatinta, eine Technik, bei der Farbflächen direkt mit Pinsel aufgemalt werden, bevor das Metall geätzt wird. Bei einer Aquatinta wird nicht mit Linien, sondern mit Flächen gearbeitet. Das Ergebnis sieht aus wie Tusche auf Papier, nicht wie Kupferstich.
Lacourières Werkstatt hatte außerdem ein konkretes technisches Problem: Das Säurebad war zu klein für die Minotauromachie-Platte. Die Platte musste abschnittsweise geätzt werden. Das erklärt, warum verschiedene Teile des Blatts unterschiedliche Plattentonqualitäten haben. Kein Fehler, sondern das physische Limit des Studios.
Picassos Radierungen aus dieser Phase, besonders die Minotauromachie, gehören bis heute zu den meistdiskutierten Blättern der Druckgrafikgeschichte. Alfred Barr, der Gründungsdirektor des MoMA, erhielt 1936 einen Probedruck als Geschenk und nannte das Blatt noch 1947 "the greatest single print thus far produced in this century." Picasso hatte die Fertigstellung vor Kunsthändlern zunächst verborgen gehalten.
Was macht die Stier-Lithografien so ungewöhnlich?
Dezember 1945 bis 17. Januar 1946: In der Werkstatt von Fernand Mourlot in Paris entstand die Stier-Serie in elf Zuständen auf einem einzigen Lithografiestein. Auflage: 50 Exemplare, dazu 18 Artist Proofs.
Mourlot beschrieb Picassos Arbeitsweise: "He came like he was going to battle." Picasso begann mit einem realistischen Stier, vollständig, anatomisch korrekt. Jeder weitere Zustand zog Material ab. Bis zum elften Zustand war vom Stier nur noch eine geometrische Abbreviatur übrig. Schwarze Flächen, die ein Tier andeuten, ohne es darzustellen.
Was bleibt, wenn man alle Einzelteile herausnimmt? Die Lithografie eignet sich für dieses Experiment, weil man direkt auf dem Stein zeichnet, schneller und flüssiger als das Ritzen einer Kupferplatte. Picasso konnte täglich am selben Stein weitermachen, Zustand für Zustand, fast wie ein Tagebuch.
Das ist auch der Grund, warum die Stier-Serie heute so oft im Zusammenhang mit Kubismus behandelt wird, obwohl sie nach den hochkubistischen Jahren entstand. Die Denkbewegung, die ein Objekt in geometrische Grundformen zerlegt, ist dieselbe. Nur jetzt ist sie dokumentiert: Schritt für Schritt, auf Stein gedruckt.
Den Unterschied zwischen einem solchen Zustandsprozess und einer nachgedruckten Reproduktion macht genau das aus, was zwischen Original und Kunstdruck liegt: Einer dieser Abzüge existiert, weil jemand den Stein berührt hat. Der andere nicht.
Wie hat Picasso den Linolschnitt neu erfunden?
Ab 1958 arbeitete Picasso täglich in der Werkstatt von Hidalgo Arnera in Vallauris, Südfrankreich. Acht Jahre lang, täglich außer Samstag und Sonntag.
Nach Angaben von King & McGaw hatte Arnera den Linolschnitt unter ungewöhnlichen Umständen gelernt: als Zwangsarbeiter in Österreich während des Zweiten Weltkriegs. Er und Picasso hatten sich 1948 beim Keramikmuster-Atelier Nérolium in Vallauris zum ersten Mal getroffen.
Was Picasso in dieser Zeit populär machte, ist als Reduktionsschnitt in die Geschichte eingegangen. Die Technik existierte vor ihm (Gauguin arbeitete 1899 mit einem ähnlichen Verfahren, britische Kunstschulen lehrten sie in den 1940ern), aber Picasso machte sie zum künstlerischen Prinzip. Die Methode: Ein einziger Linolblock wird schrittweise beschnitten. Zuerst wird die hellste Farbe gedruckt, dann Teile des Blocks herausgeschnitten, dann die nächste Farbe darübergedruckt, dann wieder Teile herausgeschnitten. Am Ende ist der Block verbraucht. Nicht verbraucht um Knappheit zu inszenieren, sondern weil das Verfahren ihn aufzehrt.
Was das technisch bedeutet: keine Korrekturgänge. Jeder Schritt ist endgültig. Picasso musste beim ersten Schnitt bereits wissen, wie die fünfte Farbe wirken würde. Der Linolschnitt war damit das Gegenteil der Radierung, bei der Zustände korrigiert werden können. Er erzwingt eine andere Qualität der Entscheidung.
Arneras Studio arbeitete systematisch. Auf erhaltenen Probedrucken finden sich handschriftliche Annotationen, die auf eine laufende Nummerierung über alle Aufträge hindeuten.
Was hat David Hockney bei Picassos Druckern gelernt?
Ab 1963 arbeitete Picasso mit Aldo Crommelynck und dessen Bruder Piero zusammen. Die Gebrüder Crommelynck übernahmen nach Picassos Tod 1973 auch andere Künstler. David Hockney war einer davon. Er kam zu den Crommelyncks und arbeitete dort an The Blue Guitar: 20 Radierungen nach Wallace Stevens' Gedicht. Hockney lernte dort die Sugar-Lift-Aquatinta, dieselbe Technik, die Lacourière vierzig Jahre früher Picasso beigebracht hatte.
"Aldo Crommelynck taught me marvellous technical things about etching."
Was Hockney bei den Crommelyncks fand, war eine Infrastruktur, die Picasso aufgebaut hatte. Nicht direkt, Picasso lehrte nicht. Aber die Werkzeuge, die Techniken, die Arbeitsweise eines Studios, das über zehn Jahre lang für einen der radikalsten Druckgrafiker der Moderne gearbeitet hatte: das war übertragbar. Mehr zu David Hockneys Druckgrafik.
Wie ordnet man Picassos grafisches Werk ein?
Wer sich ins Picasso-Werkverzeichnis einarbeiten will, begegnet zwei zentralen Referenzen: Georges Bloch, Pablo Picasso, Catalogue de l'oeuvre gravé et lithographié (Bern 1968–1979) und der frühere Bernhard Geiser-Band von 1933. Die Bloch-Nummerierung ist heute Standard. Wenn bei Auktionen und in Galerien "Bloch 927" steht, ist das die Referenz.
Picassos Druckgrafik deckt seine gesamte Entwicklung ab. Wer eine Picasso-Radierung bei einer Auktion sieht, kann sie über die Bloch-Nummer einordnen. Die Saint-Matorel-Radierungen von 1910 zeigen einen bedeutenden Sprung im kubistischen Druckvokabular. Die Stier-Serie von 1945/46 zeigt das kubistische Prinzip als bewussten Reduktionsprozess. Picassos Linolschnitte aus Vallauris sind farbiger und direkter als alles, was er zuvor gedruckt hatte.
Stephen Lawlors Radierung Infanta nimmt einen Velázquez-Stoff auf, ein Hofkind im Reifrock, aufgebrochen in Schraffurlagen, die das Motiv zwischen Figuration und Textur halten. Diese Art des figurativen Tiefdrucks läuft als Linie von Rembrandt über Goya bis Picasso, und sie läuft weiter.
Was diese Phasen verbindet, sind die Drucker. Canals in den frühen Jahren, Lacourière für die Suite Vollard und Minotauromachie, Mourlot für die Stier-Serie und hunderte weitere Lithografien, Arnera für die Linolschnitte, Crommelynck für die späten Werke. Keiner dieser Männer war bloß Ausführender. Die Geschichte der Picasso-Grafik ist immer auch die Geschichte dieser Werkstätten. Wer Druckgrafik als Ganzes verstehen will, kommt an diesen Namen nicht vorbei.
FAQ
Was ist die Minotauromachie?
Die Minotauromachie ist eine großformatige Radierung von Picasso aus dem Jahr 1935, entstanden in der Werkstatt Lacourière in Paris. Die Platte misst 49,8 × 69,3 cm. Das Blatt entstand in sieben Zuständen; die Auflage lag bei ca. 55 Exemplaren. Es gilt als eines der bedeutendsten Einzelblätter der Druckgrafik des 20. Jahrhunderts. Die Symbolik (Minotaurus, Kerze, Kind, sterbendes Pferd, Frauen) hat Picasso nie direkt erklärt.
Was ist die Suite Vollard?
Die Suite Vollard besteht aus 100 Radierungen, die Picasso zwischen 1930 und 1937 schuf. Auftraggeber war der Kunsthändler Ambroise Vollard, der Picasso Gemälde von Renoir und Cézanne im Tausch überließ. Die Blätter wurden bei Lacourière in Paris gedruckt und 1939 fertiggestellt, im Todesjahr Vollards. Die Edition umfasste 250 Exemplare auf Montval-Papier. Thematisch gliedert sich die Suite in vier Gruppen: Bildhauerwerkstatt, Minotaurus, Corrida und Vollard-Porträts.
Was ist der Reduktionsschnitt bei Picasso?
Der Reduktionsschnitt ist ein Linolschnitt-Verfahren, bei dem ein einziger Linolblock schrittweise abgetragen wird. Nach jedem Druckgang wird der Block weiter beschnitten; jede Farbe überschreibt die vorherige. Am Ende ist der Block nicht mehr verwendbar. Picasso machte diese Methode ab 1958 in der Werkstatt von Hidalgo Arnera in Vallauris populär, obwohl die Grundtechnik älter ist. Das Verfahren erzwingt absolute Entscheidungen: Jeder Schnitt ist endgültig.
Wie viele Druckgrafiken hat Picasso geschaffen?
Über 2.000, nach den gängigen Werkverzeichnis-Angaben. Das ist das umfangreichste grafische Oeuvre eines Künstlers im 20. Jahrhundert. Die Arbeiten verteilen sich über alle Drucktechniken: Radierung, Aquatinta, Lithografie, Linolschnitt und Siebdruck, entstanden in Werkstätten in Paris, an der Côte d'Azur und in Vallauris.
Was ist der Unterschied zwischen Picassos Radierungen und seinen Lithografien?
Radierungen entstehen durch Ätzung einer Metallplatte; das Ergebnis ist linear und kontrolliert, oft tonal differenziert durch Kreuzschraffur. Lithografien entstehen durch Zeichnung auf Stein mit fetthaltigem Material; die Methode ist flüssiger und direkter. Picasso nutzte die Radierung für komplex-symbolische Arbeiten wie die Suite Vollard und die Minotauromachie. Die Lithografie diente ihm für schnellere Explorationsprozesse wie die Stier-Serie. Beide Techniken stehen ausführlicher beschrieben unter Radierung und Lithografie.
Quellen und weiterführende Literatur
- Princeton Art Museum, La Minotauromachie (Baer 573). https://artmuseum.princeton.edu/art/16133
- Phillips, A Continuing Obsession: The Seven States of La Minotauromachie. https://www.phillips.com/article/52862783/a-continuing-obsession-the-seven-states-of-la-minotauromachie-pablo-picasso-edition
- Kornfeld Auktionen, La Suite Vollard 1930–1937. https://www.kornfeld.ch/g365/d3701101310_Pablo-Picasso-LA-SUITE-VOLLARD.html
- Ledor Fine Art, A Survey of Picasso's Prints 1930–1944. https://ledorfineart.com/guide-collecting-picassos-original-prints/chapter-6-a-survey-of-picassos-prints-1930-1944-the-vollard-suite-through-dora-maar/
- King & McGaw, Picasso & Imprimerie Arnéra in Vallauris. https://www.kingandmcgaw.com/stories/picasso-imprimerie-arnera-in-vallauris
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de