Giorgio Morandi
Giorgio Morandi war ein italienischer Maler. Von 1890 bis 1964 lebte und arbeitete er in Bologna: dieselbe Wohnung, dieselbe Via Fondazza, dieselben Stillleben. Er fragte das Gleiche hundertfach und fand jedes Mal eine andere Antwort. Darauf baut sein gesamtes Werk.
In der Via Fondazza in Bologna stehen, jahrein, jahraus, dieselben Flaschen. Grau, Beige, ein verblasstes Blau. Morandi hatte keine Assistenten, keine Schüler, kein Galerieprojekt, das ihn ablenkte. Das Wohnzimmer war das Atelier. Er rückte die Objekte einen Zentimeter weiter, dann wieder zurück, dann malte er sie erneut. Was dabei entstand, hängt in Museen von London über New York bis Melbourne.
Auf Kupfer passiert mit denselben Flaschen etwas anderes. Nicht weil das Sujet wechselt. Sondern weil das Material anderen Regeln folgt. Wie erzeugt man die Farbtöne Grau, Beige, ein verblasstes Blau ohne Farbe, allein aus Strichen auf Metall? Diese Frage führt mitten in ein Kupferwerk von 133 Platten, das Jahrzehnte später die höchste Anerkennung des Metropolitan Museum of Art auf sich ziehen wird.
Wo lernt einer, was an seiner Schule niemand unterrichtet?
Morandi studierte ab 1907 an der Accademia di Belle Arti in Bologna, bis 1913. Die Akademie hielt an Traditionen aus dem 14. Jahrhundert fest. Einen Kurs in Radierung gab es nicht. Also tat Morandi das Naheliegendste: Er brachte sich das Fach aus Büchern bei, mit Handbüchern über Rembrandt als Lehrmaterial.
Wo lernst du Radieren, wenn niemand es lehrt? Morandi: aus einem Buch über Rembrandt, im Studentenzimmer, ohne Kursgebühr und ohne Betreuer. Kein romantischer Mythos, sondern wie viele Handwerke tatsächlich gelernt werden: durch genaues Hinschauen, durch Fehler beim Ausprobieren, am stillen Arbeitstisch. Rembrandt war für Morandi ein technisches Studienobjekt, kein Vorbild zur Nachahmung. Wie baut dieser Mann Licht und Schatten aus Linien?
Siebzehn Jahre nach dem Studium saß Morandi als Professor für Radierung an eben dieser Akademie und hielt die Stelle bis 1956. Nun lehrte er das Fach, das ihm dort einst niemand hatte beibringen können.
Sein grafisches Werk ist kein Beiwerk zur Malerei, sondern sein primäres Erkenntnisfeld, und die Ausbildung dafür hatte er sich selbst erschlossen.
Bevor er den Lehrstuhl bekam, lag zwischen ihm und der Meisterschaft ein erstes Blatt aus dem Jahr 1912.
Was steht heute in London, das in Bologna 1912 anfing?
Das allererste Blatt mit erklärter Auflage trägt im Werkverzeichnis Lamberto Vitalis die Nummer 1: "Il Ponte sul Savena a Bologna", die Brücke über den Savena, 1912. Das Plattenmaß beträgt 16,4 x 22,1 cm. Heute hängt dieses Blatt in der Estorick Collection in London.
Vitali notierte zu diesem Frühwerk einen cézanneschen Ansatz. Der ganz frühe Morandi tastet sich noch an Cézannes Flächenkonstruktion heran, sucht aber schon nach etwas anderem. Einem System, das nicht auf Farbwerten beruht, sondern auf dem Verhältnis von Linie zu offenem Papier.
Die Estorick Collection beschreibt Morandis Weg in die Technik nüchtern: Er war als Druckgrafiker vollständig autodidaktisch ausgebildet, meisterte die Technik aber rasch. Was "rasch" bedeutet, ließ sich am ersten Blatt noch kaum erahnen. Von 1915 bis 1921 entstand danach keine einzige Platte. Sechs Jahre Stille. Dann kehrte Morandi zurück an den Radiertisch.
Was machte diese fünf Jahre zum Zentrum seines Kupferwerks?
Zwischen 1928 und 1933 schuf Morandi rund 80 Blätter, den weitaus größten Teil seines Kupferwerks. Sein vollständiges Plattenwerk, 133 Kupfer- und Zinkmatrizen, verwahrt heute das Istituto Centrale per la Grafica in Rom.
Diese fünf Jahre waren keine Schaffens-Explosion, sondern Konzentration. Morandi überarbeitete einzelne Platten mehrfach, bevor er die Auflage zog. Ein "State" ist dabei eine dokumentierte Entscheidung: Man druckt einen Probeabzug, sieht, was die Platte tut, und greift erneut zur Nadel. Jeder State ist ein anderes Bild.
Das "Grande natura morta con la lampada a petrolio" aus dem Jahr 1930 trägt die Vitali-Nummer 75. Es existiert in sechs States. Das Plattenmaß beträgt 305 x 362 mm, die Auflage 40 Blätter, gedruckt auf Chine appliqué über Fabriano Wove Paper. Morandi hat diese eine Platte fünfmal überarbeitet, bevor er die Auflage zog.
Wie viele States ein Blatt brauchte, hing vom Bild ab. "Natura morta con il panneggio a sinistra" (Vitali 31, 1927) kam mit zwei Zuständen aus; im zweiten korrigierte Morandi nur noch Feinheiten an der zentralen Flasche. Ein gedrucktes Tagebuch, mit Datum und Zählung.
Sechs States bei einem einzigen Blatt: sechs dokumentierte Entscheidungen, und jede fiel an der Nadel, nicht am Pinsel.
Wie macht man Grau, ohne Grau zu mischen?
Morandis Blätter sehen anders aus als die seiner Zeitgenossen. Der Grund liegt in einer einzigen technischen Entscheidung, die er getroffen und nie widerrufen hat.
Viele Radierer seiner Zeit griffen für Tonwerte auf Aquatinta zurück: ein Verfahren, bei dem Harzkörnchen auf die Kupferplatte gestreut und eingebrannt werden, sodass die Säure eine körnige Fläche ätzt. Das Ergebnis sind flächige Tonzonen, weich und malerisch. Francisco Goya baute seine "Caprichos" auf genau dieser Methode auf. Das Aquatinta-Korn war zu Morandis Zeit verfügbar und erprobt. Er wählte es nicht.
Morandi arbeitete ausschließlich in Schwarz-Weiß mit der anspruchsvollen Hard-ground-Ätztechnik. Alle Tonwerte entstehen bei ihm aus Liniensystemen: Parallelstrichen und gekreuzten Strichen, dichter oder weiter gestellt, tiefer oder flacher in den Grund geritzt. Die National Gallery of Victoria, Melbourne, beschreibt die Technik als aufgebaut aus einem Geflecht kurzer, gerader Linien, die sich nur durch ihre Richtung und Dichte unterscheiden, wechselnd zwischen Kreuzschraffuren, Parallellinien und unbearbeiteten Weißflächen.
Bis zu zwölf unterscheidbare Graustufen entstehen auf diese Weise, allein aus Strichdichte. Kein Farbton, kein Korn, keine Fläche.
Halte eine Morandi-Graphik gegen das Licht und kippe sie leicht. Die Striche, die im normalen Blickwinkel als Fläche lesen, separieren sich. Du siehst das System: Wo es dunkel wird, liegen die Linien enger. Wo es hell bleibt, weiter. Und wo das Papier völlig unberührt geblieben ist, nennt Morandi das "bianco assoluto". Absolutes Weiß. Wer sich mit weißen Flächen als Kompositionselement in der Druckgrafik beschäftigt hat, kennt das Prinzip; bei Morandi ist das unberührte Papier ein tragendes Gestaltungsmittel. Das unberührte Papier ist ein Entschluss, kein Ausruhen. Eine Kompositionsentscheidung, die nur am Radiertisch möglich ist, wo das Papier unter dem Plattenrand liegt und die Presse darüber geht.
Was Morandi auf Leinwand mit Lasuren und Pigmenten aufbaut, löst er auf Kupfer mit Linien. Das Resultat, diese eigenartige Stille über vertrauten Gegenständen, wirkt dieselbe. Die Mittel sind grundverschieden. Wer Originaldruck und Reproduktion einmal nebeneinandergelegt hat, sieht den Unterschied: Die Linien auf dem Blatt sind tastbar, der Plattenrand rahmt das Bild als physische Grenze.
Was sah New York 2008, vierundvierzig Jahre nach seinem Tod?
Morandi starb am 18. Juni 1964 mit 73 Jahren in Bologna an Lungenkrebs. Sein Ruf als Maler war zu diesem Zeitpunkt etabliert. In der Fachwelt galt er auch als Radierer, dem breiten Publikum aber blieb dieses Werk weitgehend verborgen.
Die Anerkennung für das grafische Werk kam früher als vermutet, wenn man die Preise nimmt. 1953 erhielt Morandi den Grand Prix für Druckgrafik der São Paulo Biennale. 1957, vier Jahre später, gewann er an derselben Biennale den Grand Prix für Malerei, und zwar vor Jackson Pollock und Marc Chagall. Dazu kommen der 1. Preis für Malerei der Biennale Venedig 1948 und der Rubenspreis der Stadt Siegen 1962.
2008, vierundvierzig Jahre nach seinem Tod, zeigte das Metropolitan Museum of Art in New York die erste umfassende Morandi-Retrospektive in den USA. Kuratiert von Maria Cristina Bandera, Direktorin der Fondazione Roberto Longhi in Florenz, und Renato Miracco, Direktor des Istituto Italiano di Cultura New York; 110 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken, gezeigt vom 16. September bis 14. Dezember 2008.
In den Pressematerialien zu dieser Ausstellung formulierte das Museum: Als Druckgrafiker werde er weithin als der bedeutendste Meister der Kupferplatten-Technik der Moderne bezeichnet ("the greatest master of modern times in the traditional technique of copper-plate etching"). Wer die vorangegangenen Sektionen gelesen hat, versteht, woher dieses Urteil kommt.
Der Met-Superlativ stellt Morandi unter die wenigen berühmten Druckgrafiker, deren Blätter in der Druckgrafik des 20. Jahrhunderts dieselbe institutionelle Anerkennung tragen wie ihre Gemälde.
Das Urteil des Museums ergibt erst Sinn, wenn man zurückgeht an den Tisch, an dem alles anfing.
In der Via Fondazza stehen die Flaschen noch. Grau, Beige, ein verblasstes Blau. Morandi hat sie gemalt und auf Kupfer gesetzt. Auf der Leinwand entstehen diese Töne aus Pigment. Auf der Kupferplatte entstehen sie aus Linien, enger oder weiter gestellt, und aus dem Papier, das zwischen ihnen unberührt bleibt. Den Plattenrand sieht man auf jedem Originaldruck als geprägte Linie um das Bild. Das bianco assoluto ist physisches Papier, das die Druckpresse berührt hat. Dieselbe Stille. Andere Mittel. Warum jemand ein Leben lang denselben Tisch, dieselben Flaschen befragt und darin nicht weniger, sondern mehr findet, das beantwortet das Kupfer nicht. Es zeigt es.
Wie groß ist Morandis Gesamtwerk?
Je nach Zählung werden 133 oder 136 Platten angegeben. Das Istituto Centrale per la Grafica in Rom, das Morandis Matrizen verwahrt, listet 133. Die National Gallery of Victoria in Melbourne spricht von 136. Die Diskrepanz liegt in der Behandlung fragmentarischer Frühwerke. Das Werkverzeichnis Lamberto Vitalis ("Morandi: Catalogo Generale", 2 Bde., Electa Mailand, 1977) ist die anerkannte Primärautorität.
Was bedeutet ein "State" bei einem Morandi-Blatt?
Morandi überarbeitete einzelne Platten zwischen Druckvorgängen. Nach jeder Überarbeitung wurde ein Probeabzug gezogen. Jeder dieser Zustände der Platte heißt "State". Das "Grande natura morta con la lampada a petrolio" (Vitali 75, 1930) existiert in sechs States. Sammler und Museen unterscheiden diese States; jeder ist ein dokumentierter Schritt im Entstehungsprozess.
Wo kann man Werke von Giorgio Morandi heute sehen?
Die erste Adresse ist das Museo Morandi in Bologna, eröffnet 1993 im Palazzo d'Accursio an der Piazza Maggiore. Es umfasst 250 Werke in 15 Sälen. Das Metropolitan Museum of Art zeigte 2008 die bisher größte US-Retrospektive mit 110 Werken. Morandis erstes Blatt von 1912 befindet sich in der Estorick Collection in London. Weitere Blätter hängen in der National Gallery of Victoria in Melbourne.
Womit hat Morandi gearbeitet?
Morandi arbeitete in Öl, Aquarell und als Radierer. Die Radierung blieb sein grafisches Medium; Lithografie, Holzschnitt oder Siebdruck spielten in seinem Werk keine Rolle. Das Kupfer war sein zweiter, beständiger Arbeitstisch.
Was ist die Pittura Metafisica und welche Rolle spielte sie für Morandi?
Die Pittura Metafisica war eine italienische Kunstbewegung, die Alltagsgegenstände in traumhaften, rätselhaften Arrangements zeigte. Morandi gehörte ihr von 1918 bis 1922 an und stellte 1922 gemeinsam mit Giorgio de Chirico, Carlo Carrà und dem Bildhauer Arturo Martini bei der Fiorentina Primaverile aus. Danach trennte er sich von der Bewegung und kehrte zu seinem eigenen Weg zurück: die immergleichen Objekte, beharrlich befragt.
Quellen und weiterführende Literatur
- National Gallery of Victoria, Melbourne: Essay "Still life with drapery: Giorgio Morandi".
- The Metropolitan Museum of Art, New York: Retrospektive "Giorgio Morandi, 1890–1964" (2008), kuratiert von Maria Cristina Bandera und Renato Miracco.
- Estorick Collection of Modern Italian Art, London: Sammlungseintrag "The Bridge over the Savena at Bologna" (1912).
- Istituto Centrale per la Grafica, Rom: Calcografia-Matrizenbestand Giorgio Morandi.
- Lamberto Vitali: Morandi. Catalogo Generale, 2 Bände. Electa, Mailand 1977.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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