Hannah Höch
Im Sommer 1920 eröffnete im Kunstsalon Dr. Otto Burchard in Berlin eine Ausstellung über die junge Dada-Bewegung. 174 Werke laut Katalog. Unter den Ausstellern eine Frau, die zwei der Organisatoren ursprünglich nicht einladen wollten: Hannah Höch. Ihr großformatiges Werk dort, "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands" (1919), misst fast einen Quadratmeter. In den ersten viereinhalb Wochen zahlten 389 Besucher den Eintritt von 3,30 Mark, um es zu sehen.
Wer Hannah Höchs Biografie erzählt, beginnt gewöhnlich mit dem Schnitt durch Zeitungspapier. Dabei war der erste Schnitt in ihrem Werk ein anderer. Ihr erstes Jahr in Emil Orliks Klasse an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin begann im Sommer 1915. Ihre ersten Fotomontagen entstanden 1918. Der Holzschnitt war früher da als die Schere.
Wo fing Hannah Höch an?
Hannah Höch wurde am 1. November 1889 in Gotha geboren. 1912 begann sie ihr Studium an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Charlottenburg, in der Glasdesign-Klasse unter Harold Bengen. Eine handwerkliche Ausbildung, keine malerische. Der Erste Weltkrieg unterbrach das Studium.
Im Sommer 1915 kam Höch zurück nach Berlin und schrieb sich an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums ein. Sie studierte Grafik und Buchkunst bei Emil Orlik, bis zum Winter 1919/20. Parallel dazu besuchte sie Oskar Bangemanns Holzschnittklasse.
Orliks Unterricht deckte explizit Holzschnitt und Linolschnitt ab. Das war kein zufälliges Nebenfach. Orlik hatte den Farbholzschnitt nicht aus Büchern gelernt, sondern 1900 und 1901 in Japan, wohin er gereist war, um den Holzschnitt aus erster Hand zu lernen. Er kannte das Verfahren so gut, dass er 1901 selbst einen japanischen Maler im Holzschnitt porträtierte. Wer bei Orlik Holzschnitt lernte, lernte ihn aus einer direkten Praxislinie.
Orlik lehrte in einer Zeit, in der der Expressionismus das grafische Arbeiten in Berlin neu definierte. Höchs Ausbildung war von Anfang an am Werkzeug orientiert. Das Portfolio, das sie zwischen 1912 und 1915 aufbaute, gehört keiner Malerin: Es ist die Werkzeuggeschichte einer Handwerkerin im grafischen Bereich.
Was passierte in der Werkstatt von Emil Orlik?
Höch arbeitete für Orlik im Holzschnitt und erhielt dafür 40 Mark, so schrieb sie in einem Brief. Es war eine Lehrzeit mit Auftragscharakter: Höch saß nicht nur als Schülerin in der Klasse, sondern arbeitete produktiv an Orliks eigenem Werk mit.
Was sie dabei übte, ist der körperlichste Teil jedes Druckverfahrens: der unkorrigierbare Schnitt in ein hartes Material. Beim Linolschnitt wie beim Holzschnitt gibt es keine Möglichkeit, einen zu tiefen Stich rückgängig zu machen. Die Hand muss dem Auge schon vorausgedacht haben. Diese Disziplin prägte Höchs Umgang mit Material, lange bevor sie eine Schere in die Hand nahm.
Dass die frühen Linolschnitte nicht verloren gingen, belegt ein späteres Dokument: 1964 erschien die Mappe "Miniaturen". Sie versammelt Linolschnitte, die in Höchs frühen Jahren entstanden waren, so die Chronik des Kunstmagazins artinwords.
Parallel zur Werkstatt arbeitete Höch drei Tage pro Woche beim Ullstein Verlag, einem Berliner Verlagshaus.
Woher kamen die Zeitungsfotos?
Ab 1916 arbeitete Höch bei Ullstein in der Handarbeiten-Abteilung. Das Arbeitsverhältnis dauerte bis 1926.
Der Zugang, den dieser Job verschaffte, war entscheidend. Ullstein verlegte die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ), ein illustriertes Wochenblatt, das 1914 eine Auflage von einer Million Exemplaren erreichte. Als Mitarbeiterin hatte Höch direkten Zugang zu mehrfachen Ausgaben der BIZ und anderer Ullstein-Illustrierter. Das war kein Zufall der Nachbarschaft, sondern Werkzeugzugang.
Höchs Textilarbeit kam hier auf unerwartete Weise zum Tragen. In Collagen der späten 1910er und frühen 1920er Jahre verarbeitete sie Schnittmuster und Stickvorlagen. Die Zeitungsfotos, die sie ausschnitt, waren selbst keine Originale. Es waren fotolithografisch gedruckte Reproduktionen von Fotografien. Höch schnitt in Druckgrafik, nicht in Originale. Wer das versteht, sieht ihre Collagen anders.
Im Sommer 1918 fand Höch zusammen mit Raoul Hausmann an der Ostsee eine Verwendung für dieses Material.
Was entdeckten Höch und Hausmann an der Ostsee?
An der Ostsee stießen Höch und Hausmann auf Soldatenbilder, wie Familien sie damals aufbewahrten: gedruckte Uniformdarstellungen, auf die fotografierte Köpfe geklebt waren, ohne jeden Gedanken an Komposition. In ihrem Quartier hing ein solches Blatt, auf das der Wirt fünfmal den Kopf seines Sohnes montiert hatte. Kein künstlerischer Akt, einfach der Wunsch, jemanden sichtbar zu machen. Höch und Hausmann erkannten, was mit diesem Prinzip möglich war.
Der Name der Technik trug das Programm: Fotomontage. Montieren statt malen bedeutete: kein Pinsel, kein Entwurf, kein Gestus des Schöpfers. Die Fragmente brachten ihre eigene Bedeutungsgeschichte mit.
Im Jahr darauf entstand der "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands". 1919. Collage, fast einen Quadratmeter groß. Das Material: Schnipsel aus Zeitungen und Illustrierten.
Das Werk verdichtet die Weimarer Republik in einem einzigen Bild. Zwischen Maschinenteilen und Körperteilen montierte Höch Buchstaben und Wortfetzen wie "anti" und "dada". Die Fragmente stammen aus Zeitungen und Illustrierten, dem Material, das Höch bei Ullstein seit Jahren durch die Hände lief. Die Schnittkanten sind sichtbar, die Überblendungen nicht kaschiert. Das Bild zeigt nicht, was die Weimarer Republik war, sondern wie es sich anfühlte, 1919 Zeitung zu lesen.
Der Berliner Dadaismus bereitete gerade für den Sommer 1920 eine Ausstellung vor. Und zwei von ihnen wollten Höch nicht dabeihaben.
Wie kamen Höchs Werke an die Messe-Wand?
Zwei der Organisatoren der Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 wollten Höch nicht dabeihaben. Erst als Raoul Hausmann drohte, seine eigenen Arbeiten zurückzuziehen, gaben sie nach. Höch nahm teil. Mit mehreren Arbeiten vertreten, darunter drei, die namentlich belegt sind.
Die Messe lief vom 30. Juni bis zum 25. August 1920 im Kunstsalon Dr. Otto Burchard, Lützow-Ufer 13 in Berlin. Der Katalog verzeichnete 174 Werke von 27 Ausstellern. George Grosz, Johannes Baader, Raoul Hausmann, John Heartfield und andere. Unter Höchs Werken: "Schnitt mit dem Küchenmesser" (1919), "Da-Dandy" (1919) und "Dada-Rundschau" (1919).
Eines der am auffälligsten platzierten Werke der Ausstellung stammte von der Frau, die man nicht einladen wollte.
Den Eintritt von 3,30 Mark zahlten in den ersten viereinhalb Wochen 389 Besucher, so rechnete der Spiegel zum hundertsten Jahrestag nach. Kurt Tucholsky kommentierte das mit dem Satz: "Ein Dadaismus gegen drei Mark und dreißig Pfennige Entree." Was Studierende heute als Hauptwerk lernen, sahen in den ersten Wochen seiner Erstpräsentation weniger Menschen als in ein mittleres Berliner Kino passen.
Die Messe zog noch ein rechtliches Nachspiel nach sich: Das Reichswehrministerium leitete wegen Beleidigung der Reichswehr ein Verfahren ein. Das Gericht verhängte Geldstrafen von 300 Mark gegen George Grosz und 600 Mark gegen den Verleger Wieland Herzfelde.
Die Nationalgalerie Berlin kaufte den "Schnitt mit dem Küchenmesser" erst 1961, einundvierzig Jahre nachdem er zum ersten Mal an einer Wand hing.
Was blieb von Hannah Höch?
Die Jahre nach der Dada-Messe brachten Höch nicht weniger Arbeit, aber deutlich weniger Aufmerksamkeit. Zwischen 1924 und 1930 entstand die "Aus einem ethnografischen Museum"-Serie: 18 bis 20 zusammengesetzte Figuren, so zählt die Britannica, montiert aus Abbildungen ethnografischer Museumskataloge und aus Illustrierten. Die Ironie darin ist schwer zu übersehen, aber Höch kommentierte sie nicht explizit. Die Bilder sprechen selbst.
1934 galt Höch den Nationalsozialisten als Kulturbolschewistin. 1939 kaufte sie ein Haus in Heiligensee am nördlichen Stadtrand von Berlin und lebte dort bis zu ihrem Tod. Dokumente und Werke aus dem Berliner Dada-Umfeld brachte sie dorthin und nutzte ihren Garten, um das Material zu sichern. Dass diese Dokumente erhalten sind, ist ihr zu verdanken.
1976 ernannte der Berliner Senat Höch zur Professorin ehrenhalber. Am 31. Mai 1978 starb sie in West-Berlin. Ihr Ehrengrab liegt auf dem Friedhof Heiligensee.
Der Nachlass umfasste rund 12.000 Stücke. 1979 kam er ins Künstlerarchiv der Berlinischen Galerie, publiziert als dreibändige "Hannah Höch: Eine Lebenscollage". Die Berlinische Galerie erwarb "Dada-Rundschau" (1919, 43,7 mal 34,6 Zentimeter) erst 1986, mit Mitteln der Tagesspiegel-Stiftung. Eines der Werke, die Höch 1920 gegen den Willen zweier Organisatoren an die Messe-Wand gehängt hatte, brauchte 66 Jahre, um in eine Berliner Institution zu gelangen.
12.000 Stücke im Nachlass. Wie viele Linolschnitte, wie viele Drucke hat Höch gemacht, die nie in einen Katalog kamen?
Was verbindet die Werkbank mit der Schere?
Es gibt eine gängige Erzählung über Hannah Höch. In ihr kommt Orlik in einem Halbsatz vor, die Collage ist von Anfang an das Thema, und die frühen Linolschnitte existieren nicht.
Der erste Schnitt war kein Zeitungsfoto. Er war ein Schnitt in Holz oder Linoleum, in Orliks Klasse, ab Sommer 1915. Jedes Zeitungsfoto, das Höch danach ausschnitt, war selbst ein Druckerzeugnis, eine fotolithografisch gedruckte Reproduktion. Sie assemblierte Fotolithografie und BIZ-Massendrucke, nicht Originale.
Die Druckgrafik-Ausbildung war keine Station auf dem Weg zur Fotomontage. Aber sie kam zuerst, und sie hinterließ Spuren. Wer ein Material durch Schnitt und Druck versteht, denkt anders über das, was ein Bild aus Fragmenten zusammenhält. Höch wusste, was ein Druckstock kann und was nicht. Das Zeitungsfoto war für sie kein neutrales Bildzitat, sondern ein Stück industrieller Druckgrafik mit eigener Materialgeschichte.
Der Unterschied zwischen einer Original-Druckgrafik und einem Reproduktionsdruck, den Höch täglich verarbeitete, liegt genau darin: das eine trägt die Spur einer Hand, das andere die Spur einer Maschine. Höchs Montagen zeigten die Schnittkanten, anstatt sie zu verbergen.
Die Werkbank war früher da als die Schere.
Häufige Fragen zu Hannah Höch
Wer war Emil Orlik?
Emil Orlik (1870-1932) war ein in Prag geborener Grafiker und Maler, der 1900 und 1901 nach Japan reiste, um den Holzschnitt aus erster Hand zu lernen. Aus dieser Zeit stammt sein Holzschnitt-Porträt eines japanischen Malers von 1901. Ab 1905 lehrte er an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin. Hannah Höch war von Sommer 1915 bis Winter 1919/20 seine Schülerin.
Was zeigt der "Schnitt mit dem Küchenmesser"?
Die Collage (1919, fast einen Quadratmeter groß) verdichtet die politische Gegenwart der Weimarer Republik in einem einzigen Bild: Politiker, Militärs, Tänzerinnen, Sportler, Industriebilder und Schriftzüge, überlagert und neu zusammengesetzt. Das Material stammt aus Zeitungen und Illustrierten. Das Werk befindet sich heute in den Staatlichen Museen zu Berlin, Nationalgalerie, wohin es 1961 gelangte.
Wo sind Hannah Höchs Werke heute?
Der größte Teil des Nachlasses (rund 12.000 Stücke) liegt im Künstlerarchiv der Berlinischen Galerie, wo er 1979 hinterlegt wurde. Der "Schnitt mit dem Küchenmesser" befindet sich in der Nationalgalerie Berlin. "Dada-Rundschau" gehört der Berlinischen Galerie, die das Werk 1986 erwarb.
Was war die Erste Internationale Dada-Messe?
Die Erste Internationale Dada-Messe fand vom 30. Juni bis zum 25. August 1920 im Kunstsalon Dr. Otto Burchard, Lützow-Ufer 13 in Berlin, statt. Der Katalog verzeichnete 174 Werke von 27 Ausstellern; der Eintritt kostete 3,30 Mark. Die Berlinische Galerie nennt sie die größte öffentliche Manifestation der Dadaisten in Deutschland. Im Jahr darauf strengte das Reichswehrministerium ein Verfahren wegen Beleidigung der Reichswehr an, Anlass waren unter anderem Grosz' Mappe "Gott mit uns" und eine ausgestopfte Soldatenpuppe mit Schweinekopf. Das Gericht verhängte Geldstrafen gegen Grosz (300 Mark) und Herzfelde (600 Mark).
Gab es Hannah Höchs Collage vor dem Linolschnitt?
Nein. Höchs erste Fotomontagen entstanden 1918. Ihr Studium bei Emil Orlik, das explizit Holzschnitt und Linolschnitt umfasste, begann im Sommer 1915. Die druckgrafische Ausbildung kam zuerst. Wer sich für Techniken interessiert, die Druck und Collage in einem einzigen Arbeitsgang verbinden, findet dazu mehr auf der Seite zur Chine-collé-Technik, ein anderer Weg, dieselbe Grenze zu überschreiten.
Quellen und weiterführende Literatur
- Encyclopaedia Britannica, Hannah Höch: Biography, Works, and Legacy
- Berlinische Galerie, Highlight Grafik: Hannah Höch, "Dada-Rundschau"
- Berlinische Galerie, Künstlerarchiv: Nachlass Hannah Höch
- Berlinische Galerie, Künstlerarchiv: Katalog der Ersten Internationalen Dada-Messe
- Museum Reinickendorf, Über Hannah Höch
- Wikipedia, Erste Internationale Dada-Messe
- Wikipedia, Hannah Höch (de, en)
- Wikipedia, Emil Orlik (en); Wikipedia, Oskar Bangemann
- Wikipedia, Berliner Illustrirte Zeitung (en); Wikipedia, Photomontage (en)
- Spiegel Geschichte, Berliner Dada-Messe 1920: Messerstich in die deutsche Bierbauchkultur (30.06.2020)
- FemBio, Hannah Höch
- artinwords, Hannah Höch: Biografie und Werke der Dada-Pionierin
Zuletzt aktualisiert am 06.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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