Dadaismus

Dadaismus war eine Kunstbewegung, die 1916 in Zürich begann und sich gegen die bürgerliche Kultur wandte, die Europa in den Ersten Weltkrieg geführt hatte. Dada arbeitete mit Zufall, Collage, Lautgedichten und Provokation. Die Bewegung verbreitete sich nach Berlin, Köln, Paris, New York und Hannover, wo Kurt Schwitters mit MERZ eine eigene Variante erfand.

Hannover, Waldhausenstraße, Mitte der 1920er Jahre. Kurt Schwitters klebt Busfahrkarten, Zeitungsfetzen und Drahtstücke an die Wände seines Wohnhauses. Was als Ecke im Atelier beginnt, wächst über Jahre zu einer begehbaren Skulptur: dem Merzbau. Jeder Gegenstand hat eine Geschichte, die Schwitters allein kennt. Eine Höhle ist Hans Arp gewidmet, eine andere enthält eine Haarlocke von Schwitters' Friseur, eine dritte eine Flasche mit dem eigenen Urin. Die Grotten trugen Namen wie "Kathedrale des erotischen Elends" oder "Lustmordhöhle" und wuchsen durch Stockwerke und Zimmer. 1943 zerstört eine Bombe alles. Was bleibt: eine Rekonstruktion im Sprengel Museum in Hannover, wenige Kilometer von Studio Sonsu entfernt.

Schwitters war kein Maler, der nebenbei druckte. Er war jemand, der malte, collagierte, dichtete, Lithografien druckte, Werbung für Pelikan gestaltete und eine begehbare Skulptur in sein Wohnhaus baute. Die Berliner Dadaisten wollten ihn nicht. Richard Huelsenbeck nannte ihn den "Caspar David Friedrich der dadaistischen Revolution". Das war als Beleidigung gemeint. Schwitters nahm es als Freifahrtschein, seine eigene Bewegung zu gründen.

Was ist Dadaismus?

Dadaismus bezeichnet eine internationale Kunstbewegung, die 1916 in Zürich entstand. Ihr Ausgangspunkt war die Ablehnung bürgerlicher Werte und akademischer Kunsttradition im Kontext des Ersten Weltkriegs. Die Tate definiert Dada als Bewegung, die während des Ersten Weltkriegs in Zürich aus einer "negativen Reaktion auf die Schrecken und die Torheit des Krieges" hervorging. Die Encyclopaedia Britannica beschreibt sie als nihilistische und antiästhetische Strömung, die in Zürich, New York, Berlin, Köln, Hannover und Paris zwischen den 1910er und 1920er Jahren wirkte. Dada arbeitete mit Zufall, Collage, Performance und Provokation und beeinflusste spätere Bewegungen von Fluxus bis zur Konzeptkunst.

Zeitgenössische Druckgrafik steht in einer langen Tradition, die auch im Dadaismus wurzelt. Schwitters' Materialmix und der Dada-Gedanke, dass jedes Medium Kunst sein kann, prägen Druckgrafiker bis heute.

Am 5. Februar 1916 eröffneten Hugo Ball und Emmy Hennings das Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse 1 in Zürich. Die Schweiz war neutral, Zürich voll mit Emigranten, Deserteuren und Künstlern, die dem Krieg entkommen waren. Ball, Hennings, Tristan Tzara, Marcel Janco, Richard Huelsenbeck und Hans Arp trafen sich in einem Hinterzimmer und machten Programm: gleichzeitig vorgetragene Gedichte, Kostüme aus Pappe, Trommelwirbel, bewusster Unsinn.

Woher der Name kommt, ist unklar. Ball behauptete, er habe "Dada" zufällig in einem deutsch-französischen Wörterbuch gefunden, wo es "Steckenpferd" bedeutet. Tzara beanspruchte die Findung für sich. Huelsenbeck erzählte eine dritte Version. Dass niemand sich einigen konnte, passte zur Bewegung.

Hugo Ball im kubistischen Kartonkostüm bei einer Lautgedicht-Aufführung im Cabaret Voltaire, Zürich 1916.
Hugo Ball, Lautgedicht-Aufführung, 1916. Cabaret Voltaire, Zürich. Public Domain.

Hugo Ball trat am 23. Juni 1916 im Cabaret Voltaire auf, eingekleidet in ein Kostüm aus blauer Pappe und einem zylinderförmigen Kopfschmuck. Er trug Lautgedichte vor: "jolifanto bambla o falli bambla". Keine Wörter, nur Klänge. Das war Dadaismus in der Literatur: Sprache, die sich weigert, etwas zu bedeuten.

Von Zürich aus verbreitete sich Dada-Kunst nach Berlin, Köln, Paris, New York und Hannover. In Berlin wurde die Bewegung politischer. Raoul Hausmann und Hannah Höch entwickelten die Fotomontage: Zeitschriftenbilder, zerschnitten und zu neuen Bedeutungen zusammengesetzt. George Grosz, ebenfalls Berliner Dadaist, trieb den satirischen Biss in seinen Lithografien so weit, dass er sich Gerichtsverfahren einhandelte. Wie Grosz' Druckgrafik als Massenmedium funktionierte, zeigt seine eigene Seite. Mitte der 1920er Jahre wechselte er Mitte der 1920er Jahre zur Neuen Sachlichkeit, wo sein Blick noch schärfer wurde. Höchs Arbeit "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands" (1919-1920) ist das bekannteste Beispiel. In Köln experimentierte Max Ernst mit Collagen aus Katalogabbildungen und entwickelte die Frottage: ein Blatt Papier auf eine raue Oberfläche legen, mit Bleistift abreiben, die Struktur als Ausgangsmaterial für surreale Kompositionen nutzen. Ernst war die deutlichste Brücke zwischen Dada und Surrealismus. Was in Köln als Dada-Collage begann, wurde in Paris zum surrealistischen Verfahren.

In New York stellte Marcel Duchamp 1917 ein industriell gefertigtes Urinal auf einen Sockel, signierte es mit "R. Mutt" und erklärte es zur Kunst. Das Ready-made war geboren. Mitte der 1920er Jahre löste sich Dada auf. Viele Protagonisten wanderten in den Surrealismus ab, der Dadas Methoden übernahm, aber ein Ziel formulierte: Zugang zum Unbewussten statt Zerstörung des Bestehenden. Worin sich Surrealismus und Dadaismus bei aller geteilten Methode grundsätzlich unterscheiden, zeigt der direkte Vergleich. Dass dieser Methodenwechsel auch das Verhältnis zum älteren Symbolismus neu definierte, zeigt sich an Figuren wie Odilon Redon, den beide Seiten für sich beanspruchten. Die anti-institutionelle Geste, Kunst aus dem Museum auf die Straße zu holen, taucht später in der Street Art in verwandelter Form wieder auf.

Welche Merkmale hat der Dadaismus?

Einen einheitlichen Stil gab es nie. Was Zürich, Berlin, Köln und Hannover verband, war keine gemeinsame Ästhetik, sondern ein geteilter Werkzeugkasten: der Einsatz von Zufall als Gestaltungsprinzip, die Vermischung von Medien, die Ablehnung von Originalität im klassischen Sinn und die Bereitschaft, alles zur Kunst zu erklären.

Zufall als Methode. Hans Arp zerriss eine unbefriedigende Zeichnung, ließ die Fetzen auf den Boden fallen und erkannte in der zufälligen Anordnung den Ausdruck, den er gesucht hatte. Die Entscheidung, den Zufall nicht zu korrigieren, war die eigentliche künstlerische Entscheidung.

Collage und Fotomontage. Schwitters klebte Straßenbahnfahrkarten, Bonbonpapiere und Zeitungsreste zu Bildern zusammen. Höch schnitt Zeitschriftenfotos auseinander und setzte Politikerköpfe auf Tänzerinnenkörper. Beide Verfahren nehmen Material, das bereits existiert, und geben ihm durch Neuanordnung eine andere Bedeutung — ein Prinzip, das der Kubismus mit Picassos und Braques Papiers collés eingeführt hatte.

"DADA MEANS NOTHING. [...] Thought is produced in the mouth." -- Tristan Tzara, Dada Manifesto 1918 (Volltext referenziert über Wikipedia: Dada)

Das Ready-made. Duchamp stellte industriell gefertigte Gegenstände in Galerien und erklärte sie zu Kunst. Das Urinal, der Flaschentrockner, das Fahrrad-Rad auf einem Hocker. Dadaismus als Kunst zu verstehen heißt zu akzeptieren, dass der Kontext bestimmt, was Kunst ist, nicht das Handwerk.

Lautgedichte. Ball, Hausmann und Schwitters demontierten Sprache. Schwitters' "Ursonate" (entstanden ab 1922, letzte Fassung 1932) ist ein rund 40-minütiges Lautgedicht in vier Sätzen: Rondo, Largo, Scherzo und Presto mit Kadenz. Aufgebaut wie eine Sonate, nur ohne ein einziges verständliches Wort. Als musikalische Struktur funktioniert das erstaunlich gut. Die dadaistische Literatur nahm Sprache auseinander, nicht um sie zu zerstören, sondern um zu zeigen, dass Klang allein schon Bedeutung tragen kann. Der Expressionismus trieb Farbe und Form ins Extreme, Dada trieb die Sprache dorthin.

Was hat Dadaismus mit Druckgrafik zu tun?

Dada-Künstler nutzten Drucktechniken nicht als Reproduktionsmittel, sondern als eigenständiges Medium. Schwitters druckte Lithografien mit aufgeklebten Collage-Elementen, Hausmann experimentierte mit typografischen Plakaten, und die MERZ-Zeitschrift behandelte den Seitenaufbau selbst als Komposition. Druckgrafik war für Dada gleichzeitig Vervielfältigung und Unikat.

Schwitters' druckgrafisches Werk verbindet Dada-Kunst mit konkreter Hannoverscher Produktion. Er nutzte Druckgrafik als Werkzeug für alles: Kunst, Zeitschrift, Werbung, Typografie-Experiment.

Kurt Schwitters, Merzbild 1A Der Psychiater, 1919. Mixed-Media-Collage mit Fundmaterialien, Papierfetzen und Farbflächen.
Kurt Schwitters, Merzbild 1A (Der Psychiater), 1919. Mixed-Media-Collage. Public Domain.

Den Namen MERZ entnahm Schwitters einem eigenen Collage-Bild von 1918-19. Ein Textfragment mit dem Wort KOMMERZ, vermutlich aus einer Bankenwerbung, war darin verklebt, das Wort in der Mitte abgerissen. MERZ wurde zum Titel seiner gesamten Praxis: Merzbilder, Merzgedichte, Merzbau, Merzwerbe.

1923 erschien die MERZ 3 Mappe: sechs Lithografien, geplante Auflage 50, höchste bekannte Nummerierung 31. Drei der Blätter enthalten handgeklebte Collage-Elemente direkt auf dem Lithografie-Abzug. Raster aus Quadraten und Rechtecken, dazwischen Fragmente aus Werbeanzeigen und Kinderbüchern. Bei drei der Blätter ist das Ergebnis gleichzeitig Druck und Collage. Der Lithografiestein lieferte die Grundstruktur, Schwitters' Hände den Rest. Das ist kein Holzschnitt-Purismus und kein akademischer Steindruck. Es ist ein Verfahren, das sich selbst nicht ernst nimmt und dabei ernsthafte Kunst produziert.

Parallel dazu gab Schwitters zwischen 1923 und 1932 die MERZ-Zeitschrift heraus. 24 Nummern waren geplant, 21 sind tatsächlich erschienen; Nr. 10, 22 und 23 wurden nie publiziert. Merz 8/9 gestaltete El Lissitzky typografisch, ein Moment in dem sich Konstruktivismus und Bauhaus-Welt in Hannover berührten; die letzte Ausgabe Merz 24 enthielt die vollständige Notation der Ursonate, gesetzt von Jan Tschichold. Die Zeitschrift war kein Begleitprodukt. Sie war das Medium, in dem Schwitters Typografie als eigenständige visuelle Kunst behandelte: Buchstaben als Formen, Seitenaufbau als Komposition, Druckerschwärze als Material.

Nebenbei betrieb Schwitters die Werbeagentur Merzwerbe in Hannover, mit Kunden wie Pelikan und Bahlsen. Der Mann, der Busfahrkarten an seine Wände klebte, gestaltete gleichzeitig Briefköpfe für Tinten-Hersteller. Dada allein über Duchamps Urinal erklären zu wollen ist wie Punk nur über die Sex Pistols zu erklären. Schwitters bewies in Hannover, dass Anti-Kunst und Auftragsarbeit nicht im Widerspruch stehen müssen, dass das Material keinen Unterschied zwischen hoch und niedrig kennt.

Sein Einfluss reicht bis in die Pop Art, die in den 1960er Jahren Alltagsobjekte und Werbung in die Kunst holte, und bis zum Bauhaus, mit dem Schwitters über Lissitzky und van Doesburg direkt verbunden war. Wer zeitgenössische Druckgrafik sammelt, in der Fundstücke, Textfragmente oder Alltagsmaterial verarbeitet sind, steht in einer Linie, die an der Waldhausenstraße in Hannover begann. Diese Spannung zwischen Druck und Unikat zieht sich durch die gesamte Druckgrafik-Geschichte und macht den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck greifbar.

Häufige Fragen

Wer hat den Dadaismus gegründet?

Eine zentrale Gründerfigur gab es nicht. Hugo Ball und Emmy Hennings eröffneten 1916 das Cabaret Voltaire, aber Tzara, Janco, Huelsenbeck und Arp waren von Anfang an gleichberechtigte Stimmen. Dada hatte kein Manifest, dem alle zustimmten, und keinen Anführer, der entschied. Diese fehlende Hierarchie war kein Organisationsversagen, sondern Programm.

Was ist der Unterschied zwischen Dada und MERZ?

MERZ war Kurt Schwitters' eigene Kunstbewegung in Hannover, entstanden ab 1919. Die Berliner Dadaisten hatten Schwitters abgelehnt, also schuf er sein eigenes System. MERZ teilte mit Dada die Collage-Methode und die Ablehnung akademischer Konventionen, ging aber darüber hinaus: Schwitters behandelte alles als Material für Kunst, von der Busfahrkarte bis zur Hauswand, ohne den destruktiven Impuls, der Dada in Berlin und Zürich antrieb.

Hat der Dadaismus die Kunst verändert?

Grundlegend. Die Idee, dass jedes Material Kunst sein kann und dass der Kontext bestimmt, was als Kunst gilt, stammt aus dem Dadaismus. Duchamps Ready-mades, Schwitters' Collagen und Höchs Fotomontagen haben den Werkbegriff so weit geöffnet, dass die gesamte Konzeptkunst, Druckgrafik mit Mixed-Media-Elementen und Teile der zeitgenössischen Installation darauf aufbauen.

Gibt es heute noch Dada?

Als Bewegung nicht. Aber die Haltung lebt in der Konzeptkunst weiter, im Fluxus der 1960er Jahre (mit Joseph Beuys als prominentester Figur), in Performance-Kunst und in zeitgenössischer Mixed-Media-Druckgrafik. Immer wenn jemand gefundenes Material in ein Kunstwerk integriert, einen Kontext verschiebt oder eine Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst in Frage stellt, arbeitet das Prinzip, das 1916 im Cabaret Voltaire begann.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Tate – Dada: Glossareintrag zu Entstehung, Merkmalen und Künstlern der Dada-Bewegung. https://www.tate.org.uk/art/art-terms/d/dada
  • Sprengel Museum Hannover – Kurt Schwitters Archiv, Rekonstruktion des Merzbaus und Schwitters-Sammlung. https://www.sprengel-museum.de
  • Cabaret Voltaire Zürich – Gründungsort des Dadaismus (1916), heute Kulturinstitution. https://cabaretvoltaire.ch
  • Wikipedia (weiterführend): Kurt Schwitters – Leben, MERZ-Praxis und Merzbau. https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Schwitters

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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