Japandi-Deko: Was von der Verbindung zwischen Japan und Skandinavien wirklich bleibt
Ende der 1850er-Jahre ist der dänische Marineoffizier William Carstensen in ostasiatischen Gewässern im Einsatz. 1863 erscheint auf Dänisch ein Buch über Japans Hauptstadt und ihre Bewohner, "Japans Hovedstad og Japaneserne", das Carstensen aus einem russischen Reisebericht ins Dänische überträgt. So wird Japans gerade erst wieder geöffnete Hauptstadt in Kopenhagen zum Buchthema, ein frühes Kapitel jener dänischen Beschäftigung mit Japan, die heute unter dem Namen Japandi-Deko fortlebt.
160 Jahre später liegt derselbe Kulturkreis in einem Warenkorb auf posterlounge.de: Hokusai- und Koson-Reproduktionen als Japandi-Deko ab 7,95 Euro, ohne jede Angabe, ob Original oder Nachdruck. Zwischen Carstensens Buch und diesem Warenkorb liegt die eigentliche Frage: Was von der ursprünglichen Verbindung ist noch da, und wo findet man sie, wenn nicht für sieben Euro fünfundneunzig.
Ist Japandi wirklich erst 2016 erfunden worden?
Interior-Blogs erzählen die Geschichte gern so: Der Begriff "Japandi" kam um 2016 auf, ein Kofferwort aus Japan und Scandi, und seitdem gibt es den Japandi-Stil. Wer die Prägung genauer zuschreiben will, landet in einem Widerspruch: Manche bezeichnen die Interior-Bloggerin Kate Watson-Smyth als Urheberin um 2016, andere die Designerin Alyssa Kapito bereits 2008. Belegt ist eigentlich nur: Der Name wurde um 2016 populär. Wer als Erste oder Erster das Wort benutzt hat, weiß niemand mit Sicherheit.
Das Wort ist neu. Die Sache dahinter ist es nicht. 1949 entwirft der dänische Möbeldesigner Hans Wegner für Carl Hansen & Søn den Wishbone Chair, bekannt als CH24, fünf Jahre nach seinem China Chair von 1944. Beide Stühle gehen zurück auf einen Rundlehnstuhl aus der Ming-Dynastie, der als Antiquität in der Sammlung des dänischen Kunstgewerbemuseums lag, heute Designmuseum Danmark. Ein dänischer Stuhl, entworfen nach chinesischem Vorbild, ist heute besonders in Japan beliebt: Mehr als ein Viertel der jährlichen Produktion des Wishbone Chairs geht dorthin. Skandinavisches Design beschäftigt sich also seit Langem mit ostasiatischer Formensprache, und das nicht erst seit gestern. Die spezifisch japanische Hälfte dieser Verbindung zeigt sich am deutlichsten dort, wo Studio Sonsu ansetzt: im Papier und im Druck.
Diese Beschäftigung hatte auch akademische Wurzeln: Kaare Klint, Begründer der dänischen Möbelhistorie, und sein Schüler Ole Wanscher, der von 1924 bis 1927 mit Klint zusammenarbeitete und ihn 1955 als Professor an der Königlich Dänischen Kunstakademie beerbte, griff in eigenen Standardwerken wie "History of the Art of Furniture" klassische chinesische Möbelformen auf. Möbelgeschichte als akademisches Lehrfach, keine Minimal Art der 1960er-Jahre, auch wenn beide für Reduktion stehen.
Wie ging die Tür überhaupt auf? 1853 erzwingt Commodore Matthew Perry mit vier Kriegsschiffen in der Bucht von Edo das Ende einer gut 220 Jahre alten japanischen Abschottungspolitik, bekannt als Sakoku. Erst danach konnte jemand wie Carstensen überhaupt nach Japan segeln. Was diese Verbindung trägt, ist ein Material, das die meisten Käufer nie in der Hand hatten.
Was hält ein Bild an einer japandi-reduzierten Wand eigentlich in zehn Jahren?
Im Schatzhaus Shōsōin in Nara liegt ein Familienregister, geschrieben auf Washi-Papier aus dem frühen 8. Jahrhundert. Damit reicht die dokumentierte Geschichte des Papiers mindestens 1.300 Jahre zurück, und ein altes japanisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: Seide hält 500 Jahre, Washi 1.000 Jahre.
Torinoko-Papier aus der Region Echizen in der nördlichen Fukui-Präfektur gilt als tausend Jahre haltbar. Schon 1712 nennt der Almanach "Wakan sansai zue" dieses Papier König der Papiere, mit bemerkenswert langer Lebensdauer. Auf genau solchem Papier druckte Hokusai Blätter wie "Südwind, klarer Morgen", die Jahrhunderte überstehen. 2014 wurde die Handwerkskunst der japanischen Papierherstellung, Washi, von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Wer nach Wabi-Sabi fragt, landet oft bei genau diesem Material: einer Ästhetik, die physische Spuren verlangt, keine Behauptung auf einem Etikett.
Was unterscheidet ein Material, das für Jahrhunderte gemacht ist, von einem Poster, das für eine Saison gemacht ist? Wabi-Sabi setzt unwiederholbare, physische Prozessspuren voraus, die als physikalische Notwendigkeit entstehen, nicht als Absicht. Eine maschinelle Reproduktion kann diese Prozessspuren per Definition nicht liefern, egal wie sehr sich ein Anbieter im Japandi-Segment dabei auf Wabi-Sabi-Sprache beruft.
Ein Material, das tausend Jahre hält, ist auch ein Nachhaltigkeitsargument: Wer bei nachhaltiger Wandkunst auf Langlebigkeit statt Wegwerfware setzt, bekommt mit Washi genau das. Weniger, aber besser zeigt sich hier am Material selbst, nicht nur an der Optik.
Welche Werke tragen diese Verbindung tatsächlich, statt sie nur zu behaupten?
Keiner der fünf Shops, die wir für diesen Artikel angeschaut haben (Posterlounge, KARE, Watercolorbotanicals, Westwing, Bimago), erklärt eine einzige Drucktechnik. Keiner unterscheidet Original von Reproduktion in einer Form, die über die Produktbezeichnung hinausgeht. Keiner nennt eine lebende Künstlerin oder einen lebenden Künstler mit eigener Werkstatt. Echte Japandi-Wandbilder tragen die Technik im Papier selbst, nicht nur ein bekanntes Motiv auf der Oberfläche. Das ist die Lücke. Hier ist, was in echten Werkstätten tatsächlich passiert.
Kjell Bendiksen, geboren 1948 in Bergen, lebt heute in Lillehammer, arbeitet seit Jahrzehnten mit Tiefdruck, hauptsächlich Radierung. In seiner schriftlichen Antwort an Studio Sonsu nennt der norwegische Grafiker maschinelle Reproduktionen, die wie Originalgrafik bepreist, signiert und nummeriert werden, "uberørt av menneskehånd". Auf Deutsch: unberührt von Menschenhand. Bei einer Radierung ritzt der Künstler das Motiv in eine beschichtete Metallplatte, die Platte wandert ins Säurebad, danach wird sie mit Farbe gefüllt und unter mehreren Tonnen Druck auf feuchtes Papier gepresst. Bendiksens Werke wie "u.t. (untitled) I" oder "Topografisk Portrett v5" sind die skandinavische Hälfte von Japandi in echter Werkstattpraxis.
Auf der anderen Seite steht Rod Nelson mit seinem Holzschnitt "Wild Horses II" (2019). Das Motiv zeigt Wellen, die zu galoppierenden Pferden werden, eine Bildmetapher mit langer Tradition in der japanischen Holzschnitt-Kunst. Nelson arbeitet in Holzschnitt-Technik nach japanischer Methode, mit einem Reiber statt einer Presse. Ein in England arbeitender Drucker, eine japanische Technik, ein westliches Motiv, das sich in ein japanisches verwandelt. Eine verwandte Bewegung wie bei Wegners Ming-Stuhl, mit Farbe statt Holzmaserung.
Rachel Duckhouses Radierung "Canberra VII" gehört zur Canberra-Serie: die kühlste Variante, maximale Zurückhaltung. Zwei geometrische Formen, quadratisches Format, kaum Farbe. Bendiksens formale Radierung, Nelsons japanisch-westlicher Holzschnitt und Duckhouses geometrische Reduktion zeigen dieselbe reduzierte, präzise Formensprache, jede aus ihrer eigenen Werkstatt-Tradition. So kühl wie Duckhouses Canberra-Serie ist dabei nicht jedes Werk im Sortiment; viele sind wärmer und gemütlicher, näher am skandinavischen Hygge-Gefühl, ohne weniger klar zu wirken.
Wer die japanische Hälfte der Fusion am unmittelbarsten sucht, findet sie bei Inga Eičaitė, die im Sortiment von Studio Sonsu mit der traditionellen Mokuhanga-Technik arbeitet, dem japanischen Wasserholzschnitt. Für diesen Vergleich haben wir eine eigene Auswahl kuratiert: Radierungen und Holzschnitte, die die japanisch-skandinavische Reduktion sichtbar machen. Was fehlt, ist noch die Antwort auf die einfachste Frage: Was landet eigentlich bei dir zu Hause, wenn du eines davon bestellst.
Was unterscheidet das Werk an deiner Wand vom Poster im Warenkorb?
Beide können ähnlich aussehen. Reduzierte Fläche, klare Linie, wenig Farbe. Japandi-Deko gibt es inzwischen in jeder Preisklasse, als Wandbild oder Poster, von der Sieben-Euro-Reproduktion bis zum handsignierten Original. Der Unterschied liegt nicht in der Optik, sondern im Verfahren. Was den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck ausmacht, lässt sich einfach erklären: Ein Original trägt das Verfahren selbst, jede Linie ist von der Platte auf das Papier gedrückt worden. Ein Poster reproduziert nur die Abbildung, die Platte hat es nie berührt.
Bei einer Radierung siehst du unter Licht oft den Plattenrand als feine geprägte Kante im Papier, weil die Druckplatte beim Pressen tatsächlich in das feuchte Papier gedrückt wurde. An einem Original wie Rachel Duckhouses "Canberra VII" ist diese Kante Teil des Werks. Bei einem Holzschnitt siehst du einen ähnlichen Abdruck des Holzblocks im Papier, sichtbar als schmale Kante bei Streiflicht, weil ein Mensch mit dem Reiber von Hand über das Papier gerieben hat, statt mit einer Presse zu drucken. Ein Giclée-Print auf Industriepapier zeigt nichts davon, weil da nie eine Platte war. Für ein japandi-reduziertes Zimmer, in dem jedes Detail sichtbar bleibt, ist das kein Nebenaspekt. Diese Kante entscheidet nicht, was am Ende an der Wand hängt, sie zeigt nur, woran man den Unterschied erkennt.
Carstensens Buch von 1863 existiert bis heute, katalogisiert in Bibliotheken. Ob der heutige Warenkorb mit dem Sieben-Euro-Hokusai-Poster in 160 Jahren noch irgendetwas ist, weiß niemand. Das Material, aus dem er besteht, ist dafür jedenfalls nicht gemacht. Ein Original, gedruckt auf Papier, das für Jahrhunderte gedacht ist, mit einer Platte, die eine Kante im Blatt hinterlässt, schon eher.
FAQ
Was ist Japandi-Kunst eigentlich genau?
Praktisch bedeutet Japandi die Kombination aus japanischer Reduktion, Naturmaterial, viel freier Fläche und skandinavischer Wohnlichkeit. Bei Wandkunst zeigt sich das an reduzierten Motiven, sichtbarem Material und wenig Farbe, oft in Techniken wie Radierung oder Holzschnitt, die von sich aus schon zurückhaltend wirken. Der Name selbst ist neueren Datums, die Verbindung dahinter reicht deutlich weiter zurück.
Was unterscheidet Japandi von Wabi-Sabi?
Japandi ist ein komplettes Raumkonzept mit eigener Materialliste: Holz, Stein, Papier, Leinen. Wabi-Sabi kommt aus einer anderen Ecke: einer Haltung gegenüber einzelnen Gegenständen, ihren Rissen, ihrer Abnutzung, ihrer Unvollkommenheit. Ein einzelnes Werk kann Wabi-Sabi-Merkmale zeigen, sichtbare Maserung etwa, oder ungleichmäßige Linienführung, während der Raum drumherum ganz gewöhnlich Japandi bleibt. Die beiden Konzepte überschneiden sich, sind aber nicht deckungsgleich: Was Wabi-Sabi technisch erzeugt, Plattenton, Kaltnadel-Grat, Holzmaserung, ist eine engere, materialgebundene Idee als das breite Japandi-Raumkonzept.
Ist ein Original teurer als ein Poster, und wofür zahle ich den Unterschied?
Ja, deutlich. Ein Poster ist eine industrielle Reproduktion in unbegrenzter Stückzahl. Ein Original wird vom Künstler selbst gedruckt, in Bleistift signiert und nummeriert, in einer Auflage von meist 25 bis 100 Exemplaren, bei Kaltnadel oft nur etwa 15. Bei Studio Sonsu beginnen Originaldrucke bei 30 Euro. Der Preis hängt an der begrenzten Auflage, dem Verfahren und daran, dass niemals nachgedruckt wird, sobald die Auflage verkauft ist.
Welches Material hält am längsten an der Wand?
Praktisch heißt das: Washi- oder Baumwollpapier ist auf Jahrhunderte angelegt, während Industriepapier für Giclée-Drucke eher für den kurzfristigen Gebrauch gedacht ist. Bei gerahmten Werken schützt zusätzlich UV-Verglasung wie Acrylglas vor Lichtschäden, eine Option, die du bei der Bestellung dazuwählen kannst.
Muss ich Japandi als Stil konsequent im ganzen Zimmer durchziehen?
Nein. Ein einzelnes Werk, das reduziert und materialbewusst wirkt, funktioniert auch in einem Raum, der sonst anders eingerichtet ist. Die Fusion, die dem Japandi-Stil zugrunde liegt, ist historisch gewachsen, kein Regelwerk für den heimischen Konsum.
Wie lange dauert die Lieferung bei Studio Sonsu?
Ungerahmt dauert die Lieferung in der Regel 5 bis 8 Werktage, gerahmt, wegen der handgefertigten Passepartouts, eher 10 bis 14. Die Rahmung wählst du direkt beim Werk dazu, nicht als separates Produkt. Der Versand geht ausschließlich über DHL, in einer stabilen Planversandbox mit Graukarton-Schutz.
Quellen und weiterführende Literatur
- Nippon, Kulturportal-Beitrag zu Washi (Kulturgeschichte des japanischen Papiers, Shōsōin, Echizen-Torinoko, UNESCO 2014)
- Designmuseum Danmark, Sammlung dänisches Möbeldesign (Wegner Wishbone Chair und China Chair, Ming-Vorbild)
- Ole Wanscher, History of the Art of Furniture (1946–56, dänische Möbelhistorie, Klint-Schule)
- UNESCO, Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity (Washi, 2014)
Studio Sonsu
Studio Sonsu ist eine Galerie in Hannover-Linden, spezialisiert auf originale Druckgrafik: Radierung, Holzschnitt, Linolschnitt, Lithografie, Siebdruck. Hier findest du kein Massenwaren-Poster, keine Reproduktion, die sich als Original ausgibt. Für die japanisch-skandinavische Fusion im Sortiment: Japandi-Kollektion. Wer sich lieber querbeet durch das ganze Haus schaut, findet alle Werke an einem Ort. Und wer wissen will, woher die japanischen Motive der Poster-Shops ursprünglich stammen, findet die historischen Meister unter Ukiyo-e. Fragen? hello@studiosonsu.de