Mokuhanga — japanischer Wasserholzschnitt

Mokuhanga (木版画, wörtlich „Holz-Bild") ist japanischer Holzschnitt mit wasserlöslichen Pigmenten, Washi-Papier und einem handgehaltenen Reiber aus Bambusmaterial. Gedruckt wird ohne Presse: nur Handkraft, Feuchtigkeitskontrolle und die Kenntnis, wie sich Holz, Papier und Farbe gegenseitig beeinflussen. Die Technik wird heute weltweit unterrichtet und von zeitgenössischen Druckgrafikern aus Australien, den USA, Japan und Europa aktiv praktiziert. Inga Eicaite verbindet Mokuhanga mit Intaglio in ihrer Londoner Praxis.

Das Papier liegt seit einer Stunde unter einem feuchten Tuch. Nicht nass, nicht trocken: leicht angefeuchtet, damit es beim Druck nicht quillt und nicht reißt. Der Kirschholzblock daneben wird mit einem feuchten Lappen abgewischt. Dann: Pigment und Reiskleister auf dem Block, verteilt mit einem weichen Pinsel. Ein zweiter Pinsel verwischt die Farbe in eine Richtung. Der Gradient, der dabei entsteht, ist der Bokashi, die vielleicht charakteristischste Qualität des japanischen Wasserholzschnitts. Er kommt nicht aus der Maschine. Nur aus dieser Handbewegung.

Das ist der Moment, in dem Mokuhanga entweder klappt oder nicht. Zu viel Feuchte: das Papier dehnt sich, der nächste Farbblock passt nicht mehr. Zu wenig: das Pigment trocknet auf dem Block bevor das Papier aufgelegt wird. Jede der Variablen (Holz, Papier, Farbe, Luftfeuchtigkeit) hängt mit den anderen zusammen. Der Baren, mit dem der Drucker das Papier gegen den Block reibt, ist keine Notlösung mangels Presse. Er ist der einzige Weg, auf feuchtem Papier über feuchtem Holz zu drucken ohne dass alles zusammenklebt. Das macht Mokuhanga zu einer der körperlichsten Drucktechniken überhaupt. Im Vergleich zum westlichen Holzschnitt und zum japanischen Holzschnitt in seiner historischen Form zeigt Mokuhanga, wie sich dieselbe Grundidee zu einem eigenständigen System entwickelt hat.

Welche Materialien braucht Mokuhanga?

Vier Kernmaterialien definieren die Technik: Yamazakura-Holz (oder Substitut), Washi-Papier, wasserlösliche Pigmente mit Nori-Kleister und ein Baren. Jedes davon hat eigene Gesetze.

Das Holz: Yamazakura und was danach kommt

Das traditionelle Holz ist Yamazakura, die japanische Bergkirsche (Prunus jamasakura). Gerade Maserung, harte Oberfläche, feinste Schnitte möglich. Nach dem Fällen traditionell zehn Jahre trocknen lassen. Wer heute sagt, er druckt auf echtem Yamazakura, besitzt entweder einen sehr alten Block oder einen sehr alten Baum. Das Holz ist vom Markt fast vollständig verschwunden. Zeitgenössische Mokuhanga-Praxis arbeitet mit Cherry-Sperrholz aus abgenutzten alten Druckblöcken, Shina-Sperrholz oder Magnolienholz. Das ist keine Nostalgie-Katastrophe. Das ist die normale Evolution eines Handwerks.

Munakata Shikō, der große japanische Holzschnittmeister des 20. Jahrhunderts, beschrieb das Verhältnis zwischen Schnitzer und Holz so: „Das Wesen des hanga liegt darin, dass man sich den Eigenheiten des Bretts fügen muss [...] im Brett steckt eine Kraft, und man kann das Werkzeug nicht gegen diese Kraft zwingen." Beim Yamazakura mit seiner engen Maserung ist diese Eigenheit besonders spürbar.

Das Papier: Washi und drei Pflanzenfasern

Washi ist kein einheitlicher Begriff, sondern eine Familie. Drei Faserpflanzen dominieren: Kozo (Maulbeerbast, langfaserig, stabil), Gampi (feinste Fasern, natürlicher Glanz, schwer domestizierbar) und Mitsumata (geschmeidig, seidig). Kozo ist das häufigste Mokuhanga-Papier. Für anspruchsvolle Arbeiten gilt Echizen Hosho als Referenz, produziert von Iwano Ichibei IX in Fukui.

Iwano Ichibei IX ist neunter Generation einer Papiermacher-Familie in Echizen und trägt seit 2000 den Titel eines Lebenden Nationalschatzes. Sein Kizuki Hosho-Papier wird ausschließlich aus japanischem Kozo hergestellt, ohne Maschinen, ohne chemische Zusätze. Was das für den Druck bedeutet: Das Pigment wird tief in die Fasermatte gedrückt, aber ohne sie zu zerquetschen. Die Oberfläche des fertigen Drucks bleibt texturiert.

Pigment + Nori: die Farbe als Suspension

Mokuhanga-Farben sind keine Druckfarben im westlichen Sinn. Sie sind Pigment-Suspensionen in Wasser, gebunden durch Nori, einen Kleister aus Reismehl oder Reisstärke. Das Mischungsverhältnis beeinflusst Transparenz und Hafteigenschaft. Mehr Nori: mehr Haftung, weniger Farbtiefe. Weniger Nori: die Farbe verläuft, lässt sich aber auf feuchtem Washi weicher schichten. Die Pigmente sind wasserbasiert, keine petrochemischen Lösungsmittel im Prozess.

Der Baren: kein Pressmechanismus, reine Handkraft

Ein Baren ist handtellergroß, rund, und überträgt Druck über eine kreisförmige Reibbewegung. Industrielle Varianten bestehen aus Kunststoff oder Kugeln unter einer Folie. Der traditionelle Hon-Baren ist etwas anderes.

Hidehiko Goto (geb. 1953 in Kitakyushu, Präfektur Fukuoka) fertigt in seinem Atelier Baren Studio Kikuhide in Oiso-machi, Kanagawa, traditionelle Hon-Baren aus über 50 Lagen handgeschöpften Washi-Papiers, lackiert mit Kakishibu (Kakipersimonen-Saft) und umhüllt mit Bambusbast. Der Prozess dauert mehr als acht Monate pro Baren. Das Baren Studio Kikuhide ist laut eigenen Angaben die einzige Werkstatt in Japan, die sich ausschließlich auf Baren-Herstellung spezialisiert hat und dabei das gesamte Spektrum von Substitut-Baren bis Hon-Baren abdeckt.

Baren-Hersteller, Papiermacher, Drucker: drei verschiedene Werkstätten, ein Verfahren, das nur funktioniert, wenn alle drei ihre Arbeit tun.

Mokuhanga von Inga Eičaitė, TTT_02, panoramische Kiefernsilhouetten mit flächigen, ineinander laufenden Pigmentschichten auf Washi
Inga Eičaitė, TTT_02, Mokuhanga. Panoramaformat mit flächigen Kiefernsilhouetten und der für Washi typischen Farbtiefe.

Wie das Verfahren heute aussieht, zeigt Inga Eičaitės TTT_02: ein Mokuhanga mit panoramischen Kiefernsilhouetten und flächigen, ineinander laufenden Pigmentschichten auf Washi.

Wie funktioniert der Kento, das Registriersystem ohne Presse?

Der Kento besteht aus zwei präzisen Einschnitten am Rand jedes Druckblocks: einem L-förmigen Eckstück und einem geraden Anschlag auf der Längsseite. Das Papier legt sich immer an dieselbe Stelle. Alle Farbblöcke eines Drucks tragen dieselben Kento-Marken. So entsteht präzise Farbregistrierung ohne Mechanik.

An zwei festen Punkten am Rand des Holzblocks: ein L-förmiges Eck-Stück (kagi-kento) und ein gerader Anschlag (hikitsuke-kento) auf der Längsseite. Für jeden der vielleicht zehn oder zwanzig Druckblöcke eines Mehrfarbendrucks: dieselben Einschnitte, dieselbe Position. Das Papier legt sich immer an dieselbe Stelle. Kein Schraubsystem, keine elektrische Ausrichtung. Nur Holz auf Holz, und das Papier dazwischen.

Utagawa Hiroshige, einer der großen Ukiyo-e-Meister, hat in seiner Serie „100 berühmte Ansichten von Edo" ein gutes Beispiel hinterlassen, was Kento-Präzision erlaubt: Himmel, die von tiefem Preußischblau nach Weiß verlaufen, mit nahtlosen Übergängen zwischen den Farbblöcken.

Was ist Bokashi und wie entsteht ein Farbgradient ohne Airbrush?

Bokashi ist eine Mokuhanga-Farbverlaufstechnik. Der Holzblock wird angefeuchtet, ein Pinsel wird einseitig in Pigment getaucht. Beim Auftrag zieht die Farbe nach einer Seite aus. Drei Varianten: Fukibokashi (sanfter Handabrieb), Itabokashi (Kantenabschliff am Block), Futa-iro Bokashi (Zweifarbgradient).

Konkret: Zwei Pinsel. Der erste wird auf der linken Seite in Pigment getaucht, der rechte bleibt trocken. Beide gleichzeitig über den feuchten Block. Weil die Farbe wasserbasiert ist und der Block feucht, verläuft das Pigment in die trockene Seite. Der Gradient entsteht in diesem Moment, nicht in der Nachbearbeitung. Eine solche Verlaufsfläche mit Ölfarbe auf Pressendruck herzustellen ist schlicht nicht möglich.

Fukibokashi ist der klassische atmosphärische Verlauf. Itabokashi entsteht durch einen abgeschliffenen Kantenabsatz am Holzblock, der die Farbe mechanisch begrenzt. Beim Futa-iro Bokashi werden zwei Farben gleichzeitig aufgetragen, von beiden Seiten. Alle drei Varianten beruhen auf demselben Prinzip: feuchter Block, wässrige Farbe, Handbewegung.

Wer trägt das Handwerk heute?

Mokuhanga ist kein japanisches Handwerk, das man ausschließlich in Japan lernt. Auch in Deutschland gibt es offene Druckwerkstätten, in denen Holzschnitt-Varianten praktiziert werden.

April Vollmer arbeitet und unterrichtet in New York und Serbien. Ihr Buch Japanese Woodblock Print Workshop (Watson-Guptill, 2015, 256 Seiten) ist der wichtigste englischsprachige Einstiegspunkt ins Verfahren. Tom Kristensen ist Australier, hat 2003 mit dem ersten Holzschnitt angefangen und produziert seit 2004 mit der Serie 36 Views of Green Island Mehrblockdrucke in Editionen von je 25 Exemplaren, meist mit vier bis sechs Blöcken pro Druck. Daniel Kelly wurde in Idaho Falls geboren, lebt seit 1977 in Kyoto, hat bei Tokuriki Tomikichirō gelernt und ist mit Arbeiten in British Museum, Brooklyn Museum, MoMA und Met vertreten.

Eine internationale Konferenz, alle drei Jahre, nur für eine Drucktechnik. Das organisiert man nicht für ein Museumsstück.

Die International Mokuhanga Conference (IMC) wurde 2011 in Kyoto und Awaji gegründet, mit einem internationalen Teilnehmerkreis aus mehreren Dutzend Ländern. Seitdem dreijährlich: 2014 an der Tokyo University of the Arts, 2017 am Donkey Mill Art Center auf Hawaii, 2021 in Nara (online), 2024 in Echizen, Fukui. Auf der Hawaii-Ausgabe 2017 demonstrierte unter anderen Hidehiko Goto seine Baren-Konstruktionstechnik, Shoichi Kitamura zeigte das Holzschnitzverfahren, und Kyoko Harai führte traditionelle Ukiyo-e-Techniken inklusive Mica-Druck und Blattgold vor.

Parallel zur IMC betreibt die Endeavor Foundation in Japan das MI-LAB (Mokuhanga Innovation Laboratory). Gegründet ebenfalls 2011, zunächst am Fuß des Fuji in Yamanashi, seit Sommer 2024 in Echizen, Fukui. Die Residencies dauern fünf Wochen. Der institutionelle Vorläufer, der Nagasawa Art Park auf der Awaji-Insel (1997–2011), hatte 78 Teilnehmer aus 30 Ländern. Zusammen mit MI-LAB wurden bis heute über 200 Künstler in Japan ausgebildet.

Institutionelle Produktion: Das Adachi Institute

Wo IMC und MI-LAB die Weitergabe als Lernprozess organisieren, arbeitet das Adachi Institute of Woodcut Prints in Tokyo in der umgekehrten Richtung: als Produktionshaus für Meister-Editionen. Hochqualifizierte Handwerker, einige seit über 20 Jahren im Haus, fertigen Reproduktionen klassischer Ukiyo-e-Werke nach historischem Edo-Verfahren, bisher rund 1.200 Werke. Gleichzeitig kollaborierte das Institut mit zeitgenössischen Künstlern wie Keiichi Tanaami und James Jean und hat 2025 Editionen mit Antony Gormley und Kiki Smith produziert.

Mokuhanga und westlicher Holzschnitt: Worin liegt der Unterschied?

Beide Verfahren sind Hochdruck, beide arbeiten mit Holz. Was das Ergebnis unterscheidet, sieht man am besten nebeneinander: hier Ölfarbe, hart und satt. Dort Pigment, das ins Washi zieht.

Westlicher Holzschnitt: ölbasierte Walzenfarbe, trockenes Papier, Druckerpresse oder kräftiger Handabrieb. Die Farbe liegt auf der Papieroberfläche. Mokuhanga: wasserlösliche Pigmente + Nori, feuchtes Papier, Handabrieb mit dem Baren. Die Farbe zieht in die Fasern des Washi. Deshalb die charakteristische Leichtigkeit, die auch dünn aufgetragene Flächen haben. Deshalb die Möglichkeit zu mehrfacher Schichtung ohne das Papier zu überladen.

Die westliche Tradition funktioniert mit einem einzigen Druckvorgang. Mokuhanga lebt von der Schichtung: jeder Farbblock ein eigener Durchgang, jeder Durchgang auf demselben leicht angefeuchteten Blatt. Die Bewegungen Shin Hanga und Sosaku Hanga haben diese Technik im 20. Jahrhundert in zwei radikal verschiedene Richtungen weiterentwickelt.

FAQ

Was bedeutet Mokuhanga wörtlich?

Mokuhanga (木版画) setzt sich aus moku (Holz) und hanga (Bild, Druck) zusammen, wörtlich „Holz-Bild". Der Begriff bezeichnet die japanische Variante des Holzschnitts mit wasserlöslichen Pigmenten und Washi-Papier, im Unterschied zum europäischen Holzschnitt mit ölbasierter Farbe.

Kann man Mokuhanga ohne Druckerpresse lernen?

Ja, das ist ein wesentlicher Vorteil des Verfahrens. Gedruckt wird mit einem Baren, einem handgehaltenen Reiber aus Bambusmaterial. Eine Druckerpresse ist im klassischen Mokuhanga nicht vorgesehen und wird auch in zeitgenössischen Workshops nicht verwendet. Das macht das Verfahren zugänglich für Ateliers ohne Pressenfläche.

Was ist der Unterschied zwischen Washi-Papieren für Mokuhanga?

Kozo-basiertes Washi (aus Maulbeerbast) ist das gebräuchlichste Mokuhanga-Papier: langfaserig, stabil, gut saugfähig. Gampi-Papier hat feinere Fasern und natürlichen Glanz, wird seltener verwendet. Für hochwertige Arbeiten gilt Echizen Hosho als Referenz, handgeschöpft aus japanischem Kozo, ohne chemische Mittel. Die Wahl des Papiers beeinflusst wie tief das Pigment zieht und wie die Oberfläche des fertigen Drucks aussieht.

Wo kann man Mokuhanga heute lernen?

Das MI-LAB (Mokuhanga Innovation Laboratory) in Echizen, Fukui, bietet fünfwöchige Residency-Programme für internationale Praktiker. Die International Mokuhanga Conference findet alle drei Jahre statt. Auf Englisch ist das Standardwerk April Vollmers Japanese Woodblock Print Workshop (Watson-Guptill, 2015). Im deutschsprachigen Raum gibt es einzelne Workshops bei spezialisierten Druckwerkstätten.

Welche Steuern fallen auf Mokuhanga-Drucke?

Original-Holzschnitte, auch Mokuhanga-Drucke, fallen in Deutschland unter den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7%, da es sich um Originalgrafikwerke handelt. Das gilt für handsignierte Editionen mit Auflagenangabe.

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Quellen und weiterführende Literatur

  • April Vollmer, Japanese Woodblock Print Workshop. Watson-Guptill, New York 2015, 256 Seiten.
  • International Mokuhanga Conference, Konferenzgeschichte 2011–2024. https://2024.mokuhanga.org/imc-conference-history/
  • Mokuhanga Innovation Laboratory (Endeavor Foundation), Residency-Programm. https://endeavor.or.jp/mi-lab/aboutus/
  • Baren Studio Kikuhide (Hidehiko Goto), Hon-Baren-Herstellung. https://www.scn-net.ne.jp/~kikuhide/eigo.html
  • Adachi Institute of Woodcut Prints, Tokyo. https://adachi-hanga.com/en/

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Im Sortiment finden sich Holzschnitte und verwandte Drucktechniken, handsigniert, in limitierter Auflage. Alle Werke · Japonismus · Fragen: hello@studiosonsu.de