Gustav Klimt
Gustav Klimt hat gedruckt. Das überrascht, weil sein Werk vor allem als Goldmalerei im Gedächtnis ist. Aber das Secession-Plakat von 1898 ist eine echte Farblithografie, direkt vom Stein. Die posthumen Portfolios, die als "Klimt-Grafik" im Handel kursieren, sind dagegen Kollotypien, fotomechanische Reproduktionen seiner Zeichnungen. Der Unterschied ist für Sammler alles.
Wien, 1898. Klimt liefert den Entwurf für das Plakat der ersten Secession-Ausstellung. Der Drucker Albert Berger zieht eine Farblithografie mit Golddruck. Das Motiv: Theseus tötet den Minotaurus. Der Staatsanwalt lässt die Auflage konfiszieren, wegen des nackten Theseus. Das Plakat wird überarbeitet, ein Baum verdeckt die kritische Stelle, und die Ausstellung findet statt.
Das ist ein anderer Klimt als der der hängt. Nicht Der Kuss, nicht Adele Bloch-Bauer, keine dreistelligen Millionenbeträge. Sondern ein Grafiker der für das Zeitschriftenprojekt Ver Sacrum Lithografien direkt auf den Stein zeichnet, die dann eingebunden in die Hefte die Abonnenten erreichen. Eine Lithografie für den Preis eines Abendessens.
Zehn Jahre später erscheint das Portfolio Das Werk Gustav Klimts: 50 Tafeln, rund 300 Exemplare, gedruckt in der k.k. Hof- und Staatsdruckerei Wien. Aber das Verfahren ist ein anderes: Kollotypie, fotografisch übertragen. Kein Handabzug. Wer heute eine "Klimt-Grafik" kauft, muss wissen welches der beiden es ist.
Wie entstand das Secession-Plakat und warum wurde es beschlagnahmt?
Das Plakat zur ersten Ausstellung der Wiener Secession 1898 ist eine Farblithografie mit Golddruck, gedruckt von der Druckerei Albert Berger in Wien.
Klimt hatte die Secession 1897 mitbegründet und war ihr erster Präsident. Das war kein Ausstellungsverein im üblichen Sinne. Die Secession trat der etablierten Wiener Künstlergenossenschaft entgegen, die den Ausstellungsbetrieb in Wien kontrollierte, und lancierte ihr eigenes Ausstellungsgebäude, ihr eigenes Magazin (Ver Sacrum) und ihren eigenen ästhetischen Anspruch.
Das Plakat sollte das erste Aushängeschild sein. Klimt wählte den Mythos von Theseus und dem Minotaurus, eine der lesbarsten Allegorien seiner Zeit: das Neue besiegt das Alte. Der Golddruck gab dem Plakat eine Qualität, die es von der zeitgenössischen Plakatgrafik abhob.
Der österreichische Staatsanwalt Dr. Karl Bobies ließ die gesamte Auflage konfiszieren. Die Beschlagnahmung berief sich möglicherweise auf §23 des österreichischen Pressegesetzes von 1862, das öffentliches Plakatieren ohne behördliche Genehmigung untersagte. Ein archivalischer Beleg für diesen konkreten Fall wurde bisher nicht gefunden. Das Motiv: der nackte Theseus. Das Plakat wurde überarbeitet, ein Baum schützte die Blöße, und die Ausstellung fand statt.
Was hat Ver Sacrum mit Jugendstil-Grafik zu tun?
Das Zeitschriftenformat war für die Secession kein Kompromiss, sondern Programm.
Ver Sacrum erschien von 1898 bis 1903 und enthielt eingedruckte Originallithografien und Holzschnitte der beteiligten Künstler. Insgesamt 55 Lithografien und 216 Reliefdrucke aller Beiträger, eingedruckt in die Hefte. Klimt war unter den Beiträgern.
Der entscheidende Unterschied zu einem illustrierten Kunstmagazin: Diese Lithografien waren keine Reproduktionen von Gemälden, sondern eigenständige grafische Arbeiten, direkt auf den Stein gezeichnet oder übertragen. Ver Sacrum war der Versuch, Jugendstil-Grafik zum Gesamtkunstwerk zu machen: Typografie, Ornament und Druckgrafik auf denselben Seiten, in einer Auflage, die der Abonnent in die Hand nehmen konnte.
Das ist der Klimt, dem Zeitgenossen begegneten, die sich kein Gemälde leisten konnten oder wollten. Ein Heft, eine Lithografie, für den Preis eines Abendessens.
In Wien hieß die Bewegung Secession, in Frankreich Art Nouveau, in Spanien Modernisme. Was sie verband, war die Überzeugung, dass Ornament kein Beiwerk war, sondern Struktur. Im deutschen Sprachraum arbeiteten Künstler wie die Brücke einen Ausdrucksweg heraus, der expressiver, rauer und weniger ornamental war. Klimts Wiener Weg war geometrischer und byzantinischer. Das unterscheidet seine Ver-Sacrum-Beiträge von der illustrativen Grafik seiner Zeitgenossen. In Klimts Zeichnungen, ob auf Leinwand oder auf Stein, ist das ablesbar: Die Linie hat gleichzeitig Umriss und Form.
Was bedeutet Kollotypie und warum ist das bei Klimt wichtig?
Hier liegt das häufigste Missverständnis im Handel mit Klimt-Drucken. Das Portfolio Das Werk Gustav Klimts wurde 1908 von H.O. Miethke, der Wiener Galerie, die Klimts Werk zu einem guten Teil trug, initiiert. Miethke produzierte vier Lieferungen bis 1914. Die Tafeln wurden mit einem fotomechanischen Verfahren hergestellt: der Kollotypie. Drucker war die k.k. Hof- und Staatsdruckerei Wien.
Was ist Kollotypie? Eine Gelatineschicht auf einer Glasplatte nimmt über fotografische Belichtung das Motiv auf. Beim Druck überträgt sich nicht Tinte von einem manuell gestochenen Bild, sondern von einem fotografisch erzeugten Gelatinerelief. Das Ergebnis kann täuschend ähnlich einem Handabzug aussehen, weil die Gelatine Tonwerte sehr fein differenziert. Aber der Ursprung ist fotografisch, nicht druckgrafisch im traditionellen Sinne.
Das Werk enthielt 50 Kollotypie-Tafeln in einer Auflage von rund 300 Exemplaren. Davon waren 70 als Luxusexemplare ausgeführt, ausgestattet mit einer Faksimile-Signatur, und 230 als Standardausgaben. Die Kassette entwarf Julius Dratwa aus Wien, marmoriert und vergoldet. Kaiser Franz Joseph erwarb Exemplar Nr. 1.
Die Texte stammten von Hermann Bahr und Peter Altenberg. Hugo Heller, ein Wiener Buchhändler und Kulturvermittler, erwarb 1917 die Rechte vom Nachlass der Galerie Miethke und brachte das Portfolio 1918 fertig heraus. Sein Konkurs nach 1918 erklärt, warum vollständige Exemplare heute selten sind.
Unter den dokumentierten Besitzern war Frank Lloyd Wright: ein Architekt in Chicago, ein Kaiser in Wien, beide mit denselben Kollotypie-Tafeln.
Das Werk ist ein bedeutendes kulturhistorisches Dokument, keine Originallithografie. Wer Klimts eigenhändige Arbeit am Druckprozess sucht, sucht die frühen Lithografien.
Was enthält das posthume Portfolio Fünfundzwanzig Handzeichnungen?
Ein Jahr nach Klimts Tod erschien 1919 ein zweites Portfolio: Fünfundzwanzig Handzeichnungen, herausgegeben von der Wiener Galerie Würthle, ebenfalls in Kollotypie, Auflage 500. Auch hier: keine Handpresse, sondern fotografisch übertragene Zeichnungen, gedruckt von Gelatineplatten. Die 25 Blätter zeigen Aktzeichnungen und Porträtstudien, jene Seite von Klimts Arbeit die in der öffentlichen Wahrnehmung hinter den Goldgemälden verschwindet. Für die Zeitgenossen war es die erste Möglichkeit, diese Zeichnungen als geschlossene Serie zu sehen. Heute ordnet das Leopold Museum Wien Klimts Werk insgesamt zwischen den historistischen Auftragsarbeiten und den Landschaften der Goldenen Periode als zentralen Beitrag zur österreichischen Moderne ein.
Die Portfolios sind trotzdem keine wertlosen Reproduktionen. Sie haben Klimts Zeichenwerk zugänglich gemacht und sind heute selbst historische Dokumente. Aber wer wissen will, ob er Klimts Druckgrafik kauft oder eine Faksimile-Edition seiner Zeichnungen, braucht diese Unterscheidung. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität des Abzugs, sondern in der Frage wer den Druckprozess gestaltet hat. Bei den Portfolios: der Verlag. Bei den Ver-Sacrum-Beiträgen und dem Secession-Plakat: Klimt selbst.
Was verbindet Klimts Gemälde mit seiner Grafik?
Der Kuss, 1908 begonnen und 1909 vollendet, ist in Öl, Blattgold, Silber und Platin auf Leinwand. Als Klimt-Gemälde ist er unverkäuflich, Nationaleigentum in der Österreichischen Galerie Belvedere. Was man kennt, wenn man Der Kuss zu kennen glaubt, ist meist eine Reproduktion.
Klimt selbst hat sich in einem oft zitierten Kommentar (überliefert von Ludwig Hevesi, 1907) gegen jede biografische Lesart seines Werks verwahrt:
"Wer über mich, als Künstler der allein beachtenswert ist, etwas wissen will, der soll meine Bilder aufmerksam betrachten und daraus zu erkennen suchen, was ich bin und was ich will."
Gustav Klimt, überliefert von Ludwig Hevesi, 1907
Klimts Gemälde und seine Grafik teilen dieselbe Handschrift: die ornamentale Verdichtung, die Figur, die sich aus dem Muster herausschält, die Linie, die Kontur und Ornament in eins setzt. Das sieht man in den Ver-Sacrum-Beiträgen genauso wie in den Zeichnungen, die in das Werk-Portfolio eingingen. Und das sieht man in der Art, wie das Secession-Plakat den Körper des Theseus gegen die geometrische Fläche setzt. Die Geometrie im Plakat ist nicht Dekoration, sie ist dasselbe Prinzip wie die Goldfelder im Kuss.
Was sind Gerlachs Allegorien?
Noch früher als das Secession-Plakat finden sich Klimt-Beiträge in Martin Gerlachs Publikationsreihe Allegorien und Embleme, erschienen ab 1882, mit Klimt-Beiträgen dokumentiert für die Ausgaben der 1890er Jahre. Klimt lieferte Entwürfe, die als Chromolithografien reproduziert wurden. In diesen frühen Blättern ist die Goldverdichtung seiner späteren Phase noch nicht ausgebildet, aber die Linienführung ist bereits dieselbe: Ornament und Figur verschränkt, keine Trennung zwischen Dekor und Darstellung.
Für Sammler, die Klimts grafisches Werk vollständig verstehen wollen, sind diese Buchillustrationen ein oft übergangener Einstiegspunkt. Die Linie von der Gründerzeit-Grafik der 1890er zum Secession-Plakat von 1898 ist kurz.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen einer Klimt-Lithografie und einem Klimt-Druck?
Eine echte Klimt-Lithografie entstand, wenn Klimt selbst auf den Lithografiestein arbeitete oder die Vorlage für den Steindruck direkt schuf, wie beim Secession-Plakat von 1898 oder den Ver-Sacrum-Beiträgen. Was als „Klimt-Druck" gehandelt wird, sind meist Kollotypien aus den posthumen Portfolios Das Werk Gustav Klimts und Fünfundzwanzig Handzeichnungen. Kollotypien sind fotomechanische Reproduktionen, hochwertig, aber kein Handabzug. Der Unterschied ist relevant für den Sammlerwert und für das Verständnis des Werks.
Was war die Wiener Secession?
Die Wiener Secession war eine 1897 gegründete Künstlervereinigung, die sich von der konservativen Wiener Künstlergenossenschaft abspaltete. Klimt war Mitbegründer. Die Secession baute ein eigenes Ausstellungsgebäude in Wien, gründete das Magazin Ver Sacrum und wurde zum Zentrum des Jugendstils in Österreich. Das Plakat zur ersten Ausstellung, eine Farblithografie Klimts, wurde von der Staatsanwaltschaft wegen des nackten Theseus beschlagnahmt und überarbeitet.
Kann man Originaldrucke von Gustav Klimt kaufen?
Originale Klimt-Lithografien aus den Jahren 1898 bis 1903 kommen gelegentlich über Auktionshäuser auf den Markt, zu entsprechenden Preisen. Die posthumen Portfolios (Das Werk, Fünfundzwanzig Handzeichnungen) sind häufiger und zugänglicher, aber als Kollotypien keine Handdrucke.
Was ist Kollotypie?
Kollotypie ist ein fotomechanisches Druckverfahren, das sich für Sammler vor allem in zwei Merkmalen zeigt: Unter der Lupe fehlt der Plattenton und die Prägespur, die bei Kupferstich oder Radierung vorhanden wären. Das Tonwertspektrum ist sehr fein, aber der Ursprung ist fotografisch. Im Auktionshandel werden vollständige Kollotypie-Portfolios wie Das Werk Gustav Klimts als historische Dokumente bewertet, nicht als Handdrucke im klassischen Sinne. Das erklärt den Preisunterschied zu originalen Lithografien aus Klimts Hand.
Wo befindet sich Der Kuss von Klimt?
Der Kuss, 1908 begonnen und 1909 vollendet, hängt in der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien. Das Gemälde ist Nationaleigentum und steht nicht zum Verkauf. Das Medium ist komplexer als oft angegeben: Klimt verwendete neben Öl und Blattgold auch Silber und Platin auf Leinwand. Was man im Handel findet, sind Poster-Reproduktionen oder Faksimile-Drucke, keine Originale.
Quellen und weiterführende Literatur
- Österreichische Galerie Belvedere, Sammlungsdatenbank: Der Kuss (Liebespaar), 1908/09
- Leopold Museum Wien, Online-Sammlung: Gustav Klimt
- Encyclopaedia Britannica, Gustav Klimt (Biografie und Werkübersicht)
- Wikipedia, Gustav Klimt (Biografie, Werkverzeichnis, Quellenapparat)
- Encyclopaedia Britannica, Collotype (Verfahrenserklärung)
- Ludwig Hevesi, Acht Jahre Sezession, Wien 1906 (Sammelband zeitgenössischer Klimt-Kommentare)
- Alice Strobl, Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Bde. I–IV, Galerie Welz Salzburg 1980–1989
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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