Passepartout oder ohne: Entscheidung nach Werktyp

Ein frischer Tiefdruck liegt auf dem Tisch. Die Entscheidung, passepartout oder ohne, klingt nach Geschmack. Sie ist keine. Schweres, handgeschöpftes Papier mit ausgefranstem Rand, genau so, wie er aus dem Schöpfsieb kommt. Links unten die Editionsnummer, rechts die Bleistiftsignatur. Um das Motiv herum eine flache Prägespur: der Abdruck der Kupferplatte, Echtheitszeichen des Blattes.

Beides, Rand und Plattenrand, gehört zum Werk. Beides würde ein klassisches Passepartout-Fenster abdecken. Die Antwort hängt am Werktyp.

Was passiert, wenn ein Passepartout den Plattenrand abdeckt?

Rachel Duckhouses Court I (b) ist eine Radierung: spiegelsymmetrische, mandalaähnliche Geometrie, feine Linien, kleines Format. Was auf dem Papier kaum auffällt, ist für das Werk entscheidend: Um das gedruckte Motiv herum läuft eine leichte Erhöhung im Papier, dort wo die Kupferplatte beim Druck ins Material gepresst wurde. Das ist der Plattenrand.

Die historische Präsentationskonvention einer Radierung folgt dieser Eigenschaft direkt. Man wählt Papier, das größer ist als die Druckplatte, sodass der Plattenrand als natürliche Begrenzung des Motivs sichtbar bleibt, während das unbedruckte Papier drumherum als organisches Passepartout wirkt. Dieser Weißraum ist Konvention, gewachsen aus dem Werk selbst.

Wird ein Passepartout-Fenster zu eng auf dieses Blatt geschnitten, verschwindet der Plattenrand unter dem Karton. Bei Plattenrändern, Büttenrand oder wichtigen Blattkanten hält das American Institute for Conservation Float Mounting für erwägenswert.

Ein großzügig geschnittenes Passepartout-Fenster kann das Problem umgehen. Wer den Plattenrand vollständig zeigen will und den lebendigen Rand des Papiers nicht unter Karton verbergen möchte, braucht eine andere Lösung. Wie hält das Glas Abstand zum Papier, wenn kein Passepartout vorhanden ist?

Wie hängt ein Blatt im Rahmen, wenn das Passepartout fehlt?

Float Mounting ist die Antwort. Wer das zum ersten Mal sieht, denkt: Das Bild liegt einfach frei im Rahmen. So ist es.

Technisch bedeutet Float Mounting, dass das Blatt nicht hinter einem ausgeschnittenen Passepartout-Fenster sitzt, sondern auf einem Hintergrundkarton aufliegt, alle vier Blattkanten vollständig sichtbar. Das Blatt schwimmt buchstäblich im Rahmen, daher der Name. Ein Bild ohne Passepartout einrahmen geht auf diese Weise archivtauglich und reversibel.

Befestigt wird es nur oben, mit Scharnieren aus Maulbeerpapier (Kozo) und Weizenstärkepaste. Das Papier kann sich so bei Feuchtigkeitsschwankungen frei ausdehnen und zusammenziehen, ohne Wellen zu schlagen. Die Conservation Center for Art & Historic Artifacts (CCAHA) spezifiziert für diese Scharniere: V-förmige Verbindungen aus Kozo-Papier mit Weizenstärkepaste, als Faustregel 12,7 cm voneinander entfernt, vollständig hinter dem Werk verborgen.

Die Library of Congress benennt als zugelassene Kozo-Sorten: Mulberry (schwer), Kizukishi (mittel), Tosa tengujo und Kozogami tsuru (leicht). Die Wahl richtet sich nach dem Gewicht des Blatts.

Auch ohne Passepartout bleibt das Glas auf Abstand. Das übernehmen Distanzleisten aus säurefreiem Material, die ringsum im Rahmen eingefügt werden. Lichtschutz braucht das Blatt unabhängig davon, ob ein Passepartout vorhanden ist. Welche Verglasung für Druckgrafik sinnvoll ist, hängt vom Format und vom Aufhängeort ab.

Float Mounting funktioniert nicht für jedes Blatt. Stark gewelltes Papier, etwa ein Aquarell, das ohne Vorspannen gemalt wurde, lässt sich nicht flach genug halten. Bei Tiefdrucken auf schwerem Druckpapier ist das selten ein Problem: das Papier ist durch den Pressdruck bereits geglättet.

Welcher Werktyp braucht welche Rahmung?

Vier Werktypen, vier unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Die Zuordnung folgt dem, was das Blatt zeigt.

Tiefdruck mit sichtbarem Plattenrand (Radierung, Kaltnadel, Aquatinta): Float Mounting ist die konservatorisch sauberste Option, wenn der Plattenrand und der lebendige Blattrand vollständig sichtbar bleiben sollen. Alternativ kann ein Passepartout-Fenster verwendet werden, muss aber großzügig genug geschnitten sein, um den Plattenrand nicht zu verdecken. Das American Institute for Conservation sieht Float Mounting bei diesen Werktypen als sinnvolle Option.

Bei Intaglio-Drucken vor der Mitte des 19. Jahrhunderts liegt der Plattenrand besonders eng am Motiv. Kupferplatten waren teuer und wurden so klein wie möglich gehalten. Bei historischen Blättern schärft das die Entscheidung: Ein Passepartout-Fenster muss sehr präzise sitzen oder Float Mounting ist die bessere Wahl.

Für Holzschnitte und Linolschnitte gilt das Gegenteil. Hochdruckverfahren hinterlassen keinen Plattenrand: das Motiv endet am Papier oder mit einem scharfen Druckrand, nicht mit einer eingeprägten Plattenspur. Ein klassisches Passepartout ist hier fast immer die richtige Wahl, es gibt dem Werk Luft, schützt das Papier und nimmt nichts weg, was das Blatt hat. Rod Nelsons Wild Horses II ist ein Holzschnitt aus kräftigen Wellenformen und viel Weißraum. Der Rand ist gerade, das Motiv endet sauber. Ein Passepartout-Fenster deckt hier nichts ab, was zum Blatt gehört.

Siebdruck ist kein Hochdruck, sondern Durchdruck: Farbe wird durch ein Sieb gedrückt, keine Platte drückt sich ins Papier. Auch Siebdrucke haben keinen Plattenrand. Dasselbe gilt für die Lithografie, bei der die Zeichnung direkt auf den Stein aufgetragen wird, ohne gravierte Platte. Bei allen drei Verfahren ist das klassische Passepartout die übliche und sinnvolle Rahmung.

Drucke auf handgeschöpftem Papier mit lebendigem Rand stehen vor einer eigenen Frage. Der ausgefranste, unregelmäßige Rand entsteht, weil die Fasern im Schöpfsieb nicht abgeschnitten, sondern natürlich ausgelaufen sind. Er ist Teil der Herstellung, kein Zufall des Papiermachens. Ein Passepartout-Fenster verdeckt ihn. Float Mounting ist hier ästhetisch wie technisch die konsequentere Option. Was handgeschöpftes Papier ausmacht und warum der Rand kein Druckfehler ist, erklärt die Seite über Büttenpapier genauer.

Fotografien und digitale Drucke haben weder Plattenrand noch ausgefransten Blattrand, nichts das durch ein Passepartout-Fenster beeinträchtigt würde. Das klassische Passepartout ist hier fast immer richtig, es gibt der Komposition Abstand und dem Betrachter Orientierung.

Was ändert sich, wenn das Passepartout Teil des Werks wird?

Im Juli 1899 zeigte die Goupil Gallery in London ein Ensemble, das nach aktuellem Kenntnisstand das einzige vollständig erhaltene in seinen originalen Farbrahmen ist. Théodore Roussel, ein französisch-britischer Radierer, hatte für seine Farbdrucke eigens Passepartout-Muster entworfen und gedruckt. Das vollständige Ensemble von Summer (1890-1900) sitzt heute im Victoria and Albert Museum London, Inventarnummer E.1471-1991, auf dem sogenannten "Shell Pattern Mount No. 168", einem mehrfarbig gedruckten Passepartout das Roussel selbst entworfen hatte.

Roussel dokumentierte, dass eine Farbharmonie manchmal bis zu vierundzwanzig oder noch mehr Druckgänge erforderte. Vierundzwanzig Druckgänge für ein einziges Ensemble aus Druck und Passepartout. Das geht nicht aus Versehen.

Die älteste bekannte Parallele stammt aus dem 18. Jahrhundert. Pierre-Jean Mariette (1694-1774), Pariser Kunsthändler und Sammler, montierte rund 9.000 Zeichnungen auf einem charakteristischen indigoblauen Passepartout mit weißem Band, Goldband und Kartuschenfeld für den Künstlernamen. Dass die Farbe nach über 250 Jahren noch sichtbar ist, liegt am Material: Mikrochemische Tests an historischen Mounts bestätigen Indigo als Hauptfarbstoff, der sich als stabiler erwies als alternative blaue Farbstoffe der Zeit.

Bei Mariette war das Passepartout mehr als Schutz. Wer eine Zeichnung mit diesem indigoblauen Passepartout sah, wusste sofort, aus welcher Sammlung sie stammte.

Entscheidung: Was ist jetzt richtig für diesen Druck?

Der Druck liegt noch auf dem Tisch. Handgeschöpftes Papier, ausgefranster Rand, Plattenrand um das Motiv. Beides ist da, beides gehört zum Blatt.

Für dieses Blatt: kein klassisches Passepartout-Fenster. Der lebendige Rand und der Plattenrand würden darunter verschwinden. Das Blatt hängt mit Kozo-Scharnieren oben, Distanzleisten aus säurefreiem Material halten das Glas auf Abstand, UV-Schutzglas und säurefreier Hintergrundkarton komplettieren die Rahmung.

An der Wand daneben hängt ein anderes Blatt. Ein Holzschnitt, kein Plattenrand, gerades Papier. Für dieses Blatt ist das Passepartout die richtige Wahl.

Die Entscheidung, passepartout oder ohne, ist werktyp-bedingt. Wer das Passepartout weglassen möchte, braucht Float Mounting, Distanzleisten und die richtige Verglasung. Wer es beibehalten möchte, braucht säurefreien Karton und ein Fenster, das den Plattenrand nicht verdeckt. Beides ist korrekt, solange es zum Blatt passt. Mehr über Aufbewahrung und Langzeitschutz von Druckgrafik steht unter Druckgrafik pflegen.

FAQ

Was ist Float Mounting?

Float Mounting ist eine Rahmungstechnik, bei der das Blatt auf einem Hintergrundkarton aufliegt, ohne dass ein Passepartout-Fenster die Blattkanten verdeckt. Das Papier hängt an Scharnieren aus Maulbeerpapier oben im Rahmen und kann sich bei Feuchtigkeitsschwankungen frei bewegen. Alle vier Kanten des Blatts bleiben sichtbar. Die Technik wird besonders bei Tiefdrucken mit Plattenrand und bei Drucken auf handgeschöpftem Papier eingesetzt.

Wann sollte ich auf das Passepartout verzichten?

Wenn das Blatt einen Plattenrand hat (Radierung, Kaltnadel, Aquatinta) oder auf handgeschöpftem Papier mit lebendigem Rand gedruckt ist. In beiden Fällen würde ein klassisches Passepartout-Fenster wesentliche Merkmale des Werks abdecken. Bei Holzschnitten, Linolschnitten, Siebdrucken und Fotografien ohne drucktechnische Randmerkmale ist das klassische Passepartout fast immer die richtige Wahl.

Wie hält das Glas Abstand zum Papier, wenn kein Passepartout vorhanden ist?

Über Distanzleisten aus säurefreiem Material, die ringsum im Rahmen eingefügt werden. Sie übernehmen die Abstandsfunktion des Passepartouts. Glas, das direkt auf Papier aufliegt, kann bei Feuchtigkeitsschwankungen festkleben und das Werk beschädigen. Das gilt unabhängig davon, ob ein Passepartout verwendet wird oder nicht.

Eignet sich Float Mounting für jedes Blatt?

Nicht für stark gewelltes Papier. Wenn ein Blatt stark gewellt ist, liegt es nicht flach genug, um sauber im Rahmen zu schweben. Tiefdrucke auf schwerem Druckpapier sind durch den Pressdruck bereits geglättet und eignen sich in der Regel gut für Float Mounting. Bei stark gewellten Aquarellen auf dünnem Papier kann es zu Problemen kommen.

Kann ich ein Passepartout nachträglich austauschen?

Ja, sofern das Blatt reversibel befestigt wurde. Konservatorisch korrekte Kozo-Papier-Scharniere mit Weizenstärkepaste lassen sich mit Wasser wieder lösen, ohne das Blatt zu beschädigen. Wer ein Blatt mit Klebstoff oder Klebeband befestigt hat, muss einen Restaurator hinzuziehen. Das ist ein weiterer Grund, von Anfang an archivtaugliche Materialien zu wählen.

Warum liegt der Plattenrand bei alten Radierungen so nah am Motiv?

Weil Kupferplatten vor der Mitte des 19. Jahrhunderts teuer waren und daher so klein wie möglich geschnitten wurden. Der Plattenrand liegt bei älteren Blättern deshalb sehr nah am Motiv. Bei historischen Intaglio-Drucken ist die Entscheidung zwischen engem Passepartout-Fenster und Float Mounting entsprechend wichtiger: Ein schlecht geschnittenes Fenster verdeckt bei diesen Blättern schneller das Wesentliche.

Was empfiehlt das American Institute for Conservation?

Das AIC Book and Paper Group hält Float Mounting für erwägenswert, wenn Plattenrand, Büttenrand, Blindprägestempel oder Signaturen bis an den Blattrand reichen. Der Hinweis richtet sich an Konservatoren und lässt sich als Orientierung für jeden lesen, der einen Originaldruck rahmt: Wenn der Rand des Blatts etwas bedeutet, sollte er sichtbar bleiben.

Quellen und weiterführende Literatur

  • American Institute for Conservation, Book and Paper Group, Matting and Framing Guidelines
  • Conservation Center for Art & Historic Artifacts (CCAHA), Matting and Framing Specifications for Objects on Paper
  • Library of Congress, Preservation Directorate, Matting and Hinging Art on Paper
  • Fine Art Trade Guild (FATG), Float Mounting Art on Heavy Paper (PUB047, 2019)
  • Morgan Library & Museum, Mariette and the Connoisseur in Eighteenth-Century Europe

Zuletzt aktualisiert am 25.05.2026.

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Weiterführend: Bilderrahmen und Passepartout erklärt, welche Passepartout-Qualitäten für Originalwerke taugen. Druckgrafik rahmen gibt einen Überblick über Rahmentypen für Druckgrafik. Wer unsicher ist, ob ein Werk besser gerahmt oder ungerahmt hängt, findet Orientierung unter Gerahmt oder ungerahmt.