Blindprägung

Blindprägung presst ein Relief ins Papier, ohne einen einzigen Tropfen Farbe zu benutzen. Ein Stempel oder eine Druckplatte drückt die Papierfasern unter hohem Druck in eine neue Form, sichtbar wird das Ergebnis erst im Streiflicht. Die Technik reicht von jahrhundertealten Ledereinbänden bis zu Auktionsergebnissen im fünfstelligen Bereich, für ein Blatt ganz ohne Pigment.

Das Blatt hängt an der Wand und wirkt auf den ersten Blick fast leer. Helles Papier, eine schmale Fläche ohne einen einzigen Farbton. Kein Rahmen lenkt ab, kein Passepartout, nur das Blatt selbst gegen die weiße Wand. Wer frontal davor steht, registriert kaum mehr. Vielleicht bleibt der Blick eine Sekunde hängen, dann wandert er weiter.

Tritt man einen Schritt zur Seite, ändert sich alles. Das Licht kippt über eine Kante im Papier, die eben noch unsichtbar war. Ein Schatten erscheint, wo vorher keiner war, eine Linie, eine Fläche, eine Form. Bewegt man sich weiter, verschiebt sich der Schatten mit.

Gedruckt wurde hier nichts. Auf dem Papier liegt kein Pigment. Etwas wurde mit so viel Kraft hineingepresst, dass die Fasern selbst die neue Form angenommen haben.

Was siehst du, wenn nichts gedruckt wurde?

Das Blatt von der Wand ist Michelle Hinshelwoods "Meditations on Choice", 38 × 29 cm groß, in einer Auflage von acht Exemplaren gedruckt. Zwei Verfahren liegen hier übereinander: zuerst die geätzte Kupferplatte, die das eigentliche Motiv trägt, dann eine zweite Schicht, ganz ohne Farbe. Die Galerie führt das Werk als Intaglio mit Blindprägung. Bei der Kaltnadelradierung würde eine Nadel direkt in blankes Metall ritzen. Hier presst die zweite Schicht das feuchte Papier gegen eine Form, ohne die Kupferplatte selbst weiter zu bearbeiten.

Intaglio mit Blindprägung: Meditations on Choice von Michelle Hinshelwood, menschliche Figur hinter Geäst, geprägte Blattmotive im weißen Papierrand
Michelle Hinshelwood, Meditations on Choice, Intaglio mit Blindprägung. Die geprägten Blattmotive im weißen Rand werden erst im Streiflicht sichtbar.

Was dabei entsteht, ist reines Relief: keine Linie aus Farbe, sondern eine Erhebung im Papier, die nur im Streiflicht als Schatten sichtbar wird. Der Fachbegriff dafür ist Blindprägung, auch Gaufrage oder Gaufrierung genannt. Aber selbst Fachleute sind sich nicht einig, in welche Familie der Drucktechniken sie eigentlich gehört.

Diese Auswahl zeigt Intaglio-Editionen von Michelle Hinshelwood, darunter "Meditations on Choice" als einziges Werk im gesamten Sortiment mit dokumentierter Blindprägung. Für die übrigen Arbeiten ist keine Prägung dokumentiert.

Ist Blindprägung Hochdruck, Tiefdruck oder keins von beidem?

Die Galerie van der Koelen ordnet Günther Ueckers Prägedrucke als Hochdruckverfahren ein, in derselben Familie wie Holzschnitt: Die Form entsteht durch Druck von oben, nicht durch eine geätzte Vertiefung. Das deutsche Wikipedia-Lemma "Prägedruck" sieht das anders und beschreibt das Verfahren als Variante der Radierung, also als Ableger des Tiefdrucks: "Der Präge- oder auch Reliefdruck ist eine Variante der Radierung". Bei der Radierung hinterlässt die Metallplatte unter hohem Pressdruck ohnehin eine sichtbare Prägung im Papierrand, den Plattenrand, auch Platemark genannt. Auch der Kupferstich trägt diesen Rand, denn auch dort läuft eine Metallplatte durch die Presse. Der Unterschied: Beim Plattenrand ist die Prägung ein Nebenprodukt. Bei der Blindprägung ist sie das ganze Bild. Wie so ein Plattenrand aussieht, zeigt Rachel Duckhouses Radierung "Couple II": Die Fläche der Druckplatte setzt sich als geprägte Kante vom weißen Blattrand ab.

Radierung Couple II von Rachel Duckhouse mit sichtbarem Plattenrand: zwei Quader mit feiner Schraffur, die Plattenfläche setzt sich vom weißen Blattrand ab
Rachel Duckhouse, Couple II, Radierung. Die Plattenfläche setzt sich als Plattenrand vom weißen Blattrand ab.

Das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes, das die Künstlerischen Drucktechniken schützt, zählt vier Familien und deren Mischformen. Nachvollziehbar: Die Technik druckt kein Bild, sie formt eines. Damit passt sie weder ganz zur einen noch ganz zur anderen Logik.

Wenn sich die Technik der Hoch-Tief-Logik so beharrlich entzieht, stellt sich die nächste Frage von selbst: Seit wann gibt es sie überhaupt?

Wo fängt die Geschichte der Blindprägung an?

Schon aus der Spätantike sind blindbedruckte koptische Bucheinbände bekannt. In Europa trat der Blinddruck erstmals um 700 nach Christus auf und blieb bis in die Renaissance die bestimmende Art des Einbandschmuckes. Für diesen Blinddruck erhitzt der Buchbinder seine Werkzeuge auf 80 bis 90 Grad und presst sie von Hand in das angefeuchtete Leder. Ab dem 13. Jahrhundert kommen in den Niederlanden erstmals ganze Prägeplatten zum Einsatz, mit denen sich größere Flächen in einem Arbeitsschritt bearbeiten lassen.

Zwei Buchdeckel aus gestempeltem Leder mit geometrischem Sternmuster, 14. Jahrhundert, Metropolitan Museum of Art
Buchdeckel, gestempeltes Leder, 14. Jahrhundert. The Metropolitan Museum of Art. Public Domain.

Den Namen für diese Bewegung im Material liefert das Französische: "gaufre" heißt Waffel, "gaufrier" das Waffeleisen, das Muster in Teig presst statt in Papier oder Leder. Daher der zweite Name der Technik: Gaufrage.

Über tausend Jahre bleibt diese Bewegung im Material vor allem eine anonyme Handwerkstechnik, ein Detail am Buchdeckel. Auf der anderen Seite der Welt läuft zur gleichen Zeit ein Verfahren mit einem eigenen Namen.

Was ist Karazuri, das "leere Drucken" aus Japan?

Im japanischen Farbholzschnitt heißt die Blindprägung Karazuri, wörtlich "leeres Drucken": Der geschnittene Holzblock wird ohne jedes Pigment gegen das Papier gedrückt. Das Papier wird vorher angefeuchtet, dann reibt der Drucker es mit dem Baren, dem flachen Reibewerkzeug, über den unbedruckten Block, so wie sonst über einen eingefärbten.

Kitagawa Utamaro setzt Karazuri ein, um Stoffmuster auf Gewändern als kaum sichtbares, aber fühlbares Relief ins Papier zu heben. Ein datiertes Beispiel liefert Utagawa Kunisada (1786–1865): Auf seinem Blatt "Bando Hikosaburo as Naosuke" aus der Serie "Tokaido Yotsuya Kaidan", um 1863 entstanden, strukturiert die Karazuri-Prägung die Haartracht der stehenden Figur. Neben dieser flachen Variante existiert Kimedashi, auch Kimekomi genannt: Statt das Papier gegen eine erhabene Fläche zu pressen, wird es in eine aus dem Block ausgehobene Vertiefung gedrückt, sodass das Motiv als konvexes Relief herausgedrückt erscheint statt als Einprägung.

Diese Tradition bleibt jahrhundertelang Handwerk und Dekor auf Kleidung und Frisur. Zum eigenständigen Bild, das nur aus Prägung besteht, wird sie erst im 20. Jahrhundert, in mehreren Ateliers.

Wann wurde aus dem Handwerk ein Kunstwerk?

Zwischen 1959 und 1961, während seines Aufenthalts in Mexiko-Stadt, entwickelt der kolumbianische Künstler Omar Rayo seine "inkless intaglios": farblose Tiefdrucke auf schwerem 300-Pfund-Arches-Papier, die Alltagsgegenstände wie Haken, Scheren, Knöpfe und Krawatten in tiefem Relief zeigen. Das Museum of Modern Art führt Rayos farblose Tiefdrucke bis heute in der Sammlung, darunter das vierzehnteilige Portfolio "Etc." von 1967.

1971, London: Robert Adams presst "Whiteprint", ein blind geprägtes Blatt von 184 × 322 Millimetern. Tate kaufte das Werk 1986 an, Inventarnummer P77151. Der Prägestock selbst liegt heute im Tate-Archiv unter der Signatur TGA 8421/3/13, ein mit Metall beschichteter Hartfaser-Block.

1976, New York: Roy Lichtenstein kombiniert in "Entablature V" Siebdruck, Lithografie und einen eigenen Präge-Matrizensatz in einem einzigen Blatt, gedruckt bei Tyler Graphics. Die Prägung liegt hier nicht isoliert, sondern als eine von mehreren Schichten in einem Verfahren, das gleich drei Techniken übereinanderlegt.

Günther Uecker kam von der anderen Seite. Bekannt wurde er mit seinen Nagelreliefs: Nägel, in Spiralen und Rastern in weiße Holzplatten und Leinwände geschlagen, deren Schatten mit dem Lichteinfall wandern. Mitte der 1980er Jahre übersetzte er dieses Prinzip ins Papier. Was auf der Leinwand ein Schatten war, wurde im Bütten eine bleibende Form: Ein Druckstock aus Nagelformen presst sich unter bis zu 1.800 Kilogramm in das angefeuchtete Papier. Gedruckt hat diese Blätter Heini Schneider in St. Gallen, im organisatorischen Rahmen der Galeristin Dr. Dorothea van der Koelen. Das früheste namentlich dokumentierte Werk dieser Reihe ist "Reihung" (1987), 46 × 33 cm, Auflage 90. Fast dreißig Jahre später, im Hafez-Zyklus "Huldigung an Hafez" von 2015, sind 5 von 42 Werken wieder Prägedrucke aus Schneiders Werkstatt.

Vier Künstler kommen zwischen 1959 und der Mitte der 1980er Jahre, an vier verschiedenen Orten, Mexiko-Stadt, London, New York und St. Gallen, auf dieselbe Technik, die in Europa jahrhundertelang den Buchbindern gehörte. Ohne Signatur wird der Blindstempel selbst zum Echtheitsbeleg.

Wie erkennst du einen echten Blindstempel?

Ein Blindstempel, auch Chop-Mark genannt, ist ein farbloser Stempel, der in die Ecke oder den Rand eines Blattes geprägt wird und Herkunft belegt. Vier Quellen kommen dafür infrage: der Künstler selbst, die Druckwerkstatt, der Papierhersteller oder eine Institution wie ein Museum oder eine Sammlung. Weil der Stempel die Papierfasern selbst verformt statt Farbe auf sie zu legen, lässt er sich nicht abwischen oder überdrucken, ohne das Blatt sichtbar zu beschädigen. Das macht ihn zu einem der verlässlichsten Wege, Originalgrafik zu erkennen, gerade wenn eine Signatur fehlt oder verblasst ist. Wie farbloses Relief am Blattrand aussieht, zeigt der untere Rand von "Meditations on Choice": geprägte Blattmotive im weißen Papier, direkt neben Auflagennummer und Signatur.

Detail des unteren Blattrands von Meditations on Choice: Auflagennummer 7/8, Titelzeile und Signatur, daneben geprägte Blattmotive im weißen Papier
Michelle Hinshelwood, Meditations on Choice (Detail). Geprägte Blattmotive im Rand, neben Auflage und Signatur.

Ganz frei von Missbrauch ist die Technik trotzdem nicht: Tate weist ausdrücklich darauf hin, dass Embossing gelegentlich genutzt wird, um bei Lithografien oder Siebdrucken einen falschen Plattenrand vorzutäuschen, also den Eindruck eines Tiefdrucks zu erzeugen, wo keiner vorliegt. Ein echter Blindstempel und ein vorgetäuschter Plattenrand sehen sich ähnlich. Ihre Funktion ist entgegengesetzt: Der eine belegt Herkunft, der andere verschleiert das Fehlen einer Technik.

Wenn Echtheit so schwer zu fälschen ist, hat sich das je im Preis gezeigt? Ein Kölner Auktionshaus hat genau das im Dezember 2021 beantwortet.

Was ist ein Prägedruck heute wert?

Ueckers zwölf Prägedrucke unter dem Titel "Graphein" entstehen 2002: Auflage 120 plus 10 hors commerce, gedruckt auf Eskulan-Bütten. Am 1. Dezember 2021 kommt eines dieser Blätter beim Kölner Auktionshaus Van Ham unter den Hammer, Auktion 475, Los 293. Der Schätzpreis liegt bei 30.000 Euro. Der Zuschlag fällt bei 66.938 Euro, mehr als das Doppelte.

Dieselbe Handbewegung, dieselbe Idee: ein Blatt ohne Farbe, das jahrhundertelang nur den Deckel eines Buches schmückte. Was keine dieser Zahlen einfängt, ist der Moment selbst: der Schritt zur Seite, das kippende Licht, der Schatten, der aus dem Nichts kommt. Ob ein Foto das je transportiert, oder ob es dafür wirklich das Original an der Wand braucht, lässt sich von hier aus nicht beantworten.

FAQ

Ist Blindprägung dasselbe wie Gaufrage?

Ja. Blindprägung, Gaufrage und Gaufrierung bezeichnen dasselbe Verfahren: eine plastische Verformung des Papiers ohne Farbauftrag. "Gaufrage" kommt aus dem Französischen und wird im deutschsprachigen Kunstkontext häufig verwendet, "Blindprägung" ist der technische Fachbegriff.

Ist eine Blindprägung Hochdruck oder Tiefdruck?

Weder eindeutig noch entscheidend: Die Fachwelt ist uneins, die einen ordnen die Blindprägung dem Hochdruck zu, andere sehen sie als Variante des Tiefdrucks. Erkennbar ist eine echte Blindprägung trotzdem: am Relief im Streiflicht, ganz ohne Farbauftrag.

Woran erkenne ich eine echte Blindprägung?

Halte das Blatt seitlich ins Licht. Echte Blindprägung wirft einen Schatten, weil die Papierfasern selbst verformt sind, nicht nur bedruckt. Ein Blindstempel in der Ecke lässt sich zusätzlich nicht wegwischen oder abschaben, ohne das Papier zu beschädigen.

Was kostet ein Werk mit Blindprägung bei Studio Sonsu?

Im Sortiment gibt es genau ein Werk mit dokumentierter Blindprägung: Michelle Hinshelwoods "Meditations on Choice". Die Werke im Sortiment beginnen bei 30 Euro, die genaue Preisangabe zu diesem Blatt steht in der Werkübersicht.

Muss eine Blindprägung gerahmt werden?

Nein, aber die Rahmung verdient besondere Aufmerksamkeit. Weil das Relief seitliches Licht braucht, um sichtbar zu bleiben, lohnt sich vor der Montage ein Blick auf Passepartout oder ohne Passepartout: Blindprägestempel und Ränder bis zum Blattrand verändern, welche Rahmungsart sinnvoll ist.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Staatsbibliothek zu Berlin, Glossar der Einbandforschung (Blinddruck und Einbandverzierung)
  • Tate, London, Kunstbegriff "Embossed" und Sammlungsdokumentation zu Robert Adams, "Whiteprint" (1971, Archivbestand)
  • Museum of Modern Art, New York, Sammlungseintrag Omar Rayo, Portfolio "Etc." (1967)
  • Dorothea und Martin van der Koelen, Opus Liber. Werkverzeichnis Günther Uecker (Mainz, 2007)
  • Chester Beatty Library, Dublin, Konservierungsabteilung, Beiträge zu japanischen Surimono-Drucktechniken (2017)

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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