Paula Modersohn-Becker
Paula Modersohn-Becker (1876–1907) gilt als erste bekannte Frau, die sich selbst nackt malte. Sie hinterließ über 750 Gemälde, mehr als tausend Zeichnungen und ein Museum in Bremen trägt bis heute ihren Namen. Ihr Werk wurde mit 31 Jahren abgebrochen.
Worpswede, 20. November 1907. Sie steht zum ersten Mal seit achtzehn Tagen auf. Am 2. November hatte sie ihre Tochter Mathilde zur Welt gebracht. Sie nimmt das Kind auf den Arm, macht ein paar Schritte. Dann bricht sie zusammen. Ihr letztes Wort ist "Schade."
Neun Jahre vor diesem letzten Wort, nach einem Ball in Worpswede, sitzt sie über einer kleinen Skizze und notiert in ihr Tagebuch: "Ich wünschte, ich könnte radieren. Das wäre fein dazu." Das ist der 29. November 1898, rund ein Dreivierteljahr vor ihrer ersten Radierung. Was daraus wurde, kennt fast niemand.
Wer war die Frau, die mit einunddreißig starb?
Paula Modersohn-Becker war eine Malerin der Worpsweder Künstlerkolonie. Geboren wird sie am 8. Februar 1876 in Dresden. Mit zweiundzwanzig kommt sie 1898 nach Worpswede, in die Künstlerkolonie auf dem Moor nördlich von Bremen. Die Kolonie existiert seit 1889: eine Gruppe von Malern, die es müde sind, Stadtlandschaften und akademische Salonmotive zu produzieren, und die stattdessen Birken und Bauern und torfiges Licht malen wollen. Paula findet dort Otto Modersohn, den sie 1901 heiratet, und sie findet Paris.
Ihr Selbstbildnis am sechsten Hochzeitstag (1906) gilt als eines der ersten Akt-Selbstporträts einer Malerin überhaupt.
Paris besucht sie mehrfach, zum ersten Mal 1900. Was sie dort sieht, verändert ihre Malerei grundlegend: Cézannes Kompositionen und Gauguins Farbrohheit. Sie bringt diese Einflüsse in die Moorlandschaft zurück und macht etwas, das in der deutschen Kunstwelt um 1900 kaum vorstellbar ist: Sie malt Schwangere, stillende Mütter, Greise. Sie malt sie frontal, ohne pittoreske Verschönerung, ohne das Genre-Sentiment ihrer Zeitgenossen. Und sie malt sich selbst nackt.
Das Akt-Selbstporträt, das sie 1906 malt, ist das wohl radikalste Bild ihres Werks. Sie zeigt sich mit gewölbtem, schwangerem Leib, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt nicht schwanger ist: eine vorgestellte Schwangerschaft, als Subjekt des eigenen Blicks. Die Pose erklärt nichts, verteidigt nichts. Eine Frau schaut auf sich selbst, mit derselben Unverwandtheit, mit der Courbet Felsen angeschaut hatte.
Die Biografie, die alle Lexika erzählen, endet mit dieser Liste: über 750 Gemälde, ca. 1.000 Zeichnungen, Tod mit 31. Was dieser Bilanz fehlt, ist das dritte Glied.
Was geschah in Heinrich Vogelers Haus?
Der Barkenhoff ist Heinrich Vogelers Haus in Worpswede. Ein Jugendstil-Bau mit Garten, Werkstatt und allem, was eine Künstlerexistenz im Jahr 1899 braucht. Vogeler ist Jugendstil-Maler und Radierer, und im Barkenhoff steht eine Handpresse. Im Wohngebäude, im Dorf, fern jeder Akademie-Werkstatt.
Im Sommer 1899 beginnt Paula, unter Vogelers Anleitung, an dieser Presse zu arbeiten. Es ist die Einlösung dessen, was sie nach jenem Ball im November 1898 notiert hatte: der Wunsch, radieren zu können, jetzt konkret, an einer Platte, mit einer Nadel.
Die Radierung ist ein Tiefdruckverfahren: Man zeichnet mit einer Nadel in einen wächsernen Ätzgrund auf einer Metallplatte, legt die Platte dann ins Säurebad, das die freigelegten Stellen in die Tiefe frisst. Zum Drucken wird Druckfarbe in die geätzten Rillen eingerieben und von der glatten Plattenoberfläche wieder abgewischt, dann wird ein angefeuchtetes Papier mit hohem Druck auf die Platte gepresst. Was auf dem Papier erscheint, ist das gespiegelte Negativ der Zeichnung.
Für jemanden, der gewohnt ist, mit Pinsel und Farbe direkt ins Bild zu gehen, ist das ein merkwürdiges Versprechen: Du siehst das Ergebnis erst, wenn du es nicht mehr ändern kannst. Das Medium zwingt zur Entscheidung vor dem Bild, nicht während. Paula, die in der Malerei direkte Farbsetzung und kompositorische Freiheit sucht, stößt hier auf einen Widerstand, der etwas anderes aus ihr herausholt.
Was auf der Handpresse entstand, blieb überschaubar. Überschaubarer, als bei einer Künstlerin dieser Energie zu erwarten wäre.
Warum nur dreizehn Blätter?
Dreizehn. Das ist ihr gesamtes überliefertes druckgrafisches Werk. Zum Vergleich: Käthe Kollwitz, für die das Drucken ein Lebensthema war, schuf 275 Druckgrafiken. Rembrandt, für den die Radierung ein Kerngeschäft war, hinterließ rund 300 Radierungen. Bei ihr sind es dreizehn, entstanden in wenigen Jahren neben der Malerei. Das ist kein Lebenswerk im Druckbereich. Das ist ein Labor.
Was innerhalb dieser dreizehn Blätter passiert, ist auffällig: Paula erprobte auf kleinstem Raum vier verschiedene Tiefdruck-Techniken. Die klassische Strichätzung, bei der die Nadel in den Ätzgrund graviert und das Säurebad die Linie übernimmt. Die Aquatinta, die keine Linien, sondern Flächen ätzt und dadurch malerische Tonwerte erzeugt, ähnlich einer Tuschezeichnung. Die Kaltnadel, bei der die Nadel direkt ohne Ätzbad in die Metallplatte geritzt wird, wodurch ein feiner Grat entsteht, der samtig druckt. Und das Roulette, ein gezähntes Rad, das Strukturen in die Platte rollt. Vier Werkzeuge, dreizehn Blätter.
Die Gänsemagd (Radierung mit Aquatinta, um 1899, ca. 25 × 20 cm) zeigt eine Bäuerin mit Gans am Ziehbrunnen, reduziert auf wenige Konturen und eine aquatintierte Fläche. Die Malereilogik ist erkennbar: breite Formen, keine Binnenzeichnung, das Motiv hält aus der Entfernung.
Die Sitzende Alte (Aquatinta-Radierung, um 1900, 19 × 14,5 cm) zeigt eine alte Frau in einer Haltung, die man aus den Gemälden kennt: frontal, würdevoll, ohne pittoreske Sentimentalität.
Das früheste datierte Blatt ist das Schweizerhaus von 1899, eine Aquatinta in Dunkelgrün auf Bütten. Kein Interieur, keine Bäuerin, sondern ein Gebäude: Haus, Baum, Licht. Das Motiv könnte in Vogelers Barkenhoff entstanden sein, in der Sommer-Werkstatt, früh im Verhältnis zur Druckerfahrung, und die Reduktion ist bereits konsequent.
Der Sitzende Mädchenakt gehört zu den wenigen gesicherten Kaltnadel-Blättern im Konvolut: direkt in Braun in das Metall geritzt, um 1900, auf Bütten. Das Kaltnadel-Verfahren erzeugt durch den aufgeworfenen Metallgrat eine charakteristische Samtwirkung, die Aquatinta und Strichätzung auf andere Weise nicht erreichen.
Dass das Arbeiten mit Nadel und Ätzgrund ihr nicht leichtfiel, ist belegt. Das Medium erzwang eine Disziplin, die das Malen mit Farbe nicht verlangt: jede Linie ist eine Festlegung, kein Pinselzug, den man mit einem weiteren korrigieren kann; worin sich Druckgrafik und Malerei grundsätzlich unterscheiden. Der Widerstand des Mediums ist dokumentiert. Ob er die Seltenheit der Blätter erklärt oder deren Qualität herausfordert, lässt sich nicht trennen.
Das ifa, das Institut für Auslandsbeziehungen, hat die grafischen Arbeiten von Paula Modersohn-Becker und den Worpsweder Künstlern in einer Tournee-Ausstellung mit 90 Werken und 80 Stationen rund um die Welt geschickt. Nach dem Urteil der Ausstellungskuratoren übertrafen die Druckgrafiken und Zeichnungen die Gemälde häufig in formaler Radikalität. Das hat sie selbst nie gehört.
Was geschah mit den Platten, nachdem sie tot war?
Die Kupferplatten überdauern sie. Als Paula Modersohn-Becker am 20. November 1907 stirbt, bleiben ihre Druckplatten erhalten: weder eingeschmolzen noch weggeworfen, und auch ein Verkauf ist nicht dokumentiert.
Das erste Druckereignis nach ihrem Tod ist die Mappe Die Schaffenden. In der ersten Mappe des ersten Jahrgangs, erschienen postum, rund ein Jahrzehnt nach ihrem Tod (1. Jahrgang, herausgegeben von Paul Westheim, Verlag Gustav Kiepenheuer, Weimar), veröffentlicht Westheim die Sitzende Alte als Blatt 4. Die Auflage beträgt 100 Exemplare auf Velin, dazu 25 auf Japan außerhalb der Edition.
Die Gänsemagd folgt. In den frühen 1920er Jahren druckt die Worpsweder Künstlerpresse dieses Blatt im Auftrag von Otto Modersohn, Paulas Witwer. Die Platte existiert. Der Auftrag kommt vom Ehemann, nicht von einem Verleger. Über das Einverständnis der Verstorbenen wissen wir nichts.
Am spätesten gedruckt wird das früheste Blatt: Das Schweizerhaus von 1899 erscheint erst 1971 für den Nachlass in einer Auflage von fünfzig Exemplaren. Mehr als siebzig Jahre nach ihrer Entstehung.
Nicht alle Platten überstanden das zwanzigste Jahrhundert. Die Frau mit der Gans, Radierung und Aquatinta von 1902, ist als Werk erhalten, die Kupferplatte nicht. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg in der Berliner Werkstatt des Druckers Otto Felsing zerstört. Das Bild überlebt, weil die Abzüge existieren. Die Platte ist weg.
Warum trägt ein Museum ihren Namen und zeigt das Wenigste, das sie sich gewünscht hat?
Am 2. Juni 1927 öffnet in Bremen ein Museum, das ihren Namen trägt: das Paula-Modersohn-Becker-Museum. Es ist eines der ersten Museen weltweit, das einer Malerin gewidmet wurde. Gestiftet vom Kaffeehändler und Mäzen Ludwig Roselius, gebaut vom Bildhauer Bernhard Hoetger. Zwanzig Jahre nach ihrem Tod.
Das Museum zeigt vor allem die Gemälde. Die Blätter auf Kupfer stehen nicht im Mittelpunkt. Das hat mit Rezeptionslogik zu tun: Man feiert, was man kennt. Und was man kennt, sind die Selbstbildnisse, die Mutterfiguren, die Worpsweder Moorlandschaften. Die dreizehn Kupferplatten-Blätter waren, als das Museum öffnete, kaum öffentlich gezeigt worden, kaum diskutiert.
Heute zählen ihre Werke zu den bedeutendsten Arbeiten des frühen Expressionismus. Die grafischen Blätter zeigen dabei konzentrierte formale Reduktion statt expressionistischer Aufladung oder psychischer Deformation.
Das Sitzende Kind liegt im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin. Der ifa-Tournee-Ausstellungskatalog von 1997, herausgegeben von Wulf Herzogenrath, Ursula Zeller und Katharina Erling, behandelt die Zeichnungen und grafischen Blätter systematisch. Auf deutschen Websites kaum ein Niederschlag davon.
Zwischen dem Wunsch von 1898 und dem letzten Wort von 1907 liegen die dreizehn Blätter. Sie wollte radieren. Sie hat es getan. Ein Drucker und ein Witwer haben dafür gesorgt, dass die Abzüge auch nach ihr existieren. Das hatte sie nicht bestellt. Oder vielleicht doch: Sie hat die Platten nicht vernichtet. Das ist eine Aussage, auch wenn wir nicht wissen, was sie damit meinte.
FAQ
Wer war Paula Modersohn-Becker?
Paula Modersohn-Becker (1876–1907) war eine Malerin der Worpsweder Künstlerkolonie und eine der prägenden Figuren der frühen deutschen Moderne. Sie malte Selbstporträts, Bäuerinnen, Schwangere und Mütter in einem eigenständigen Stil, der Cézannes Bildbau mit expressiver Frontalität verband. Als erste bekannte Frau malte sie sich selbst nackt. Sie starb mit 31 Jahren, 18 Tage nach der Geburt ihrer Tochter.
Wie viele Werke hat Paula Modersohn-Becker hinterlassen?
Über 750 Gemälde, 13 grafische Blätter und Zeichnungen in großer Zahl in etwa vierzehn Jahren künstlerischer Tätigkeit. Das Werkverzeichnis der Gemälde ist bei Hirmer erschienen (Busch/Werner, München, 1998). Das Werkverzeichnis der Handzeichnungen folgte 2023 (Röver-Kann/Werner, Hirmer); es katalogisiert 1.328 Blätter, deutlich mehr als die lange tradierte Rundzahl von etwa tausend. Ein eigenständiges Werkverzeichnis erschien 1978 im Worpsweder Verlag unter dem Titel Die Radierungen (Aus Worpswede 3).
Was sind Paula Modersohn-Beckers bekannteste Werke?
Die bekanntesten Gemälde sind die Akt-Selbstbildnisse, besonders das von 1906, sowie die großen Mutterfiguren und die Porträts alter Frauen und Kinder. Im grafischen Werk sind Gänsemagd und Sitzende Alte die am besten dokumentierten der dreizehn Radierungen; das Sitzende Kind liegt im Berliner Kupferstichkabinett.
Wo sind Werke von Paula Modersohn-Becker zu sehen?
Das Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, eröffnet am 2. Juni 1927, ist das Haupthaus für ihr Werk und eines der ersten Museen weltweit, das einer Malerin gewidmet wurde. Das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt das Sitzende Kind. Das ifa schickte eine Tournee-Ausstellung mit 90 Werken (Zeichnungen und grafische Blätter) durch 80 Stationen weltweit.
Warum kennt man von Paula Modersohn-Becker vor allem die Gemälde?
Die 13 bekannten Blätter sind ihr gesamtes überliefertes grafisches Werk, keine Auswahl aus einem größeren Bestand. Paula Modersohn-Becker begann 1899 zu radieren und arbeitete das Verfahren nicht zu einem Schwerpunkt aus. Das Medium stellte andere Anforderungen als die Malerei: jede Linie ist eine Festlegung vor dem Ergebnis. Die Rezeption feierte die Malerin. Die Blätter wurden erst posthum systematisch aufgelegt und ausgestellt.
Gibt es ein Werkverzeichnis von Paula Modersohn-Becker?
Ja. Das Werkverzeichnis der Gemälde erschien 1998 bei Hirmer (Busch/Werner). Die Handzeichnungen sind seit 2023 vollständig dokumentiert (Röver-Kann/Werner, Hirmer, 1.328 Blätter). Die Radierungen wurden bereits 1978 im Worpsweder Verlag zusammengestellt (Die Radierungen, Aus Worpswede 3), mit 13 Blättern, die das gesamte überlieferte grafische Werk umfassen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Paula-Modersohn-Becker-Stiftung und Museen Böttcherstraße, Bremen.
- Wolfgang Werner: Paula Modersohn-Becker. Die Radierungen (Aus Worpswede 3). Worpsweder Verlag, Lilienthal 1978.
- Günter Busch, Wolfgang Werner (Hrsg.): Paula Modersohn-Becker. Werkverzeichnis der Gemälde. Hirmer, München 1998.
- Anne Röver-Kann, Wolfgang Werner (Hrsg.): Paula Modersohn-Becker. Werkverzeichnis der Handzeichnungen. Hirmer, München 2023.
- Wulf Herzogenrath, Ursula Zeller, Katharina Erling (Hrsg.): Paula Modersohn-Becker und die Worpsweder. Zeichnungen und Druckgrafik 1895–1906. Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart 1997.
Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 04.06.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Originaldruckgrafik entsteht bis heute in kleinen Auflagen, mit denselben Verfahren, die Paula Modersohn-Becker auf der Handpresse erprobte. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern, ausgewählt, nicht eingekauft.
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